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Working Out Loud in der Lehrer:innen-Ausbildung

Working Out Loud in der Lehrer:innen-Ausbildung
Von Tim Kantereit • Ausgabe #6 • Im Browser ansehen

Working Out Loud ist eine von John Stepper entwickelte Selbstlern-Methode und Mentalität. Mit WOL wird eine Lernform bezeichnet, bei der es darum geht, mit anderen in einem sog. Circle von 4-6 Personen ein individuelles Ziel zu verfolgen. Der Circle ist in dem 12-wöchigen Durchgang die Konstante. Es sind die Personen, an die man sich vertrauensvoll wenden kann. Aber es geht auch darum, das persönliche Lernnetzwerk (PLN) zu vergrößern und dort Unterstützung zur Erreichung des eigenen Ziels zu finden.
Rahmen und Ablauf von WOL sind in dieser Sketchnote von Sabina Lammert gut zusammengefasst.
Hier sind die 12 Wochen und die jeweiligen Zielsetzungen der Wochen gekennzeichnet. Im Netz gibt es dazu passend den Circle Guide. Ein Handbuch mit Übungen, um den Circles zu ermöglichen, die 12Wochen eigenständig durchzuarbeiten. Der Circle Guide wird laufend überarbeitet. Googelt man nach „Working Out Loud Circle Guide Woche x“ findet man schnell die PDF Version zum freien Download. Die neue Version ist ein virtuelles Buch, dass neue frei verfügbar bar ist, wenn man sich einem offiziellen WOL Circle anschließt.
Wie setze ich WOL in der Ausbildung von Lehrer:innen um?
Um mit dem 12-wöchigen Programm zu starten, braucht man zunächst folgendes:
  1. Den WOL Circle Guide besorgen und den Referendar:innen zur Verfügung stellen.
  2. Einteilung der Circles in 4-6 Personen. Ich habe dazu eine kurze Abfrage gemacht, wer mit wem in einen Circle möchte und an welchem curricularem Schwerpunkt man in etwa arbeiten will. Die Schwerpunkte richten sich nach dem Ausbildungscurriculum.
  3. Ein Tabellendokument, um Organisatorisches (Kontaktdaten, Treffzeiten etc. festzuhalten).
  4. Eine kurze Einführungspräsentation in WOL (z.B. die obige Sketchnote + Video)
Working Out Loud (WOL)
Working Out Loud (WOL)
5. Und nun kann es losgehen. Starte am besten mit Woche 0 (hier)
6. Nach vier und acht Wochen gibt es ein Meilenstein-Meeting mit allen Circles. In diesem Treffen stellen die Referendar:innen sich gegenseitig ihre bisherigen Ergebnisse vor und geben sich gegenseitig Feedback. Den Prozess will ich durch die Methode “Weise Gruppen” umsetzen. Zuvor reichen die Referendar:innen die Ergebnisse auch über die Lernplattform ein und geben sich darüber ebenfalls ein schriftliches Feedback.
7. Nach zwölf Wochen gibt es ein erneutes gemeinsames Treffen. Dort werden nun die Ergebnisse der Lernreise vorgestellt und geteilt. Hier wird ebenfalls Platz für ein abschließendes Feedback und Fazit sein.
Warum setze ich WOL in der Ausbildung ein?
In einem zeitgemäßen Bildungsverständnis ist Lernen für mich agil, selbstgesteuert und kollaborativ, d.h…
  • in Wahl der Methodik und der Medien selbstbestimmt.
  • in einem festgelegten Zeitraum wird an einem Thema gearbeitet.
  • durch Working out loud, kann man zu jedem Arbeitsschritt Feedback bekommen, das neue Ideen aufbringt oder andere festigt.
  • diese Rückmeldung ermöglicht Lernschleifen.
  • die Arbeitsschritte sind dadurch nie fix, sondern können bei Bedarf geändert werden.
  • das Endprodukt ist nur vage definiert, lässt also Spielraum für eigene Ideen zur Gestaltung.
  • eine breite Öffentlichkeit hat Zugriff auf die Ideen und Arbeitsschritte und kann meinen Lernweg von Beginn bis Ende mitverfolgen.
  • auch nach Ablauf der Zeit, ist das Produkt nicht in Stein gemeißelt und kann überarbeitet werden (Kantereit 2019).
Ähnliche Forderungen kommen auch aus anderen Richtungen (z. B. Lernkompass 2030Hagener Manifest 2020). Um schulisches Lernen in diesem Verständnis zu transformieren, ist es wichtig, dass auch Lehrer:innen in Ausbildung agile Methoden anwenden, selbstgesteuert und kollaborativ arbeiten können. In der AG Bildung in der digitalisierten Welt des Landesinstituts für Schule haben wir die Bildung der Autonomie des Menschen als Ziel und Salutogenese als Fundament für die Ausbildung festgelegt. Um das zu ermöglichen, müssen unter anderem Hierarchien abgebaut werden. Die Seminarleitungen legen Wert auf Mitbestimmung der Referendar:innen und auf Kommunikation auf Augenhöhe (vgl. Kantereit 2021). Mit WOL in der Ausbildung kann es gelingen, Lernnetzwerke aufzubauen und somit die Kompetenz des lebenslangen Lernes als bedeutsame Fähigkeit zu erwerben. Lernprozesse werden ebenso wirksamer, da sie am Wissenstand und den Vorerfahrungen der Referendar:innen anknüpfen. Weiter werden soziale Fähigkeiten aufgebaut.
Eine mögliche Kritik an WOL soll vorgebracht werden. Wie bei allen Methoden, wird es Menschen geben, die mit WOL nicht zurecht kommen. Einem WOL Circle sollte man sich freiwillig anschließen. Das ist, wenn es als fester Bestandteil integriert wird, in der Ausbildung nicht möglich. Es wird verpflichtend. Die Gefahr besteht, dass sich die Referendar:innen zurückziehen und den Freiraum nutzen, um sich mit anderem als ihrer Ausbildung zu beschäftigen. Auf der anderen Seite könnte die Rolle der Ausbilder:innen falsch interpretiert werden, ihnen Faulheit und Desinteresse vorgeworfen werden. Die Rolle der Ausbilder:innen ist nicht mehr die der Wissensvermittlung. Sie werden zu Servant Leaders, also zu dienenden Führungskräften. In diesem Sinne versuchen Sie die Referendar:innen jegliche Unterstützung zukommen zu lassen, die sie brauchen. Gleichzeitig stecken Sie jedoch Grenzen ab, legen Ziele fest und werden letztlich die Referendar:innen beurteilen.
Ob WOL, so wie ich es nun durchführe, eine Chance in der Ausbildung hat, soll eine Abschlussevaluation zeigen. Eventuell wäre es sinnvoll, WOL fächerübergreifend einzusetzen. Denkbar wäre auch die verkürzte und auf den Bildungsbereich bezogene Variante School Out Loud (Aktualisierung 6.3.2022: Projekt liegt derzeit auf Eis) zu nutzen. Oder vielleicht ließe es sich auch mit der Hausarbeit und dem Kolloquium koppeln. Ich denke jedoch, um es mit den Worten R. Buckminster Fuller zu halten, dass es nicht darum gehen sollte, Bestehendes zu ersetzen oder zu erweitern, sondern etwas neues zu schaffen oder andere Wege zu gehen, die das Alte überflüssig machen.
Eine Rückmeldung einer Referendar:in
Ich gehe mit harten gemischten Gefühlen aus der WOL Aufgabe. Es ist eine schwierige, hoch selbstreflektive Aufgabe für die ich gefühlt nicht bereit war. Also das Problem an sich ist eine gute Idee, …. aber die tiefe der Bearbeitung und die Selbstorganisation war sehr hoch. Ein Problem stellte sich für mich schon ganz am Anfang: Es ging mir alles zu schnell. Ich wurde in einen Circle mit Menschen geworfen, die gar nicht wussten was sie wollen oder kein Problem parat hatten bzw. nicht wussten welches Problem den Lohnenswert ist. Ich bin der festen Überzeugung das jeder ein lohnenswertes Problem hat, welches gelöst werden soll. Ich bin aber auch der Überzeugung das man selbstständig sagen muss…. ich habe ein Problem, das erkenne ich und ich möchte es lösen. Und auch auf diese Art und Weise. Ich würde mir das nächste Mal wünschen, dass man mich fragt. Bezüglich Schule ist das natürlich ein hochinteressanter Aspekt, denn wir verlangen viel von unseren Schülern und sie müssen es machen. Interessanter Selbstreflektionsaspekt.
Der Brief von meinem zukünftigen Ich fand ich klasse und die immer wieder guten Alternativen, wenn sich bestimmte Gefühle einstellen sind toll. Das Konzept ist supertoll und wahnsinnig wertvoll. Aber ich habe mich immer wieder dabei ertappt, keine Lust zu haben und mich selber zu blockieren. Gegen Ende war ich immer mehr überfordert, weil ich mich gerade auch in einem Tunnel befinde und jede extra Reflektion kostet enorme Kraft. (…) Und weiterhin, die Fragen sind toll, ich bin total begeistert, aber mir fehlte die Kraft mich total darauf einzulassen.
Literatur
  • Arn, Christof (2021): Agilität als Raum für Mitsteuerung der Lernenden. In: Kantereit, Tim, Arn, Christof, Bayer, Heinz, Mackevett, Douglas und Lévesque, Veronika (2021): Agilität und Bildung. Visual Ink Publishing, Karlsruhe
‎Lauschcafé: 22 - Working Out Loud - Ein Konzept für eine neue Lehrer:innenausbildung?! auf Apple Podcasts
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Tim Kantereit

Ideen, Gedanken und Geschichten rund um ein Referendariat ohne Noten

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