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Wie Referendar:innen Ungrading lernen - Lerndialog statt Noten

Wie Referendar:innen Ungrading lernen - Lerndialog statt Noten
Von Tim Kantereit • Ausgabe #8 • Im Browser ansehen
Wenn Referendar:innen zukünftig von mir dazu angehalten werden, über ihre Lernprozesse zu reflektieren und schriftlich in Portfolios Lernergebnisse festzuhalten und dies eventuell in naher Zukunft die Note ablöst (Ideal), dann werden natürlich auch Fragen kommen, wie denn Schüler:innen notenfreie Rückmeldung bekommen können. Ich möchte diese Perspektive gerne aufzeigen.

Ein Erfahrungsbericht: Notengebung im Dialog
Ich habe in meinen 11 Jahren als Lehrkraft schon eine Menge mit verschiedenen Möglichkeiten zur Bewertung der Mitarbeit - also der nicht-schriftlichen Leistungen - experimentiert. Ich habe probiert nach jeder Stunde mit +, o, - bei jeder Schüler:in einzutragen oder direkt Noten zu geben. Ich habe mit Kompetenzrastern gearbeitet - auch zur Selbsteinschätzung. Super war auch das in meiner Examensarbeit entwickelte Punktekonto. Weiter habe ich mit Lernverträgen gearbeitet.
Wichtig war mir immer, dass die Bewertung so gut wie möglich von den Schüler:innen nachvollzogen werden konnte. Mich hat immer gestört, dass mir meine Lehrkräfte bei der Besprechung der Note nicht gut vermitteln konnten, wie ihre Bewertung zustande gekommen ist. Das habe ich später - im Referendariat - erneut erlebt. Schüler:innen, die ihre Bewertung nicht nachvollziehen konnten und die sich unberechtigt behandelt gefühlt haben. Mit den oben erwähnten Methoden habe ich’s versucht, mein Problem anzugehen.
Ich glaube, weshalb ich mit diesen Instrumenten recht unzufrieden war, liegt einfach daran, dass ich den Kern der Problematik noch nicht erkannt hatte - Vielleicht irre ich mich auch jetzt?!
Ich habe bei allen angewandten Instrumenten übersehen, dass ich immer die Entscheidung darüber wie bewertet wird, alleine getroffen habe. Schüler:innen müssen nicht wissen, was die Kriterien sind, sie müssen die Entscheidung darüber, wie und wonach sie bewertet selbst treffen. In die Entscheidungsfindung eingebunden werden.
Mein aktueller Ansatz in einer Einführungsphase (10/11 Klasse) ist also der, dass die Schüler:innen zunächst eigenständig Kriterien der Bewertung definieren. Im zweiten Schritt anhand ihrer Kriterien sich selbst einschätzen. Diese Einschätzung wird mit mir besprechen und wir entwickeln eine Note daraus.
Ich will kurz zeigen, wie genau das ablief: Zunächst sollten die SuS Kriterien definieren. Dazu habe ich sie eingeladen, folgende Frage zu beantworten:
Was ist in Bezug auf die Mitarbeit und das Lernen im Matheunterricht wichtig? Was ist DIR wichtig? Schreibe 8 Dinge auf.
Mit 1-2-4-alle (1 Minute allein, zwei Minuten zu zweit, 4 Minuten zu viert) wurden Kriterien gefunden (Ja, ich habe sie nicht vorgegeben. Sie wurden exakt so von den Lernenden genannt):
  1. Quantität der Meldungen
  2. Qualität der Beiträge
  3. Positives Verhalten
  4. Pünktlichkeit
  5. Vorhandensein des Materials
  6. Zuhören und nicht Stören
  7. Hilfsbereitschaft
  8. Teamfähiges Arbeiten
  9. Hausaufgaben
  10. Nützliche Fragen stellen
  11. Eigene Meinung vertreten
Diese Items habe ich in Mentimeter eingetragen und die Schüler:innen haben sie jeweils für sich in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht, sortiert nach dem wichtigsten (auf Platz 1). Folgende Reihenfolge ist entstanden:
Nun wurde bei der Abfrage noch entschieden ob die ersten 5 oder 8 oder alle Kriterien als Bewertungskriterien herangezogen werden sollten. Die Schüler:innen entschieden sich für die ersten 8.
Jede Schüler:in gab nun ihre Selbsteinschätzung anhand der Kriterien auf einer Skala von 0 - 100 ab (100 „ich bin perfekt darin“, 0 „das kann ich überhaupt nicht“). Bei mehr von mehr als 33 Punkten, mussten die Schüler:innen eine Begründung schreiben oder per Video oder Audio aufnehmen. Eingereicht wurden die Einschätzungen und Begründungen über das LMS.
Hilfestellung:
Im Bereich… sehe ich mich bei… Punkten, weil…
Insgesamt ergibt sich daher für mich eine … Leistung mit der Note…
Schüler:in 1
Schüler:in 1
Schüler:in 2
Schüler:in 2
Schüler:in 3
Schüler:in 3
Schüler:in 4
Schüler:in 4
Auf der Grundlage der Selbsteinschätzung konnte ich in ein asynchrones Gespräch über die Note gehen. Das heißt, ich habe ihre Einschätzungen und Begründungen gelesen und mit meinen Beobachtungen (die sehr oft übereinstimmten) abgeglichen. Ich konnte dadurch über das LMS einen Notenvorschlag abgeben. Über die Antwortfunktion war ein asynchrones Gespräch möglich, im Falle von Unklarheiten.
Die Abgabe der Selbsteinschätzungen erfolgte problemlos. Etwa die Hälfte reichte ihre Einschätzung sofort ein. Ein großer Teil auf nochmalige Einladung und etwa ⅛ reichte nichts ein. Die Notenvorschläge wurden ohne nennenswerte Nachfragen akzeptiert.
Bisherige Rückmeldung, die ich über FeedbackSchule gesammelt habe: 15 von 18 Schüler:innen, die abgestimmt hatten, empfanden die Leistungsbeurteilung fair. Die übrigen drei stimmten der Aussage teilweise zu. Alle 18 teilnehmenden Schüler:innen stimmten der Aussage, ich würde hilfreiches Feedback zu den Leistungen geben voll oder teilweise zu.
Jetzt mag man sagen, dass dieses Vorgehen keine neuen Kriterien in der Bewertung ergeben hat. Es sind sogar ziemlich klassische Bewertungskriterien. Ich denke, dass die Schüler:innen merken werden, dass sie nicht unbedingt zur Form des bisherigen Unterrichts passen und dass sie beim nächsten Mal die Reihenfolge der Kriterien ändern oder komplett neue Kriterien erfinden werden. Auch könnte man mir Beliebigkeit bei der Notenvergabe vorwerfen. Ich würde entgegnen, dass die Schüler:innen ein viel besseren Einblick in die Komplexität der Notenvergabe bekommen und beginnen realistische Einschätzung ihres Leistungsniveaus vorzunehmen, was nach Hattie mit einer Effektstärke von d=1,44 sogar die stärkste Einflussgröße auf das Lernen überhaupt ist. Darüber hinaus wird die Motivation (d=0,48) gefördert, da das Erleben von Autonomie und Mitbestimmung einen hohen Einfluss auf intrinsische Motivation hat.
Ein alternatives Vorgehen mit Fragebogen
Die Schüler:innen werden alle drei Monate über einen Online-Fragebogen mit folgenden Fragen befragt. Im Anschluss daran lässt sich ein kurzes Gespräch anschließen. Statt also Noten zusammenzurechnen nutzt man die Zeit die Antworten der Schüler:innen zu lesen und kann im Anschluss eine viel bessere Rückmeldung geben und in einen wertschätzenden Dialog, anstelle einer Top-Down-Bewertung kommen.
  1. Was hast du bisher im Unterricht gelernt und worüber freust du dich am meisten?
  2. Auf welche Schwierigkeiten bist du gestoßen?
  3. Füge einen Link zu einer deiner besten Arbeit zum Thema ein. (An dieser Stelle kann auch auf ein Portfolio verwiesen werden)
  4. Schreibe kurz über dein Lernen. Beantworte einige oder alle der folgenden Fragen. Hast du alle kreativen Aufgaben erledigt, regelmäßig Hausaufgaben gemacht, die Filme gesehen, im Buch gelesen? Wenn nicht, hast du eine Idee, wie du das Versäumte nachholen kannst? Hast du in Teamaufgaben deine Mitschüler:innen um Hilfe gebeten? Hast du in den Lehrervorträgen aufmerksam aufgepasst?
  5. Welche Note würdest du dir selbst für die erste Hälfte des Unterrichts geben?
  6. Warum? (Du wirst so etwas am Ende des Schuljahres noch einmal machen. Obwohl ich es vorziehe, jedem die Noten zu geben, die er sich selbst gibt, behalte ich mir das Recht vor, die Noten nach Bedarf zu ändern.)
  7. Wenn du immer noch Zweifel haben, wo du im Unterricht stehst, lass es mich wissen. Stell hier Fragen zu deinem Lernen oder lass mich wissen, wenn du ein bestimmtes Feedback wünscht. (Natürlich kannst du mir solche Dinge auch jederzeit per DM auf itslearning schicken).
  8. Hast du noch andere Gedanken oder Überlegungen zum Unterricht, die du mitteilen möchtest?
Du hast eigene Ideen für ein noten- und bewertungsfreies Referendariat? Dann schreib mir gerne! Ich freue mich, mit dir unsere Gedanken auszutauschen.
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Tim Kantereit

Ideen, Gedanken und Geschichten rund um ein Referendariat ohne Noten

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Tim Kantereit, Zur Imhorst 4, 27321 Emtinghausen