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Warum es eine (neue) agile Seminardidaktik geben muss

Warum es eine (neue) agile Seminardidaktik geben muss
Von Tim Kantereit • Ausgabe #3 • Im Browser ansehen

Photo by Flipsnack / Unsplash
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Die Auswirkungen der digitalen Transformation sind zu spüren. Kinder müssen auf die VUCA Welt vorbereitet werden (Bieler 2019).
V - Volatility: Flüchtigkeit
U - Uncertainty: Unsicherheit
C - Complexity: Komplexität
A - Ambiguity: Mehrdeutigkeit
Didaktik als Kunst des Lehrens und Lernens muss auf diese Veränderung reagieren. Wir brauchen keine Lehrer:innen mehr, die ein Wissensmonopol einfordern. Wissen ist für jede:n jederzeit an jedem Ort abrufbar. Schüler:innen können ein besseres Detailwissen besitzen als Lehrkräfte. Der Lehrer:innen müssen sich als Teil ihrer Klasse sehen und ebenfalls lernen, lernen sich auf unterschiedliche Vorrausetzungen der Schüler:innen einzulassen, lernen sie in ihren Fragen zu unterstützen und sich darauf einzulassen, lernen sich regelmäßig auszutauschen, zu vernetzten und zu reflektieren.
Lehrer:innen benötigen also Agilität, es braucht eine agile Didaktik (Arn 2017). Inhalte sind permanent verfügbar, es bedarf daher einer Kultur des Lernen wollens. Der Kompass für Agilität (Wynands u.a. 2019, Dubbel u.a. 2019) liefert Möglichkeiten authentisches Lernen zu ermöglichen. Wenn Schüler:innen lernen sollen zusammenzuarbeiten, Eigenverantwortung zu übernehmen, sich selbst zu organisieren und sich gegenseitig Feedback zu geben, sowie sich zu reflektieren, dann müssen das vor allem die Lehrkräfte tun.
Quelle: Dubbel u.a. 2019
Quelle: Dubbel u.a. 2019
Diese müssen daher in der Ausbildung nicht lernen, wie man das System erhält und Unterricht nach bestimmten Mustern strickt, ihnen muss vor Allem Vertrauen entgegengebracht werden, sie brauchen verlässliche Partner:innen für die Zusammenarbeit, die nicht im Wettbewerb stehen. Statt Bewertung bedarf es Feedback und Reflektion. Fehler sind zulässig und nützlich im Lernprozess und jeder kann sich in Lernschleifen stetig verbessern.
So ließen sich die 10 Merkmale guten Unterrichts unter der Bedingung der Digitalität erreichen (Bieler 2019):
  1. offene Strukturen: Fächerübergreifend, offene Lernräume, jahrgangsübergreifend, Projektarbeiten
  2. Lernzeit: Lernende geben die benötigte Zeit vor, nicht die Inhalte und Strukturen, Lernschleifen sind möglich und willkommen
  3. Lernklima: Lehrende haben kein Wissensmonopol, sie begreifen sich selbst als Lernende und unterstützen. Sie bauen echte Beziehung zu den Lernenden auf, schaffen ein Klima der Wertschätzung, Vertrauen und Zutrauen sind essentiell
  4. inhaltliche Klarheit: Schaffen Klarheit im Lernprozess durch Übersichten (Kanaban, To-Listen, Checklisten, Advance Organizer etc.). Lehrkräfte behalten den Überblick
  5. Kommunikation: Reflexion, Zusammenarbeit, Diskussionen, Präsentationen, Netzwerke schaffen, Working out Loud, etc.
  6. Methodenvielfalt: Zur Selbstorganisation und selbstständigem Lernen brauchen SuS ein Methodenangebot und Kriterien zur Auswahl.
  7. Individualisierung: Orientierung nicht an einem Muster-Schüler, sondern an den individuellen Bedürfnissen der Lernenden.
  8. Training: Wissen muss angewendet werden. Lernen durch Lehren, Lernen aus und durch Präsentationen, Peer-Tutoring
  9. Formative Leistungsbeurteilung: Keine Noten, Rückmeldung zu Lernprozessen und nicht zum Ergebnis, Reflektion durch ePortfolios, Kollaborative Leistungserbringung z.B. durch Wiki, Padlet, Keynotes, eBooks etc.
  10. Lernräume: Diese müssen der Bedingung des ortsunabhängige Lernens und der Kollaboration und Projektarbeit dienlich sein. Einzelplätze für individuelles Lernen mit Computern sollte es geben. Genauso sind aber auch Gruppentische oder Stehtische für Beratungsgespräche oder kurze Absprachen sinnvoll. Der Lernraum ist auf jeden Fall nicht mehr ausschließlich für frontalen Unterricht herzurichten, sondern muss vielfältige Arbeitsmöglichkeiten zulassen.
Wie können der Kompass und die 10 Merkmale zur Seminarplanung eingesetzt werden?
  1. Es braucht ein Lernziel! Eines das nach Möglichkeit ergebnisoffen ist und vielfältige Wege zum erreichen ermöglicht. Es soll ausserdem klären, warum es überhaupt wichtig ist, dieses zu erreichen (Merkmal 4: inhaltliche Klarheit)
  2. Vertrauen ist die Basis, nicht Kontrolle. Hier greift auch Merkmal 3: Lernklima
  3. Zusammenarbeit statt Wettbewerb! Im Seminar werde ich daher immer wieder auf kollaborative Phasen setzen. Merkmal 5: Kommunikation
  4. Iteration, also das ermöglichen von Lernschleifen bei gleichzeitiger Sichtbarmachung des Lernerfolgs will ich in Zukunft ermöglichen. (Merkmal 2: Lernzeit und Merkmal 9: formative Leistungsbeurteilung) Das Lernen sichtbar machen kann im Seminar zum Beispiel durch den Einsatz von ePortfolios, digitale Pinnwände, Homepages oder eBooks oder oder oder ermöglicht werden. Die kollaborative Erstellung eines Dokuments bringt auch das gewünschte Training (Merkmal 8) mit sich. Wissen wird nicht nur kennengelernt, sondern kreativ verarbeitet. Eventuell bietet sich auch an, das die Referendar:innen in OpenSpaces oder BarCamps mitwirken. So kann auch Merkmal 7: Individualisierung ermöglicht werden, da sie an eigenen Herausforderungen arbeiten können.
  5. Feedback in allen Formen und auf allen Ebenen (Zierer, Hattie 2016) soll Berücksichtigung finden. Dabei kann die Rückmeldung dank der Iteration auch direkt zu einem verbesserten Ergebnis führen. Es ist daher eine formative Bewertung der summativen vorzuziehen. Dies wird jedoch angesichts der aktuellen Prüfungsordnung sehr schwer. Dafür gestalte ich die Nachbesprechungen der Stunden Kompetenz- und stärkenorientiert. Reflexionen können außerdem an vielen Stellen im Seminar Zugang erhalten. So kann z.B. die Teamarbeit in Retrospektiven reflektiert werden oder die eingesetzten Methoden an sich.
Für Referendar:innen sollte klar sein, warum Sie etwas bestimmtes im Seminar lernen sollen. In Bremen gibt es die Curricula der Ausbildung aus denen Lerninhalte kompetenzorientiert hervorgehen. Damit sind diese Kompetenzen meist schon wirkungsorientiert, mindestens aber könnensorientiert (vgl. Arn 2017) und damit leicht zu einem „Ziel, das zieht“ umzuformulieren. 
Aus: Lehrer:innen nutzen produktiv fachdidaktische Konzepte der Gestaltung von Mathematikunterricht für ihre Unterrichtsarbeit und reflektieren und bewerten sie vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen.
Wird z.B.: Lehrer:innen nutzen didaktische Konzepte für die Planung Ihres Unterrichts und bringen diese weiteren Lehramtsanwärter:innen an ihren Schulen zb als Mentor nahe.
Letztere Zusatzformulierung macht die wirkungsorientierung deutlich. Dieses Ziel ist absolut relevant, aber gleichzeitig offen, da bewusst darauf verzichtet wird, präskriptiv vorzugeben, welche Konzepte genau gelernt werden müssen. Eines oder zwei oder sogar fünf, das ist den Teilnehmenden des Seminars überlassen. Auch über die methodische Aneignung ist hier bewusst nichts gesagt, auch diese ist bei agiler Didaktik nicht präskriptiv.
Hier soll den Teilnehmenden Vertrauen entgegengebracht werden, inwiefern sie sich selbst organisieren. Man muss sich bewusst machen, dass die Ergebnisse offen sind und dass dies gewollt ist, um der Vielfalt der TN zu begegnen und diese zuzulassen, als Quelle auch nutzbar zu machen.
Literatur
CC BY SA 4.0
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Tim Kantereit

Ideen, Gedanken und Geschichten rund um ein Referendariat ohne Noten

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Tim Kantereit, Zur Imhorst 4, 27321 Emtinghausen