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OKR in der Lehrer:innenausbildung

OKR in der Lehrer:innenausbildung
Von Tim Kantereit • Ausgabe #10 • Im Browser ansehen

Jason Goodman / Unsplash
Jason Goodman / Unsplash
Ein 2-monatiger Sprint mit OKR
Im Sommer 2021 probierte ich mit Working out loud von John Stepper ein Peer-Learning-Format mit meinen Referendar:innen aus. Sie legten sich eigene Ziele fest und versuchten über einen Zeitraum von 12 Wochen an diesen zu arbeiten und ein Lernprodukt zu erstellen. Sie trafen sich jede Woche in Lernzirkeln für ca. eine Stunde, um durch verschiedene Übungen von- und miteinander zu lernen. Die Idee dahinter war, dass sie sich eigene Ziele setzen und Zeit haben sich intensiv mit diesen zu beschäftigen und so Mastery Learning zu erreichen. Durch Mitbestimmung und Selbstorganisation sollte intrinische Motivation aufgebaut werden. 
Das Vorgehen wurde mit gemischten Gefühlen entgegen genommen. Gründe gab es viele. Die Aufgabenstellung war zu offen. Die wöchentlichen Treffen und die asynchrone selbstorganisierte Arbeit fielen einigen schwer. Sie brauchten mehr Zeit, als die vorgesehenen 2,5 Stunden pro 14-tägigem Treffen im Fachseminar. Es wurde aber rückgemeldet, dass es sehr gut ist, sich im Team über einen längeren Zeitraum eigenständig mit einem Thema zu beschäftigen. Allerdings bestand der Wunsch diese Arbeit in die übliche Seminarzeit gelegt werden. Mir ist klar geworden, dass ich WOL und andere Peer-Learning-Formate nicht einfach auf das Lernen im Referendariat übertragen konnte. Es benötigt Anpassungen.
Weitere Recherchen zu agilen Arbeitsweisen im Management führte mich schließlich zu OKR (Objectives & Key Results). Damit sollte unten stehendes Ausbildungsziel erreicht werden:
Ausbildungsziel (Auszubildende Kompetenz): Die Referendar:innen kennen Möglichkeiten um Matheunterricht sprachsensibel zu gestalten und planen ein oder mehre Unterrichtssettings sprachsensibel. 
Um diese Kompetenz zu erreichen legen sich die Referendar:innen eigene Ziele und Schlüsselergebnisse in einem OKR Planning fest. Im ersten Teil meine zweiteiligen Ausgabe zu OKR berichte ich hier über das Planning und das Kanban-Board. Und werde in der nächsten Ausgabe die Umsetzung in weiteren Seminarterminen erläutern. Beginnen wir nun mit dem Planning.
OKR-Planning
Einstiegsimpuls zum Thema sprachsensibler Matheunterricht: Sprachbildung ist Aufgabe aller Fächer (Sprachbildungskonzept Bremen) 
- Video von Josef Leisen schauen
- Artikel: Warum Sprache zählt lesen
- Ziel aus Ausbildungscurriculum wird vorgestellt 
Nun werden Ideen für Themen gesammelt. Dies kann z.B. auf einem digitalen Whiteboard passieren. 5 Minuten lang schreibt jede Person Ideen auf. Dann wird abgestimmt. Die Abstimmung welche Themen die interessantesten sind geht über 4 Minuten. Jede Person erhält drei Punkte, die sie frei Verteilen darf. Die vier bis fünf wichtigsten Themen werden ausgewählt. Dann werden 4 bis 5 Teams gebildet. Die Personen teilen sich möglichst gleichmäßig in 3-5er Teams auf die Themen auf.
Themenbrainstorming
Themenbrainstorming
Dann bekommt jedes Team 15 Minuten Zeit ein Ziel (Objektive) und ein bis maximal drei Schlüsselerlebnisse (Key Results) zu finden. 
Das Ziel sollte dabei erreichbar aber herausfordernd formuliert werden. Im Idealfall wird es auch emotional beschrieben. Also sollte man sich fragen wie man sich fühlt, wenn man es erreicht hat. Es muss außerdem dem Ausbildungsziel folgen. 
Die Schlüsselergebnisse sollen über eine Metrik also durch konkrete Zahlenwerte messbar sein. Sie sind die entscheidenen Hebel, die man umlegen muss, um das Ziel zu erreichen. Wenn man sie erreicht hat, kann man sehr gut sagen, dass man das Ziel erreicht hat. 
Hier sollte von der Seminarleitung darauf geachtet werden, dass die gesetzten Ziele, dem Ausbildungsziel folgen und das die Schlüsselergebnisse wirklich eine Metrik beinhalten und dadurch quantitativ messbar werden. Die Referendar:innen bekommen deshalb je 3 Minuten pro Team, um ihre OKR vorzustellen.
Das Planning schließt damit ab, dass man über mögliche auftretende Probleme und Hindernisse nachdenkt und diese notiert, sowie, dass man konkrete erste Handlungsschritte plant. Dazu nochmals 15 Minuten einräumen. 
OKR Planning
OKR Planning
Das Kanban-Board
Um den Überblick zu behalten und die Erreichung der OKR sowie der nächsten Schritte transparent für alle zu machen, werden die gefundenen nächsten Schritte in ein Kanban-Board eingetragen. Das Kanban-Board wird in den nächsten drei Sitzungen genutzt, um den Prozess transparent zu machen und die Aufgaben im Team im Auge zu behalten. Die restliche Zeit des Seminartermins kann dann auf zur Erfüllung erster Aufgaben genutzt werden. 
Kanban-Board
Kanban-Board
Die zweite Seminartermin
Das Stand Up
Die nächsten zwei Seminartermine (je 2,5 h) beginnen mit einer Einschätzung des eigenen Gemütszustandes und einem Stand Up 
1. Wie weit sind wir bei unseren Schlüsselergebnissen? In Prozent, rot, gelb, grün, oder als  Zahlenwert.
2. Womit sind wir gerade beschäftigt?
3. Welche Probleme halten uns auf?
Je Team 3-Minuten lang Antworten vorstellen lassen.
Der Open Space
Die nächsten 45 Minuten lang kann an dem Ziel und den Schlüsselergebnissen gearbeitet werden. Dies geschieht selbstorganisiert in Form einer Session beim Open Space.
Hilfestellung durch Peers
Um den Teams die Möglichkeit zu bieten Hilfe zu bekommen und sich gegenseitig Feedback zu geben, werden je zwei Teams zusammengebracht. Team A stellt Team B vor, was sie machen, welche Fragen zu klären und welche Probleme bzw. Hindernisse es zu bewältigen gibt. Team B gibt Team A dann ein Feedback, beantwortet Fragen und bietet Hilfestellung. Team A bedankt sich bei Team B und schildert kurz, was sie aus dem Gespräch mitnehmen. Dann werden die Rollen gewechselt. 
Feedbackgespräche und Retrospektive
Es folgen weitere 45 Minuten Open Space. Diesmal jedoch setzt sich die Seminarleitung mit jedem Team für ein 10 minütiges Feedbackgespräch zusammen. Sie stellt den Teams folgende Fragen, die jedes Mitglied für sich beantworten sollte (5 Minuten). Danach stellt jeder kurz vor ( je 2 Minuten).
  • Wo hast du einen besonderen Beitrag zur Erreichung der Schlüsselergebnisse eingebracht?
  • Wo hast du mehr Engagement beim Erreichen der Schlüsselergebnisse zeigen können?
  • Welche besonderen Fähigkeiten/Kompetenzen bringst du ein?
  • Wo hast du noch Potenzial?
  • Wie kann ich euch helfen?
Feedbackgespräch mit Lucidspark-Board
Feedbackgespräch mit Lucidspark-Board
Im Anschluss daran folgt eine Retrospektive in der die Teammitglieder ihre bisherige Teamarbeit reflektieren. Dazu eignet sich z.B. die Segelboot-Retrospektive.
Segelboot-Retrospektive
Segelboot-Retrospektive
Der dritte Seminartermin
Celebrity Interview
Nach dem Stand Up schließt ein Celebrity Interview an. Ein Gast oder einfach die Seminarleitung stellt sich als Interviewpartner:in zur Verfügung und kann so wichtiges Expertenwissen mit den Referendar:innen teilen. Das Interview besteht aus zwei Fragedurchgängen. Der erste Durchgang wird von einer Moderation durch geführt, die sich Fragen im Vorfeld überlegt hat. Vor der zweiten Runde haben die Referendar:innen die Gelegenheit in Kleingruppen Fragen zu definieren und diese dann zu stellen. So wird ein externer Input in die Teams gebracht, was ihnen für die Bearbeitung ihres Ziels nützlich sein kann. 
Open Space 
Im nachfolgenden Open Space wird über 90 Minuten weiter an der Zielerreichung gearbeitet, das Feedback aus dem letzten Seminartermin sowie der Input aus dem Celebrity Interview verarbeitet.
Der vierte Seminartermin
Open Space
Nach dem Stand Up schließt ein 30 minütiger Open Space an in dem die Präsentation der Lernergebnisse vorbereitet werden kann. 
Präsentation der Ergebnisse
Die Ergebnisse werden je nach Form z.B. als Pecha-Kucha, als Podcast, Video, Blogbeitrag oder Keynote vorgestellt. Um Feedback zu geben, eignet sich “Wise Crowds”-Peer-Feedback. Abschließend werden die Ergebnisse im ePortfolio der Referendar:innen eingetragen und können noch kommentiert werden.
Im Anschluss sollte der zurückliegende Lernprozess gefeiert werden. Man könnte z.B. Essen gehen, ein Bier (auch alkoholfrei) im Park trinken, einen Grillabend oder Spieleabend gestalten.
CC BY SA 4.0
Ein kleiner Gruß
Weiteres folgt in der nächsten Ausgabe. Diese erscheint am 23.4.22.
Ich gehe jetzt in die Ferien! Ich wünsche euch Lesenden erholsame Tage und ein schönes Osterfest, sofern ihr es feiert.
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Tim Kantereit

Ideen, Gedanken und Geschichten rund um ein Referendariat ohne Noten

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Tim Kantereit, Zur Imhorst 4, 27321 Emtinghausen