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Die ganze Clique hat Pasewalk inzwischen verlassen

Heimweh – Der Newsletter für Weggezogene
Ausgabe #9 • Im Browser ansehen
Heimweh – Der Newsletter für Weggezogene
Hallo liebe Leserinnen und Leser,
nun ist unsere Heimat tiefgefroren, wie auch dieses eisige Foto aus Sassnitz zeigt. Dauerfrost führt nicht nur an der Ostsee zu solch sonderbaren Gebilden, wie wir Ihnen in diesem Newsletter zeigen wollen. Doch so viel Schnee wie im Katastrophenwinter 78/79 ist hier oben noch nicht vom Himmel gekommen.
In vielen anderen Regionen Deutschlands sieht das anders aus. Viele unserer Heimweh-Leser hat es nach Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen verschlagen, sie dürften am Wochenenden geradezu im Schnee versunken sein. An dieser Stelle viele Grüße ins Winterwunderland!
Eine ganz bestimmte Leserin lebt schon seit 22 Jahren in NRW, und zwar in der Gegend um Bonn. In einer Mail hat sie sich vergangene Woche für “das warme Gefühl” bedankt, das sie beim Lesen dieses Newsletters bekommt. Über dieses Lob freuen wir uns sehr, doch natürlich haben wir sie dann auch gefragt, wie es ihr ergangen ist. Die ganze Geschichte der damals 16-Jährigen, die Pasewalk verlassen hat, um als Aupair in den Westen zu gehen, lesen Sie weiter unten.
Viele Fortgezogene kommen gerne wieder zurück, doch manchmal fehlt ein Anlass dafür. Ein Freundeskreis aus Anklam hat diesen einfach selbst geschaffen und einen spaßigen Wettkampf ins Leben gerufen. “Für mich steht da vor allem im Vordergrund, Freunde aus der Heimat wiederzusehen, sich auszutauschen, den Kontakt zu beleben mit Leuten, die man sonst nicht sieht“, sagt einer der Organisatoren. Klingt inspirierend!
Gute Ideen vermittelt auch das „Welcome Center Mecklenburgische Seenplatte“. Der Landkreis hat es gegründet, um Heimkehrer und Zuzügler in diesen schwierigen und aufregenden Zeiten zu unterstützen. Mehr Informationen lesen Sie dazu hier.
Und das sind die weiteren Themen dieser Ausgabe:
  • Pflug-Hersteller kommt nach Pasewalk
  • Kater soll Bürgermister von Demmin werden
  • Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt im Nordosten
  • Gründer aus Mecklenburg schimpft über Ämterwillkür
  • So entwickeln sich die Einwohnerzahlen in Anklam, Neubrandenburg und am Haff
  • Weg zu Rügens Königsstuhl wird bald gesperrt
Viele Grüße und bleiben Sie uns gewogen
Simon Voigt

Die gute Nachricht
Ängstlicher Hund nach 75 Tage langer Odyssee eingefangen
Was sonst noch wichtig ist
Die schönsten Bilder des eisigen Winterwochenendes
Pflug-Hersteller will Werk in Pasewalk bauen
Millionen Euro für Bahnhöfe, aber kein Cent für MV
Ein Kater soll Bürgermeister von Demmin werden
Winterliches Bilderrätsel
Foto: @xl_emotions/Instagram
Foto: @xl_emotions/Instagram
Wer erkennt, welche Insel hier aus der Luft zu sehen ist? Hinweis: Ihren eigentlichen Zweck erfüllt sie schon lange nicht mehr und sie liegt in einem der größten Seen unserer Region.
Wer mitraten will, schreibt uns einfach eine Mail an newsletter@nordkurier.de. In der kommenden Woche gibt es dann die Auflösung.
Wir von hier
Prenzlauer Kindergarten feiert Crazy-Hair-Party
Gründer aus Mecklenburg schimpft über Amtswillkür – und wird berühmt
Diese Freunde treffen sich alle zehn Monate in Anklam
Auf dem letzten Weg konnte er seine Mutter nicht begleiten
Wunderbare Eiszeit
Die Müritz, ein Winter-Wunderland von oben
Am Krüselinsee gedeiht das Haareis
Ein Gefühl von Freiheit
Stefanie Escher war damals die erste ihrer Clique, die aus Pasewalk fortgezogen ist. Heute sind sie alle weg. Doch auch 20 Jahre spürt sie das Heimweh noch immer und denkt über eine Rückkehr nach. Dann kam plötzlich ein Angebot.
Stefanie Escher bei einem Heimatbesuch in Ueckermünde 1999 – und heute in Bonn.
Stefanie Escher bei einem Heimatbesuch in Ueckermünde 1999 – und heute in Bonn.
Alles begann mit einem Artikel im Nordkurier vor mehr als 20 Jahren. “Ich war damals 16 Jahre jung, stand kurz vor dem Abschluss der Realschule und wusste nichts mit mir anzufangen”, sagt Stefanie Escher, damals noch Kureck. Klar war ihr damals nur eines: “Die beruflichen Aussichten 1999 waren so schlecht, dass man vor Ort im Grunde nicht viel machen konnte.” An einem Tag im Frühjahr entdeckte sie dann in der Zeitung, die sie sonst nie las, diese Anzeige: “Als Aupair-Mädchen nach Bonn mit anschließender Wunschausbildung garantiert”. Spontan hatte sie sich beworben und wurde sofort genommen.
Auf der ersten Fahrt nach Bonn, in das Zentrum der alten Bundesrepublik, bemerkte das junge Mädchen aus dem Osten, wie weit weg das doch eigentlich war. “Jugendlicher Leichtsinn oder so etwas in der Art ließ mich aber ganz zuversichtlich in meine Zukunft sehen.” Sie kam bei einer Arztfamilie unter und kümmerte sich dort ein Jahr lang um die Kinder. “In dieser Zeit habe ich viel geweint und hatte Heimweh, wie ich es vorher noch nicht kannte. Ich vermisste alles: Die frische Luft, das Essen meiner Oma und meine Freunde”, sagt Stefanie Escher heute. Damals sei sie die erste aus ihrer Clique gewesen, die gegangen ist und bekam dafür ein oder anderen Spruch zu hören, wenn sie auf Heimatbesuch war. Inzwischen seien aber alle weg. Meist nach Berlin, Hamburg oder Niedersachsen. Das große Wiedersehen wurde immer zum Ende des Jahres beim “Weihnachtstanz” im Kreiskulturhaus gefeiert. “Da hatte ich immer Gänsehaut”, sagt Escher. Die Partys gibt es heute nicht mehr und das Kreiskulturhaus auch nicht.
Angekommen in Bonn lernte die damals 16-Jährige schnell die kleinen Unterschiede kennen. Die Familie war wohlhabend und es erschien irgendwie exotisch, jemanden aus der ehemaligen DDR zu sich zu holen. “Hattet ihr da drüben wirklich keine Bananen?” Fragen wie diese soll es tatsächlich gegeben haben. Für die Kinder, so erinnert sich Escher, galten viele Dinge als selbstverständlich, die für sie etwas besonderes waren.
Dieses tiefe gegenseitige Verständnis
Durch Zufall lernte sie weitere Mädchen aus ihrer Heimat kennen. “Sie kamen aus Torgelow und Stavenhagen und so ich fühlte mich mehr und mehr irgendwie verstanden.” Dieses Gefühl spürt die inzwischen 38-Jährige bis heute, wenn sie Menschen trifft, die auch in der DDR gelebt haben. “Man fühlt sich”, sagt sie dazu. Es gibt ein gegenseitiges Verständnis, dass sie mit anderen Menschen nicht so schnell entwickeln kann. Es habe lange gedauert, bis sie auch Freundschaften zu Menschen aus dem Westen aufgebaut hat. Mit dem Karneval hat sie sich erst vor fünf Jahren so richtig angefreundet. “Aber jetzt liebe ich es!” Ihre beste Freundin kommt aus Frankfurt/Oder.
Nach dem Aupair-Jahr begann für sie die versprochene Wunschausbildung in einer Anwaltskanzlei. Sie fasste endgültig Fuß in Bonn und richtete sich ihre erste Wohnung ein, was Jahre dauerte. Sie ging dafür oft neben der Ausbildung arbeiten, um das Geld zusammenzubekommen. Sie wollte sich das alles selbst erarbeiten, wie sie heute betont. Eine schwere Zeit: Die ersten Jahre fuhr fast jedes Wochenende mit dem Wochenendticket (Bonn-Berlin für 69 DM) nach Hause. “Aber es war besser als in der Heimat ohne Arbeit und Ausbildung zu sein.”
Damals lernte sie auch den Vater ihrer vier Kinder kennen. Er kommt aus dem Spreewald. Heute lebt sie mit einer Frau zusammen, sie kommt aus NRW. Zusammen mit den Kindern leben sie in einem Dorf in der Nähe von Bonn. Stefanie Escher arbeitet im Bundesamt für Justiz und treibt ihre Karriere voran, in dem sie nebenbei Jura studiert. “All das hätte ich nicht gehabt, wäre ich geblieben. Aber die vielen Tränen, das Heimweh und den Verlust von Freunden – das waren Momente, in denen ich ganz stark sein musste.”
Solidarität, die es woanders nicht gibt
Mehrmals im Jahr kommt sie heute zum Urlaub in den Nordosten. Das Heimatgefühl setzt meistens ein, wenn sie bei Hamburg auf die A20 abbiegt. “Das Rheinland ist wunderschön”, betont sie. Doch richtig vertraut fühle sie sich erst, wenn sie wieder in diesem weiten, unbebauten Land mit seinen Seen und Feldern sei. Ein Gefühl von Freiheit. Zudem seien die Menschen hier ehrlicher, direkter. Die rheinische Freundlichkeit sei eben oft auch Fassade, wie sie gelernt hat. Werte wie Solidarität würden im Osten eine viel größere Rolle spielen. “Im Urlaub zeige ich meinen Kindern und meiner Partnerin die Schönheit unseres Landes. Jedes Mal fahre ich mit einem weinenden Auge wieder weg und bin traurig, dass ich ‘zu Hause’ beruflich zu der damaligen Zeit nichts werden konnte.”
Aus heutiger Sicht fände sie es aber “nicht richtig”, wieder nach MV zu ziehen. Ihre Kinder sollen dort aufwachsen, wo sie auf die Welt gekommen sind. Für die Zeit danach will sie aber nichts ausschließen. Im November musste sie plötzlich sehr spontan sein: Um die Gesundheitsämter bei der Corona-Nachverfolgung zu unterstützen gibt es ein Programm, bei dem sich bundesweit Beamte für drei Monate freiwillig melden können. “Sofort hatte ich den Gedanken, nach Pasewalk zu gehen.” Sie wollte in der Krise helfen und zwar unbedingt in Mecklenburg-Vorpommern. Sie lotete aus, wo sie unterkommen kann und ob der Vater so lange die Kinder übernimmt. Letztendlich wurde nichts aus dem Plan, doch einmal mehr dürfte er diese tiefe Verbundenheit gezeigt haben, die noch immer da ist.
Liebe Newsletter-Gemeinschaft, wir haben uns sehr darüber gefreut, dass Stefanie Escher uns ihre Geschichte erzählt hat. Bestimmt haben Sie auch etwas zu erzählen, das gut in diesen Newsletter passen würde. Wie ist es Ihnen fern der Heimat ergangen? Warum haben Sie damals den Nordosten verlassen? Wie halten sie Kontakt zu den Leuten von früher? Schreiben Sie uns doch einfach!
Wohnen und Leben
Zuzug sorgt fast für Trendwende in Anklam
Neubrandenburg kann Wachstum nicht halten
Die Haff-Region verliert weniger Einwohner
In der Corona-Krise suchen die Menschen Abstand am Meer
Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt im Nordosten
Ausblick
Zugang zu Rügens Königsstuhl wird bald gesperrt
Unsere Naturschätze sind auch im Lockdown offen
Neuer Baumwipfelpfad auf der Insel Usedom
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