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Newsletter von M. Sulzbacher: SS-Denkmäler und ein Gespräch mit Hackivistin Nella

Markus Sulzbacher
Markus Sulzbacher
Hallo, liebe Leserin, lieber Leser,
nachdem sie über Monate Morddrohungen aus der Covid-Maßnahmengegner- und Impfgegner-Szene bekommen hat, hat die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr ihre Ordination in Seewalchen vorübergehend geschlossen. Die Polizei erklärte ihr, sie könne die Täter nicht ausforschen, da dieser “aus dem Darknet” kam. Ein Polizeisprecher sagte in einem Ö1-Radiointerview, dass die Ärztin permanent versucht habe, „den Fall sehr, sehr dramatisch darzustellen“. Es waren irritierende Aussagen. 
Hackivistin kam zu Hilfe
Der Ärztin kam jedoch die Hackivistin Nella zu Hilfe, die binnen weniger Stunden einen Mann ausfindig machte, der sich „Claas“ nennt und Droh-E-Mails verfasst haben soll. Dabei soll es sich um einen bekannten Rechtsextremisten aus Deutschland handeln. Für Ermittler in Österreich sind die Recherchen von Nella allerdings weder “inhaltlich noch technisch” nachvollziehbar, wie es am Mittwoch hieß. Aber - Erkenntnisse sollen an deutsche Behörden übermittelt werden.

Ich habe Nella ein paar Fragen zu dem Fall gestellt:
Was haben Sie rausgefunden?
In erster Linie fand ich heraus, dass der Name „Claas“ für die Drohmails missbraucht wurde. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Namen nie willkürlich ausgewählt werden. Mir war klar, dass „Claas“ für eine bestimmten Gruppe ein Feindbild darstellt.
Dem war auch so. “Claas” ist ein linker Aktivist, der auf Twitter eine größere Community aufgebaut hat. Dies passte einer rechten Gruppe eher weniger, er wurde gedoxxt (Anm.: persönliche Daten zusammengetragen) und Fake Accounts wurden erstellt. 
War es schwer, das rauszufinden?
Nein, war es nicht. ABER, natürlich ist das was ich habe, nicht stichfest. Stichfest wäre, wenn man die Mail beim Verfasser findet.
Trotz allem, sind sehr, sehr, sehr viele Indizien eindeutig – das müsste zumindest für eine behördliche Befragung rechtfertigen. Der mutmaßliche Täter ist nicht unbekannt und hat auch ein ordentliches Strafregister.
Warum helfen Sie Lisa-Maria Kellermayr?
Ich setze mich schon seit Jahren ehrenamtlich für Betroffene ein, besonders im Bereich Kindesmissbrauch und Cyber-Grooming. Ich wurde auf den Fall von Lisa-Maria Kellermayr aufmerksam gemacht und bot ihr dementsprechend meine Hilfe an.
Seit meinem 13 Lebensjahr beschäftige ich mit der Welt der Informatik & Co., es ist mein Lifestyle und meine Passion. Hacker haben es grundsätzlich nicht leicht ihr Hobby auszuleben, daher habe ich mich für diesen Weg entschieden Menschen aktiv zu helfen. Ich persönlich habe selbst über Jahre als Kind sexuellen Missbrauch, Stalking & Cyber-Grooming erlebt, daher fixiere ich mich auch primär auf Opfer von Missbrauch & Co. Hauptberuflich arbeite ich ebenfalls als Cyber Security Spezialistin. (Markus Sulzbacher, 7.7. 2022)
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Denkmäler für ukrainische SS-Einheiten in Österreich
er ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, hat vergangene Woche bestritten, dass es Beweise für den Massenmord an Juden durch Anhänger des ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera gibt. „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen“, sagte Melnyk in einem Videointerview mit dem Journalisten Tilo Jung. Diese Darstellung ist historisch nicht haltbar. Bandera hat aktiv dazu beigetragen, Menschen in den 1940er Jahren verfolgt, vertrieben und ermordet worden sind. Seine Gruppe, die „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) arbeitete mit den Nazis zusammen und hatte eigene Bataillone, die Jagd auf Juden machten.
Die Belege dazu lassen sich in jeder größeren Bibliothek finden, etwa in dem Buch „Der amerikanische Bumerang: NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA“ von Christopher Simpson (Ueberreuter, 1988).
Die Aussagen von Andrij Melnik sorgten für Aufregung.
Die Aussagen von Andrij Melnik sorgten für Aufregung.
Die Reaktionen auf die Aussagen Melnyks waren entsprechend klar. Die israelische Botschaft in Deutschland warf ihm die Verharmlosung des Holocausts vor. „Die Aussagen des ukrainischen Botschafters sind eine Verzerrung der historischen Tatsachen, eine Verharmlosung des Holocausts und eine Beleidigung derer, die von Bandera und seinen Leuten ermordet wurden“, erklärte darauf die israelische Botschaft in Berlin auf Twitter. Melnyks Darlegungen „untergraben auch den mutigen Kampf des ukrainischen Volkes, nach demokratischen Werten und in Frieden zu leben“.
Wechsel nach Kiew?
Auch das ukrainische Außenministerium sah sich zu einer Klarstellung genötigt: „Die Meinung des ukrainischen Botschafters in Deutschland gibt nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider.“ Medienberichten zufolge soll Melnyk ins Außenministerium nach Kiew wechseln. Den Vorwurf der Holocaust-Verharmlosung weist er zurück.
Wasser auf die Mühlen russischer Propaganda
Die Aussagen des Botschafters waren Wasser auf die Mühlen russischer Propaganda, die den Angriffskrieg auf die Ukraine als „Spezialoperation“ gegen Neonazis bezeichnet. Ein Schachzug, der funktioniert, da es in der Ukraine an einer differenzierten Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fehlt – wie die kultische Verehrung von Bandera zeigt, für dessen Ehren Denkmäler errichtet und Straßen benannt wurden. Es wird ein Bild von einem Nationalhelden gezeichnet, der für einen ukrainischen Staat kämpfte und dafür vom KGB im Exil ermordet wurde. Die Rolle des Faschismus in Banderas Leben oder die Beteiligung der ukrainischen Nationalisten am Holocaust und anderen Verbrechen tauchen in diesem nationalen Narrativ nicht auf.
In Wien gegründet
Der 1909 geborene Bandera schloss sich in jungen Jahren der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) an, einer 1929 in Wien gegründeten Sammelbewegung rechtsextremer Organisationen. Ihr Ziel war es, einen eigenen Staat zu gründen, weshalb sie einen Guerillakrieg gegen Polen führten. Nachdem die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie nach dem Ersten Weltkrieg zerfallen war, machten sich viele Ukrainer Hoffnungen auf einen eigenen Nationalstaat.
Foto von  Stepan Bandera.
Foto von Stepan Bandera.
1934 wurde Bandera als Drahtzieher des Attentats auf den polnischen Innenminister in Warschau zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Jahre später, nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen, wurde Bandera von den neuen deutschen Machthabern freigelassen; im Gegenzug arbeitete er mit ihnen zusammen.
Das „B“ steht für „Banderisten“
1941 kam es zu einer Spaltung der OUN, Bandera wurde Anführer des radikaleren Flügels „OUN-B“ (das „B“ steht für „banderiwzi“, also „Banderisten“). Schließlich kämpften zwei ukrainische Bataillone 1941 für die Wehrmacht gegen die Sowjetunion. Bandera und seine Leute marschierten in die galizische Hauptstadt Lwiw (Lemberg) ein und riefen eine unabhängige Ukraine aus.
Eine Unterstützung für eine unabhängige Ukraine fand Bandera bei den Nazis aber nicht. Sie verhafteten und verschleppten ihn ins KZ Sachsenhausen, wo er bis 1944 inhaftiert war. Nach fünf Tagen war die unabhängige Ukraine wieder Geschichte.
Pogrome gegen die jüdische Zivilbevölkerung
Während dieser fünf Tage, als Banderas Leute in Lwiw regierten, kam es zu Pogromen gegen die jüdische Zivilbevölkerung. Weitere Verbrechen folgten. So verübte die OUN und die von ihr kontrollierte Ukrainische Aufständische Armee (UPA) Massaker an Juden und an der polnischen Zivilbevölkerung. Sie arbeitete zum Teil eng mit der 1943 gegründeten und hauptsächlich aus ukrainischen Freiwilligen bestehenden Waffen-SS-Division „Galizien“ zusammen.
Angesichts der vorrückenden Roten Armee wurde Bandera im September 1944 aus der KZ-Haft entlassen, um mit seinen Leuten an der Seite Deutschlands in den Krieg einzugreifen. Bandera kämpfte, versorgt mit deutschen Waffen, gegen die Rote Armee. Und dann mit deutschen Waffen gegen die Deutschen.
KGB ermordete Bandera
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlug sich Bandera 1946 nach München durch und lebte dort unter falschem Namen. In der Sowjetunion wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und 1959 schließlich von einem KGB-Agenten vor seiner Wohnung in der bayrischen Landeshauptstadt ermordet.
Denkmäler in Bad Gleichenberg und Gnas
Während in der Ukraine Denkmäler von Bandera zu finden sind, sind es in Österreich Denkmäler für ukrainische SS-Einheiten. Sie waren Teil einer Organisation, die auf dem Nürnberger Tribunal 1945 „als verbrecherische Organisation eingestuft“ wurde und deren Abkürzung SS auf keinem österreichischen Autokennzeichen stehen darf. Die Denkmäler sind etwa in Bad Gleichenberg zu finden oder dem Friedhof von Gnas. Auf Wikipedia findet sich eine Übersicht derartiger Denkmäler. Das Denkmal in Gnas erinnert an die bereits erwähnte Waffen-SS-Division „Galizien“, die zu den Einheiten gehörte, die oft in der „Partisanenbekämpfung“ eingesetzt wurden. Sie war zweifelsfrei an Verbrechen beteiligt. In Feldbach wurden die Abzeichen der SS-Einheit bereits entfernt. (Markus Sulzbacher, 7.7. 2022)
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Foto: Kundgebung nachdem ein Denkmal für eine 1938 zerstörte Synagoge in Wien 5 angegriffen wurde.
Foto: Kundgebung nachdem ein Denkmal für eine 1938 zerstörte Synagoge in Wien 5 angegriffen wurde.
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Markus Sulzbacher
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