Profil anzeigen

Newsletter von M. Sulzbacher: Ein Fußballer und sein ehemaliger Geschäftspartner

Markus Sulzbacher
Markus Sulzbacher
Hallo, heute dreht sich mein Newsletter um rechte Mobilisierung und Diskursverschiebung, außerdem liefere ich, angestoßen durch ein Fußballturnier, Hintergrund über die Neonazi-Szene Anfang der 1990er.
Die Mobilisierung läuft bereits, am 9. Juli soll wieder eine große Corona-Demonstration in Wien über die Bühne gehen. Wie immer geht es gegen die Impfungen, die Nato, die Regierung und die „Globalisten“. Zusätzlich wettern die Organisatoren der Kundgebung gegen LGBTQ*- Personen. Schon seit einigen Wochen hat sich die rechtsextreme und verschwörungsideologische Szene verstärkt dem Thema zugewandt. Es ist eine aggressive Mobilisierung. Emotionalisiert und aktiviert wird mit Erzählungen über angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern in Schulen oder Kindergärten. Damit ist etwa gemeint, wenn eine Dragqueen aus einem Kinderbuch vorliest oder wenn in Kinderbüchern erwähnt wird, dass es LGBTQ*-Personen gibt. 

Eine Meldung auf Auf1, einem Sprachrohr der Szene.
Eine Meldung auf Auf1, einem Sprachrohr der Szene.
Dahinter steckt der Versuch einer Diskursverschiebung nach rechts, um erkämpfte Rechte wieder zu versenken. Dafür wird die Szene der Verschwörungsgläubigen das Thema in den kommenden Monaten weiter massiv befeuern. (Markus Sulzbacher, 23.6.2022)
—————————————-
Ein Fußball-Teamspieler und sein ehemaliger Geschäftspartner
Vor wenigen Tagen geriet der Fußball-Teamspieler Martin Hinteregger in Erklärungsnot, nachdem seine Geschäftsbeziehung zu Heinrich Sickl bekannt wurde. Sickl kann der extremen Rechten zugeordnet werden. Bis voriges Jahr saß er für die FPÖ im Gemeinderat der Stadt Graz, hat Räumlichkeiten an die Identitäre vermietet und trat als Ordner bei deren Demonstrationen in Erscheinung.
Er ist, laut Impressum, Geschäftsführer eines Verlags, der das neurechte „Freilich Magazin“ herausgibt. Gemeinsam mit Sickl wollte Hinteregger das Amateur-Kleinfeld-Fußballturnier „Hinti-Cup“ in seinem Kärntner Heimatort Sirnitz austragen. Nachdem die „Bild“ und andere Medien die Recherchen des Journalisten Michael Bonvalot aufgegriffen, brach Hinteregger den Kontakt ab, Sickl zog sich zurück.
Heinrich Sickl (rechts, mit Rucksack), 2016, als Ordner bei einer Demonstration der Identitären in Wien.
Heinrich Sickl (rechts, mit Rucksack), 2016, als Ordner bei einer Demonstration der Identitären in Wien.
Im Zuge der Affäre war auch ein Thema, dass sich Sickl Anfang der 1990er Jahre in der Neonazi-Szene bewegte. So kassierte er am 5. Oktober 1991 eine Anzeige bei einer Demonstration in Graz. Beinahe der gesamte damalige Führungszirkel der Szene, darunter Gerd Honsik und Gottfried Küssel, war in die steirische Landeshauptstadt gekommen, um gegen die Inhaftierung eines Gesinnungskameraden zu protestieren. „Sie solidarisieren sich mit der Meinung des Inhaftierten Franz R., dass die Gaskammern Attrappen seien“, hielten anwesende Polizeibeamte in ihrem Bericht fest. Die Polizei löste die Versammlung auf, die Teilnehmer sangen daraufhin ein NS-Lied und es kam zu vereinzelten Handgreiflichkeiten.
Vorbild SS
1995 taucht der Name Heinrich Sickl in einer Mitglieder- und Adressensammlung der in Deutschland verbotenen Neonazipartei „Nationalistische Front“ (NF) auf. Die Liste und weitere Materialien sind einer Abgeordneten der Grünen im deutschen Bundestag zugespielt worden. Die NF wurde 1985 in Deutschland gegründet und entwickelte sich alsbald zu einer militanten Neonazigruppe. Die Organisation verstand sich in der Tradition der SS und entwickelte sich zu einer Elite-Truppe innerhalb des deutschsprachigen Rechtsextremismus.
Die Aufnahme erfolgte erst nach einem strengen Auswahlverfahren. Zeigte man Interesse an der Mitgliedschaft, bekam man einen Personalbogen zugeschickt, der samt Passfoto an die Zentrale zurückgeschickt werden musste. Bewerber wurden darauf Zuhause besucht und überprüft. Die NF richtete auch „Nationale Einsatzkommandos“ (NEK) ein, paramilitärische Zellen. Nach dem rassistischen Brandanschlag von Mölln, mit drei Todesopfern und neun Schwerverletzten, wurde die Organisation 1992 in Deutschland verboten. Das Zentrum der Neonazis befand sich in Nordrhein-Westfalen. In Österreich konzentrierten sich die Aktivitäten auf Kärnten.
Sickl wurde als Mitglied geführt
Die 1995 veröffentlichten Unterlagen zeigten, dass die NF trotz Verbot über einen großen Kreis von Unterstützer:innen verfügte. Mehr als 100 davon hatten österreichische Adressen. Darunter fand sich eben auch der Name und die Adresse Sickls, der mutmaßlich als Mitglied der Organisation geführt wurde.
Seine Kontakte zur NF wurden ein mediales Thema, da Sickls Mutter, die damalige FPÖ-Politikern Elisabeth Sickl, darauf angesprochen wurde. Etwa als sie im Jahr 2000 kurzzeitig Sozial- und Frauenministerin in der ersten FPÖ-ÖVP-Koalition wurde.  Zu den Aktivitäten ihres Sohnes sagte sie, dass dieser sich aus dem Neonazi-Milieu zurückgezogen habe. Tatsächlich fiel er nach der Demonstration in Graz nicht mehr einschlägig auf, dafür war er in einer schlagenden Burschenschaft aktiv.
Strache und der Wehrsport
Neben Sickl finden sich auf den Mitglieder- beziehungsweise Kontaktlisten der NF die Namen von Personen, die später im Rotlichtmileu oder in Ministerien arbeiteten. Ein Mann ist in der Neonaziszene als Kampfsportler aktiv. Es finden sich die Namen von drei Männern, die gemeinsam mit dem ehemaligen FPÖ-Chef Heinz Christian Strache an einer Wehrsportübung in Kärnten teilgenommen haben, wie auf einer 2007 veröffentlichten Aufnahme zu sehen ist. Das berühmte Foto sorgte nach seiner Veröffentlichung für zahlreiche Schlagzeilen. Unter den Wehrsportkameraden war auch Andreas T., laut Mitgliederliste, der einzige Führungskader der NF in Österreich.
Strache und Kameraden beim Wehrsport.
Strache und Kameraden beim Wehrsport.
Die NF rund um T. trat in Österreich eigenständig auf, ihre Aktivisten nannten sich hierzulande „Volkstreue Jugendoffensive“, die in Kärnten und Oberösterreich über Stützpunkte verfügte und in Flugblättern der Waffen-SS huldigte. Der Personenkreis brachte eine neonazistische Schüler:innenzeitschrift namens „Gäck“ in Umlauf und pinselte auf Parkbänke „Nur für Arier“.
Leugnung der Shoa
Die deutsche NF unterhielt hingegen demonstrative Kontakte zu Honsik und dessen Zeitschrift „Halt“, in der die Shoa geleugnet wurde. Es war deren Hauptthema.  Enge Kontakte unterhielt die Führung der deutschen und österreichischen NF zu dem Steirer Herbert Schweiger, einen ehemaligen SS-Mann, der die gesamte Szene nach 1945 prägte, indem er als „Zeitzeuge“ durch die Lande tingelte und Vorträge hielt. (Markus Sulzbacher, 23.6. 2022)
—————————————-
Wenn Sie Freunde und Bekannte haben, denen mein Newsletter gefallen könnte, dann leiten Sie diesen Newsletter doch einfach an sie weiter. Ich freue mich auch über Feedback. 
Markus Sulzbacher
Das ist ein privater Newsletter zu aktuellen Themen. Die im Newsletter vertretenen Meinungen sind die meinen. Eine detaillierte Datenschutzerklärung finden Sie hier: https://www.getrevue.co/privacy/platform?locale=de&ref=Revue+Profile 
Hat Dir diese Ausgabe gefallen? Ja Nein
Markus Sulzbacher
Markus Sulzbacher @msulzbacher

Watchblog, Politik und mehr.

Zum Abbestellen hier klicken.
Wenn Dir dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Dir gefällt, kannst Du ihn hier abonnieren.
Created with Revue by Twitter.