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Newsletter von M. Sulzbacher: Die KPÖ und die „Kommunazis“

Markus Sulzbacher
Markus Sulzbacher
Hallo, heute gibt es eine Spionagegeschichte im Newsletter. Es geht um die Nationale Liga der KPÖ. Und eine Bitte: Wenn Sie Freunde und Bekannte haben, denen mein Newsletter gefallen könnte, dann leiten Sie diesen Newsletter doch einfach an sie weiter.
„Kommunazi“: Von der SS zur “Nationalen Liga”
Eigentlich warten die Skandale und Affären rund um den österreichischen Verfassungsschutz nur darauf, in eine Netflix-Serie verarbeitet zu werden. Anfang Juni dieses Jahres machte die Tageszeitung „Die Presse“ einen weiteren möglichen Plot öffentlich: Im Zuge von Ermittlungen gegen einen ehemaligen BVT-Agenten wurden auf dessen Handy, dem Computer und in Notizen Namen von Personen gefunden, zu denen der Agent offenbar recherchiert hatte. Der Verfassungsschutzmann soll für den russischen Geheimdienst spioniert und Staatsgeheimnisse verraten haben. Vorwürfe, die der Mann vehement bestreitet.
Liste mit 309 Namen
Laut einer Liste der Ermittler sollen mehr als 300 Personen ausgespäht worden sein. Diese Liste umfasst 309 Namen. Darunter Vertreter:innen aus Politik und Wirtschaft, ein russischer Milliardär, angebliche Spion:innen und Julian Hessenthaler, jener Detektiv, der das „Ibiza-Video“ erstellt hat, über das im Mai 2019 die ÖVP-FPÖ-Regierung in Wien stürzte. Für die „Recherchen“ sollen auch polizeiliche Datenbanken abgefragt worden sein.  
„Illegale“ des KGB
Einer der Namen führt in die Zeit des Kalten Krieges und in die österreichische Nachkriegsgeschichte. Der ehemalige Verfassungsschutzagent interessierte sich angeblich für einen Mann namens Andreas Anschlag. Dieser wurde 2011 als russischer Spion enttarnt, der gemeinsam mit seiner Frau Heidrun Anschlag, über Jahrzehnte in Deutschland tätig war. Beide waren sogenannte „Illegale“, die mit einer aufwendig konstruierten Biografie und ohne offizielle Tarnung, etwa als Diplomaten, in ein Zielland eingeschleust werden.
Ganz so wie bei der US-Serie „The Americans“, die auf Netflix zu sehen ist. Das Ehepaar Anschlag arbeitet zuerst für den sowjetischen Geheimdienst KGB und nach dessen Auflösung im Jahr 1991 für seine Nachfolger.  

The Americans sind auf Netflix zu sehen.
The Americans sind auf Netflix zu sehen.
Der Legende nach waren sie Österreicher, beide geboren in Südamerika. Die dafür nötigen Papiere konnten sie mit Hilfe von Helene Slavik besorgen. Mit ihrer Hilfe bekam Andreas Anschlag einen österreichischen Staatsbürgerschaftsnachweis. Nach seiner Hochzeit in Bad Aussee erhielt das Paar echte österreichische Pässe.
Gefangenenaustausch
Helene Slavik war keine Unbekannte. Anfang 1973 berichtete die Austria Presse Agentur, Frau Slavik habe einen Gefangenenaustausch initiiert: Das kommunistische Bulgarien tauschte damals einen türkischen Agenten gegen einen in der Türkei einsitzenden Spion ein – Adolf Slavik, den Ehemann von Helene Slavik. Er wurde 1968 von einem türkischen Militärgericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Für wen er gekundschaftet hat, ist bis heute unklar.
Von der SS zu “Nationalen Liga”
Der 1918 geborene Adolf Slavik kann einen schillernden Lebenslauf vorweisen. Als Reaktion auf den 1949 gegründeten Verband der Unabhängigen (VdU), die Vorläuferorganisation der FPÖ, hatte der illegale Nazi, Hitlerjugend-Aktivist und SS-Obersturmführer Slavik 1950 die „Nationale Liga – Bund Schaffender Österreicher“ (NL) initiiert. Ihr Ziel war es, ehemalige Nazis zu gewinnen. Bemerkenswert daran war, dass die NL von den KPÖ gestützt wurde. Offiziell wollten die Kommunist:innen, deren Mitglieder im Widerstand gegen die Nazis enorme Opfer gebracht haben, mit der NL „Kreise ehemaliger NationalsozialistInnen zu beeinflussen und den VdU zu schwächen bzw. zu spalten“. Tatsächlich war es eine unglaubliche Anbiederung.
„Kommunazis“
Als „Kommunazis“ bezeichneten politische Gegner die Gruppierung, in deren Zeitschrift auch bekannte Rechtsextreme, wie der ehemalige Kampfpilot Hans-Ulrich Rudel, publizierten, eine zentrale Figur des NS-Nachkriegsnetzes. Die NL löste sich 1955 selbst auf, das Experiment einer Kooperation zwischen (Ex)-Nazis und Kommunist:innen war nicht zuletzt wegen ideologischer Unterschiede gescheitert. 
Nachdem die NL Gesichte war, ging Adolf Slavik nach Casablanca und soll dort Waffen verschoben haben. 1965 übersiedelten er und seine Frau in die Türkei, drei Jahre später wurde er verhaftet und verurteilt. Ob er nach seiner Rückkehr nach Wien weiter für Geheimdienste tätig war, weiß niemand – er stirbt 1992. Seine Frau Helene stirbt im Jahr 2005. Im Zuge eines Deals mit deutschen Behörden, konnten das Ehepaar Anschlag nach Russland reisen. (Markus Sulzbacher, 17.6. 2022)
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Sellner nun Podcaster
Viele Plattformen sind ihm nicht geblieben. Facebook, Twitter, Tiktok und Youtube haben den Identitären-Sprecher Martin Sellner schon vor Jahren rausgeworfen. Da Sellner hauptsächlich Politik im Netz und für das Netz macht, traf ihn die Stilllegung seiner Accounts sehr. Wichtige Einnahmequellen sind versiegt und sein Aktionsradius wurde eingeschränkt. Aktuell verfügt er nur noch auf Telegram über eine nennenswerte Gefolgschaft.
Derzeit versucht er als „Podcaster“ Fuß zu fassen. Es gelingt ihm, seine Analysen und Verschwörungserzählungen bei Apple-Podcasts und Spotify unterzubringen und so neue Zielgruppen zu erreichen.  (Markus Sulzbacher, 17.6. 2022)
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Der folgende Artikel (von mir) interessieren Sie sicher:
Über 400 Jahre alter Antisemitismus mitten in Krems - Watchblog - derStandard.at › Inland
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Markus Sulzbacher
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Foto: Gegenprotest gegen die Pride-Gegendemo (bei der viele Rechtsextreme waren)
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Markus Sulzbacher
Markus Sulzbacher @msulzbacher

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