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Post-Peak-Attention in texanischen Cafés 🤠

Post-Peak-Attention in texanischen Cafés 🤠
Von Johannes Klingebiel • Ausgabe #116 • Im Browser ansehen
Dieser Newsletter spielt zwischen den Weiten der texanischen WĂĽste und deines Twitter-Feeds. Also so mehr oder weniger.
Howdy,
Johannes
P.S.: Es muss ja nicht immer die Riesenkonferenz sein. Hier eine Liste an alternativen, kleinen Formaten.

“News Deserts” werden in Amerika Landstriche genannt, die vollkommen ohne lokalen Journalismus auskommen müssen. Laut einem Projekt der Hussman School of Journalism and Media hat das Land seit 2004 knapp 1.800 lokale Zeitungen verloren. Die Gründe? Schwindende Leser und ein nicht mehr funktionierendes Geschäftsmodell dank digitaler Konkurrenz. Und auch hierzulande stehen lokale Medien unter zunehmenden Druck.
In der tatsächlichen Wüste Texas entsteht aber gerade vielleicht ein alternatives Modell. Der Big Bend Sentinel finanziert sich nicht mehr nur durch Anzeigen und Abonnenten, sondern auch durch Kaffee, Drinks und Hochzeiten—ausgeschenkt und ausgerichtet im hauseigenen Café: The Sentinel.
Die New York Times hat ein schönes Portrait über die Zeitung und ihre neuen New Yorker Besitzer geschrieben.
The Sentinel dient der Zeitung letztendlich nicht nur als Büro und Café, sondern auch der Stadtgemeinschaft als Fokuspunkt für Diskussionen, Vorträge und Konzerte. The Sentinel ist damit das, was eine gute lokale Zeitung sein sollte: Infrastruktur. Sowohl medial, als auch physisch. Und als Konsequenz gewinnt die Zeitung nicht nur eine Leserschaft, sondern eine tatsächliche Gemeinschaft um sich.
+ Ich hatte vor fast einem Jahr schon über Cafés und Pop-up Stores von und für Medien geschrieben und wie Content und Commerce kollidieren.
Post-Peak-Content—Eine Thematik, die ich gerade wieder stark in meiner eigenen Timeline beobachten kann, ist die Überflutung mit Inhalten. Sowohl Andreas Spiegler (BrandEins), als auch Marcel Wichmann und Christopher Rauscher (Zeit) haben Artikel geschrieben, die in eine ähnliche Richtung gehen.
Ich folge auf Instagram und Twitter nur Menschen, die mich interessieren – aber es ist alles zu schnell und zu einfach. Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch Quantität an der Oberfläche bleibt, und da ist Überflüssigkeit folglich vorprogrammiert.
Wie kann ich dem Geräuschpegel der Streams entkommen?
Es ist eine Frage, die schon öfter gestellt wurde. Bereits vor knapp vier Jahren gab es eine Reihe von Artikeln, die sich um den “Peak Content” drehten oder den Zeitpunkt an dem die Menge der angebotenen Inhalte die verfügbare Aufmerksamkeit überschreiten.
To sum this up, the ecosystem we’re in right now is at highest editorial capacity for content, coupled with a shifting revenue stream away from publishers and to networks and large tech companies. There’s no hack that I or many smart people can see. That’s why we’ve reached “Peak Content.” It means that we’re at the top of the bell curve, probably exposed to more information and content than ever before.
Und sie lagen nicht falsch. Knapp drei Jahre später hat das Marktforschungsinstitut Midia einen Report über die Medienrealität nach dem Peak-Content veröffentlicht und kommt zu einigen interessanten, aber auch erwartbaren Schlüssen (Zusammenfassung / Ganze Studie):
  • Die Nutzung von Audio-Diensten und mobilen Gaming-Apps nimmt langsam aber stetig ab.
  • Konsumenten sortieren inzwischen Medien und Apps aus und konsumieren gezielter. Sie sind auĂźerdem weniger bereit neue Dienste auszuprobieren. (Siehe auch Digital Minimalism)
  • Wenn mein Produkt abhängig von der Aufmerksamkeit von Konsumenten ist, konkurriere ich automatisch mit jedem anderen Unternehmen mit dem gleichen Ziel. (Als Zeitung bedeutet das nicht mehr nur andere Zeitungen, sondern auch Netflix, Spotify & Co.)
  • Exklusive Inhalte aus Eigenproduktion sind die Geheimwaffe von Plattformen und Medien geworden und Strategien richten sich entsprechend aus.
+ Eine andere Konsequenz ist die Strategie einiger Medienhäuser inzwischen weniger, dafür bessere Artikel zu veröffentlichen, da so das ganze Angebot tatsächlich interessanter für Leser wird. Weniger Inhalte führen hier zu längeren Lesezeiten und mehr Abonnenten.
+ Wie viel Aufmerksamkeit Facebook einfängt, zeigt auch eine aktuelle Studie einiger amerikanischer Ökonomen. Menschen, die Facebook für einen Monat mieden, gewannen pro Tag 60 Minuten Zeit zurück, lasen dafür aber 15% weniger Nachrichten. (Ganze Studie)
MerkwĂĽrdiges & Anderes
Fraidycat—Keine echte Lösung des “Feed”-Problems, aber ein spannender Ansatz. Fraidycat hilft euch über Plattformen hinweg Menschen zu folgen und auf dem Laufenden zu bleiben. Ganz nettes Konzept.
HQ Trivia—In Bloombergs Post-Mortem der Smartphone Live-Gewinnshow-App HQ Trivia versteckt sich ein kleines, aber interessantes Detail:
And a group of former employees is currently shopping a documentary-style video series to a number of well-known streaming services, according to people familiar with the discussions.
Wenn mein hochgelobtes Startup schon mit Wumms gegen die Wand fährt, kann ich wenigstens noch eine Doku draus machen. (Ich nenne es einmal die Fyre-Festival-Contentstrategie 🤷🏻‍♂️)
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Johannes Klingebiel

Ein unregelmäßiges Zine rund um Technologie, Internet, Publishing und Merkwürdiges von Johannes Klingebiel.

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