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Plötzlich benannt

Hallo, warum reagieren alte, weiße Männer häufig so emotional (gerne auch als Zynismus getarnt), wenn
Plötzlich benannt
By Katharina Brunner • Issue #13 • View online
Hallo,
warum reagieren alte, weiße Männer häufig so emotional (gerne auch als Zynismus getarnt), wenn sie alte, weiße Männer genannt werden? Die Antwort: Weil sie es nicht gewohnt sind, von anderen mit einem Ektikett versehen zu werden. Denn die Geräte zur Auszeichnung hatten und haben sehr oft eben sie selbst in der Hand. Ein Schild klebt stattdessen an: den Frauen, den Ausländern, den Schwulen, den Muslima, den Anderen, all den Abweichnungen von der Norm. Und die Norm sind nun mal sie: die alten, weißen Männer.
Kübra Gümüşay erklärt dieses Phänomen ganz ausgezeichnet im Podcast Plan B im Gespräch mit Michael Seemann. Sie nennt das “die Benannten und die Unbenannten”.
Wer ein Etikett hat und stets mit seinen Handlungen nicht nur für sich selbst einstehen muss, sondern für eine ganze Gruppe an Menschen mit einer ähnlichen, benannten Eigenschaft, fühlt sich natürlich unbehaglich, sei es nun eine mittelalte, lesbische Frau oder ein alter, weißer Mann. Repräsentanz des Kollektivs nennt Gümüşay das im Podcast: Will ich, muss ich die Pressesprecherin meiner Gruppe sein? Gümüşay als eine der (viel zu wenigen) bekannten Frauen mit Kopftuch in gesellschaftlichen Diskussionen hat für sich die Frage mittlerweile mit “Nein” beantwortet: “Mir wurde bewusst: Ich bin Teil eines destruktiven Systems.”
Hier geht’s zur Podcast-Folge “Sprache und Sein”. Sehr gut investierte 90 Minuten, aber auch nach 10, 20 oder 30 ist man schon schlauer. Bald erscheint Gümüşays Buch dazu. Ich glaube, wir sollten es lesen, vor allem, wenn auf unserem Etikett auch “weiß” steht.
(Die bekannte Handauszeichnermaschine für Klebeetiketten stellt die Firma Meto her, eine Sendung dazu beim Deutschlandfunk).

Und außerdem:
Annette Ramelsbergerwar vor 30 Jahren Korrespondentin in der DDR. In der SZ schreibt sie über die Wendezeit: “Wie viel Geschichte verträgt der Mensch?”
Erinnerst du dich den Soldaten, der sich als Flüchtling ausgab? Dieser Franco A. ist befreundet mit einem Maximilian T., sie waren Arbeitskollegen, die Schwester des einen ist mit dem anderen zusammen. A. und T. eint rechtsextremes Denken, sie sind Mitglieder in Gruppen, die Feindeslisten anlegen und sich als Prepper für den “Tag X” vorbereiten. Wo arbeitet Maximilian T. jetzt? Im Bundestag, für die AfD, nur sieben Stunden die Woche, aber das reicht für Zugang zu den Gebäuden und Unterlagen. Die taz erklärt das genauer: “Risiko im Reichstag”
Christoph Niemann ist ein großertiger Illustrator und, zugegeben, der einzige, den ich mit Namen kenne. Für die New York Times war er in London und hat während des Brexits über den Brexit gezeichnet und geschrieben. “The Breakup - An illustrared guide to Brexit”
Letztens wurde mir von einem Rentner gesagt: “Bei euch ist das mit den Renten natürlich anders, aber ihr könnt euch ja drauf einstellen.” Schade, dass ich zu dem Zeitpunkt noch nichts von “OK, boomer” gehört hatte, die Reaktion auf Baby Boomer, die die Probleme jüngerer Generationen (Klima, Ungleichheit…) - also den Generationenkonflikt - einfach nicht einsehen wollen. Die Elisabeth hat mir (und Margarete Stockwoski) gestern erklärt, was es mit “OK, boomer” auf sich hat:
“Da gab es so einen Typen, der den Jungen „Peter Pan“-Syndrom attestierte. Daraufhin gab es auf TikTok ganz viele Gegenreaktionen. Sehr lustig zum Anschauen. Hier nachzulesen: "Why are Gen Z and millennials calling out boomers on TikTok? ‘OK, boomer,’ explained”
Ins neuseeländische Parlament hat es “OK, boomer” auch schon geschafft: Eine 25-jährige Abgeordnete hat so den Zwischenruf während ihrer Rede zur Klimakrise abprallen lassen.
Was mich dann sehr amüsiert hat: OK, boomer - aber als Zeitungen.
Schöne Zeit,
Katharina
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Katharina Brunner

Interessiere mich für das Weltgeschehen.

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