Tokio Newsletter 18

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Tokio Newsletter 18 vom 8. August 2021
Obligatorisches Fahnenschwenken. Yuriko Koike, Thomas Bach, Anne Hidalgo. (Foto: IMAGO/Panorami
Obligatorisches Fahnenschwenken. Yuriko Koike, Thomas Bach, Anne Hidalgo. (Foto: IMAGO/Panorami
TOKYO. Das war es dann also. Anne Hidalgo, Maire de Paris, hat die Olympische Fahne entgegen genommen. Das Feuer ist gerade verloschen. Thomas Bach (FDP) hat gesprochen, ich habe es kaum verstanden. Aber heute Morgen, auf dem dritten Teil der 138. IOC-Session, hat er ja auch nochmal viel erzählt, nur das Licht am Ende des Tunnels habe ich nicht gesehen und nicht gehört, aber vielleicht bin ich da inzwischen betriebsblind und taub.
Atmosphere of togetherness and friendship. The feeling went to the Olympic venues, you could feel it, you could see it, you could hear it. The unifying power of sport across the entire world. The Olympic Games happened at the right time to give hope and confidence not only to the Olympic community but to the entire world!
All that Olympic jazz.
Wie geht es Ihnen daheim eigentlich? Die meisten der 16 Millionen Abonnenten dieses Newsletters lesen ja in Deutschland. Was ist mit Ihren goose bumps? Haben Sie Ihre Gänsehaut unter Kontrolle? Your emotions?
Ich finde es weiterhin putzig, wenn ausgerechnet dieser IOC-Präsident neuerdings ständig von emotions redet. Wie einst Joseph Blatter, das schrieb ich bestimmt schon, der kam ständig mit dieser Nummer und tatschte dabei gern nach den Händen der Umstehenden. Wer bei drei nicht auf dem Baum war, dem hat er die Hand auf seinen Unterarm gelegt, um die emotions und all die goose bumps zu fühlen. Nun also Bach. Dabei habe ich so viele Emotionen von ihm noch nicht live erlebt. Ja, okay, im März, als er sich für weitere vier Jahre krönen ließ, auf diesem inszenierten IOC-Parteitag, ähnlich schlimm wie der vor einem Jahr, da war er demonstrativ emotionalisiert. Personenkult, sonst gar nichts.
Erinnern Sie sich?
März 2021: Vier Jahre Zuschlag für den IOC-Präsidenten. Mal schauen, ob es dabei bleibt. (Foto: IOC)
März 2021: Vier Jahre Zuschlag für den IOC-Präsidenten. Mal schauen, ob es dabei bleibt. (Foto: IOC)
Wenn ich nachdenke, dann fällt mir vor allem eine Situation ein, in der ich Thomas Bach mal ordentlich in Rage erlebt habe. Das hat mir gefallen. Eine zutiefst menschliche Regung. Er saß mir gegenüber und hat mit der Faust auf den Tisch geknallt. Mehrfach sogar, wenn ich mich recht erinnere. Sein Kommunikations-Adlatus Christian Klaue saß daneben und hat bestimmt Buch geführt. Jedenfalls, es war im September 2013 in Buenos Aires, kurz vor der IOC-Krönungsmesse von Bach, wir hatten uns eigentlich ganz gut unterhalten, ich jedenfalls war zufrieden mit einigen Details und glaubte, einige kleine Lücken geschlossen zu haben, egal - da fielen ihm die vielen Jahre davor ein und er wurde relativ laut. Was ich und andere, er meinte vor allem einen Kollegen von einer Süddeutschen Zeitung, mit dem ich einige Bücher geschrieben habe, ihm so alles anhängen wollten und angehängt haben, so ungefähr äußerte er sich, und was hat es gebracht? Die Antwort gab er gleich selbst: Nichts. Nichts. Nichts. Parallel dazu die Faust auf den Bistro-Tisch geknallt.
Derlei emotions habe ich hier vermisst. Ganz grundsätzlich.
Vergessen Sie nicht: Es sieht nur so aus, als säßen hier Zuschauer. (Foto: IMAGO/Beautiful Sports)
Vergessen Sie nicht: Es sieht nur so aus, als säßen hier Zuschauer. (Foto: IMAGO/Beautiful Sports)
Aber Sie wissen, dass ich mit meinen bizarren Hobbys, weniger Sport zu schauen, dafür aber IOC-Mitglieder, Prinzen, Milliardäre, Verbandspräsidenten, Co-Conspiratoren, Schmiergeldzahler, Schmiergeldempfänger, Fürsten, Scheichs und Emire zu beobachten und notfalls aufs Klo zu verfolgen, ein schlechter Zeitzeuge bin.
Ich sitze also noch ein bisschen im Main Press Center und frage mich, was das nun war. Die einfachste Antwort kennen Sie, die ist banal und doch so richtig: Die perfekt inszenierten TV-Bilder, Produkt einer Hightech-Partnerschaft der IOC-Firma OBS und IOC-Sponsoren wie Intel, Alibaba und anderen, sagen natürlich etwas anderes als das, was man als einfaches Menschenskind hier erlebt. Ich stand so manches Mal im Olympiastadion und dachte: Nö, das ist irgendwie nicht richtig. Es passt nicht, da müssten wenigstens ein paar tausend Japaner drin sein, die diesen teuren Spaß finanzieren. Glauben Sie mir, das dachte ich wirklich.
Aber okay, nun ist es vorbei - und das ist auch gut so. Die Corona Games gehen weiter. Für die Winterspiele im Februar 2022 in Peking deutet sich eine ähnliche Lösung an, ohne Zuschauer. Den Chinesen werden Corona-Ausnahmeregeln natürlich gefallen, da können sie die Gäste, vor allem Medienvertreter, noch besser kontrollieren und reglementieren. Ab jetzt also schauen wir nach Peking. Tokio aber wollen wir doch nicht vergessen, da gibt es einiges aufzuarbeiten.
Neulich am Brandenburger Tor.
Neulich am Brandenburger Tor.
Ich habe das gestern kurz angedeutet: Die Bilanz des DOSB, des deutschen Sports in Tokio, ist eine Bilanz des Schreckens. Tut mir leid.
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Der Deal der Leistungssportreform 2016 war: mehr Geld - mehr Medaillen.

Sportförderung des Bundes (BMI+Verteidg.):
2013-2016 = 0,935 Mrd€
2017-2020 = 1,757 Mrd€

Tokio-Resultat: weniger Medaillen bei mehr Events.

Heute sagt DOSB: Reform wird erst komplett ab 1.1.22 greifen. https://t.co/2qDaz0mICe
Ich bin nun wirklich kein Medaillenzähler, ich kann das internationale Umfeld inklusive der Dopingproblematik doch einigermaßen einschätzen, ich will keinen Staatssport, all so Sachen - und sage dennoch: Gemessen an dem gewaltigen finanziellen Aufwuchs, den der deutsche olympische Hochleistungssport in den vergangenen Jahren kassiert hat, gemessen auch an den Abmachungen in der Leistungssportreform (mehr Geld, mehr Medaillen), ist das eine ziemlich Katastrophe.
Darüber kann man nicht einfach hinwegsehen.
SPORT & POLITICS
Rekord-Steuermittel - aber nur 10 x Gold für die Bundesrepublik bei Sommerspielen und insgesamt keine 40 Medaillen.

Das gab es zuletzt 1976 in Montreal, oder @DOSB?

Damals <200 Entscheidungen, in Tokio 339.

(Die 1976er Statistik hat ja noch eine andere deutsche Komponente) https://t.co/vRAmGmMFRd
Ich kopiere Ihnen mal zwei Reaktionen hinein, die mich heute erreichten, bei denen ich die Verfasser nicht nenne. Gehen Sie einfach mal davon aus und glauben mir, dass es Personen sind, die viele Jahre lang in höchsten Stellen Verantwortung trugen und nach tragen.
Offenbar habe ich einen Nerv getroffen mit diesen Newslettern, so langsam gehen die Leser aus sich heraus, wenn sie aus der Branche kommen und aus sich heraus gehen und wir ins Gespräch kommen, ist das natürlich noch viel besser.
Reaktion 1:
Das kommt dabei heraus, wenn Dilettanten im Sport und der Regierung eine gut durchdachte Reform nach Gutdünken ins Gegenteil verkehren. Und das BMI schweigt zu dem Fiasko; müsste dann ja auch zugeben dass es seit 2018 fast alles falsch gemacht hat; personell, inhaltlich und strategisch. Das sind Ergebnisse, die entstehen, wenn Lobbyisten das Land regieren statt einer durch das Parlament kontrollierten Regierung. Aber da steht der Sport pars pro toto für viele Bereiche.
Reaktion 2, sehr auf Newsletter 17 bezogen (hier auch im Blog “Über den DOSB in Tokio, angebliche Intrigen und eine ganz eilig durchgeführte Kulturanalyse”) und die doch ziemlich exklusiven News, dass die DOSB-Führung, die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker, sich in Tokio um die sogenannte Kulturanalyse kümmert, von der man nicht weiß, was das soll, wie so vieles völlig unüberlegt, hilflos, chaotisch, amateurhaft.
Dass nun ein solches Projekt betrieben wird, und zwar noch von Tokio aus, das setzt dem Ganzen wirklich die Krone auf. Dass dieser culture change Prozess (tolle Wortschöpfung!) derzeit niemanden im deutschen Sport zu interessieren scheint, ist einerseits beunruhigend und andererseits bezeichnend. Desinteresse scheint mir derzeit die vorherrschende Stimmung zu sein.
Alarmierend scheint mir auch, wenn sich nun Maximilian Hartung, noch Chef von Athleten Deutschland, hinstellt und erklärt, sei alles gar nicht so schlimm, Medaillen seien nicht alles (Paywall, Die Zeit), Hauptsache mehr Geld, und klar, mehr Geld sollte es auch künftig geben. Da spricht der künftige Lobbyist, der neue Geschäftsführer der Sportstiftung NRW.
Da passt es an allen Ecken und Enden nicht.
Für irgendetwas muss man sich schon entscheiden.
Da bin ich wirklich gespannt, wie es weiter geht. Will man jetzt im Sport die Trilliarden kassieren und sich gar nicht mehr auf irgendwas festlegen lassen? Hat der Sport nicht stets behauptet, eine Leistungsgesellschaft zu sein? Ist es nicht auch in Deutschland möglich, sauber Leistung zu produzieren, die international konkurrenzfähig ist, zumindest in einigen mehr von 339 olympischen Wettbewerben bei Sommerspielen?
Wenn man das nicht will, kann man das Geld doch eigentlich dort einsetzen, wo es besser aufgehoben ist, oder?
Es sieht übrigens immer mehr danach aus, als müsste demnächst wirklich eine alteingesessene olympische Sportart weichen. Über das Gewichtheben und das olympische Programm habe ich in den vergangenen Tagen einiges gedichtet:
Heute hat die IOC-Session nun eine Änderung der Olympischen Charta beschlossen, die dem von Thomas Bach kontrollierten Exekutivkomitee noch mehr Macht gibt. Das Exekutivkomitee kann “jeden Sport zu jeder Zeit nach eigenem Ermessen” aus dem Olympischen Programm streichen.
Ende der Diskussion.
Proudly presented by SPORT & POLITICS
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Das wurde nicht mal mehr debattiert. Nur der Belgier Ingmar De Vos, als Präsident der Fédération Équestre Internationale (FEI) im IOC, hatte da eine Frage. Diese Frage leitete er mit einem Lob an Thomas Bach ein:
“Mister president, thank you for having been our leader in these difficult times!”
Dann setzte er fort:
“A little, question, I apologize. I am surprised to see that at a Sunday morning.”
Damit meinte er das Dokument zur Änderung der Regel 45, das Sie oben gesehen haben. Okay, das war nicht wirklich eine Frage, sondern irgendwie nur ein versteckter, verdruckster Hinweis. So ist das im IOC. Natürlich muss es jedem Verbandspräsidenten im IOC eiskalt den Rücken hinunter gefahren sein. Es kann ab jetzt alles sehr schnell gehen. De Vos weiß das als Reitersmann. Ein Skandal mehr und du bist draußen. Klaus Schormann, ich habe das im Newsletter 17 skizziert (Black Card für den Modernen Fünfkampf), weiß das als Verbandspräsident des Modernen Fünfkampfes auch - was waren das für katastrophale TV-Bilder vom Reiten am Freitag, das hat die heile Bilderwelt des IOC mächtig durcheinander gewirbelt. Da ist man nachtragend.
Immerhin gewährte die IOC-Führung dem Kollegen De Vos eine Antwort. Hier war es wieder Bachs Kumpel und Prätorianer John Coates, mit Brisbane 2032 der erste Olympiasieger in Tokio, der die Erläuterungen übernahm. Wenn ein Verband viermal unseren Empfehlungen nicht folgt, müssen wir irgendwann handeln. Viel mehr sagte Coates gar nicht. Er meinte die International Weightlifting Federation (IWF), natürlich.
Ab jetzt kann das Exekutivkomitee binnen weniger Stunden den Ausschluss verfügen. Ich habe wenig Zweifel daran. Ein weiterer Fall genügt, zumal die teilweise kriminellen Kameraden in der IWF ja so weiter machen und sich kaum bändigen lassen. Coates:
They have been given very specific recommendations that have not been followed.
The Executive Board made those directions for good reason, to ensure the reputation of the Olympic Movement, our reputation, was not tarnished.
If Federations are going to continue to disregard directions, then there should be this power in there.
Die IOC-Session wählte wie erwartet die Finnin Emma Terho als Athletensprecherin ins Exekutivkomitee. Als neue Mitglieder wurden Pau Gasol (Spanien), Yuki Ota (Japan),Federica Pellegrini (Italien), Maja Martyna Wloszczowska (Polen), Humphrey Kayange (Kenia), diesmal von Bach ausgewählt, sowie Astrid Uhrenholdt Jacobsen aus Norwegen bestellt. Deren Fall aus dem Jahr 2018, als Bach eine Chinesin vorzog, die weniger Stimmen hatte als die Norwegerin, hatte ich kürzlich ebenfalls erwähnt. Stimmt alles, nur war mir entgangenen, dass Uhrenholdt Jacobsen schon vor einigen Monaten, nach dem Rückzug der Amerikanerin Kikkan Randell, als Nachrückerin genannt wurde. Derzeit gibt es also 103 IOC-Mitglieder, wovon zwei selbst suspendiert sind (Pat Hickey und Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah). Das bereite ich ihnen demnächst nochmal ganz fein auf, mache ich doch gern.
Für heute soll es das gewesen sein. Das Feuer ist erloschen, aber ich habe längst nicht fertig. Sie bekommen noch Newsletter aus Tokio und dann auch die Hinweise, wie es danach weiter geht.
Selbstverständlich habe ich mir heute, diese Tradition pflege ich, mein olympisches Participation Certificate besorgt. Ich habe schon einige davon, aber leider nicht von allen dreizehn bisherigen Olympischen Spielen, bei denen ich mein Unwesen getrieben habe.
In recognition of and appreciation for your contribution to the success of the Games of the XXXII Olympiad Tokyo 2020.
Schauen Sie mal, ist das nicht nett:
Proudly presented by the IOC, TOCOG and SPORT & POLITICS
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Dies für heute. Bleiben Sie neugierig!
Was soll das?
Dieser Newsletter ist eine Ergänzung der Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. Ich freue mich über jeden Einkauf im Shop, über jeden gebuchten Olympiapass. Journalismus wie dieser und eine knapp vierwöchige Weltreise nach Tokio kosten eine Menge. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:
Alle Newsletter:
Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit letztendlich sieben E-Books und vier E-Papern.
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Jens Weinreich
Jens Weinreich @jensweinreich

Investigations. Olympic Education. Analysis. Background. Sometimes exclusive. Sport politics. Beijing 2022, Qatar 2022, Olympic crimes and other scandals.

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