Profil anzeigen

Tokio Newsletter 16

Newsletter SPORT & POLITICS
Tokio Newsletter 16 vom 7. August 2021
Ohne Worte. Das Drama kann jeder sehen und begreifen. (Foto: IMAGO/Sven Simon)
Ohne Worte. Das Drama kann jeder sehen und begreifen. (Foto: IMAGO/Sven Simon)
URAYASU. Moin, moin, kaum sind die Spiele (fast) um, klappt es auch mit dem morgendlichen Newsletter. Monothematisch, einige Hintergründe zu einem der Aufreger aus deutscher Sicht: dem Modernen Fünfkampf, wo die Berlinerin Annika Schleu eine traumatische olympische Erfahrung machen musste, wie Sie alle längst wissen: Sie lag auf Gold-Kurs, dann verweigerte das ihr zugeloste Pferd die Arbeit. Rang 31 - von 36 - statt einer Medaille. So eine Situation möchte niemand erleben.
Da brechen Welten zusammen. Ähnlich erging es der Peking-Olympiasiegerin Lena Schöneborn 2016 in Rio de Janeiro.
Die bewegten bewegenden und erbittert diskutierten Bilder dazu finden Sie auf den Webseiten der TV-Rechteinhaber, auch die Interviews und die Tränen. Auf den Social-Media-Kanälen Ihrer Wahl finden Sie ebenfalls viel dazu - nebst allen Diskussionen über Tierquälerei u.a.m.
Klaus Schormann (75) aber sagt, es sei alles genial und super gewesen.
Schormann ist Jahrhunderten Präsident der Union Internationale de Pentathlon Modern (UIPM), war sogar schon Präsident dieses Verbandes, als dieser gemeinsam mit Biathlon eine Föderation bildete - wer weiß das heute schon noch, deshalb gibt es diesen Newsletter und das Magazin SPORT & POLITICS für olympische Bildung. Als Schormann antrat, im vergangenen Jahrtausend, hieß der Weltverband Union Internationale de Pentathlon Moderne et Biathlon (UIPMB). Der liebe Klaus, ich sage das ohne jede Häme, hat eine neue Zeitrechnung für Biathlon begründet, wie er gern und mit wunderbaren Episoden gespickt erzählt, und er hat den Modernen Fünfkampf nicht nur einmal vor dem Olympia-Aus gerettet:
1996, als IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch bereits das Aus angekündigt hatte, sich aber dann auf dem ANOC-Kongress in Cancún revidierte; 2002, als IOC-Präsident Jacques Rogge auf der Session in Mexiko City den Fünfkampf streichen lassen wollte; 2005, als Fünfkampf auf der Session in Singapur wieder auf der Streichliste stand - und auch sonst eigentlich ständig. Ein Resultat dieses Kampfes war, dass sich Schormanns Traum nie erfüllte, ex officio in seiner Eigenschaft als UIPM-Supremo IOC-Mitglied zu werden. Rogge konnte das natürlich nicht zulassen, hatte ihm Schormann im Verbund mit anderen Funktionären aus umstrittenen Sportarten doch damals gewaltige politische Niederlagen bereitet. Gleichzeitig aber bat Schormann auf seinen Audienzen, etwa 2007 in Guatemala und anderswo, um eine IOC-Mitgliedschaft.
Ich werde nie jenen Abend im Juni 2008 vergessen, als Schormann auf der Dachterasse des Hilton Athens ähnlich emotional reagierte, wie gestern Annika Schleu. Er weinte. Und ja, er nahm auch ein paar Schlückchen, denn gerade hatte das IOC die Liste der neuen IOC-Mitglieder vorgelegt, die kurz darauf in Peking bei der Session aufgenommen werden sollten. Schormann war wieder nicht dabei, stattdessen der Türke Uğur Erdener, der gerade erst als Präsident des Weltverbandes der Bogenschützen (heute World Archery/WA) angetreten war - und dessen persönlicher Mitarbeiter mir auf der Dachterasse erzählte: “Stell Dir vor, wir hatten damit gar nicht gerechnet. Wir beginnen ja gerade mit der Arbeit und wollten die IOC-Mitgliedschaft in ein paar Jahren ins Auge fassen.”
Armer Klaus Schormann. Er ist ein Filou, er ist hart im Nehmen, ein Stehaufmännchen, das eine neue Sportart erfunden hat - der zweite Erfinder des Modernen Fünfkampfes nach Pierre de Coubertin, aus dessen Werken Schormann im Original zitieren kann. Die teure Mehrtages-Veranstaltung wurde gewaltig entschlackt und zu einem Event umgemodelt. Es gibt neue Disziplinen - im Grunde alles neu, außer …
... das Problem mit den Pferden ist geblieben.
Das hat die Welt gestern gesehen und sich gewundert. So steht Modern Pentathlon wieder auf der Kippe, machen wir uns nichts vor, das ist so.
Zum Problem mit den Pferden gab es vor einigen Tagen einen sehr guten Beitrag im Deutschlandfunk, kann ich empfehlen. Seit gestern nehme ich zwar viel Aufgeregtes zur Kenntnis, hier aber wird gut erklärt:
Moderner Fünfkampf - Schlecht geritten
Wenn Schormann in Tokio nun mit den Worten zitiert wird, “Alles war genial, war super”, dann macht er sich leider zur Lachnummer.
Muss doch nicht sein. Lieber Herr Schormann, denken Sie nochmal nach.
Jeder hat gesehen, dass es ganz anders gewesen ist.
Wenn man in der Darmstädter Stadtvilla im Obergeschoss das UIPM-Präsidentenbüro von Klaus Schormann betritt, im Untergeschoss residiert der deutsche Verband, muss man übrigens über diesen interessanten Teppich schreiten …
Dies ist kein Fußabtreter, sondern ein Teppich, ein Geschenk für den Präsidenten.
Dies ist kein Fußabtreter, sondern ein Teppich, ein Geschenk für den Präsidenten.
… die Freunde aus Usbekistan haben den Teppich weben lassen, gewiss von Webern, die gut bezahlt wurden, nicht etwa von Kindern. Jedenfalls steht dort oben, rechts neben dem Foto von Klaus Schormann:
“Developing Modern Pentathlon Together”.
Sie sehen, dieses together, das nach Thomas Bachs Willen nun offiziell das coubertin'sche Motto Olympias erweitert, haben die Fünfkämpfer längst verinnerlicht. Jetzt muss der gute Klaus Schormann, der im Herbst eine weitere Amtszeit dranhängt, also weiter developen und lobbyieren und seine Netzwerke knüpfen und seine Leute in Stellung bringen und dafür sorgen, dass es den Fünfkampf nicht erwischt, denn - das passiert morgen - die IOC-Session beschließt eine Änderung der Olympischen Charta und entmachtet sich weiter, in dem sie dem IOC-Exekutivkomitee erlaubt, ab sofort Sportarten zu streichen. Das ist ein Signal.
Wenn Sie jetzt fragen sollten: IOC-Session, ist die nicht längst beendet? Dann lautet die Antwort: Bei Olympischen Spielen wird die Session, die vor der Eröffnungsfeier stattfindet, immer nur unterbrochen, um am Abschlusstag wieder zusammen zu kommen, die neuen Athletenvertreter aufzunehmen - und hin und wieder einige Kleinigkeiten zusätzlich zu erledigen. Ich komme in einem der beiden Newsletter am Sonntag darauf zurück, nach der 138. IOC-Vollversammlung.
Zu Schormanns Truppe in der UIPM zählen traditionell sehr einflussreiche IOC-Mitglieder: Juan Antonio Samaranch jr als Erster Vizepräsident zum Beispiel, ebenfalls seit Jahrhunderten im UIPM-Vorstand, sowie als Honorary President der UIPM ein gewisser Albert II. Grimaldi, par la Grâce de Dieu Prince de Monaco, Duc de ValentinoisMarquis des BauxComte de CarladèsBaron du BuisSeigneur de Saint-RémySire de Matignon, Comte de Torigni, Baron de Saint-Lô, de la Luthumière et de HambyeDuc d’Estouteville, de Mazarin et de Mayenne, Prince de Château-Porcien, Comte de Ferrette, de Belfort, de Thann et de Rosemont, Baron d’Altkirch, Seigneur d’Isenheim, Marquis de Chilly, Comte de Longjumeau, Baron de Massy, Marquis de Guiscard - letzteren kennen Sie gewiss unter dem Label Prinz Albert oder Fürst Albert II. von Monaco.
Die deutsche Teamleitung dieser Tokio-Expedition hat sich auf Ihrer Abschlusspressekonferenz vor zwei Stunden übrigens sehr deutlich zum Vorfall im Modernen Fünfkampf geäußert. Ich liefere Ihnen die Aussagen des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann mal in Bullet Points, ausnahmsweise, ist alles nahezu wörtlich:
  • War im Stadion. Live miterlebt von der ersten bis zur letzten Reiterin
  • Bewusst mit dem einen Tag Abstand die Delegationsleitung einberufen hier im Olympischen Dorf - mit Sportdirektorin Fünfkampf, mit Bundestrainerin, in Teilbereichen mit Annika Schleu
  • Internationales Regelwerk bedarf dringend einer Überarbeitung
  • Zahlreiche Szenen sind inakzeptabel
  • Schaden für das Tierwohl und das Ansehen von Sportart und Sportlern und Sportlerinnen
  • Eklatante Mängel in der Reglementierung
  • Man hätte dieses Pferd, das schon einmal verweigerte, kein zweites Mal auf den Parcours lassen dürfen
  • Internationaler Verband hat allen Grund, das noch einmal zu reflektieren
  • Bundestrainerin Kim Raisner wird heute, beim Wettbewerb der Männer, weder am Parcours noch am Arbeitsplatz eine Aufgabe übernehmen
  • Wir fordern den nationalen und internationalen Verband nachdrücklich auf, vor allem auch unter Berücksichtigung des Tierwohls, das Reglement zu überprüfen
  • Reglement nicht so umgesetzt, dass das mit den Werten des Sports vertretbar ist
  • Manche Reiterinnen waren schlichtweg nicht ausreichend vorbereitet
  • Gesamtquote der Abwürfe, Verweigerungen zeigt, dass das nicht die Perspektive für den Modernen Fünfkampf in der Zukunft sein kann
Ich denke, was Alfons Hörmann (CSU) da sagt, ist ausnahmsweise mehrheitsfähig. Das wird Klaus Schormann auch begreifen - oder begreifen müssen. Denn die Reaktionen sind eine Katastrophe.
Mehr zum DOSB, garniert mit einigen exklusiven Dokumenten, gibt es später in einem weiteren Newsletter. Ich hatte doch gestern versprochen, die ausgefallenen Sendungen nachzuholen.
Athleten Deutschland hat gerade ein Statement geschickt, dann nochmal überarbeitet. Da wird auf Social Media geschimpft, das bin ich so leid.
Athleten Deutschland steht an der Seite von Annika Schleu. Die Anfeindungen und der teils offene Hass, der ihr seit dem gestrigen Reit-Wettkampf in den sozialen Netzwerken entgegenschlägt, ist inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen. Kritik an den Vorkommnissen im Wettkampf ist völlig legitim und sollte Anlass zu einer Debatte um Änderungen des Reitreglements sein. Der Weltverband UIPM muss jetzt handeln, um den Schutz der Tiere und angemessene Wettkampfbedingungen für die Athlet*innen in Zukunft zu gewährleisten. 
Ist mir alles zu billig. Das böse Internet! der Verband vernünftigere Regeln, wäre das nicht passiert. Ende.
Stay tuned - bleiben Sie neugierig!
Was soll das?
Dieser Newsletter ist eine Ergänzung der Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. Ich freue mich über jeden Einkauf im Shop, über jeden gebuchten Olympiapass. Journalismus wie dieser und eine knapp vierwöchige Weltreise nach Tokio kosten eine Menge. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:
Alle Newsletter:
Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit letztendlich sieben E-Books und vier E-Papern.
Don’t miss out on the other issues by Jens Weinreich
Hat Dir diese Ausgabe gefallen? Ja Nein
Jens Weinreich
Jens Weinreich @jensweinreich

Olympische Bildung. Analyse. Hintergrund. Exklusives. Sportpolitik. Peking 2022, Katar 2022 & andere Skandale.

You can manage your subscription hier
Wenn Du keine weiteren Ausgaben mehr erhalten möchtest, kannst Du den Newsletter hier abbestellen.
Wenn Dir dieser Newsletter weitergeleitet wurde und er Dir gefällt, kannst Du ihn hier abonnieren.
Created with Revue by Twitter.
SPORT & POLITICS, Parkstraße 13, 16348 Wandlitz, Deutschland