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Tokio Newsletter 15

Newsletter SPORT & POLITICS
Tokio Newsletter 15 vom 5. August 2021
Einmal den Fuji sehen. Vom Olympiastadion aus kann man das.
Einmal den Fuji sehen. Vom Olympiastadion aus kann man das.
URAYASU. Da ist er wieder! Vielen Dank für die vielen besorgten Emails, die guten Wünsche und Fragen, ob es mir gut gehe. Ja. Alles bestens. Unkraut vergeht nicht, oder um mit einem Movie-Zitat und ein bisschen blöder Kriegsmetaphorik zu kommen: “zäh und kampfeslustig”. Mal sehen, wer es errät oder weiß, woher das Zitat stammt. Anyway, ich hatte zu tun, habe andere Dinge vorbereitet und war intensiv für den SPIEGEL eingespannt. Das wird dem nächsten Heft von SPORT & POLITICS außerordentlich gut tun. Dazwischen bin ich nachts einfach mal sanft am Schreibtisch entschlummert, beim Versuch, einen Newsletter zu schreiben. Hatte es kürzlich mal getwittert: Der Körper, der alte Schweinehund, holt sich, was er braucht, da kann man nichts machen, da sollte man im fortgeschrittenen Alter nicht opponieren. Lieber ein paar Flaschen ekelhafte Brause, wie jetzt: Ich opfere mich auf für Sie und trinke Red Bull.
Und nun wollen wir doch mal sehen, ob der Newsletter-Rückstand (-2) aufzuholen ist bis zu meiner Rückreise kommenden Dienstag. Um das gefühlige Eingangskapitelchen abzurunden, denn es geht ja bei diesen Olympischen Corona Spielen um Emotionen, hat sogar Thomas Bach gesagt, der sonst eher unverdächtig ist, Gefühle zu zeigen: Ich gehe sehr beschwingt aus diesem Abenteuer.
Sie glauben gar nicht, wie motiviert, voller Ideen, Geschichten und Vorhaben und mit einer um Trillionen Bullet Points verlängerten to-do-Liste. An Projekten und Themen ist kein Mangel, ich bin ihnen noch Magazine und Ebüchlein schuldig, und die werden gut.
Schließlich: Der Newsletter wird wöchentlich fortgeführt, bei Bedarf auch öfter. Alles hat seine Zeit, und neben der Diskussion auf Twitter, wo ich in den vergangenen Wochen einige Millionen Impressions erreicht habe (keine Fantastilliarden wie das IOC, dazu später ausführlich mehr), ist so ein Newsletter derzeit wohl das Mittel der Wahl. Die Leser beschweren sich bisher nur, wenn die elektronische Post ausbleibt. Auch IOC-Menschen beschweren sich dann und möchten unbedingt, dass ich die Sache überprüfe. Mache ich doch gern. Ich merke also, die Kundschaft vermisst schon etwas, und das ist auch gut so. Wir haben noch viel vor miteinander. Das werden wir für die Winterspiele 2022 in Peking und für Fußball-WM in Katar dann aber so richtig intensiv umsetzen und genießen.
Bis dahin können Sie gern für diesen Newsletter werben. Und wenn Sie noch nicht im Shop waren und also nicht zu den Millionen Menschen zählen, die einen Tokio-Pass gebucht haben, dann wird es höchste Zeit. Die New York Times meldete gerade acht Millionen digitale Abonnenten. Das ist mein nächstes Ziel, überhaupt keine Frage.
Vielleicht werden die Tools bei Mailchimp und Revue, die ich gerade ausprobiere, irgendwann ausgereift und professionell zum Produzieren. Derzeit ist es eine Katastrophe. Viele Empfänger erhalten keine Newsletter oder nicht immer. Ich kann das leider nicht ändern und nicht wirklich überprüfen. Bei Revue ging mir vor fünf Minuten die Arbeit der vergangenen fünf Stunden, also dieser Nacht, verloren - einfach so. Weg waren Texte, Formatierungen, Fotos. Das wünsche ich keinem.
Kennt jemand zuverlässigere Anbieter?
Also neu beginnen, damit Sie etwas Lektüre haben.
Korrektur des Tages
Kaukasische Urgewalt: 177 Kilo Lebendgewicht, 488 Kilo im Zweikampf, ein Name: Lascha Talachadse (Foto: IMAGO/Xinhua)
Kaukasische Urgewalt: 177 Kilo Lebendgewicht, 488 Kilo im Zweikampf, ein Name: Lascha Talachadse (Foto: IMAGO/Xinhua)
Was bin ich froh, gestern noch schnell zu den kernigen Kerls ins Tokyo International Forum gegangen zu sein. Es war ein Erlebnis, wie immer bei den Superschweren. Korrigieren möchte ich allerdings einen blöden Fehler: Zunächst hatte ich auf Twitter dem Olympiasieger Lascha Talachadse, der mit knapp einem Zentner Vorsprung gewann, korrekt drei Weltrekorde und acht Olympische Rekorde in einem Wettkampf zugeschrieben. Dann aber kam ich beim gründlichen nochmaligen Zählen plötzlich auf fünf Weltrekorde. So stand es zunächst auch in meinem Text für den SPIEGEL. Dabei war dieser Fehler nicht etwa auf Dummheit oder eine Flüchtigkeit zurückzuführen, sondern gewissermaßen auf zu viel Aktenstudium. Ich habe sogar das gemacht, was ich bei Statistiken Idiotentest nenne. Habe mir eine zweite Person geholt, in diesem Fall ein Gewichtheber-Superhirn aus dem Presseteam hier in Tokio, und bin jeden Versuch durchgegangen. Strichliste haben wir geführt und das dreimal. Indes, unser Bezugspunkt war falsch, ein falscher Ausgangswert für den Weltrekord. So entstehen Fehler, manchmal kann man es zu gründlich machen. Und manchmal arbeitet man flüchtig - und trifft ins Schwarze. Manchmal wiederum kann man recherchieren und recherchieren und ist vielleicht sogar zufrieden mit der Arbeit - und versaut es sich mit einem Flüchtigkeitsfehler und kassiert eine Klage oder eine Gegendarstellung. So ist das im Journalismus.
Lascha Talachadse wird natürlich nicht klagen. Ob 13 oder nur 11 Rekorde bei Olympia, das ist ihm ziemlich egal. Er fand die Frage offenbar sogar amüsant, die ich ihm in der Mixed Zone stellte, wo wir allein waren, wenn ich von den vielen Volunteers absehe. Wie schräg: Ein Olympiasieger und ein komischer Reporter aus Deutschland - allein für ein paar Minuten, kein anderer Mensch interessierte sich für Talachadse. Und er wusste selbst nicht, wie viele Rekorde das in Tokio waren.
Holger Gertz war übrigens auch zugegen, hat er mir heute erzählt, gesehen haben wir uns diesmal nicht. Er schrieb in der Süddeutschen Zeitung über “Lasten im Gegenwert von Jungelefanten”.
Ich hatte gedichtet:
Den Gesetzen der Schwerkraft muss sich manchmal sogar ein Prachtkerl wie Lascha Talachadse beugen. Der bärtige Georgier, mächtig genährt und auf die Minute topfit, erzielte in einem einzigen Wettbewerb im Tokyo International Forum drei Weltrekorde sowie sage und schreibe acht Olympische Rekorde. Der stärkste Mann der Welt hebt in einer anderen Liga. Die Konkurrenten hätten sich auf Talachadse Hantel setzen können, er hätte auch diese Gewichte fachgerecht verarbeitet und über seinem Schädel fixiert. Lascha Talachadse wurde mit einem Zentner Vorsprung Olympiasieger in der Klasse der Superschweren, wie 2016 in Rio de Janeiro.
Zum ersten Versuch im Stoßen trat Talachadse erst an, nachdem alle anderen bereits am Ende waren und die Teams aus Iran und Syrien ihre Heber schon für deren Silber- und Bronzemedaillen feierten. Dann der Meister: 177 Kilogramm Lebendgewicht, auch in dieser Kategorie der Primus. Ein Bauch wie ein Walross. Tief Luft geholt, ein Stöhnen, man sah sogar, dass er sich anstrengen musste. Schon war der nächste Rekord im Kasten. 
Doch irgendwann muss das Eisen zu Boden, die Schwerkraft halt, da kann man nichts machen. Lascha Talachadse geht mit seiner Zentnerlast nicht etwa noch spazieren, nein, er lässt es dann mächtig krachen. Es beruhigt ungemein, die Hanteln fallen zu sehen und zu hören, denn es gibt aus Tokio doch mittlerweile so viele Berichte darüber, dass Athleten angeblich den Gesetzen der Schwerkraft trotzen, quietschvergnügt einen Weltrekord nach dem anderen aufstellen, ja geradezu fliegen - gerade ein paar Kilometer weiter westlich von der Gewichtheber-Arena ist das zu beobachten, im Olympiastadion bei den Leichtathleten.
Die Deutsche Presse-Agentur ging der Sache mit der neuen Laufbahn gerade auf die Spur und verbreitete diese Version: „Dreidimensionale Gummikörnchen, die eine Stoßdämpfung und eine Energierückgabe ermöglichen, wie bei einem Trampolin.“ Bloß merkwürdig, dass der Trampolineffekt nebst Stoßdämpfung nur in einigen Disziplinen und nicht bei allen Athleten wirken. Im Gewichtheben, nun ja, wäre so ein Trampolineffekt lebensgefährlich. Wer will schon Fünfzentnerlasten, wie sie Lascha Talachadse liebt, durch die Gegend federn lassen.
Feierstunde: Georgische Reporterin, georgischer Herkules.
Feierstunde: Georgische Reporterin, georgischer Herkules.
Auf der Pressekonferenz habe ich getan, was ich bei den Superschweren schon 1996, 2000 und 2004 getan habe: Mich nach Doping erkundigt.
Wie Sie wissen, ist Gewichtheben, erschüttert von flächendeckendem Doping und schwerer Kriminalität an der Spitze des Weltverbandes IWF, nur auf Bewährung olympisch. Für Paris 2024 steht die Sportart zwar im Programm, doch bis dahin sind es drei Jahre und wird es also Dutzende neue Fälle geben, mindestens. Sollte das so kommen, würde das IOC Gewichtheben aus dem Programm streichen. Obwohl die Wettbewerbe ganz zackig unterhaltsam organisiert werden. Aber das ist nebensächlich.
Ich wollte von den drei Medaillengewinnern wissen:
Die ganze Welt zweifelt an der Sauberkeit ihres Sports - was sagen Sie den Menschen da draußen, warum sollten die Menschen Ihnen glauben?
Lascha Talachadse war von 2013 bis 2015 wegen Dopings gesperrt. Nachgewiesen hatte man ihm das Ben-Johnson-Gedächtnismittel Stanozolol. Er schaut jetzt immerhin auf von seinem Smartphone.
„Gewichtheben war immer im olympischen Programm“, sagt er. „Und das sollte auch so bleiben! Meine Botschaft an die Leute, die zweifeln, ist die: Bestraft all diejenigen, die betrügen. Aber bestraft nicht die Unschuldigen!“
Nun der Gewinner der Silbermedaille, Ali Davoudi aus dem Iran, der gerade drei Junioren-Weltrekorde aufgestellt hat und als Nachfolger des vielfachen Weltmeisters und Olympiasiegers Hossein Rezazadeh gilt.
„Die Menschen im Iran sind glücklich über meine Silbermedaille“, erklärt Ali Davoudi. „Gewichtheben ist unsere Sportart, so populär. Ich will den Menschen noch viel Freude bereiten.“
Schließlich der Dritte, Assad Man aus Syrien. Er wird ganz philosophisch:
„Gewichtheben ist die Ikone der Kraft. Ich frage die Presse: Wenn Gewichtheben aus dem olympischen Programm gestrichen würde, welche andere Sportart sollte unseren Sport als das Symbol der puren Kraft ersetzen?“ 
Dabei schaut mich Assad Man von seinem Podium unentwegt an. Er sucht den Blickkontakt, um seine Botschaft zu unterstützen.
Gelernt ist gelernt. Die drei Recken antworten nicht zum ersten Mal auf derartige Fragen. Im Vergleich zu früheren Olympischen Spielen gehen die Gewichtheber routiniert damit um. Mit dem Zweifel der Medienvertreter, also jener Journalisten, die nicht aus dem Iran kommen und sich noch im Saal der Pressekonferenz mit den Hebern fotografieren. Bei früheren Olympischen Spielen taten schon die Dolmetscher so, als könnten sie die Fragen nicht verstehen. Und wenn sie verstanden hatten, taten die Heber gern so, als bliebe ihnen der Sinn der Fragen verborgen. Manche Sportler verließen wortlos die Pressekonferenz, andere, wie einst auch der iranische Nationalheld Rezazadeh, schwiegen einfach. Minutenlang.
So hatte ich es 2000 in Sydney erlebt: Ronny Weller baute nach meiner Frage nach Trainingskontrollen seine Dopingpässe vor sich auf, er stellte sie vor die Trinkflaschen des IOC-Sponsors. Der Armenier Aschot Danieljan verließ schweigend den Saal, einfach so. Zwei Tage später kam seine positive Dopingprobe. Olympiasieger Hossein Rezazedeh schwieg, er und der Dolmetscher waren sich irgendwie einig.
Da sind die Jungs heute doch von einem anderen Kaliber.
Es wird am Ende kaum helfen.
Die olympischen Wettbewerbe von Tokio, bei denen chinesische GewichtheberInnen sieben (oder waren es 700?) Goldmedaillen gewannen und bei denen Talachadse jederzeit den Eindruck machte, als könne er zehn Pferde mehr in die Höhe wuchten, sind lange nicht beendet. Frühestens 2031 stehen die Ergebnislisten, solange bleiben die Dopingproben eingefroren und können bei Bedarf nachgetestet werden. Ich schätze, dass die Tokio-Wettbewerbe vielleicht erst nach den Olympischen Sommerspielen 2032 in Brisbane enden.
Es könnte der letzte Auftritt von Gewichthebern bei Olympischen Spielen gewesen sein. Und ich war dabei. Das war ich gewissermaßen meiner Familie schuldig, denn ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Mein Stiefvater ist ehrenamtlicher Manager des mehrmaligen deutschen Mannschaftsmeisters SSV Samswegen, meine Mama hat viele Jahre Eintritt kassiert bei Bundesligakämpfen und auch sonst mit allen möglichen Tätigkeiten ausgeholfen. So ist das in diesem Sport in der Bundesliga.
Destination des Tages
The girl just want to run. Kristina Timanowskaja in Warschau. (Foto: IMAGO)
The girl just want to run. Kristina Timanowskaja in Warschau. (Foto: IMAGO)
Kristina Timanowskaja ist über Wien nach Warschau geflogen und hat dort heute eine erste Pressekonferenz gegeben. Ihre Geschichte gehört ebenso zu den großen Themen dieser Olympischen Spiele. Und dabei geht es um mehr als einen mörderischen Diktator in Belarus. Ihre Geschichte lässt sich in den großen Konflikt dieser olympischen Jahre integrieren:
Sportler begehren auf und wollen nicht länger Spielball der Mächtigen sein. Ob diese Mächtigen nun Lukaschenko oder IOC heißen. Bevor erste Leser aufheulen, die aus Lausanne zum Beispiel: Nein, ich setze hier nicht Thomas Bach mit Alexander Lukaschenko gleich. Bitte nachdenken.
Danke.
Und damit nach China.
Regelverstoß des Tages
Chinesische Radsportlerinnen, Pins des Großen Vorsitzenden Mao Zedong. (Foto: IMAGO)
Chinesische Radsportlerinnen, Pins des Großen Vorsitzenden Mao Zedong. (Foto: IMAGO)
Das IOC und seine Rule 50. Politische Botschaften und so. Als solche werden vom IOC ja gern auch simple humanitäre Gesten, das Eintreten gegen Rassismus und für die Menschenrechte gewertet, die doch universal sind und in allen Ländern gelten sollten. Sogar in China, Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022. In Tokio trugen die Teamsprint-Olympiasiegerinnen Bao Shanju und Zhong Tianshi Anfang der Woche Sticker an den Trainingsjacken, Sticker des Großen Vorsitzenden Mao Zedong, der für den Tod von wie vielen Menschen verantwortlich ist: 100 Millionen? Das IOC, so heißt es, habe einen Bericht angefordert.
Aber sooooo wichtig nehmen sie das nun auch nicht in Lausanne.
Grit Hartmann
Impressive op-ed by Chinese artist @badiucao on why it's hurtful to see #Olympic Champions wearing #Mao badges during the medal ceremony. #Tokyo2020 #IOC https://t.co/k1ZXw86ADu
Ich weiß nicht, ob dieser von Grit Hartmann empfohlene Beitrag tatsächlich nicht mehr auf der Webseite von ABC verfügbar ist. Vor einigen Stunden war er das noch. Momentan erscheint nur diese Meldung:
ABC.net.au: Page not Found
Das mag an den Interneteinstellungen hier liegen, vielleicht kommt man von Deutschland daran. Vielleicht aber hat sich da hinter den Kulissen auch etwas ereignet, wovon wir gewiss bald hören würden.
Vielleicht wird die Webseite auch in diesen Minuten von chinesischen Hackern lahmgelegt:
Screenshot ABC, 5. August 2021, 22.04 Uhr MESZ.
Screenshot ABC, 5. August 2021, 22.04 Uhr MESZ.
Jedenfalls, in dem Text des chinesischen Künstlers @badiucao ging es darum, das hatte ich noch rechtzeitig kopiert:
The revival of the use of Mao’s badges has an undeniable political motivation. Chinese President Xi Jinping, regarded as the most powerful figure since Mao, has fully oriented China towards a kind of nationalist fervour and has praised communist ideology throughout the one-hundredth anniversary of the CCP. At the same time, egregious human rights crises, like Xinjiang’s concentration camps and the crackdown on the democratic movement in Hong Kong, have emerged under his watch.
As a China-born citizen who lost members of his family during Mao’s reign of terror, it was traumatic to see those badges being worn during a medal ceremony. It also makes me angry to see young Chinese athletes fail to learn the brutal truth of China’s history. To celebrate with this badge contributes to that ignorance and misleads others. In other words, their decision to wear the Mao badges is a form of political propaganda.
Xi Jinping, der Nachfolger Maos, das wissen Sie gewiss, ist Träger des Olympischen Ordens und gern gesehener Gast in Lausanne. Er ist Geschäftspartner des IOC beim Milliardenprojekt Peking 2022, er allein führt das Projekt zum Erfolg, wie vor zwei Wochen eine Sprecherin der Chinesen der IOC-Session erzählte. Xi hatte schon 2008 in den letzten Monaten der Vorbereitung auf die Sommerspiele in Peking die Aufsicht.
Olympischer Ordensträger Xi Jinping, Olympischer Ordenswächter Thomas Bach. (Foto: IMAGO/Xinhua)
Olympischer Ordensträger Xi Jinping, Olympischer Ordenswächter Thomas Bach. (Foto: IMAGO/Xinhua)
Die New York Times notiert, wie knallhart das IOC gegen diese Verletzung der Rule 50 vorgeht. Nicht.
The cyclists’ badges are a potential violation of Rule 50 of the Olympic charter, which bans “political, religious or racial propaganda” at Olympic venues.
In a news briefing on Wednesday, Mark Adams, an I.O.C. spokesman, said that the committee had asked China’s Olympic delegation to submit a report explaining the incident, and that it had been promised a “full formal answer soon.”
“They have also assured us already that this will not happen again,” Mr. Adams said.
Unverschämtheit des Tages
Despoten und Politik. Hatten wir das nicht gerade? Und gab es nicht ein Land, das irgendwie gar nicht zu sehen sein sollte bei diesen Olympischen Spielen? Hieß das Land Russland, die Staatsdopingnation, oh, Entschuldigung: man soll, ja nur ROC sagen. Jedenfalls, ein Bild aus besseren, aus noch besseren Zeiten: Der gewesene Sportminister und heutige Vize-Ministerpräsident Witali Mutko (knallhart gesperrt vom IOC), der Allmächtige Wladimir und eine seiner Lieblingssportlerinnen, Jelena Issinbajewa, Olympiasiegerin im Stabhochsprung. Das Foto entstand im Februar 2014 bei den irregulären Staatsdoping-Winterspielen in Sotschi, während derer Putin die Annexion der Krim vorbereitet hatte (ohne dass das IOC den Bruch des olympischen Friedens monierte). Issinbajewa war damals Bürgermeisterin des Olympischen Dorfes.
Staatsdoping-Architekt Mutko, Staatsdoping-Präsident Putin, Bürgermeisterin Issinbajewa. (Foto: IMAGO)
Staatsdoping-Architekt Mutko, Staatsdoping-Präsident Putin, Bürgermeisterin Issinbajewa. (Foto: IMAGO)
Frau Issinbajewa gelangte 2016 in Rio de Janeiro auf recht dubiose Weise ins IOC. Obgleich sie ihre Kandidatur zu spät abgegeben hatte, wurde sie für die Wahlen zur Athletenkommission zugelassen. Diese merkwürdigen Wahlen brachten das von wem auch immer gewünschte Resultat: Jelena Issinbajewa wurde ins IOC kooptiert, wie damals in Rio übrigens auch die China-Expertin, China-Verteidigerin, China-Liebhaberin und Lobbyistin Britta Heidemann ins IOC gelangte.
Heide-wer? Kennt die jemand? Im IOC ist sie bisher nicht aufgefallen, im DOSB-Präsidium, dem sie aufgrund ihrer IOC-Mitgliedschaft angehört, ebenfalls nicht. Aber dazu später mal mehr.
Issinbajewa kam also ins IOC, als sich die ganze Welt über das russische Staatsdoping und die manipulierten Winterspiele 2014 empörte. Sie und Heidemann lösten im IOC Claudia Bokel ab, deren achtjähriges Mandat als Athletensprecherin ablief. Bokel hatte als eines der wenigen IOC-Mitglieder Widerstand zur Russland-Politik von Bach versucht. Sie wurde quasi ohne Dankeschön verabschiedet. Nachfolgerin von Bokel als Athletensprecherin wurde die Amerikanerin Angela Ruggiero, die Russland-Kritiker unter Athletensprechern auf finsterste Weise attackierte. Ihr folgte Simbabwes Sportministerin Kirsty Coventry, die im Grunde gegen Athleteninteressen arbeitete und in jeder Beziehung den Willen der IOC-Führung durchsetzte. Dafür wurde sie vor zwei Wochen auf der IOC-Session belohnt: Ihre Mitgliedschaft wird als persönliche Mitgliedschaft weiter geführt - Coventry dürfte damit bis 2053 im IOC bleiben.
Liam Morgan berichtet nun auf Insidethegames, dass Issinbajewa zum nächsten großen Schlag ausholt: Sie will Chefin der IOC-Athletenkommission werden, wo sie gegen die Finnin Emma Terho um den Vorsitz kandidiert. Der Chefposten in der Kommission ist automatisch mit der Mitgliedschaft im IOC-Exekutivkomitee verbunden.
Darum geht es.
Das Land, das nicht bei den Spielen sein dürfte, das Land, das nicht Russland genannt werden soll, sondern Russisches Nationales Olympisches Komitee, das Land, das angeblich noch eine Weile keine Großereignisse ausrichten und angeblich so hart bestraft worden ist, das Land das mittlerweile drei Präsidenten von olympischen Weltverbänden hat (Fechten, Schießen, Boxen), darunter zwei Milliardäre, dieses Land hat vielleicht ganz schnell ein Mitglied der IOC-Regierung, Jelena Issinbajewa, eine homophobe Vertreterin des Staatsdopingsystems, die Whistleblower attackiert und verunglimpft. Ich beende die Aufzählung.
Willkommen in der olympischen Realität.
Ich wünsche Emma Terho für die Wahl am Freitag alles Gute. Würde mich aber eher wundern. Gemäß Liam Morgan hat Terho eine Chance.
Die Eishockeyspielerin Terho ist eine sehr zurückhaltende Zeitgenossin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich so verbiegen wird wie zuvor Ruggiero, aber vielleicht fehlt mir ein Stück vom Film. Sie ist vorsichtig, sie hört sich aber um und scheut nicht den Kontakt zu Andersdenkenden. Interessant war, dass sie gemeinsam mit James Tomkins 2019 in Colorado Springs an der Konferenz Play the Game teilgenommen hat, die unter dem Motto “Athlete power on the rise” stand. Das erste Mal überhaupt hat das IOC quasi eine kleine Abordnung geschickt, nachdem Play the Game, wo ich seit vielen Jahren ehrenamtlich als Mitglied der Programmkommission tätig bin, doch zwei Jahrzehnte auf der IOC-Blacklist stand.
Schon in wenigen Stunden werden wir schlauer sein.
Issinbajewa. Mein Gott.
Und wenn schon Athletenwahlen sind und am Sonntag neue Athletenvertreter ins IOC aufgenommen werden (alle Details dazu folgen noch, stay tuned), möchte ich dringend nochmal an die Geschichte von 2018 erinnern, von den letzten Athletenwahlen und IOC-Mitgliedschaften:
Der IOC-Präsident bestimmt selbst einige Sportler, er sucht sogar Favoriten für eine IOC-Mitgliedschaft aus.
Während der irregulären Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi hat das IOC dem norwegischen Team das Tragen von Trauerbändern verboten, was gemäß Olympischer Charta quasi als politische Demonstration gewertet wurde. Der Bruder der Langläuferin Astrid Uhrenholdt-Jacobsen war kurz vor den Spielen verstorben.
Vier Jahre später, bei den Winterspielen in PyeongChang, stellte sich Astrid Jacobsen der Wahl zur IOC-Athletenkommission. Sie bekam 808 Stimmen und wurde damit Dritte hinter der Finnin Emma Terho (1.045) und der Amerikanerin Kikkan Randall (831) – vor Hong Zhang (China/787), Armin Zöggeler (Italien/761) und Ander Mirambell (Spanien/664).
Am Schlusstag der Spiele nahm die IOC-Session satzungsgemäß Terho und Randall für acht Jahre als IOC-Mitglieder auf. Auf Vorschlag des IOC-Präsidenten Bach, wie es in derlei Fällen heißt, wurde zusätzlich die Chinesin Zhang ins IOC aufgenommen. 
Eine Chinesin. Nur die Vierte der sogenannten Athleten-Wahl. Nicht etwa Astrid Jacobsen, die Dritte. Inzwischen hat Bach Frau Zhang zur Chefin der IOC-Kommission für die Olympischen Jugendspiele 2024 gemacht – das freut China. Schon wieder China - hatten wir doch gerade erst (nach oben scrollen).
Nun hoffe ich mal, das Revue nicht gleich wieder abstürzt und so viele Empfänger wie möglich von den zwanzig Trilliarden Abonnenten diesen Newsletter erhalten.
Bis später - bleiben Sie neugierig!
Was soll das?
Dieser Newsletter ist eine Ergänzung der Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. Ich freue mich über jeden Einkauf im Shop, über jeden gebuchten Olympiapass. Journalismus wie dieser und eine knapp vierwöchige Weltreise nach Tokio kosten eine Menge. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:
Alle Newsletter:
Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit letztendlich sieben E-Books und vier E-Papern.
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