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Tokio Newsletter 14

Newsletter SPORT & POLITICS
Tokio Newsletter 14 vom 2. August 2021

Universiade 2019, Neapel: Kristina Timanowskaja. (Foto: IMAGO/ZUMA Wire)
Universiade 2019, Neapel: Kristina Timanowskaja. (Foto: IMAGO/ZUMA Wire)
TOKYO. Die wichtigste und im Grunde einzig wichtige Frage des Tages lautet: Wie geht es Kristina Timanowskaja? Ist sie in Sicherheit? Wie geht es jener weißrussischen Sprinterin, die am Sonntagabend japanische Sicherheitskräfte und das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einer dramatischen Aktion um Hilfe gebeten hat?
Was war passiert, was wissen wir? Die 24 Jahre alte Leichtathletin Timanowskaja hatte ihre weißrussischen Trainer kritisiert. Sie wurde unter Druck gesetzt und nach Hause geschickt. Ihr drohte daheim die Verhaftung und damit Gefahr für Leib und Leben, ein ähnliches Schicksal wie es viele weißrussische Sportler erlebt haben im vergangenen Jahr. Auf dem Flughafen Haneda wandte sich Timanowskaja an die japanischen Sicherheitskräfte, zugleich veröffentlichte sie eine Videobotschaft und bat das IOC um Unterstützung. Die Nachricht ging in Windeseile um die Welt. Wenig später traf Tomoki Uraki, die Anwältin der Japanese Association for Refugees (JAR) auf der Polizeistation des Terminal 3 in Haneda ein:
Tomoki Uraki, Anwältin. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)
Tomoki Uraki, Anwältin. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)
Ich muss über Imago hier leider auf Fotos der russischen Agentur ITAR-TASS zurückgreifen. Die Bildtexte dazu sind bezeichnend, ein Dreck, Propaganda:
Japan Lawyers Association for Refugees representative Tomoko Uraki ® seen at Tokyo s Haneda International Airport. Presumably Belarusian sprinter Kristina Timanovskaya is now at a police station at the airport after Belarusian team coaching staff decided to send her home from the Tokyo Olympics because of her psychological state. Sergei Bobylev/TASS
Wegen ihrer angeblich labilen psychischen Verfassung also. Diese Propaganda hatten zuvor bereits weißrussische Medien aufgetischt, nachdem Timanowskaja ihre Trainer öffentlich kritisiert hatte.
Timanowskaja sagte der Nachrichtenagentur Reuters, sie werde auf keinen Fall nach Weißrussland zurückkehren. Erste Regierungen haben ihr bereits Asyl angeboten - gestern Nacht gab es bereits entsprechende Meldungen aus Tschechien und Polen, ich glaube auch aus Österreich.
Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja sprach von versuchter Entführung und verglich den Vorfall mit dem Terrorakt unlängst, als eine Maschine der Ryanair zur Landung in Minsk gezwungen wurde, um den Journalisten Roman Protassewitsch und seine Freundin zu verhaften.
Sviatlana Tsikhanouskaya
The regime’s hijack of the Ryanair plane was just the start of Lukashenka's international terror. They kidnapped Pratasevich & Sapega, they tried to kidnap Belarusian athlete Krystsina Tsymanouskaya. I call on 🇯🇵 authorities & #IOC to ensure safety for all Belarusian athletes. https://t.co/6y2tMsZTWU
Kristina Timanowskaja wollte heute in Tokio über 200 Meter antreten. Diese Chance hat man ihr genommen. Das wäre ihr Wettkampf gewesen:
TOCOG, MyInfo
TOCOG, MyInfo
Kleiner Einschub, ich hoffe, das können Sie für den Moment akzeptieren: Die wichtigste Frage lautet gerade nicht, wie ihr Name im Deutschen geschrieben wird. Ich habe mich in der Hektik für diese Schreibweise entschieden: Kristina Timanowskaja. Wer mag, kann Kryscina Tsimanouskaya, Krystsina Tsimanouskaya oder Krystina Zimanouskaja oder Kristina Zimanouskaja schreiben. All diese Varianten finden sich auf allen möglichen Plattformen in diesen Stunden - und bestimmt noch viel mehr.
Im Akkreditierungs- und Ergebnissystem steht unter Krystsina Tsimanouskaya:
TOCOG, MyInfo
TOCOG, MyInfo
Was in den vergangenen Tagen passiert ist, kann man im Original nachlesen und sogar nachhören. In der Twitter-Timeline von Tadeusz Giczan finden sich - zum Beispiel - viele Dokumente dazu.
Tadeusz Giczan on Twitter: "And for those preferring video format here’s my wrap-up comment for @BBCWorld about the broader context of the situation with Kristina Tsimanouskaya and how it is unfolding. https://t.co/h0lK6zAfcG"
Тимановскую довели до слёз | Два чиновника запугивают и просят уехать с Олимпиады | Ник и Майк
Тимановскую довели до слёз | Два чиновника запугивают и просят уехать с Олимпиады | Ник и Майк
Das Schicksal von Kristina Timanowskaja war heute Top-Thema auf der täglichen Pressekonferenz von TOCOG und IOC. Die wichtigste Nachricht, abwechselnd so und ähnlich von TOCOG-Sprecher Masa Takaya und IOC-Sprecher Mark Adams formuliert:
She is safe and secure. She is in hand of the Japanese authorities this morning. She feels safe and secure.
The most important thing right now is our duty of care to her.
Es gab dazu viele Nachfragen. Wo genau Timanowskaja sich jetzt aufhält, welche Sicherheitskräfte mit dem Fall befasst sind, wer bei ihr ist … das volle Programm. Viele Informationen wurden aber nicht preisgegeben.
Mark Adams sagte:
If there is a criminal matter, than this is a matter of the police.
Er bat um Ruhe und Vertraulichkeit im Sinne des Opfers.
We will find out what she wants and support her in her decision.
Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR ist eingeschaltet, mit der das IOC ohnehin kooperiert. Mindestens eine Anwältin der JAR (s.o.) war gestern Nacht bereits aktiv. Möglicherweise nehmen die japanischen Behörden Ermittlungen auf gegen Verantwortliche des weißrussischen Olympiateams. Es kann doch gar nicht anders laufen. Gut ist: Diese Typen können nicht entkommen, denn sie stecken in der olympischen Corona-Blase fest. Vielleicht gibt es Verhaftungen - es ist nicht die Zeit für Spekulationen, hier mache ich das dennoch: Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen vernommen werden.
Das IOC hat vom National Olympic Committee of the Republic of Belarus (NOCRB) einen Bericht angefordert. Das NOCRB, Sie erinnern sich gewiss, wird neuerdings von Viktor Lukaschenko präsidiert, einem der Söhne des Diktators, nachdem das IOC im Dezember 2020 erste Sanktionen gegen das NOCRB verhängt hatte. Nach den Sanktionen, hat Alexander Lukaschenko halt seinen Sohn zum Präsidenten gemacht, der zuvor ohnehin Vizepräsident war. Im März 2021 wurden diese Maßnahmen ausgeweitet. Die Wahl von Viktor Lukaschenko erkennt das IOC nicht an. Bemerkenswert damals, dass ein gesamter Vorgang inklusive Vorlage für das IOC-Exekutivkomitee veröffentlicht wurde:
Seite 1 der Vorlage für das IOC-Exekutivkomitee vom März 2021.
Seite 1 der Vorlage für das IOC-Exekutivkomitee vom März 2021.
Alles viel zu spät, natürlich. Vergessen wir dies nicht, so lief das über Jahre, als die Lukaschenkos ehrenwerte Mitglieder der Olympischen Familie waren (obwohl die britische Regierung dem Mörder 2012 mal die Einreise zu den Olympischen Spielen in London verweigert hatte) …
Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: Belta.by)
Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: Belta.by)
… und dies …
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: Belta.by)
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: Belta.by)
… und dies …
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
… und dies …
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
… und alle diese Orden, die Lukaschenko im Laufe der Jahre vom selbst suspendierten IOC-Mitglied Pat Hickey (verhaftet 2016 als Kopf einer mutmaßlich kriminellen Organisation bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro) über das EOC oder auch direkt vom IOC erhalten hat …
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
Diktatoren-Sohn und heutiger NOCRB-Präsident, Diktator und damaliger NOCRB-Präsident, IOC-Präsident. (Foto: NOCRB)
… diesen Orden hat ihm vor nicht allzu langer Zeit, zu den European Games 2019 in Minsk der IOC-Präsident überreicht, der Name des Sektengründers Pierre de Coubertin darf natürlich nicht fehlen:
(Foto: Belta.by)
(Foto: Belta.by)
Natürlich werden sie beim IOC diese Fotos nicht gern sehen.
Man darf ihnen das nicht schenken.
Es ist die historische Wahrheit: Sie verbünden sich mit Blutsaugern und Terror-Regimes unter dem Deckmäntelchen Olympias.
Dass sich das IOC in diesen Stunden für Kristina Timanowskaja einsetzt, daran habe ich dennoch keine Zweifel. James Macleod, Director of the NOC Relations Department and of Olympic Solidarity, dessen Unterschrift sie oben auf der Sanktions-Vorlage gesehen haben, hat gestern gegen Mitternacht mit Timanowskaja gesprochen.
Es kann jetzt nur darum gehen, dass Timanowskaja in Sicherheit ist, Asyl findet und vor der Rache der mörderischen Diktators verschont bleibt.
Das heutige Schlusswort hat ausnahmsweise IOC-Sprecher Mark Adams:
The IOC and Tokyo 2020 will continue our discussions with her and understand what the next steps will be and what she wants to pursue.
We are listening to her, supporting her and making sure she gets what she wants.
Die Geister, die man rief.
Der Fall wird uns eine Weile beschäftigen.
Hoffen wir das Beste für Kristina Timanowskaja und alle anderen Sportler, die allen möglichen Despoten ausgesetzt sind, die sich Teil der olympischen Familie nennen dürfen. Es bleibt ein Jammer.
Bleiben Sie dran - und bleiben Sie neugierig!
Was soll das?
Dieser Newsletter ist eine Ergänzung der Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. Ich freue mich über jeden Einkauf im Shop, über jeden gebuchten Olympiapass. Journalismus wie dieser und eine knapp vierwöchige Weltreise nach Tokio kosten eine Menge. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:
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Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit letztendlich sieben E-Books und vier E-Papern.
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Jens Weinreich
Jens Weinreich @jensweinreich

Olympische Bildung. Analyse. Hintergrund. Exklusives. Sportpolitik. Peking 2022, Katar 2022 & andere Skandale.

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