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Tokio Newsletter 11

Newsletter SPORT & POLITICS
Tokio Newsletter 11 vom 29. Juli 2021
 Reserve Bank of Fiji
Reserve Bank of Fiji
URAYASU. Ich weiß nicht, ob es Kameltreiber auf Fidschi gibt. Mir ist egal, welchen rassistischen Spruch ein dummer deutscher Radsportfunktionär möglicherweise für die Rugby-Olympiasieger aus dem Pazifik parat hätte. Doch diese Banknote zu Ehren der Flying Fijians wollte ich Ihnen nicht vorenthalten, vielleicht wird der Schein nach dem zweiten Olympiasieg neu aufgelegt - oder die Reserve Bank of Fiji macht eine Serie draus.
Eine Sieben-Dollar-Münze wurde nach dem ersten Erfolg in Rio de Janeiro auch herausgegeben. Und diese Nationalhymne erst!
Schweigen, lächeln, genießen.
Es wird kaum schöner werden bei diesen Olympischen Corona Spielen:
James Longman
What a moment. Fiji’s rugby team sing their hearts out for their nation after winning gold. This is a team that had to come here on a freight plane, and spent months away from their families because of covid. https://t.co/IdIQRpUuFS
Das war der Sport.
Nun ins Tal der Tränen und Peinlichkeiten. Willkommen in der Parallelgesellschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).
Oh Herr, lass es endlich Hirn regnen!
Lass sie endlich ihre eigenen Regeln und Postulate befolgen!
Lass sie endlich einmal das tun, was sie stets von anderen verlangen!
Was soll man zu dieser DOSB-Führung noch sagen? Verantwortungslos, hilflos, konzeptlos, verloren, aber noch immer mit einer ziemlich gewaltigen Grund-Arroganz ausgestattet, die sich woraus speist? Weiß das jemand? Qualitäten, die in dieser Branche verlangt werden, sind es jedenfalls nicht.
Doch vergessen wir nicht, dass die in jeder Beziehung überforderte DOSB-Combo nach innen gleichzeitig ein Klima der Angst aufgebaut hat, wie Anfang Mai zahlreiche Mitarbeiter in einem Offenen Brief beschrieben haben. Sie sind nicht zimperlich! Sie verdienen deshalb kein Mitleid, sondern müssen schleunigst abtreten. Beim Ombudsmann gingen mehrere Dutzend Klagen ein, und der DOSB-Ethiker Thomas de Maizière (CDU) kam in seinem Kommissionsbericht schließlich nicht umhin, die katastrophalen Zustände im Reich des Alfons Hörmann (CSU) zu bestätigen und Neuwahlen zu empfehlen. Einiges dazu hat TdM gerade in einem Doppelinterview mit der Süddeutschen Zeitung kund getan, wo er gemeinsam mit dem Theologen Nikolaus Schneider befragt wurde, der wiederum Erfahrungen aus der Ethikkommission des DFB vorweisen kann: “Neuanfang beinhaltet, neue Köpfe zu finden”.
Im Newsletter 10 habe ich gestern die Wortwahl Hörmanns nach dem rassistischen Ausbruch des BDR-Sportdirektors Patrick Moster seziert, den Hörmann eben nicht als das bezeichnete, was es war: Rassismus.
Bei der Wortwahl beginnt es.
Am Donnerstag, eine Nacht später, benutzt Hörmann das R-Wort plötzlich doch. In einer dünnen Erklärung, die der DOSB um 8.18 Uhr MESZ über Twitter verbreitete, heißt es:
“Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass seine öffentliche Entschuldigung für die gestern von ihm getätigte rassistische Äußerung aufrichtig ist.”
Wieder ist die DOSB-Teamleitung (Alfons Hörmann, Leistungssportdirektor Dirk Schimmelpfennig als Chef de Mission, die Vizepräsidentin Leistungssport Uschi Schmitz und die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker) von etwas überzeugt.
Von Aufrichtigkeit.
Gestern betonte die Truppe ein “gutes und sicheres Gefühl”. Nach katastrophalen Schlagzeilen in aller Welt, nach klaren Äußerungen von Sportlern und nach einer Anfrage des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war das “gute und sichere Gefühl” plötzlich gewichen.
Patrick Moster muss abreisen, ist womöglich bereits auf dem Rückflug.
Symbolbild für Selbstbewusstsein und gute Laune bei DOSB-Führungskräften - Veronika Rücker, Alfons Hörmann (CSU). Foto: IMAGO/Jan Hübner.
Symbolbild für Selbstbewusstsein und gute Laune bei DOSB-Führungskräften - Veronika Rücker, Alfons Hörmann (CSU). Foto: IMAGO/Jan Hübner.
Ich könnte - wie am Mittwoch - erneut jeden Satz der DOSB-Verlautbarung/en auseinander nehmen und würde nur Widersprüche herausarbeiten. Es stimmt halt alles hinten und vorn nicht im DOSB, rechts und links nicht, oben und unten nicht, im Osten und im Westen nicht, im Süden und im Norden nicht. Und es zeigt sich, dass es ein gewaltiger Fehler war, diesem Präsidenten die Verantwortung für die olympische Dienstreise zu übertragen. Wie schlecht kann man sein, wie peinlich.
Der Image-Schaden ist gewaltig.
Meine Anmerkungen aus gestrigen Newsletter habe ich heute im Blog ergänzt, erweitert und schließlich mit der DOSB-Umkehr aktualisiert. Weitere Hintergründe habe ich für den SPIEGEL skizziert: “Der Schaden ist jetzt noch viel größer”.
Einige Notizen noch dazu, gewiss vergesse ich Wichtiges, bestimmt haben Sie anderes gehört oder gelesen, was eine Erwähnung wert wäre.
Erstens: Der DOSB spricht von einer “öffentlichen Entschuldigung” Mosters. Tags zuvor hatte es sich mindestens bei Moster so angehört, als habe er sich bei jenen Sportlern entschuldigt, die er als Kameltreiber bezeichnet hatte. Der Algerier Azzedine Lagab ist einer dieser Kameltreiber, und er wies auf Twitter lässig darauf hin, dass in Tokio doch gar keine Kamelrennen stattgefunden haben. “There is no camel race in #Olympics that’s why I came to cycling.” Jan Göbel hat Lagab auf der Rückreise in Istanbul erreicht und im SPIEGEL ein kurzes Gespräch mit ihm veröffentlicht. Die wichtigste Aussage Lagabs:
“Eine persönliche Nachricht und Entschuldigung habe ich bisher weder von Moster noch vom deutschen Team erhalten.”
Darauf kommt es aber an. Was erzählt also der DOSB, was erzählt der BDR, wovon redet dieser Patrick Moster? Erbärmlich.
Zweitens: Dem IOC ist es offenbar wichtig, den Eindruck zu erwecken, der DOSB habe zeitnah nach Intervention des IOC gehandelt. Christian Klaue (einst DOSB-Sprecher unter Präsident Thomas Bach, dann beim IOC unter Präsident Bach, dann beim DOSB Sprecher unter Präsident Hörmann, nun wieder in Lausanne als Corporate Communications and Public Affairs Director of the IOC) schickte mir nach dem DOSB-Beschluss dieses Statement, das so oder so ähnlich in zahlreichen Medien verbreitet wurde:
“The IOC contacted the German Olympic Sports Confederation (DOSB) this morning and inquired about the issue around the Sports Director of the German Cycling Federation. We welcome the swift reaction of DOSB not to let him continue in his role and asking him to leave Tokyo to return back to Germany. Comments such as these have no place at the Olympic Games.”
In der Tat habe ich hier und da gelesen, verbreitet - wie immer - vor allem von Nachrichtenagenturen, da sei dieser Druck des IOC gewesen. Die Überschrift in der FAZ zum Bericht von Anno Hecker lautet: “IOC macht im Rad-Skandal Druck”. Der Sprecher, der da genannt wird, ist Klaue. Von ihm stammt offenbar auch der Hinweis, es sei erwogen worden, die IOC-Disziplinarkommission einzuschalten. Mag so sein. In der gesamten Gemengelage halte ich das für ein Detail, kein entscheidendes, vor allem aber für den Spin der IOC-Propagandaabteilung, um besser dazustehen.
Drittens: Vielmehr kann ich die Erklärung von Thomas Weikert und anderen Gesprächspartnern nachvollziehen. Für Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF und potenzieller Nachfolger Hörmanns als DOSB-Präsident, war der öffentliche Druck entscheidend für die Kehrtwende: “Ich glaube, das war nur die Öffentlichkeit.” Inklusive der klaren Statements von Athleten (Nikias Arndt, Rick Zabel) und von Sportler-Organisationen (Athleten Deutschland, FIFPRO).
Weikert hatte sich zum Fall Moster deutlich geäußert:
“Abreisen, er hat hier nichts mehr zu suchen - oder wie soll ich erklären, dass Sport die Völker verbindet?”
Ebenso klar war Thomas Konietzko, Präsident des Deutschen Kanuverbandes (DKV) und bald auch Präsident des Weltverbandes ICF:
“Ich hätte ihn sofort nach Hause geschickt. Konsequenzen danach sind Sache des BDR. Wir müssen ehrlich für unsere Werte stehen.”
Viertens: Es sollen einige deutsche Spitzenverbände beim DOSB interveniert haben, beispielsweise der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB), der in einem Brief/Email an die Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker die sofortige Abreise von Moster gefordert haben soll.
Der Schaden ist da. Dieses neuerliche Komplettversagen sollte den Abgang der DOSB-Führungsriege (Präsidium, Vorstand) beschleunigen.
Es ist ermüdend, unterkomplex, nahezu entwürdigend, ein solches Niveau der Verbandsführung beschreiben zu müssen. Deshalb erspare ich Ihnen an dieser Stelle weitere Anmerkungen zu Äußerungen des ewigen BDR-Präsidenten Rudolf Scharping (SPD).
Corona-Zahlen des Tages
Rekorde: 10.966 Neuinfektionen in Japan am Donnerstag, 3.865 in Tokio (doppelt so viele wie vor einer Woche), 6.469 in der Metropolitan Area. Es wird ernster. “Wir haben noch nie eine Ausbreitung der Infektionen in diesem Ausmaß erlebt”, sagte Japans Kabinettschef Katsunobu Kato. Nach Angaben der Olympia-Organisatoren wurden vom 1.-28. Juli 198 für die Spiele akkreditierte Personen positiv getestet. Es gab ziemlich viele Breaking News heute, nachdem der US-amerikanische Stabhochspringer Sam Kendricks positiv getestet wurde und daraufhin das australische Leichtathletikteam einige Stunden in Quarantäne verbrachte.
The Australian
BREAKING: Australia’s Athletics team has been put into immediate isolation after an American pole vaulter tested positive for Covid. https://t.co/9W7ihkXG3Q
Mehr über die Parallelwelt Olympia und die Blase, die keine ist:
Motoko Rich
Olympic organizers have insisted that the bubble can be kept sealed off from the outside, with neither posing a significant risk to the other. But as the Games approach the midway point, promises of a “safe and secure” Games are being put to the test https://t.co/xQsdCvEtRG
Motoko Rich
Asked about increasingly severe hospital conditions in Tokyo because or rising cases, Mark Adams, IOC spokesman says Olympians "really are living in a parallel world to all extents and purposes” Dr. Budgett says only 2 people from Olympic bubble are hospitalized, no severe cases
Das war’s für heute. Bleiben Sie neugierig!
Was soll das?
Dieser Newsletter ist eine Ergänzung der Webseite SPORT & POLITICS, des gleichnamigen Magazins, meines Twitter-Angebots und einiger anderer Produkte. Ich freue mich über jeden Einkauf im Shop, über jeden gebuchten Olympiapass. Journalismus wie dieser und eine knapp vierwöchige Weltreise nach Tokio kosten eine Menge. In den vergangenen Tagen habe ich Ihnen diese Texte angeboten, mitunter ellenlange Abhandlungen:
Alle Newsletter:
Zu den Corona Games kooperiere ich mit dem Journalisten und Japanologen Andreas Singler. Er ist ein ausgewiesener Fachmann in Dopingfragen (Aufarbeitung, Prävention). Andreas Singler hat gerade in zweiter Auflage sein Buch „Tôkyô 2020. Olympia und die Argumente der Gegner“ herausgebracht, das im SPORT & POLITICS Shop zu haben ist. Dieses E-Book ist Teil des Tokio-Olympiapasses, mit dem Sie unabhängige und fachgerechte Berichterstattung finanzieren können. Darüber hinaus gibt es das exklusive Tokio-Superpaket „Licht am Ende des Tunnels“ mit letztendlich sieben E-Books und vier E-Papern.
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Jens Weinreich
Jens Weinreich @jensweinreich

Olympische Bildung. Analyse. Hintergrund. Exklusives. Sportpolitik. Peking 2022, Katar 2022 & andere Skandale.

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