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Post aus Washington: Wenn die Masken fallen

Revue
 
 

Post aus Washington

12. Juni · Ausgabe #114 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo es einem neuerdings leicht passieren kann, dass man aus der Reihe tanzt. Mir geschah es gleich zum Beginn dieser Woche im Weißen Haus. Als ich am Montag aus der Mittagshitze in den stets gut gekühlten Pressesaal trat, war ich plötzlich, ohne es zu wollen, ein kleiner Corona-Rebell.
Ich hatte natürlich meine Maske auf – war damit allerdings der einzige im vollbesetzten Raum. Es war der erste Tag seit März 2020, an dem der Pressesaal wieder rappelvoll war: Die gesperrten Sitze waren auf einmal freigegeben, so dass man wieder Schulter an Schulter in engen Sitzen klebte. Die allgemeine Maskenpflicht war schon ein paar Tage zuvor gefallen und nun auch noch schlagartig die Pflicht, sich vor dem Betreten des White-House-Komplexes testen zu lassen. (Das muss nur noch, wer mit dem Präsidenten auf Reisen geht.) Den Abstand abgeschafft, die Masken abgenommen, die Tests eingespart: Es ging Schlag auf Schlag, und ich kam kaum hinterher.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Wenn die Fotos nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Momente wie diesen erlebe ich hier nun öfter. Es geht mit Vollgas zurück in die Normalität. Jetzt nun auch im Washingtoner Politik- und Medienzirkus, in dem man lange Zeit sehr vorsichtig war. Man hört nun viele Sätze mit den Worten “Pandemie” und “vorbei”. Tatsächlich sind die Zahlen der Ansteckungen und Toten in den USA nach unten geschossen. Dass Woche für Woche immer noch tausende Amerikaner an Covid sterben, dass sich immer wenige Impfwillige auftreiben lassen, das sind nur noch Randnotizen. 
Die Sehnsucht nach Normalität verdrängt manches eben, nicht nur beim Thema Corona. Zum pandemiebefreiten Pressebriefing am Montag kam Jake Sullivan vorbei, Joe Bidens Nationaler Sicherheitsberater. Der etwas blasse und sehr freundliche 44-Jährige ist das Mastermind hinter Bidens Außenpolitik.
Er sprach über die Europareise des Präsidenten, die außenpolitischen Vorhaben. Auch hier gilt: Hauptsache zurück zur Normalität. Amerika hat wieder einen Präsidenten, der der Welt zeigen will, wer seine Verbündeten sind und dass er mit ihnen gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Joe Biden wird, so weit darf ich mich ohne Risiko aus dem Fenster lehnen, bei den Treffen in Europa keinen Osteuropäer beim Gruppenbild aus dem Weg schubsen. Er wird auch nicht vorzeitig abreisen, um dann noch aus der Air Force One seine Unterschrift unter die rituelle Abschlusserklärung zurückzuziehen, weil ihm eine Bemerkung eines G7-Kollegen in einer Pressekonferenz nicht gepasst hat. Und beim Treffen mit Wladimir Putin wird er vor der Weltöffentlichkeit auch nicht die Erkenntnisse der eigenen Geheimdienste dem Worte Putins unterordnen. Um nur einige der Ungeheuerlichkeiten aus den Gipfeln mit US-Präsident D.T. zu nennen.
Die sorgsam inszenierten Bilder der Gipfel werden also Normalität ausstrahlen. Doch der Schein kann auch hier trügen. So erleichtert die Europäer sind, dass aus dem Weißen Haus jemand mit einer mächtigen Portion Wohlwollen anreist und so groß die Sehnsucht hier und da ist nach einem Amerika, das irgendwie schon alles regelt: Ebenso hartnäckig haben sich die Zweifel an den USA eingefressen.
Man hört sie immer wieder, wenn man mit europäischen Diplomaten spricht. Sie können sich auf Amerika nicht mehr verlassen. Schließlich sehen sie ja, dass zwar im Weißen Haus wieder die Profis übernommen haben, aber der Kongress weiterhin gelähmt ist und bei einer von nur zwei Parteien große Zweifel an Demokratie- und Verfassungstreue angebracht sind. Biden hat große Pläne, gewiss. Aber wer weiß schon, was 2024 passiert und was sein Wort dann noch wert ist.
Diese Wochen und Monate erfordern auf so vielen Feldern einen gedanklichen Spagat. Genießen wir die Rückkehr einer nicht ganz schlechten Normalität und vergessen wir nicht, was dahinter lauert.
Bidens Gipfeltour werde ich nicht begleiten, sondern begebe mich auf eine eigene Reise. Davon berichte ich Ihnen dann in der kommenden Woche.
Beste Grüße aus dem Flieger
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007