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Post aus Washington: Seine größte Show

Revue
 
 

Post aus Washington

5. Juli · Ausgabe #36 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington!
Ich schreibe Ihnen heute aus einem stickigen Pressezelt am Lincoln Memorial, wo Donald Trump gerade den Nationalfeiertag am 4. Juli neu erfunden hat. Sie werden die Aufregung mitbekommen haben: Trump wollte Panzer auffahren, Kampfflieger über die „National Mall“ schießen lassen. 
Das lag so quer zu den Traditionen des Unabhängigkeitstags im Besonderen und US-Feierlichkeiten im Allgemeinen, dass es tagelang höchste Wellen schlug. Habe ich mir natürlich für Sie aus der Nähe angeschaut.
Seien Sie jetzt stark, denn: Trumps große Militär-Show, sie hat funktioniert. 
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter.)
DIe einstündige Ansprache, die er hinter schusssicherem Glas hielt, war staatstragend von den Redeschreibern aufgeschrieben worden und Trump war schlau genug, sie nicht mit spontanem Selbstlob oder Giftpfeilen auf Gegner zu zerschießen. 
Trump lobte Meilenschritte der Nation, die ihn sonst nicht so umtreiben: Er erwähnte den Kampf ums Frauenwahlrecht, der Bürgerrechtsbewegung dankte er, Amerika zu einem besseren Ort gemacht zu haben. Aber vor allem ging’s ums Militär. Für den Mann, der sich um den Dienst in Vietnam herumgemogelt hatte, ist Respekt vor den Streitkräften politische Kernbotschaft. Und geschickterweise hatte er ein paar amerikanische Helden neben sich versammelt. Zur Nation sprach also nicht Präsident Twitter, sondern Präsident Teleprompter. 
Aber Trump ging es auch nicht um die Worte, sondern um die Optik: Er vor dem erleuchteten Denkmal Abraham Lincolns, dem Mann, der die Nation gerettet hat: Das war das Bild, das Trump wollte und das er bekam. 
Falls Sie sich fragen, ob das mit der Militär-Show in der Luft funktioniert hat, schauen Sie sich bitte einfach diesen 11-Sekunden-Clip an, den ich zum Schluss der Veranstaltung gefilmt habe.
Fabian Reinbold
Und so kamen Donald Trumps Militärfestspiele bei seinem Publikum an. #IndependenceDay https://t.co/2ARG9KBPIi
Vor Ort machten die Überflüge der Kampfjets, der Air Force One und des Tarnkappenbombers Eindruck. 
Die Szene deutet aber schon das wahre Problem dieses seltsamen Ereignisses an: 
Gespielt wird von der US-Army-Band da gerade der Schmalzkracher „God bless the USA“ von Lee Greenwood. Es ist eben jenes Lied, zu dem Trump bei seinen Wahlkampfauftritten stets auf die Bühne marschiert. 
Ging es hier also um Amerika? Oder um Trump? Auch wenn sich Trump beim Auftritt zurückhielt, werden wir die bombastischen Bilder natürlich wiedersehen, und zwar in seinem Wahlkampf. Und das macht die große Trump-Show so perfide. Millionen-Event und Militär werden letztlich Wahlkampfmunition. 
Für ihn selbst ging letztlich alles glatt: Trotz Dauerregens kriegte er die Bude voll – vor leeren Reihen auf der “Mall” hatte das Weiße Haus bis zuletzt gezittert (Stichwort: Inauguration 2017!) 
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Gebraucht hatte die Show niemand außer ihm und seinen ganz treuen Anhängern. Das Militär? Fühlt sich politisiert. Die Kosten? Noch nicht einmal abzuschätzen. Die andere Hälfte der Nation? Angewidert.
Der 4. Juli läuft in Amerika eigentlich so ab: Straßenumzüge in Stars und Stripes gekleidet, fette Barbecues mit reichlich Bier, am Ende beseelter Jubel über das Feuerwerk. Alles hochpatriotisch, aber unpolitisch.
So ehrlich will ich sein: Das Feuerwerk über dem Lincoln Memorial (Trump: “das großartigste, das Washington je gesehen hat”) war aus dem VIP-Bereich, wo sich die handverlesenen Unterstützer und Spender einfanden (und gleich dahinter die Medien), wirklich beeindruckend. 
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Doch wer im Herzen Washingtons vor imposanter Kulisse feiern will, kann das längst tun. Am anderen Ende der „National Mall“ findet Jahr für Jahr eine Konzert-Show vor dem Kapitol stattfindet, die in den Kategorien Nationalstolz und Ehrerbietung fürs Militär wirklich nichts zu wünschen übriglässt. Doch Washington ist eben durch und durch demokratisch, Trump holte hier gerade einmal vier Prozent der Stimmen.
Die „National Mall“ wurde am Nationalfeiertag so zum Sinnbild zur Spaltung des Landes. Zwei Feiern an den zwei Enden der heiligsten Meile der Nation. So viel dazu, dass die “Nation stärker denn je” sei (der einzige Trump’sche Satz in einer Untrump’schen Rede).
Trumps „Salute to America“ war so gesehen so unnötig wie ein, sagen wir, Regierungsstillstand. Aber von denen hat Trump ja auch schon zwei veranstaltet in der Hoffnung auf politischen Gewinn. Und den politischen Sieg hat Trump am 4. Juli in der Tasche.
Das ungläubige Staunen über Trump flimmerte die gesamte Woche über die Bildschirme. Es gab eine regelrechte Jagd auf die ersten Bilder der Panzer in DC, auf den Nachrichtensendern konnte sich wirklich jeder, der mochte, echauffieren über Trumps Ego-Show. Er kann doch nicht… Was für ein Egomane…  
Die Panzer landeten nach viel Hin und Her dann seitlich vor der Bühne. Foto: Fabian Reinbold
Die Panzer landeten nach viel Hin und Her dann seitlich vor der Bühne. Foto: Fabian Reinbold
Ein heftiger Regierungsbericht über die desaströse Lage in den Grenzlagern oder Trumps Volten beim Thema Volkszählungen wurden davon locker verdrängt. (Und auch ich habe den Feiertag dann ja doch Trump gewidmet statt mit Frau und Freunden beim Barbecue zu sitzen.)
Aus genau dieser Aufmerksamkeit und Empörung zieht Trump seit jeher seine Energie, sein Kapital, ja seine ganze Wucht. Den schrillsten Warnungen vor seiner Ego-Show hat er mit seiner staatstragenden Rede anstelle eines Ego-Monologs den Wind aus den Segeln genommen.
Empörung provozieren, um dann zu sagen: “Schaut mal her, wie unfair sich alle empören” – das ist Trumps größte, erfolgreichste, in Dauerschleife laufende Show. Der 4. Juli 2019 war eine besonders erfolgreiche Episode. 
So gesehen hat sich der Besuch bei der skurrilen Feier journalistisch doch gelohnt. Das amerikanische Barbecue hole ich am Wochenende nach – und wünsche Ihnen ebenfalls angenehme freie Tage! 
Beste Grüße aus Washington,
Ihr Fabian Reinbold
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007