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Post aus Washington: Ich habe für Sie eine Woche Trump-TV geschaut

Revue
 
 

Post aus Washington

15. März · Ausgabe #22 · Im Browser ansehen
Die USA unter Donald Trump – jeden Freitag kurz erklärt und erzählt. Der Newsletter von Fabian Reinbold

Guten Abend aus Washington,
der Newsletter kommt heute ein paar Stunden später als üblich, denn ich musste noch etwas fernsehen.
Ich habe mir Donald Trump einmal zum Vorbild genommen und sein Morgenritual imitiert: Eine Woche lang habe ich seine Lieblingssendung auf Fox News geguckt.
Sie kennen Fox News ja als konservativen, parteiischen Sender. Das ganz spezielle Verhältnis von Trump und Fox ist hier gerade wieder großes Thema. Denn zuletzt hat sich die Funktion des Senders noch einmal gewandelt, weil er immer stärker mit Trumps Handeln und Trumps Launen verschmilzt. Fast schon ein US-Staatsfunk, schrieb der “New Yorker” kürzlich.
Wenn es um Trump und Fox News geht, dann ist meist von den Meinungsmachern am Abend die Rede, von Tucker Carlson oder Sean Hannity. Doch Trumps Lieblingssendung läuft morgens von 6 bis 9. Sie ist der mächtigste Agenda-Setter und sie heißt “Fox & Friends”. 
Screenshot/Fox News
Screenshot/Fox News
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Und wenn man sie eine Woche guckt, staunt man über die unheimliche Macht der Sendung und fragt man sich unweigerlich: Wer beeinflusst hier eigentlich wen: Trump die Fox-Leute oder doch eher die Fox-Leute Trump?

Man taucht ab in eine mediale Parallelwelt, in der es keinerlei Distanz gibt. Was Trump macht, ist immer richtig. Die Demokraten bedrohen Amerika mit Sozialismus oder Diktatur. Die Nachrichtenlage wird so umgekrempelt, dass sie passt. Das Urteil gegen seinen Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort, das dominierende Thema in Washington, wird in einer halben Minute abgehandelt. Länger spricht man da schon über die Schönheit der First Lady.
Am Mittwoch stellt Moderator Brian Kilmeade um 7 Uhr grundsätzlich zu Melania Trump fest: “Sie ist eine der schönsten Frauen der Welt.” “Und so klug”, ergänzt Moderatorin Ainsley Earhardt. Eine Stunde später ist als Expertin die konservative Kommentatorin Tammy Bruce eingeladen. Sie beginnt ihre Ausführungen wortgleich: “Offensichtlich ist sie einer der schönsten Frauen der Welt.” Die Medien würden nur “ihre Eifersucht und ihren Neid” über Melania ausschütten.
Dem Zuschauer im Weißen Haus gefällt’s. Und um den geht es.
Denn die Moderatoren schmeicheln Trump. Und sie senden Impulse, von denen sich der Mann im Weißen Haus zum Handeln verleiten lässt. Das sind die sechs Faktoren, die “Fox & Friends” zum mächtigsten Frühstücksfernsehen der Welt machen.

1. Trumps wahres Briefing
Offiziell beginnen Trumps Tage meist mit einem Geheimdienstbriefing gegen 11 Uhr. Doch sein wahres Briefing für den Tag ist zuvor “Fox & Friends”. Denn dort versorgen sie ihn mit Munition, nicht nur für Tweets, manchmal weist er gar seinen Regierungsapparat zu etwas an, was er dort aufgeschnappt hat.
Auszug aus Trumps Kalender
Auszug aus Trumps Kalender
Trump schaut fast jeden Morgen zu. Meist nimmt er die Sendung auf und schaut sie parallel mit einer Stunde Verspätung an. Das heißt: Wer “Fox & Friends” schaut, ahnt schon, worüber @realDonaldTrump bald twittern wird.
Das zieht sich auch durch diese Woche: Trump verbreitet per Twitter den Auftritt eines Klimawandelleugners weiter, der früher bei Greenpeace war und jetzt Energielobbyist ist und gegen “Fake Science” wettert. Trump twittert über den früheren Late-Night-Talker Jay Leno, der sich beklagt hat, dass die Nachfolger heute zu sehr auf den Präsidenten eindreschen würden. Leno sagte das am Dienstag bei NBC, doch Trump bekommt es erst am Mittwoch mit, als “Fox & Friends” darüber berichtet.
Donald J. Trump
Patrick Moore, co-founder of Greenpeace: “The whole climate crisis is not only Fake News, it’s Fake Science. There is no climate crisis, there’s weather and climate all around the world, and in fact carbon dioxide is the main building block of all life.” @foxandfriends Wow!
2. Fakes für Trump 
Dabei passiert es, dass die Verzerrungen von Fox News von Trump weiter verzerrt werden. Die Woche über sind in der Sendung die antisemitischen Kommentare der demokratischen Abgeordneten Ilhan Omar Thema, die bei anderen Sendern längst von anderen Nachrichten verdrängt worden sind. Dienstag früh nimmt eine junge Frau namens Elizabeth Pipko auf dem Sofa Platz, sie wird als Sprachrohr einer Bewegung von Millennials angekündigt, die Juden zum Austritt aus der Demokratischen Partei auffordert. Im Nebensatz wird sie als frühere Trump-Mitarbeiterin bezeichnet.
Sie hat eine Website namens “Jexodus” aufgesetzt, kurz für “Jewish Exodus”. Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass sich hinter “Jexodus” mehr verbirgt als Pipko selbst. Ich recherchiere ihr kurz in den sozialen Netzwerken hinterher und sehe, dass die Frau im vergangenen Dezember geheiratet hat, und zwar in Trumps Club Mar-a-Lago. Ein Bild von der Feier zeigt sie in roter “Make America Great Again”-Kappe. Das Ganze ist keine Bewegung, sondern eine Luftnummer.
Doch da Trump es auf “Fox & Friends” gesehen hat, twittert er es noch zugespitzter hinaus: Juden würden die Demokratische Partei verlassen – und so geht das dann um die Welt.
Donald J. Trump
“Jewish people are leaving the Democratic Party. We saw a lot of anti Israel policies start under the Obama Administration, and it got worsts & worse. There is anti-Semitism in the Democratic Party. They don’t care about Israel or the Jewish people.” Elizabeth Pipko, Jexodus.
3. Die Drei von der Trumpstelle
Es sind drei Moderatoren, die Morgen um Morgen dem Präsidenten diese Angebote machen. Ihre Rollenverteilung sieht so aus: Der stets erregte, meist wütende Brian Kilmeade, die korrekte Ainsley Earhardt und der nette Onkel Steve Doocy.

Screenshot/Fox News
Screenshot/Fox News
Drei Stunden plaudern sie auf dem cremefarbenen Sofa, es geht um ihre Lieblingskuchen, die besten Taco-Rezepte. Morgens läuft “Happy” von Pharell Williams, gefolgt von Meldungen über straffällige illegale Einwanderer. Es folgen, zur Erbauung, amerikanische Helden – etwa der Mann, der in einem vom Tornado zerstörten Landstrich in Alabama US-Flaggen zwischen Trümmern hisst.
Im Plauderton befeuern sie Stunde umStunde die Kulturkämpfe, die im Land toben und die Trump so gut auszunutzen weiß. Der wiederum mag die drei so gern, dass er vor einem knappen Jahr live in die Sendung reintelefonierte, bis ihn Doocy nach einer halben Stunde abwürgen musste mit dem Satz: “Sie haben bestimmt viel zu tun.”
Screenshot/Fox News
Screenshot/Fox News
4. Vorsprechen für Trump
Wer Trumps Aufmerksamkeit oder einen Politikvorschlag machen will, lässt sich zuschalten – die Moderatoren unterstützen bereitwillig. 
Am Montag ist Tom Homan, der frühere kommissarische Chef der Einwanderungspolizei ICE, dran. Die Lage an der Grenze spitzt sich zu, wie es das bei “Fox & Friends” immer tut, und Homan hat die Lösung parat: ICE müsse in einer landesweiten Operation abschieben – und so abschrecken. Moderator Klimeade tütet es ein: Dazu braucht es ja nicht den Kongress? Kann Heimatschutzministerin Nielsen das einfach anordnen? Homan bejaht. Es klingt wie eine Anleitung für den Zuschauer im Weißen Haus.
Am Freitag, gerade hat der Senat Trumps Notstand zurückgewiesen, ist der frühere kurzzeitige Leiter des US-Grenzschutzes da. “Alles nur politisches Theater”, sagt Mark Morgan. “Wenn Sie glauben, da kommen gute Leute, leben Sie in einer Fantasiewelt.”
Screenshot/Fox News
Screenshot/Fox News
Morgan wollte unter Trump im Grenzschutz dienen, wurde aber aus dem Amt entfernt. Jetzt legt er einen betont leidenschaftlichen Auftritt hin und sagt: “Wenn ich zwei Sekunden mit dem Präsidenten sprechen könnte, würde ich ihm danken, weil er das tut, was andere nicht getan haben.” Es würde mich nicht wundern, wenn der Mann demnächst eine Einladung ins Weiße Haus bekommt.

5. Die Skandale
Jeden Morgen um 8.30 Uhr ist Zeit für einen politischen Gast. Am Mittwoch ist es Jason Chaffetz, ein früherer Abgeordneter der Republikaner, der von 2015 bis 2017 den Vorsitz im Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses inne hatte und sich in dieser Zeit vor allem den realen und den vermeintlichen Skandalen Hillary Clintons widmete. Lange vorbei… oder?
Nein, Chaffetz macht munter weiter. Er gibt seine Lesart der Aussage einer Ex-FBI-Anwältin vor dem Kongress wieder, die im Fox-News-Kosmos so berühmt ist wie nur wenige andere: Lisa Page. Sie hatte sich als Mitglied des Teams, das Clintons E-Mail-Affäre untersuchte, SMS mit ihrem Kollegen und Liebhaber geschrieben und dabei über Trump gelästert. Chaffetz raunt, die Aussage habe bewiesen, dass das Obama-Justizministerium eine Untersuchung Clintons habe verhindern wollen.
Screenshot/Fox News
Screenshot/Fox News
Doocy raunt zurück: “Das legt nahe, dass es einen Deep State gibt” – also eine Verschwörung der Institutionen gegen Trump. Er fragt in seiner unnachahmlich unbekümmerten Art weiter, wie weit die Verschwörung in der Obama-Regierung nach oben reichte.
Chaffetz: “Bis an die Spitze der Spitze.”
Trump, natürlich, setzt eine Stunde danach einen Tweet ab.
Es ist nicht so, dass es auf “Fox & Friends” nicht um Skandale und Affären der US-Politik gehen würde. Doch sie betreffen ausnahmslos die Gegenseite.

6. Exklusive Zusammenarbeit
Trump telefoniert aus dem Oval Office regelmäßig mit seinen Lieblingsmoderatoren und hört sich ihre Meinungen an. Er soll, das schrieb gerade der “New Yorker”, eine Liste erstellt haben, auf der er die Moderatoren mit 1 bis 10 Punkten bewertet (so wie er es früher so oft mit der Attraktivität von Frauen gemacht hat). Hannity hat eine 10. Doocy, der nette Onkel aus der Morgenshow, eine 12. (Übrigens, wenn Sie eine Stunde Zeit haben, kann ich Ihnen die Lektüre der “New Yorker”-Geschichte sehr empfehlen.)
Hegseth, Pence vor einer Grenzzaun-Attrappe (Screenshot/Fox News)
Hegseth, Pence vor einer Grenzzaun-Attrappe (Screenshot/Fox News)
Am Donnerstag sitzt Pete Hegseth auf dem Sofa, der sonst die Sendung am Wochenende moderiert. Er hat zwei Exklusiv-Interviews mit Vizepräsident Pence und Ministerin Nielsen im Gepäck, in denen sie ohne Nachhaken Trumps Position zum nationalen Notstand referieren. Trump wollte Hegseth mal zum Minister ernennen, weil er ihm auf dem Bildschirm so gut gefällt. Heute sitzt er mit Krawatte in Tarnfarben auf dem Sofa.
“Fox & Friends” kriegt viele Exklusivinterviews. Am Freitag ist es Außenminister Pompeo. Klimawandel? “Keines unser fünf größten Probleme”, sagt der. Interviewer Kilmeade pflichtet bei: Da sieht man mal, wie stark sich unser Land verändern würde, wenn die Demokraten gewinnen. Es soll bedrohlich klingen.
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Wer sich das Treiben ein paar Tage anschaut, merkt: Aus dem konservativen Sender ist ein Propagandainstrument für Trump geworden. Bei “Fox & Friends” kommt die Stimmungsmache noch leichtfüßiger und damit unauffälliger daher als bei den Eiferern am Abend. Zugleich beeinflusst man zwischen all dem Geplaudere den mächtigsten Mann der Welt jeden Morgen aufs Neue.
Trump richtet seine Politik ganz nach dem harten Kern seiner Wählerbasis aus. Fox News hat diese Wählerbasis mit seiner Berichterstattung der vergangenen 20 Jahre herangezüchtet. Für die Quoten ist es gut, wenn diese zugleich Grund zur Aufregung hat, es aber auch für die eigene Seite gut läuft. Also macht “Fox & Friends” Trump-Lob und Demokraten-Bashing. Es ist so banal wie perfide. In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares.
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Am Montag im Weißen Haus gab sich Pressesprecherin Sarah Sanders wieder einmal die Ehre. Der Haushaltsentwurf des Präsidenten wurde vorgestellt. Es war Sanders’ erste Pressekonferenz seit dem 28. Januar – die sechseinhalb Wochen sind die längste Pause überhaupt. Früher gab es diese Briefings täglich.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
So unbefriedigend diese Mal für Mal verlaufen, sie sind eine der wenigen Gelegenheiten, um kritische Nachfragen zu stellen, und deshalb wichtig. 
Sanders sieht allerdings keinen Grund, öfter vor die Presse zu treten. Sie gibt dafür jetzt häufiger einem Fernsehsender kurze Interviews. Es ist, Sie ahnen es, Fox News.
Ich lasse jetzt ein paar Tage den Fernseher aus und wünsche auch Ihnen ein propagandafreies Wochenende.
Beste Grüße aus Washington,
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20008