Post aus Washington

Von Fabian Reinbold

Post aus Washington: Hype um Harris, Skype mit Bolton

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14. August · Ausgabe #79 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo man sich in dieser Woche nach einer langen Zeit der Nüchternheit einmal kräftig berauschen konnte. Sie werden es mitbekommen haben: Kamala Harris ist der Star der Stunde.
Die erste schwarze Frau, die als Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten auf dem Wahlzettel stehen wird. Die Senatorin erntete zur Bekanntgabe ihrer Personalie tosenden Jubel in der liberalen Öffentlichkeit, hier in den USA wie auch in Deutschland. Ein Hype, bei dem mir kurzzeitig etwas schwindelig wurde.
Einerseits ist das alles natürlich richtig: Die Personalie ist bedeutsam. Schon jetzt historisch, weil es das eben bislang noch nie gab: Eine schwarze Frau, die Vizepräsidentin werden kann. Eine Vizepräsidentin, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, gab es in den 231 Jahren amerikanischer Geschichte nicht.
Die Personalie ist auch folgenreich, weil der Kandidat Joe Biden zwar gute Chancen hat, ihn aber mehr Zweifel umwehen als seine Vorgänger und deshalb der Vizekandidatin nicht nur mehr Gewicht als üblich zufällt, sondern auch die Gelegenheit zur Nachfolge im Oval Office greifbarer scheint. US-Präsidentin Harris, spätestens 2024, so weit sind manche gedanklich schon.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter.)
Ich beobachte Harris’ Aufstieg nun seit zwei Jahren. Ein treuer Leser (Grüße nach Rheinland-Pfalz!) hat mich daran erinnert, dass ich Ihnen in einem der ersten Newsletter vor anderthalb Jahren schon mitgab, sich den Namen Kamala Harris zu merken – und zwar so: “KA-ma-la, Betonung auf der ersten Silbe, Sanskrit für Lotusblume.” Sie sehen, die Lektüre der Post aus Washington kann einen durchaus vorbereiten, auf das, was kommt.
Als Harris gerade eine nationale Berühmtheit wurde, fuhr ich mit ihr Fahrstuhl. Es war der Herbst 2018. Sie hatte soeben in einer spektakulären Anhörung im Senatsjustizausschuss Brett Kavanaugh befragt, Donald Trumps Kandidaten für das Verfassungsgericht, dem man sexuelle Übergriffe vorwarf. Jetzt war Pause und ich wollte sie gerade zu ihrer Taktik befragen, da sprang eine junge Frau zwischen uns und begann zu kreischen. “Hi, ich bin Michelle, Sie sind meine Heldin, es ist mein Traum, bei Ihnen ein Praktikum zu machen”. Harris umarmte sie prompt. “Hi, ich bin Kamala.” Ich weiß leider nicht, was aus dem Praktikum geworden ist oder aus Michelles Begeisterung, aber es war meine erste Vorahnung des Kamala-Hypes dieser Tage.
Damals im Fahrstuhl. Foto: Fabian Reinbold
Damals im Fahrstuhl. Foto: Fabian Reinbold
Jetzt ist zu lesen, Harris sei die perfekte Kandidatin. Tatsächlich schenkt die 55-Jährige dem 77-jährigen Biden das Element des Neuen. Sie verleiht Biden eine Bedeutung, die über das hinausgeht, was er bislang ist: nicht Trump. Sie werde die Schwarzen begeistern, die Frauen und die Jugend, heißt es, den Drang nach Gerechtigkeit aufnehmen, den Generationswechsel vollziehen.
Doch das, was in diesen Tagen als Gewissheit verkauft wird, ist erst einmal eine Hoffnung. Es ist nicht klar, wen Harris wirklich erreichen wird oder gar begeistern. Dafür ist sie selbst zu oft ausgewichen, statt sich zu positionieren. Ihre Vergangenheit als toughe Staatsanwältin stört linke Aktivisten. Es ist noch nicht einmal klar, wie sehr sie die schwarzen Wähler elektrisieren wird. Harris ist schwarz, aber für viele keine wahre Afroamerikanerin – keine Nachfahrin der aus Afrika in die USA verschleppten Sklaven, sondern in Kalifornien als Tochter eines Wirtschaftsprofessors aus Jamaika und einer Medizinerin aus Indien geboren.
Als Harris 2019 versuchte, selbst Präsidentschaftskandidatin zu werden, war ich mit ihr in Iowa unterwegs. Sie galt anfangs gar als eine Favoritin, aber ihr Wahlkampf zündete nie, schon gar nicht bei den bodenständigen Bewohnern Iowas. Sie konnte damals schon Trump hart attackieren und sprach viel von den Sorgen, die einen nachts um drei nicht schlafen ließen. Aber man verstand nicht, was sie wirklich erreichen wollte. So sprang der Funke in den heißen Augusttagen in Iowa nicht über, und im Winter gab sie auf.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Wie Biden ist sie pragmatisch, unideologisch, zu Hause in der Mitte. Mit ihr will Biden Trumps Angriffe, der ihn als Geisel linksradikaler Kräfte darstellt, ins Leere laufen lassen.
Zwei Dinge sind nach dem ersten Hype tatsächlich schon klar. Biden und Harris wollen Trump über das Thema Corona packen. Das zeigen die Bilder und Punchlines ihres ersten gemeinsamen Auftritts. Da das Maskentragen längst politisiert ist und die Botschaft lautet “Wir machen das anders als Trump”, traten sie als Gespann der Nation so gegenüber.
Screenshot C-SPAN
Screenshot C-SPAN
Harris attackierte Trump direkt als den Verantwortlichen für die Corona-Wirtschaftskrise, bei ihr waren es Trumps 160.000 Tote, Trumps 16 Millionen Arbeitslose. Selbst dem eher umständlichen Biden gelangen beim gemeinsamen Auftritt die Zuspitzungen. So verspottete er Trump auch einmal anschaulich als “Jammerlappen”. Der Sound des Wahlkampfs wird klarer und giftiger.
Ebenfalls ist klar, wie die Gegenseite die Frau an Bidens Seite attackieren wird. Es dauerte nur Minuten, bis Trump und Team die ersten Duftmarken setzten: “falsch” und “gemein” sei Harris. Kommt Ihnen bekannt vor? Richtig, alles schon an Hillary Clinton erprobt.
Was die konkreten politischen Attacken betrifft, steckt man noch in der Mit-allem-werfen-und-schauen-was-haften-bleibt-Phase. Doch jene Angriffe, die über Sexismus und Rassismus wirken, stehen sofort zur Verfügung.
Während “Fox News”-Moderator Tucker Carlson mit sichtlichem Genuss den Namen Kamala falsch ausspricht, und dem Präsidentensohn Eric Trump ein Tweet gefällt, der Harris als Hure bezeichnet, erscheint bei Newsweek (einst seriöses Magazin, heute eher Online-Resterampe) ein Meinungsbeitrag, der die Falschbehauptung aufstellt, die in Kalifornien geborene Harris könne wegen ihrer ausländischen Eltern vielleicht nicht die staatsbürgerlichen Voraussetzungen für das Amt erfüllen. Und natürlich unkt im Weißen Haus der Präsident dann von diesem Text. Er habe da “heute was gehört”, man müsse sich das mal anschauen. Das waren Harris’ erste 48 Stunden als Kandidatin.
Kommt Ihnen auch bekannt vor? Richtig, alles bereits ausgiebig am letzten Kandidaten erprobt, der nicht weiß war: Barack Obama. Und der Mann, der damals am meisten Kapital aus dieser Verschwörungstheorie zu Obamas Geburtsort schlug, hieß: Donald Trump.
Die Haltung, dass Trump entfernt gehöre, weil er zu viel Schaden anrichte, besitzen die Demokraten nicht länger exklusiv. Ich sprach in dieser Woche mit einem Rechtsaußen der Republikaner, der genau mit dieser Aussage gerade Schlagzeilen generiert.
Ich traf John Bolton, Trumps früheren nationalen Sicherheitsberater, zum Skype-Interview. Wir sprachen, kurz nachdem Trump ihn am Vormittag gleich zwei Mal angegriffen hatte. Per Tweet als einen “der dümmsten Menschen”, die ihm je begegnet seien, und zu anderer Gelegenheit noch als “Spinner”.
Bolton hat ein Enthüllungsbuch geschrieben, dessen Erscheinen das Weiße Haus verhindern wollte. Es ist in den USA ein Bestseller und erscheint nun auch in Deutschland. Jetzt ledert er gegen Trump – behielt seine Einblicke aber für sich, als man ihn anflehte, im Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten auszusagen.
Es wurde ein interessantes Gespräch über Trump und all das, was laut Bolton Deutschland in einer zweiten Amtszeit drohe. Sie können das Interview hier nachlesen.
Während er sich darüber ausließ, wie unpolitisch und unstrategisch Trump vorgehe, entdeckte ich im Hintergrund an seiner Bürowand die Unterschrift eben jenen Trumps. Ich fragte ihn: “Hängt dort das, was ich denke?” Ich wusste noch, dass er im West Wing die präsidiale Verordnung aufgehängt hatte, die den Ausstieg der USA aus dem Iran-Deal besiegelte. So wie der Falke Bolton einst den Irakkrieg vorangetrieben hatte, arbeitete er zuletzt am Ausstieg aus dem Atomabkommen.
Bolton freute sich regelrecht, dass ich danach fragte. “Ja, genau! Sogar mit dem Stift, mit dem das Präsident unterschrieb. Ich schicke Ihnen gern ein Foto davon”, sagte er und lachte. Später schickt seine Assistentin tatsächlich das Bild.
Foto: John Bolton
Foto: John Bolton
Bolton bereut also nichts. Er ist stolz darauf, eines seiner Ziele verwirklicht zu haben. Dass er 17 Monate einem Mann half, den er als Präsident für komplett untauglich hält, scheint ihn nicht zu stören. Als ich versuchte, ihn dann auch an seinem Stolz als überzeugter Republikaner zu packen, und fragte, wo denn die aufrechten Parteifreunde seien, die gegen Trump für ihre Ideale einstünden, hob er allen Ernstes die Hand: Na hier, Sie sprechen gerade mit einem.
Bolton sagte, die Partei werde sich von Trump emanzipieren, egal wie die Wahl ausgehe. Doch nach diesem Gespräch habe ich daran mehr Zweifel als zuvor.
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007