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Post aus Washington: Heldensturz

Revue
 
 

Post aus Washington

19. März · Ausgabe #107 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo uns ein sagenhafter Absturz die Folgen der Zeitenwende, die wir gerade erleben, vor Augen führt. Falls Sie es in der ganzen Aufregung um Corona, Lockdowns und Impfungen vergessen haben: Hier drüben schreiben wir seit wenigen Wochen das Jahr 1 n. Tr.
Seit dem Machtwechsel und dem Beginn des Post-Trump-Zeitalters gelten ganz neue ungeschriebene Gesetze. Das erfährt in diesen Tagen insbesondere ein Mann, der vor einem Jahr noch zum Helden Amerikas aufstieg.
Im März 2020 begann unser Held oben im eisigen Albany, Bundesstaat New York, täglich am späten Vormittag einen Vortrag zu halten. Er sprach über die Gefahren von Corona, zeigte Power-Point-Präsentationen mit leicht verständlichen Zahlen und Botschaften, ließ Experten zu Wort kommen, machte Mut und mahnte zur Vorsicht. So weit, so unspektakulär. Zur Sensation wurde das nur, weil zeitgleich im Weißen Haus ein anderer Mann seine täglichen Corona-Briefings lieber dafür nutzte, wahlweise Hydroxychloroquin oder Bleiche, UV-Licht oder seine eigene angebliche Genialität als Wunderwaffen in der Pandemie zu preisen.
Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, wurde zum Helden, weil Donald Trump ein paar hundert Meilen weiter südlich den perfekten Anti-Helden abgab. Der Demokrat verkörperte das Mitgefühl, weil Trump keinerlei Mitleid zeigte. Er galt als der letzte Vernünftige, während der Präsident in die Scheinwelt flüchtete, in der Corona in ein paar Wochen vorbei sein würde. Fakten statt Fantasie – Tag für Tag live auf allen Kanälen.
Screenshot YouTube/Gov. Andrew M. Cuomo
Screenshot YouTube/Gov. Andrew M. Cuomo
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Dass Cuomo ausladend über sich selbst und seine Familie sprach, wurde ihm wohlwollend als sympathisch attestiert. Dass er abends in der CNN-Sendung seines Bruders Chris zugeschaltet war, und der wiederum, als er selbst an Corona erkrankte, in das Briefing des Gouverneurs zugeschaltet wurde – wurde als die große Cuomo-Show gefeiert. (Falls Sie hier schon länger mitlesen, erinnern Sie sich vielleicht, wie befremdlich ich das damals fand. Doch damit war ich in der klaren Minderheit.)
Screenshot YouTube/Gov. Andrew M. Cuomo
Screenshot YouTube/Gov. Andrew M. Cuomo
Amerika – nicht das Trump-Fox-und-Waffen-Amerika, aber das liberale-urbane-New York Times-Amerika – war Cuomo verfallen. Es gab in jener Zeit ernstzunehmende Stimmen bei den Demokraten, die Joe Biden aufforderten, er solle seine gerade errungene Präsidentschaftskandidatur doch an Cuomo abtreten. Manche an den Bildschirmen empfanden den 62 Jahre alten Single bei den Briefings derart attraktiv, dass sie sich als “cuomosexuell” bezeichneten.
Cuomo veröffentlichte seine Heldenerzählung dann selbst in einem Buch, in der er Lektionen zur Führung in der Pandemie erteilte. Und schließlich bekam er für seine insgesamt 111 Corona-Briefings sogar einen TV-Preis, den Emmy, für – ich zitiere die Jury –"seinen meisterhaften Einsatz des Fernsehens, um Menschen in aller Welt zu informieren und zu beruhigen.“
Kleiner geht es eben nicht für amerikanische Helden, und erst recht nicht für jene wenigen, die als Trump-Widersacher in den Olymp des liberalen Amerika hinauffahren. Unten auf Erden vergaßen die Cuomo-Anbeter derweil, dass der Mann eigentlich als kaltblütiger und egozentrischer Machtpolitiker bekannt war. Er war jetzt eben der Anti-Trump, nur das zählte.
Seit Trump nun aus Weißem Haus, Twitter-Timelines und Nachrichtensendungen vertrieben ist, begann für Cuomo ein Abstieg, genauer gesagt eine Schussfahrt nach unten. Erst kam heraus, dass der Corona-Held die Covid-Totenzahlen in den New Yorker Pflegeheimen fälschen ließ – damit wollte er verdecken, welch hohen Preis sein Entschluss gefordert hatte, Covid-Patienten wieder in die Heime zurückzuschicken. Man habe das nicht eingestehen wollen, um Trump keine Vorlage für politische Angriffe zu bieten, lautet nun Cuomos lapidare Antwort.
Als sich dann ein Abgeordneter der Demokraten zu Wort meldete, dass Cuomo gedroht habe, ihn zu "zerstören”, trat er eine Welle los. Jetzt begannen die Vorwürfe von Frauen aus seinem Umfeld auf Cuomo einzuprasseln: Der Gouverneur soll sie betatscht haben, über ihr Sexleben ausgefragt haben. Insgesamt sechs Frauen – darunter auch frühere Mitarbeiterinnen haben solche Vorwürfe in den vergangenen Wochen erhoben. Dutzende weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen berichteten über eine vergiftete Arbeitsatmosphäre, die insbesondere für junge Frauen nur schwer zu ertragen war.
“Cuomosexuell” hat nun einen ganz anderen Klang.
Corona-Held Cuomo hat jetzt zwei Untersuchungen am Hals, eine wegen der Vorwürfe sexueller Belästigung und eines wegen der Altenheime, hinzu kommt ein Amtsenthebungsverfahren. Die wichtigsten Politiker des Bundestaates hier in Washington haben ihn zum Rücktritt aufgefordert, darunter der neue Mehrheitsführer im Senat Chuck Schumer.
Nun gibt es solche Aufnahmen von Cuomo, die seinen Absturz illustrieren.
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New York Governor Andrew Cuomo walks on the grounds of the Governor's Mansion following allegations that he had sexually harassed young women, in Albany. Photo by Angus Mordant https://t.co/8KuRbXyuNL
Ob Cuomo wirklich am Ende ist, weiß ich nicht. Der Mann will 2022 eigentlich noch einmal antreten, mit einer vierten Amtszeit hätte er seinen Vater Mario überholt, der als Gouverneur drei Amtszeiten absolviert hatte und dann die vierte Wahl verlor. Es hängt von den Ergebnissen der Untersuchungen ab. Er hat sich entschuldigt für seine Bemerkungen, aber dementiert, dass er Frauen unangemessen angefasst habe.
Der Fall Cuomo steht in meinen Augen für eine größere Entwicklung: Im Jahr 1 nach Tr. gibt es für eine Affäre dieser Größenordnung plötzlich wieder reichlich Aufmerksamkeit, weil nicht eine Trump-Ungeheuerlichkeit nach der anderen allen übrigen Skandalen den Sauerstoff entzieht – und weil der Status eines jeden Anti-Trump-Helden rapide an Wert verliert.
Da fällt mir das sagenumwobene Lincoln Project ein, ein Zusammenschluss an Trump-Gegnern aus dem Dunstkreis der Republikaner, die im Wahljahr mit einem ätzenden Wahlwerbeclip nach dem anderen Trump mächtig provozierten. Auch sie erreichten in der liberalen Öffentlichkeit Heldenstatus.
Mit Trumps Ende gerieten auch ihre Anführer unter die Lupe. Schnell kam heraus, dass einer der Gründer seine Position missbrauchte, um junge, teils minderjährige, Männer, sexuell zu belästigen. Die Kollegen, die davon wussten, hielten dicht und machten lieber mit dem Scheffeln von Spendengeldern weiter. An den 87 Millionen Dollar, die sie zur Wahl einwarben, bereicherten sich manche vor allem selbst. Die Kämpfer gegen den ehrlosen Präsidenten: selbst ein ziemlich ehrloser Haufen.
Jetzt kann sich der Blick wieder auf jene richten, die sich – auch als Gegner Trumps – Machtpositionen erarbeitet haben. Man sieht weniger Weiß und Schwarz, mehr Grautöne. Wer will, sieht es in diesen Tagen auch im Regierungshandeln. Joe Biden, der wieder eine humanitäre Flüchtlingspolitik machen will, steht an der Grenze zu Mexiko vor ähnlichen Problemen wie Mauerbauer Trump und tut sich schwer, sie einzugestehen. 
Das ist eine überfällige Korrektur, um sich der Realität wieder anzunähern, statt die Welt nur in Pro- und Contra-Trump zu unterteilen. Eine unbequeme Wahrheit lautet dabei, dass die am lautesten bejubelten Trump-Bekämpfer oft mehr mit ihm gemein hatten, als ihre Anhänger wahrhaben wollten.
Cuomo erscheint jetzt wieder als derjenige, als der er in Politik und Medien zuvor eigentlich bekannt war: als bully, wie man hier sagt, also als Schulhoftyrann, der die Schwächeren mobbt. Übergriffig gegen Frauen, grausam gegenüber Mitarbeitern, stets um sein Ego kreisend. Besessen von den Einschaltquoten, getrieben von Rachegelüsten und der im Hintergrund lauernden übergroßen Vaterfigur. Das klingt doch… ja, genau… ganz wie der alte Präsident. Der Anti-Trump hat sich selbst als kleiner Trump entpuppt.
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007