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Post aus Washington: Gefährlich uninformiert

Revue
 
 

Post aus Washington

13. März · Ausgabe #61 · Im Browser ansehen
Die USA unter Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold

Guten Morgen aus Washington,
wo man sich dem Kopfschütteln über den Präsidenten in diesen Tagen nur noch schwer entziehen kann. Donald Trump und das Coronavirus – das ist eine ganz schwierige und womöglich fatale Beziehung.
Wochenlang hat Trump die Krise kleingeredet, seinen Experten widersprochen, Fallzahlen nur danach beurteilt, wie sie ihn selbst dastehen lassen würden. Er schob Barack Obama die Schuld in die Schuhe, log darüber, wieviel im Lande auf die Krankheit getestet wird, und so weiter. Das Verhalten sorgt für viele Schlagzeilen, fällt allerdings nicht aus dem gewohnten Rahmen.
Im Gegenteil: Trump ist einfach Trump, doch um ihn herum eskaliert es. Seit jeher bezieht er alles auf sich, ignoriert die Fachleute, vermischt nationale mit persönlichen Interessen. Nur eine Krise solchen Ausmaßes hatte er noch nicht zu meistern. Während Trumps Nebelkerzen oft eher abstrakt eine Gefahr für die US-Demokratie darstellen, ist es nun ganz konkret: Eine Sache von – ich zögere es so martialisch zu schreiben, doch es stimmt ja – Leben und Tod.
Die USA – so erlebe ich es – überholen Deutschland gerade, was die Verwerfungen des öffentlichen Lebens angeht, auch und weil hier so wenige Menschen getestet wurden, dass das Ausmaß der Krise völlig unbekannt ist. 
Ich will Ihnen zwei Momente aus dieser außergewöhnlichen Woche schildern, in der sich die Ereignisse überschlugen.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter.)
Montagnachmittag, Weißes Haus: Trump landet mit dem Hubschrauber. Er war das Wochenende über in Florida, hat dort Spendenveranstaltungen gehalten, eine Geburtstagsparty für die Freundin von Sohnemann Donald Jr. geschmissen, mit Gästen aus Brasilien für Selfies posiert, Anhängern die Hände geschüttelt. Business as usual, als sei nichts passiert. Mindestens drei Personen, mit denen Trump in Kontakt war, begeben sich als Verdachtsfälle in Quarantäne, einer wird positiv auf Covid-19 getestet.
Trump geht auf dem Südrasen kommentarlos an uns vorbei, fuchtelt aber mit den Armen, zeigt auf den West Wing. Er will wohl sagen, er spreche später mit uns.
So kommt es auch. Im engen James S. Brady Press Briefing Room, den der Präsident sonst meidet, wird das Präsidentensiegel ans Rednerpult geklebt. Heißt: Trump kommt. Zwei Minuten vor der Startzeit 17.30 Uhr blechert eine Frauenstimme durch die Lautsprecher: “Die Pressekonferenz startet nun um 6 Uhr” abends. Der Saal stöhnt laut auf. Um 6:02 Uhr knarzt wieder durch die Anlage: “Die Pressekonferenz startet um 6:30 Uhr.” Und um 6:34, als die Mitglieder der Corona-Taskforce schon brav ein paar Minuten auf der kleinen Bühne warten, kommt Trump tatsächlich heraus. Er spricht knapp drei Minuten.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Er spricht vage von Maßnahmen, die die Wirtschaft beruhigen sollen. Sagt: Mit der Krise “sind wir sehr, sehr gut umgegangen”. Haben einen “großartigen Job” gemacht. Verspricht, morgen werde er zurückkommen, um seine “gewichtigen” Wirtschaftspläne vorzustellen. Dann geht er und lässt die Fachleute zurück.
Es sind solche Szenen, die Trumps Schwäche freilegen: Er hat nichts beizutragen. Ist uninformiert, wirft Nebelkerzen – selbst zur versprochenen Vorstellung der Pläne wird es in den Folgetagen nicht kommen. Donald Trump ist zur Krise nicht sprechfähig.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Das ist selbst so, wenn der Präsident abliest. Mittwochabend im Oval Office: Seine Rede an die Nation hält er mit Hilfe des Teleprompters und kommt doch durcheinander.
Sein Plan ist dieser: Mit Einreisestopp aus Europa einen Schuldigen finden und sich Zeit erkaufen. Darüber, dass immer noch Tests Mangelware sind, darüber, dass sich das Leben der Amerikaner grundlegend ändern wird, verliert er keine Silbe.
Die Ausführung: Er stiftet maximale Verwirrung, unter anderem weil er fälschlicherweise behauptet, auch der Handel mit Europa werde eingestellt. Weil er nicht erwähnt, dass US-Bürger vom Reisestopp ausgenommen sind. Das Weiße Haus muss umgehend den Chef korrigieren.
Ich schaue die Rede wie Millionen Amerikaner abends live im Fernsehen. Kaum ein Moment im Weißen Haus ist eigentlich so sorgsam choreografiert wie eine seltene Rede an die Nation, doch im Chaotenstadl Trumps misslingt auch dieser Auftritt. Es ist eine Rede voller Selbstlob, Ungenauigkeiten und Fehler, und so gut wie ohne Mitgefühl.
Der Präsident stiftet Verwirrung, sät Zweifel, schafft Unsicherheit. Bei der Bekämpfung einer globalen Pandemie schwächt es die Abwehrkräfte.
Die sind in den USA ohnehin nicht die stärksten. Das Gesundheitssystem in ist so vielerlei Hinsicht kaputt, dass auch nur der Umriss hier den Rahmen sprengen würde: Es gibt etwa Millionen an Unversicherten, es fehlt eine flächendeckende Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, weshalb sich gerade in Dienstleistungsjobs viele Amerikaner auch krank zur Arbeit schleppen. Ich fürchte, den meisten ist noch nicht klar, wie schlimm es zu werden droht. Als ich gestern mit meinem Hausarzt telefonierte, sagte er mir: “Trotz der Äußerungen des Präsidenten sind kaum Tests verfügbar.”
Covid-19-Tests pro Million Einwohner. Grafik: Statista.
Covid-19-Tests pro Million Einwohner. Grafik: Statista.
Ich werde erst einmal auf Reisen verzichten. Der US-Wahlkampf ist virusbedingt ohnehin zum Erliegen gekommen.
Für einen professionellen Trump-Beobachter ist es ehrlich gesagt ein interessanter Moment: Trump hat im Virus einen Gegner wie noch nie zuvor. Einen, den er nicht per Tweet attackieren kann. Anfangs tat er so, als ob die Warnungen nur ein “hoax” (Schwindel) seiner Gegner seien, um ihn zu beschädigen – klar, in Trumps Welt dreht sich stets alles um Trump. Doch das Coronavirus lässt sich mit Trumps üblichen Dreiklang Ablenken, Angreifen, Eskalieren nicht wegwischen.
Auch Trumps üblicherweise schärfste Waffen versagen jetzt. Er zieht sonst Energie daraus, sich auf seinen großen Wahlkampfveranstaltungen feiern zu lassen, und er bindet Aufmerksamkeit, indem er mit der nächsten Ungeheuerlichkeit stets den Nachrichtenzyklus dominiert. Doch die Wahlkampfrallys sind abgesagt, und von einer Coronavirus-Pandemie lässt sich der Nachrichtenzyklus nicht ablenken. Wir erleben einen ganz heiklen Moment für den Präsidenten.
Foto: Fabian Reinbold
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Und wir erleben sein Versagen: Nach der stümperhaft vorgetragenen Rede an die Nation und dem verkündeten Einreisestopp aus Europa am Mittwochabend setzte keine Beruhigung ein, im Gegenteil: Bürger und Wirtschaft verunsichert: Die Börsen erleben den schwärzesten Tag seit dem Crash 1987 – fatal für einen Präsidenten, der seinen Erfolg vor allem an den Börsenkursen festmacht und der die Konjunktur zum Wahlkampfthema Nummer eins machen wollte.
In den 24 Stunden seit der Rede passiert – unter anderem – dies: Basketball-, Eishockey- und Fußballliga stellen den Spielbetrieb ein, Start der Baseballsaison wird verschoben. Disney World und Universal Studios machen den März über dicht, der Broadway bis zum 12. April. In allen Ecken des Landes schließen Schulen, Unis, Museen. “March Madness” (März-Wahnsinn) fällt aus, das Basketball-Finalturnier der College-Mannschaften – außerhalb Amerikas kaum bekannt, ist es eine der wichtigsten Sportveranstaltungen im Land. Kein March Madness? Nun gut, dieser März hält auch so schon ausreichend Wahnsinn bereit…
Und dann passierte noch etwas, das nur auf den ersten Blick völlig normal wirkte. Am Donnerstagmittag trat Joe Biden in seiner Heimatstadt Wilmington, Delaware, vor die Kameras und präsentierte seinen Plan zur Bekämpfung der Coronavirus-Krise. Auch Biden las vom Teleprompter ab: Er hatte ein paar Vorschläge, wie man die Krankenversorgung verbessern könnte, stellte die Nation auf die Folgen ein und warnte: Jeder werde von dieser Krise betroffen. Er zeigte Mitgefühl und versprach, als Präsident würde er auf die Experten hören.
Biden hielt eine völlig konventionelle Rede. Sie war konkret, verharmloste nicht und man verstand klar, was er sagte, ohne dass danach hektische Klarstellungen von Nöten waren. Was für ein atemberaubender Kontrast zum Präsidenten.
Beste Grüße aus Washington – und bleiben Sie gesund!
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20008