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Post aus Washington: Der Verrat

Revue
 
 

Post aus Washington

15. Januar · Ausgabe #99 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo man diese Woche erst mit Verspätung begriff, was eigentlich passiert war. Alles, was ich Ihnen am vergangenen Freitag über den Anschlag auf das Kapitol schrieb, ist auch heute noch richtig. Und doch war es nur die halbe Geschichte.
Ich habe in dieser Woche immer wieder Zeit im Kapitol verbracht, das zur Hochsicherheitskaserne umfunktioniert worden ist, dort mit vielen gesprochen und immer neue Videos angeschaut, die ihren Weg aus den Nischen des Internet in die Öffentlichkeit fanden. Alles führt zum so simplen wie deprimierenden Schluss: Es war alles noch viel schlimmer.
Das Kapitol am Mittwoch. Foto: Fabian Reinbold
Das Kapitol am Mittwoch. Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Der Mob war organisierter, zielgerichteter und besser ausgerüstet, als man tagelang annahm. Er hatte ausdrücklich Mike Pence und Nancy Pelosi im Visier, die Nummer zwei und drei in der Machtfolge der USA.
Sehr leicht hätte es viel mehr Tote geben können. Ein Trupp stand etwa nur noch Meter vor der Tür zur Senatskammer, als diese noch nicht evakuiert war. Ehre gebührt einem einzelnen schwarzen Polizisten, der die aufgebrachte Menge geschickt von der Eingangstür weglotste. Das ist das eine.
Das andere ist eine Erschütterung, die ich erst diese Woche im Kongress wirklich greifen konnte und auch selbst spürte. Eine amerikanische Kollegin zeigte mir ihre verwackelten Fotos der Eindringlinge in die Kammer des Repräsentantenhauses. Ein Mitarbeiter der Pressestelle berichtete, wie der Mob gegen die Türen des Pressebereichs hämmerte und er Gasmasken an Reporter verteilte. Seine Kollegin sagte, sie könne abends nur noch Feelgood-Filme schauen. Niemand von ihnen ist mir je als zartbesaitet aufgefallen.
Eine Quelle, mit der ich immer mal wieder spreche, um zu verstehen, was im Kongress los ist, war außer sich. Der Mann ist sonst ein nüchterner Typ. Jetzt sagte er: “Allein die Vorstellung, dass diese Arschlöcher dem Mob noch eine Tour gegeben haben…” Das Schimpfwort, das er verwandte, klang noch etwas härter. Es begann mit einem F.
Dieser Satz illustriert das überwältigende Gefühl am besten: Im Kapitol fühlt man sich verraten. Einem Mob ans Messer geliefert, mit tatkräftiger Unterstützung aus den eigenen Reihen.
Es kursieren unterschiedliche Vorwürfe. Republikanische Abgeordnete sollen selbst am Vortag spätere Randalierer herumgeführt haben – die meinte der Kontaktmann mit dem F-Wort –, mehrere Polizisten haben dem Mob angeblich freundlich die Richtung gewiesen. Vieles ist nicht bestätigt, so viel aber doch eindeutig: Republikaner haben mit martialischen Worten den Mob befeuert und sich auch im Moment der Attacke so verhalten, dass sich manche ein zweites Mal verraten fühlen.
Ostportal des Kapitols, eine Woche nach dem Sturm. Foto: Fabian Reinbold
Ostportal des Kapitols, eine Woche nach dem Sturm. Foto: Fabian Reinbold
Erst jetzt ahne ich, welche Traumata der 6. Januar noch hervorrufen wird.
Die linke Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez berichtete, wie sie selbst im gesicherten Raum, in den man viele Abgeordnete führte, Angst um ihr Leben gehabt hätte – weil sie fürchtete, dass Sympathisanten der Randalierer im selben Raum ihren Aufenthaltsort preisgeben könnten. Sie sprach auch von “verräterischen Taten durch die Polizei”. Ihre enge Verbündete Ayanna Presley sagte, sie habe den Sicherheitsraum wieder verlassen, als sie gesehen habe, dass dort die “Rassisten und Maskengegner, die den Mob erst aufgewiegelt haben”, waren.
Die Demokratinnen nannten keine Namen, meinten aber unter anderem zwei Abgeordnete, die erst in der vergangenen Woche vereidigt wurden: Marjorie Taylor Greene, die Wahlkampf mit QAnon-Verschwörungstheorien machte und sich im Sicherheitsraum weigerte, eine Maske zu tragen. Oder Lauren Boebert aus Colorado, die darauf besteht, verbotenerweise mit Waffe ins Plenum zu kommen und während des Sturms getwittert hatte, dass Pelosi jetzt die Kammer verlassen habe – was als Signal an die gewaltbereiten Trupps verstanden worden ist.
Die beiden sind nach Washington gekommen, um Regeln zu brechen. So wie ihr Vorbild Donald Trump.
Taylor Greene mit "Zensiert"-Maske. Foto: Fabian Reinbold
Taylor Greene mit "Zensiert"-Maske. Foto: Fabian Reinbold
Extremisten, Waffen, und dann noch Corona – das Vertrauen im Kapitol ist bis ins Mark erschüttert. Pelosi ließ an den Türen zur Kammer nun Metalldetektoren errichten. Weil sich manche Republikaner dran vorbeiquetschten, soll es künftig Strafen hageln: Schon 5000 Dollar beim ersten Vergehen. Ähnlich, nur günstiger, sollen Maskenverweigerer belangt werden. Es sind nur Republikaner, die sich diesen Regeln widersetzen.
Auch ich war bei meinen Besuchen nach dem Überfall erschüttert, wie ich das Kapitol vorfand. Ich mag diesen erhabenen Marmorbau, der über Washington thront. Für einen ausländischen Korrespondenten ist es ein wunderbarer Arbeitsort. Wer sich etwas geschickt anstellt, bekommt hier Zugang zur Politik, den es im Weißen Haus so nicht gibt. Man kann die Politiker sprechen, auch bei historischen Momenten wie einem Impeachment einen Platz im Raum ergattern.
Westportal, zwei Tage nach dem Sturm. Foto: Fabian Reinbold
Westportal, zwei Tage nach dem Sturm. Foto: Fabian Reinbold
Es tat weh, die zerborstenen Scheiben nahe der Rotunde zu sehen, die Sperrholzplatten, die zerstörte Fenster ersetzen, den Müll, den der Mob auf den Fluren des Senats zurückließ. Und dann wurde es surreal: In dieser Woche rückten immer mehr Nationalgardisten ein, schon zum Impeachment-Tag am Mittwoch war das Kapitol halb Kongress, halb Kaserne.
Ich konnte kaum fassen, was ich in den unterirdischen Gängen sah. Links und rechts hunderte Soldaten auf dem Marmorboden, die Schnellfeuerwaffen an Wände und Säulen gelehnt, kein Feldbett, keine Decken. Die Verteidiger des Kapitols: schwer bewaffnet, schlecht versorgt und eine Woche zu spät vor Ort.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Im Kapitol kristallisierte sich eine Beklommenheit, eine Entrüstung, die man in ganz Washington spürt. Die Straßensperren werden von Tag zu Tag mehr. Viele Bewohner hatten Angst vor dem 6. Januar und haben nun Angst vor Tagen rund um die Inauguration.
Aus Sorge vor neuem Aufruhr hat man AirBnB dazu gedrängt, sämtliche Buchungen im Großraum Washington für diese Tage zu stornieren. Die National Mall, auf der sich bei Barack Obamas Amtseinführungen sehr viele und bei Donald Trump weniger Menschen drängten, bleibt für normale Bürger gesperrt.
In dieser bedrückenden Stimmung ist das historische zweite Impeachment Trumps nur einer von mehreren Strängen. Dass der Präsident angeklagt worden ist, sieben Tage vor dem Ende der Amtszeit, ist seltsam, aber folgerichtig. Es können ja nicht nur die Angreifer selbst zur Rechenschaft gezogen werden, sondern auch jene, die sie angestachelt haben.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Ich sehe das Impeachment als dringend nötige Abschreckungsmaßnahme. Trump weiß nun: Wenn er weitere Gewalt heraufbeschwört, kann ihn der Senat wirklich noch verurteilen.
Man konnte den Effekt schon beobachten. Am Dienstag tönte der Präsident noch, er habe sich am 6. Januar und beim Feldzug gegen das Wahlergebnis “vollkommen angemessen” verhalten. Am Mittwochnachmittag wurde er angeklagt, als erster US-Präsident zum zweiten Mal, von allen Demokraten und zehn Republikanern – eine kleine, aber doch bedeutsame Zahl. Am Mittwochabend las er dann schon in einem der letzten ihm verbliebenen Kanäle – dem YouTube-Kanal des Weißen Hauses – plötzlich eine Botschaft vom Teleprompter ab, in der er zum Gewaltverzicht aufrief und er sich von der Gewalt in seinem Namen distanzierte. 
Wie glaubhaft Sie das finden, überlasse ich Ihnen. Ich sah einen Mann, dem dringlichst geraten wurde, ein Signal auszusenden: Damit ihn seine früheren Verbündeten im Senat nicht auch noch verurteilen.
Kurz vor dem Impeachment-Votum traf ich in den Katakomben des Kapitols zufällig auf Boebert, die neue Abgeordnete und Waffennärrin. Wir redeten auf dem Weg zur Kammer ein bisschen. Ich wollte wissen, wie sie den 6. Januar erlebt habe. Sie antwortete, sie habe sich betrogen gefühlt, weil sie sich nicht habe verteidigen können.
Ganz verstanden habe ich es ehrlich gesagt nicht. Wahrscheinlich musste sie ihre Waffe abgeben und das war für sie der Verrat des 6. Januar. 
Dann brach sie schon mitten im Satz ab und verschwand Richtung Kammer. Ich sah Lauren Boebert noch einen Schlenker machen: Sie huschte am Metalldetektor vorbei.
Noch fünf Tage bis zum Machtwechsel. Drücken Sie uns die Daumen, dass es friedlich bleibt.
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007