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Post aus Washington: Der Spielplatz der Superreichen

Revue
 
 

Post aus Washington

28. Juni · Ausgabe #115 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus der reichsten Gemeinde Amerikas!
Ich melde mich weder aus Manhattan noch aus den Hügeln rund um Hollywood. Und der Prunk von Palm Beach ist Gott sei Dank auch ganz weit weg. Wenn Sie nun ungeduldig würden – Was nimmt der Reinbold wieder für einen langen Anlauf! – und rasch googlen, fänden Sie den Ort wahrscheinlich nicht. Denn in den jährlichen Ranglisten der wohlhabendsten Orte in den USA taucht diese Gemeinde fast nie auf, einfach weil sie zu klein ist.
Hier leben nach letzter Zählung nur gut 21.000 Menschen, von denen jeder im Durchschnitt pro Jahr 251.728 Dollar verdient. Weil die Zahlen allerdings ein paar Jahre alt sind, verraten sie wenig über den sagenhaften Boom, der hier vor kurzem ausgebrochen ist.
Und damit herzlich Willkommen in den Rocky Mountains von Wyoming. Die Gemeinde heißt Teton County, das wunderschöne Tal, in dem man dort wohnt, trägt den Namen Jackson Hole und das Städtchen im Zentrum des Wahnsinns heißt Jackson.
Die drei machen gerade turbulente Zeiten durch. Nur die Million Dollar Cowboy Bar harrt schon seit Ende der Dreißigerjahre unverwüstlich am Stadtplatz von Jackson aus, müsste allerdings eine Umbenennung erwägen, wenn sie die aktuellen Entwicklungen abbilden wollte. Billion Dollar Cowboy Bar wäre gerade der passendere Name. Denn nachdem die Millionäre die Normalos verdrängt haben, verdrängen jetzt die Milliardäre die Millionäre.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Eine atemberaubend schöne Lage, allgemeine Stadtflucht wegen Corona, lachhaft niedrige Steuern und der gute alte Mythos des Wilden Westens haben Jackson zum Zufluchtsort der Superreichen gemacht – was hier für allerlei Verwerfungen sorgt. Die Luft in Jackson Hole, 1900 Meter über Null gelegen, wird für viele gerade ziemlich dünn. Ich wollte mir den Ort seit langem einmal näher anschauen und fand nun endlich einmal die Zeit dafür.
Spaziert man durch das Städtchen, erahnt man von all dem nichts. Jackson präsentiert sich als der Touristenort, der er schon lange ist: Die nahen Nationalparks Grand Teton und Yellowstone sowie die hervorragenden Skipisten lassen den Strom an Reisenden zu keiner Jahreszeit versiegen. Am Stadtplatz grüßen vier Torbögen aus Hirschgeweihen und für ein paar Dollar mehr landet eine Büffelbulette statt Rindfleisch auf dem Burger. So weit, so urig.
Foto: Fabian Reinbold
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Und genau das lieben die Milliardäre aus dem Silicon Valley, aus Los Angeles und aus New York, die nun hierher strömen. Die atemberaubende Natur trifft nämlich auf eine Kultur der Bodenständigkeit, in der man allzu gern abtauchen möchte. Es röhren keine Porsches oder Bentleys durch das Tal, sondern massive Pickup-Trucks, die nach hiesigen Maßstäben als vollkommen normal gelten.
Samstagabends geht man zum Rodeo. Die Alteingessenen, die Touristen und die neuen reichen Nachbarn kommen allesamt in Cowboyhut und spitzen Lederstiefeln. Die Veranstalter haben den perfekten Slogan gefunden: “Where the West is still the West” – Wo der Westen noch der Westen ist.
Zwischen Bullenreiten und Pferdefangen fragt der Stadionsprecher ins Publikum: “Wer kommt denn hier aus Kalifornien?”. Als sich ein paar Hände zaghaft aus dem Meer der Cowboyhüte schieben, sagt er: “Willkommen in Amerika”.
Foto: Fabian Reinbold
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Den Mythos der “Frontier” schreiben die Amerikaner schon seit gut hundert Jahren fort. Das ist die Vorstellung, dass es erst die Erfahrungen an der sich immer weiter nach Westen verschiebenden Grenze waren, die Amerika zu Amerika machten. Wilder Westen, das einfache Leben in wunderschöner Natur und gefährlicher Wildnis, weit weg von der Bevormundung durch eine Regierung. In Jackson darf sich jeder Hedgefondsmanager ein kleines bisschen wie Buffalo Bill fühlen, oder zumindest wie Lucky Luke.
Es ist ein Abenteuerspielplatz für die Superreichen. Wie in der Science-Fiction-Serie “Westworld” (Empfehlung!), nur ohne Roboter.
Beim Rodeo lehnt Drue Meyer lässig am Metallzaun, eine Dose Coors light steckt in der Hosentasche. Meyer arbeitet auf dem Bau, es geht ihm gut, dank der neuen Nachbarn. Er hat zuletzt für so manche Berühmtheit das Anwesen mitgezimmert. Für wen, darf er allerdings nicht sagen. Vor dem ersten Handschlag musste er eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen.
Foto: Fabian Reinbold
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So bleibt vieles im Vagen. Harrison Ford war einer der ersten Stars hier, so viel ist klar, er hat eine Ranch am wilden Snake River. Meyer weiß: “Die musste er im Rahmen einer Scheidung seiner Frau abtreten, kaufte sie aber am nächsten Tag zurück.” Die Cheneys (Dick, Liz und Co.) wohnen etwas weiter den Fluss hinauf. Kanye West aß am liebsten die Chicken Wings bei Big Hole BBQ (für Sie getestet und nur für mittelmäßig befunden…), Bill Gates hat etwas weiter draußen die alte Ranch von Buffalo Bill gekauft.
Doch wer seit der Pandemie alles gekommen ist, wie und wo die neuen Milliardäre wohnen, das alles ist nicht genau auszumachen. Auch in Jackson gilt: Reich, reicher, unsichtbar.  
Der Ort, an dem die großen Deals eingefädelt werden, tarnt sich als bescheidene Blockhütte ein paar Ecken vom Stadtkern entfernt. Die Makler von Sotheby’s jonglieren hier mit den neuen Mega-Angeboten. Am Samstagmorgen ist wenig los, ein freundlicher Mann hat Zeit, ein paar Einblicke zu geben.
“Wer Reichtum an die Nachfahren vererben will, hat viele Vorteile, wenn er nach Wyoming zieht”, sagt er. Nicht nur die Erbschaftssteuer ist minimal, auch die Grundsteuer. Auf eine Einkommensteuer, die man in den USA üblicherweise auf Bundes-, Staaten- und lokaler Ebene zahlt, verzichten Wyoming und Teton County gleich ganz.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Jetzt macht er mir ein Objekt schmackhaft. Ein Ensemble, das er als Einfamilienhaus mit vier Schlafzimmern plus Gästehaus mit vier weiteren Schlafzimmern anpreist: 11 Bäder, 112 Hektar Grundstück, Listenpreis 69,5 Millionen Dollar. Als mein Blick wohl doch etwas Unglauben verrät, preist er die Immobilie nun noch einmal anders an: “So viel zusammenhängende Fläche ist wirklich einzigartig. Da kannst du deine eigenen Wanderpfade und Radpisten anlegen”.
Tatsächlich, die Fläche ist hier ein Knackpunkt. Nicht einmal drei Prozent des Gebietes von Jackson Hole sind in Privatbesitz. Der Rest ist in der Hand des Bundes. Neben den Bergketten begrenzt ein riesiges Wapiti-Hirschreservat die Stadt im Norden. Das macht alles noch abgeschiedener, exklusiver, begehrter.
Und es macht die Stadt eingezwängter. Auch der Makler weiß um das Problem: “Es gibt hier nicht so viel gut bezahlte Jobs, und man kann mit dem Geld, das reinströmt, einfach nicht mithalten.” Wer nicht mehr mitkommt, kann nicht einfach ein bisschen weiter rausziehen. Seine Kollegen auf dem Bau, hatte mir Drue Meyer am Rodeozaun erzählt, kommen nun jeden Morgen aus Pinedale, knapp 90 Meilen entfernt. Andere Arbeiter, die den Reichen die Häuser putzen oder die Ranches pflegen, pendeln aus dem nächsten Bundesstaat Idaho. Jeden Morgen und jeden Abend über den Teton-Gebirgspass. Im Sommer geht das, im Winter ist der oft gesperrt. Dann kann es passieren, dass der reichste Ort Amerikas Armut an Arbeitskräften leidet.
Foto: Fabian Reinbold
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Der Makler zeigt mir nicht ohne Stolz, wie seine Verkäufe im Pandemie-Jahr explodiert sind. 2019 verkauften sie hier Immobilien im Wert von 933 Millionen Dollar, 2020 dann die Verdopplung auf 1,8 Milliarden Dollar. In einer Kleinstadt. Der durchschnittliche Preis pro Haus stieg von 1,7 auf 2,7 Millionen Dollar.
Und das sind nur die Kaufobjekte. Auch wer mieten will, zahlt jetzt deutlich mehr – der sogenannte “Zoom Boom”, also der Umzug von Leuten, die in der Pandemie von zuhause aus per Videokonferenz arbeiten und ihre Städte gar nicht schnell genug verlassen konnten.
Als neulich eine Schulbehörde tagte, ging es nicht um Reparaturen und neue Lernpläne. Thema Nummer eins war die Klage, dass die Lehrer in Jackson kein Haus mehr fänden. Wir sind nicht nur in der reichsten Gemeinde Amerikas, sondern auch der mit der höchsten Ungleichheit.
Als der freundliche Makler fertig ist mit seinem Vortrag, bekommt er kalte Füße. “Wir sind gerade mit einem Stigma behaftet.” Er will nicht, dass ich seinen Namen nenne. Diese Erfahrung wiederholt sich bei anderen Gesprächen.
Das passiert einem als Journalist bei Reporterreisen in die Provinz eher selten, aber öfter, wenn man der Macht und dem Geld näherkommt. Und genau darum geht es hinter der Büffel-Berge-und-Cowboy-Romantik in Jackson Hole: um viel Macht und um viel, viel Geld.
Der Mann, dem es am besten gelang, die Konfliktparteien zum Reden zu bringen, heißt Justin Farrell. Der Soziologe arbeitet an der Elite-Universität Yale. Farrell hat ein ganzes Buch über das Phänomen geschrieben: Billionaire Wilderness heißt es, also Wildnis der Milliardäre.
Die einen waren geschmeichelt, dass sich ein Forscher einer renommierten Universität mit ihnen unterhalten wollte, an die man gern die eigenen Kinder schicken würde. Zu den anderen fand als er als gebürtiger Wyominger einen Draht.
Als ich ihn anrief, bestätigte er meinen Eindruck: “Die Milliardäre wollen hier den Widersprüchen ihres Lebens als Superreiche entfliehen. Sie reden sich ein, hier seien doch alle gleich und wollten dasselbe: raus in die Natur, ein bisschen Cowboy spielen.” Doch das ist, so drückt es Farrell aus, eben nur eine “schöne Fassade, hinter der es ziemlich hart zugeht”.
Ich wünsche Ihnen eine gute Woche, reich an schönen Sommerabenden.
Beste Grüße aus Wyoming
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007