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Post aus Washington: Ein letzter Blick

Revue
 
 

Post aus Washington

11. Dezember · Ausgabe #97 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo es langsam doch noch zu Ende geht: dieses atemlose, dramatische und unerbittliche Jahr 2020. Die Hauptstadt ist zumindest geschmückt wie eh und je. Vor dem Kapitol strahlt eine Engelmann-Fichte aus den Rocky Mountains mit der Kongresskuppel um die Wette.
Foto: Fabian Reinbold
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(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Hart war es ja überall, keine Frage. Doch hier in den USA war 2020 noch einmal eine andere Nummer.
Da war natürlich die Wahl, die das gesamte Jahr dauerte. Und da war Donald Trump, der die Aufmerksamkeit der Nation fest im Griff hatte, bis über ihn Entwicklungen hereinbrachen, die er wiederum nicht im Griff hatte.
Als Korrespondent war es, ehrlich gesagt, zermürbend. Keine Woche ohne Drama, kein Monat ohne sich überlappende Krisen. Wie gut also, dass diese Zeilen meine letzten vor dem Jahresendurlaub sind.
Lassen Sie uns noch einmal in zwölf Episoden zurückblicken. Dies war 2020, wie ich es gesehen habe:
Foto: Fabian Reinbold
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Das Jahr beginnt – längst vergessen – mit dem Impeachment, erst zum dritten Mal wird einem US-Präsidenten der Prozess gemacht. Trump kann, ein Omen fürs Restjahr, auf seine Parteifreunde zählen: Der Senat spricht ihn im Schnellverfahren frei, am Tag danach präsentiert er uns im Weißen Haus stolz die Titelseite der “Washington Post”: Trump freigesprochen. Er scheint, für einen Moment, unbesiegbar.
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Auf Joe Biden werden schon Abgesänge angestimmt. Eingerostet wirkt er, gehemmt, sein Wahlkampf gelähmt. Ich tingele trotzdem mit ihm weiter durch die Vorwahlkämpfe in Iowa, New Hampshire und South Carolina, weil ich auf fast jeder seiner Veranstaltungen sogar auf ein paar Republikaner treffe und sehe, wie er die Menschen berührt. Das ist die Kombination, die ihn noch weit tragen wird.
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Trump beginnt seine Corona-Briefings, anfangs bin ich noch dabei, dicht an dicht mit den Kollegen. Am 13. März inszeniert der Präsident ein vorerst letztes Mal Normalität, schüttelt fleißig Hände, spricht von einem “wunderschönen Tag”, dann verkündet er den Notstand – und ich für mich tue dasselbe. Ich bleibe künftig fort, es fühlt sich im Weißen Haus einfach nicht mehr sicher an. Trump macht bald Werbung für vermeintliche Wundermittelchen statt Krisenmanagement, New York wird das neue Bergamo, die Supermacht Amerika taumelt vor den Augen der Welt.
Foto: Fabian Reinbold
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Als es gerade so aussieht, als ob sich die Lage entspannt, bricht Ende Mai der nächste Sturm los. Ein kaum auszuhaltendes Video, 8 Minuten und 46 Sekunden, ein schwarzer Mann unter dem Knie eines weißen Polizisten, ein Satz: “I can’t breathe.” Wut und Entrüstung suchten sich im gesamten Land ein Ventil, meist friedlich, doch auch vor dem Weißen Haus brennt es eine Nacht lang. Am Morgen danach stechen mir noch Rauch und die von der Straßenreinigung aufgewirbelten Reste von Tränengas durch die Maske in die Nase. Diese Szenerie direkt vor der Machtzentrale – eigentlich unvorstellbar, bis zu diesem 2020.
Foto: Fabian Reinbold
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Es geht um Polizeigewalt und Rassismus, um das Erbe der Sklaverei und damit um die Frage, was für eine Nation man überhaupt ist. Es wäre ein Moment, um sich etwas ehrlicher zu machen. Einer, Sie ahnen wer, hat daran kein Interesse: Trump lässt friedlichen Protest räumen, als er vor einer Kirche ein Foto mit Bibel schießen will, schickte Nationalgarden und nicht-identifizierbare Einsatzkräfte auf die Straßen. Ein paar Tage lang fühlt sich Washington an wie Minsk.
Foto: Fabian Reinbold
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Vor dem Weißen Haus versammeln sich noch wochenlang die Demonstranten. Drinnen wird es leer. Wie viele Kollegen komme ich nur noch sehr selten. Der vielleicht bestgeschützte Ort der Welt bleibt unsicher, der Präsident fahrlässig und rücksichtslos – Mitarbeiter, die ich anfangs in Maske sehe, werden gedrängt, sie nicht mehr zu tragen. Kein Wunder, dass Präsident, First Lady und die wichtigsten Berater sich nach und nach Corona einfangen.
Foto: Fabian Reinbold
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Es ist der Sommer der durchkreuzten Pläne und ausgefallenen Reisen. Korrespondenten dürfen nicht aus- und wieder einreisen. Als kleine Kompensation bleibt nur eine Fahrt nach Berlin, Maryland, immerhin: America’s coolest small town.
Foto: Fabian Reinbold
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Wie hart das Krisenjahr eine Nation ohne Kurzarbeitergeld trifft, lässt sich an den Food Banks erahnen. Vor den Essensausgaben bleiben die Schlangen sehr lang. Meist werden, wie hier in Pittsburgh, die Essenspakete direkt in den Kofferraum gehievt. Viele teure SUVs in der Schlange. Ein Helfer sagt: “Es kommt die ganz normale Mittelschicht, die sich das nie hätte träumen lassen”.
Foto: Fabian Reinbold
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In den Umfragen erholt sich Trump vom Doppelschlag Corona/Rassismusprotest nicht mehr. Doch seine Fans rücken in der aufgeheizten Stimmung nur noch enger an ihn heran. Es ist ein Kult. Als der Guru wegen Covid ins Militärkrankenhaus eingeliefert wird, wird die Zufahrt binnen Stunden zur Pilgerstätte. Einer sagt: “Gott segne unseren Präsidenten. Ich würde für diesen Mann sterben!”
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Die Wahl wird zum Krimi: Die Umfragen haben Trump wieder unterschätzt. Er gewinnt neue Unterstützer, verliert in der Mitte aber zu viele. Erst nach vier Tagen des Bibberns kommt die frohe Kunde an einem Samstag um 11.25 Uhr: Joe Biden hat die Wahl gewonnen. Ich fahre wie tausende andere sofort ans Weiße Haus und erlebe eine Gefühlsexplosion auf den Straßen. Washington atmet auf.
Foto: Fabian Reinbold
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Dass Trump die Niederlage einfach nicht eingesteht, ist so beispiellos wie erwartbar – monatelang hat er das Manöver ganz offen vorbereitet. Die Republikaner im Kongress spielen bei seiner Fantasie eines Wahlbetrugs mit, die Anhänger des Kults sowieso. Der Wahlverlierer hat die Macht in seiner Parallelwelt gefestigt. Seine Leute werden Biden wohl nie als rechtmäßigen Präsidenten anerkennen. 2021 wird der Ausnahmezustand weitergehen.
Und am Ende dieses eigentlich kaum zu fassenden Jahres steht da, als wäre nüscht jewesen, wieder der stets etwas zu perfekt getrimmte National Christmas Tree vor dem Weißen Haus, während aus den Lautsprechern Bing Crosby von weißer Weihnacht träumt.
Foto: Fabian Reinbold
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Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit in diesem Jahr. Wir hören uns Anfang Januar wieder.
Kommen Sie gut durch den Dezember. Haben Sie trotz der Einschränkungen ein schönes Weihnachtsfest. Und vor allem: Bleiben Sie gesund!
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007