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Post aus Washington: ...und plötzlich ist er zurück

Revue
 
 

Post aus Washington

12. Februar · Ausgabe #103 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo ich heute einige von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wohl oder übel enttäuschen muss. Es haben mich zuletzt viele Mails erreicht mit einem ähnlichen Wunsch. Eine Leserin formulierte ihn so: “Sie sollten Trump nicht mehr so oft erwähnen, er ist zum Glück weit weg in Florida.”
Ich kann das gut verstehen. Nur gibt es da eine Kleinigkeit, die uns bei diesem Wunsch dazwischenfunkt: die Realität in Amerika.
Wenn diese Woche eines gezeigt hat, dann dass Donald Trump alles andere als weit weg ist. Im Gegenteil: Er war, nicht unerwartet aber dann doch urplötzlich, zurück. Zurück im Scheinwerferlicht, zurück als die größte Story, zurück als der mächtigste Spaltpilz. Und dafür musste er nicht einmal seinen Kitschpalast in Mar-a-Lago verlassen.
Donald John Trump – wie er spricht und schaut, wie er lügt und trügt, ja selbst wie er twittert – war in Washington wieder allgegenwärtig, und das drei Wochen nach seinem Abflug nach Florida. Selbst wenn man nur durch die Straßen fuhr.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Das lag natürlich daran, dass ihm seit Dienstag im US-Senat der Prozess gemacht wird. Obwohl das Impeachment lange abzusehen war, hatte die Rückkehr des Vertriebenen eine besondere Wucht. Das Amtsenthebungsverfahren, von vielen von Anfang an als aussichtslos abgetan, entwickelte eine riesige Sogwirkung. Corona? Impf-Chaos? Joe Biden im Weißen Haus? Alles nur noch Nebenschauplätze, zumindest in Washington.
Die sogenannten Impeachment-Manager aus Reihen der Demokraten im Repräsentantenhaus stellten eine eindrückliche Anklage auf die Beine. Sie brachten auf den Punkt, wie brutal es am 6. Januar zugegangen war. Wie teilweise nur wenige Meter und Sekunden verhinderten, dass der Mob auf jene Politiker traf, die er als Feinde sah.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Erstmals sah man auf Bildern der Überwachungskameras, wie Senatoren wie Trump-Kritiker Mitt Romney um ihr Leben rannten. Diese Aufnahmen waren ohne Ton, aber sie hallten nach. Es war verdammt knapp.
Andere Videos klangen wie aus einem schlechten Horrorfilm – etwa die Aufnahmen, in denen ein Mann in gekünstelt hoher Stimme auf der Suche nach Nancy Pelosi durch die Flure des Kapitols zieht: “Naaaancy, wo bist du?” Pelosi, die Nummer drei im Staate, war ebenso Ziel wie die Nummer zwei, Vize Mike Pence.
Doch vor allem sah man in den drei Tagen des Plädoyers immer wieder Trump: In zahlreichen Clips hörte man ihn auf Wahlkampfrallys seine Leute aufwiegeln. Man bekam die Tweets vor die Augen geführt, nicht nur jene vom 6. Januar, als er den Mob erst anfeuerte und anschließend noch lobte, sondern auch jene Ungeheuerlichkeiten der Wochen, Monate, Jahre davor auf dem Konto, das Twitter dauerhaft gesperrt hat. Das ganze Gift, knallgelb angestrichen. @realDonaldTrump war plötzlich als Untoter dem Twittergrab entstiegen, zumindest für drei Tage.
Aus der Präsentation der Ankläger. Screenshots: Senats-TV
Aus der Präsentation der Ankläger. Screenshots: Senats-TV
Die Demokraten gingen klug vor, weil sie zunächst zeigten, wie schlimm der 6. Januar war und dann die Blende weit aufzogen: Man sah noch einmal, wie Trump schon im Frühjahr einen bewaffneten Mob, der ins Kapitol in Michigan eindrang, ermutigt hatte. (“BEFREIT MICHIGAN!”)
Man erlebte Trumps jahrelanges Spiel mit der Gewalt noch einmal im Schnelldurchgang. Lob für einen Parteifreund, der einen Journalisten verprügelt hatte. Verharmlosungen für einen Extremistentrupp, der eine Gouverneurin kidnappen wollte. Und so weiter, und so fort.
Es gab in den Jahren eine weit verbreitete Fehlannahme in der US-Hauptstadt: Man solle ihn zwar ernst, aber ja nicht beim Wort nehmen. Die wüsten Drohungen seien nur Show. Das, was die Ankläger nun an Tweets, Videos, Aussagen der Mob-Mitglieder auffuhren, zeigte wieder einmal, wie naiv das war. Und dass seine Anhänger Trump schon lange ganz genau beim Wort nahmen.
Die Demokraten warnten vor der Zukunft. Chefankläger Jamie Raskin, ein Mann mit freundlicher Stimme aus dem liberalen Umland der Hauptstadt, sagte es den Senatoren am Donnerstag so: “Glaubt hier irgendwer der politischen Anführer im Saal wirklich, Donald Trump würde – wenn er wieder ins Oval Office gelangt – damit aufhören, Gewalt anzuzetteln?”
Und so war alles anders als beim ersten Impeachment vor einem Jahr. Damals saß ich in der Kammer, sah manchem Senator die Augen zufallen, hörte die Vorträge zu dem eher abstraktem Machtmissbrauch Trumps, der die Ukraine zu erpressen versuchte (schon damals ging es bekanntlich gegen Biden).
Jetzt saß ich am Fernseher, weil kaum Journalisten vor Ort zugelassen waren. Es war durchaus passend, denn die Demokraten hatten ihre Inszenierung ausdrücklich fürs Publikum am TV entworfen. Anders als damals war es konkret, anschaulich, emotional und aufrüttelnd. Es gab nicht allein ein bereinigtes Gesprächsprotokoll eines Anrufes in der Ukraine, es gab unzählige Videos. Aufnahmen der Randalierer, der Journalisten, der Überwachungskameras. Und es gab das Beweisstück Nummer eins gegen Donald Trump: seine eigenen Tweets und Auftritte.
Hinzu kam: Der Verhandlungsort war auch der Tatort, die Senatoren waren nicht nur Geschworene, sondern auch hautnahe Zeugen und potenzielle Opfer der Tat. Nicht im Fernsehen zu sehen: Das Kapitol ist noch immer eine Hochsicherheitszone.
Foto: Fabian Reinbold
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Vieles zum Sturm auf das Kapitol ist noch aufzuklären, etwa die Frage, welche Rolle Trump dabei spielte, dass die Nationalgarde viel zu spät eingesetzt wurde. Doch beide Seiten wollen lieber rasch zum Ende kommen.
In einem Punkt waren die Demokraten unehrlich: Sie schoben Trump die alleinige Verantwortung für den Gewaltexzess zu. Das war der Taktik geschuldet. Sie wollten nicht den Republikanern vor den Kopf stoßen, weil sie auf zusätzliche Abweichler aus deren Reihen hoffen. Doch dabei saßen die Mitschuldigen unter den Senatoren selbst, nämlich jene, die Trumps Märchen von der gestohlenen Wahl aktiv befeuert hatten, selbst am 6. Januar noch, als der Mob schon die ersten Türen durchbrochen hatte.
Das Ende dieses seltsamen Prozesses scheint klar: Donald Trump wird aller Voraussicht nach nicht verurteilt, er bekommt keine lebenslange Ämtersperre, er kann wieder als Präsident kandidieren, wenn er mag.  
Dabei gibt es ein Szenario, in dem die republikanischen Senatoren tatsächlich in Scharen dafür stimmen würden, Trump zu verurteilen und seine Kandidatur zu verhindern: Wenn die Abstimmung im Senat denn geheim wäre.
Doch da man für sein Votum persönlich einstehen muss, werden die meisten kneifen: Zu groß ist die Angst vor dem Zorn der eigenen Wählerbasis, die in großer Mehrzahl Trump verfallen ist und sich von ihm jederzeit aufscheuchen lässt. Da handelt man lieber nach dem Motto: Er mag ein Staatsfeind sein, aber er ist unser Staatsfeind.
Die Anklage ist durch, am Freitag beginnen die Anwälte mit der Verteidigung Trumps, was speziell ist, weil man dessen Verhalten in der Sache gar nicht verteidigen kann. Man kann es nur relativieren, man kann zeigen, dass es woanders auch politische Gewalt gab und der Gegenseite Doppelmoral unterstellen – das ist und bleibt das langweiligste und erfolgreichste Prinzip der amerikanischen Politik. Politik auf dem Niveau von “Aber die anderen!”, so läuft das hier schon lange. Die Anwälte wollen es kurz halten.
Donald Trump wird bald schon in die Geschichtsbücher eingehen als der einzige Präsident, der zweimal des Amtes enthoben werden sollte - ein Makel, den er wohl nie wieder los wird. Für viele ist Trump damit offiziell der größte aller Schurken, die es je ins Weiße Haus geschafft haben.
Doch in seinem Teil Amerikas wird er dann wohl derjenige sein, der zweimal ein Impeachment überstanden hat, ohne die Macht über seine Partei zu verlieren. Dort ist Trump damit der größte aller Kämpfer, die es je ins Weiße Haus geschafft haben.
Die Geschichte von Amerika und Donald Trump ist noch lange nicht vorbei. Wir werden ihr uns hier widmen müssen, immer mal wieder, aber nicht ständig – versprochen!
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007