Post aus Washington

Von Fabian Reinbold

Post aus Washington: Amerikas Plage

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Post aus Washington

27. März · Ausgabe #108 · Im Browser ansehen

Die USA nach Donald Trump – jeden Freitag kurz erzählt und erklärt. Der Newsletter von Fabian Reinbold


Guten Morgen aus Washington,
wo man die Fahnen in dieser Woche einfach gleich auf Halbmast hängen ließ. Die Trauerbeflaggung auf dem Kapitol und dem Weißen Haus galt der Anschlagsserie von Atlanta in der vergangenen Woche, wo ein junger Mann acht Menschen in Massagesalons erschossen hatte.
Am Montagabend sollten die Flaggen wieder hochgezogen werden, doch da waren schon die Eilmeldungen aus Colorado in der Hauptstadt eingetroffen: Wieder ein Schusswaffenmassaker, dieses Mal in einem Supermarkt. Zehn Tote in Boulder, vier weitere Tage Halbmast in der Hauptstadt.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
(Falls die Bilder nicht korrekt dargestellt werden, lesen Sie bitte hier weiter. )
Wenn diese elende Pandemie etwas Gutes hatte, dann vielleicht dies: Das amerikanische Jahr 2020 verging ohne das, was die Amerikaner mass shooting nennen. Eine echte Ausnahme. Doch jetzt sind wir zurück in der amerikanischen Normalität. Zu der gehört, dass alle paar Monate, alle paar Wochen und manchmal eben auch alle paar Tage ein Mann mit einer Waffe seine Mitmenschen tötet. Acht, zehn oder auch mal fünfzig.
Widmen wir uns in dieser Woche dem Thema, das draußen in der Welt für so viel Kopfschütteln sorgt wie kaum ein zweites: Amerika und seine Waffen.
Jetzt, so ist überall zu lesen, tobe wieder eine Waffendebatte. Doch schon dieser Begriff ist eines der vielen Missverständnisse, sobald es um Amerikas Waffenkultur geht. Es gibt keine Debatte. Es gibt zwei Seiten, die aneinander vorbei denken und reden. Die einen (eine Mehrheit) wollen einfach nicht akzeptieren, dass in Amerika so viel mehr Waffen im Umlauf sind und so viel mehr Menschen durch Waffengewalt sterben als anderswo. Die anderen (eine mächtige Minderheit) sehen schon in kleinsten Vorschlägen – wie dem, Magazine für Halbautomatikwaffen so zu verkleinern, sodass man ohne Nachladen nur zehn statt dreißig Menschen erschießen kann – den Anfang vom Ende von Freiheit, Verfassung, Republik.
Wenn der Präsident jetzt sagt, es sei an der Zeit für einen Wandel, winkt Washington nur müde ab. Keine Mehrheit in Sicht. Auf der ersten Pressekonferenz Bidens am Donnerstag hatten weder die Journalisten noch er selbst großes Interesse an dem Thema. So nüchtern bis zynisch betrachtet man das Ganze aus der Hauptstadt.
Ich bin bei dem Thema ebenfalls Realist, und doch erwischte mich die Nachricht vom Supermarkt-Amoklauf in Colorado ziemlich kalt. Ich kenne die Gegend gut, seit ich in Denver drei Monate mit einem Journalistenstipendium gelebt und gearbeitet habe. Und ich weiß, wie sehr Denver darunter leidet, so etwas wie die Amokhauptstadt Amerikas zu sein. 
Sie erinnern sich an das Massaker an der Columbine High School in Littleton 1999, bei dem zwei in Schwarz gekleidete Schüler zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen? Das war in einem Vorort von Denver. Wissen Sie noch, wie 2012 ein junger Mann die Spätaufführung des neuen Batman-Films stürmte und dabei zwölf Kinogänger tötete und 58 verletzte? Das war in Aurora, ebenfalls Vorort von Denver. Und jetzt die zehn Toten im Supermarkt im bunten Outdoor-Städtchen Boulder, keine halbe Stunde vom Zentrum Denvers. Und das sind nur die großen drei.
Boulder. Foto: Fabian Reinbold
Boulder. Foto: Fabian Reinbold
Ich bin damals in Denver in einem Selbstversuch in Amerikas Waffenkultur eingetaucht und habe irgendwann einiges verstanden: Dass man hier am Fuße der Rocky Mountains ohnehin mit Argwohn auf die ferne Regierung in Washington schaut und sich im Zweifelsfall lieber selbst gegen alle Feinde verteidigen will. Dass man ohnehin weiß, wie viele Pistolen, Flinten, Sturmgewehre kursieren und für sich selbst nichts lieber als Waffengleichheit herstellen will. Nur eines habe ich nicht verstanden: Dass man sich weigert, über den Preis des Rechts auf Selbstverteidigung zu sprechen.
Diesen Preis erahnt man, wenn man mit Menschen wie Frank DeAngelis redet. Er war damals beim Amoklauf der Schuldirektor der Columbine High School. Jetzt ist er 66 Jahre alt und in Rente.
DeAngelis ist ein offener Typ, der gern und lange erzählt. Bevor wir per Skype reden, hat er schon mit “New York Times” und CNN gesprochen. Doch man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man schreibt, dass ihn das shooting nie wieder losgelassen hat.
Screenshot: DeAngelis im Skype-Interview.
Screenshot: DeAngelis im Skype-Interview.
Wenn er über die Zeit des Massakers in seiner Schule spricht, schließt er oft die Augen. DeAngelis weiß, was so eine Tat auslöst: Dass sie einer ganzen Gemeinde den Boden unter den Füßen wegzieht, dass es Schuldgefühle der Überlebenden gibt, dass die Panik, das Herzrasen und die Beklemmung viele Jahre bleibt. “So etwas verändert die Gemeinschaft für alle Zeiten”, sagt er.
Wir reden schon eine ganze Weile, als er dann die dunkleren Folgen auch in seinem eigenen Leben anspricht. Zu den Folgen zählt er, dass sich seine Frau von ihm scheiden ließ, dass ihm seine Tochter sagte, er habe sich verändert. Er sei bis heute in Therapie, sagt DeAngelis jetzt, 22 Jahre später.
Bidens Rede gleich nach dem Massaker hat er gehört. Er fand sie nicht schlecht, aber sie klang eben genau wie damals, als er selbst mit Bill Clinton gesprochen hatte und genau wie später, als Barack Obama nach dem Grundschulmassaker von Sandy Hook nun aber wirklich eine Waffenreform durchsetzen wollte. “Wir haben doch diese Diskussion nach jedem einzelnen Amoklauf. Wir müssen doch endlich mal einen Weg finden, dieses sinnlose Sterben aufzuhalten”, sagt er und haut dabei auf seinen Schreibtisch.
Die letzten, die Anlauf nahmen, waren die Schüler der High School in Parkland, Florida, wo im Februar 2018 ein Ex-Schüler 14 Jugendliche und drei Lehrer erschossen hatte. Die jungen Aktivisten machten mächtig Druck. Organisierten Riesenproteste in Dutzenden Städten, spannten die Medien für sich ein, registrierten später Wähler, um die Kraftverhältnisse ins Wanken zu bringen. Da protestierte die Generation, die schon in der Grundschule immer wieder eine Stunde lang still unter dem Tisch ausharren musste, um das Verhalten bei einem Amoklauf zu trainieren.
Foto: Fabian Reinbold
Foto: Fabian Reinbold
Auch sie haben Amerikas Waffenpolitik nicht wenden können.
Es ist nicht so, dass es gar keine Regeln gäbe für Waffen, doch alle regeln ein bisschen und niemand so richtig. Wegen zahlreicher Schlupflöcher können auch als gewalttätig oder psychisch krank aufgefallene Männer immer wieder Waffen im Militärstil kaufen: wenn nicht im Waffenladen, dann auf einer der zahllosen, kaum kontrollierten Gun Shows.
Nach dem Parkland-Massaker wollten einige Städte im Land nicht mehr auf den Bundesstaat oder Washington warten und verboten eigenmächtig halbautomatische Sturmgewehre vom Typ AR-15. Es sind die Waffen, die meist für diese shootings benutzt werden.
Dagegen setzte es prompt Klagen und eine Stadt musste Anfang des Monats ihr Verbot zurücknehmen. Diese Stadt heißt, vielleicht ahnen Sie es schon: Boulder, Colorado. Gut zehn Tage später marschierte dann ein 21-Jähriger mit einer ähnlichen Waffe dort in den Supermarkt.
Noch ein Anruf in Denver. Jon Murray ist Reporter bei der “Denver Post”. Er war damals mein Büronachbar, versuchte mich immer wieder davon zu überzeugen, dass das Bier in Colorado besser ist als in Deutschland und staunte, dass ich mich damals so tief in die Waffenkultur eingrub.
Muss man sich bei euch an die Amokläufe einfach gewöhnen, Jon? “Jeder einzelne schockiert mich noch”, sagt er. “Aber es ist schon so, dass wir uns in Denver hier an diese Ereignisse gewöhnt haben.” Es gebe fast eine Art von “seltsamer, perverser Spannung” in Momenten wie an diesem Montag: Na, wie schlimm ist es wohl dieses Mal?
Jon war selbst nicht am Tatort, aber er sprach mit einer Frau, die sich im Supermarkt eine Stunde lang unter der Käsetheke verschanzt hatte und sich sicher war, dass sie sterben würde. “Es geht immer noch unter die Haut”, sagt er.
Als Reporter – die Trennung zwischen Berichterstattern und Meinungsmachern ist in den amerikanischen Zeitungen strenger als in Deutschland – ist Jon darauf bedacht, keine politischen Meinungen zu äußern. Aber als ich ihn frage, ob er denn glaubt, dass sich etwas ändern werde, lacht er kurz auf und formuliert es dann so: “Vor acht Jahren wurden Grundschulkinder in Newtown erschossen und das hat doch auch nichts geändert. Später gab es das shooting in einem Nachtklub in Orlando oder beim Konzert in Las Vegas mit jeweils 50 Toten. Jetzt haben wir ein shooting in einem Supermarkt in einer kleinen Stadt. Warum sollte da ein Politiker, der bislang gegen Reformen war, umdenken?”
Jon ist in Denver aufgewachsen. Als das Columbine-Shooting war, war er selbst kurz vor dem Abschluss an einer zehn Meilen entfernten High School. Er hat den Tag natürlich nie vergessen, das Spekulieren um die Opferzahlen, die Trauerfeier ein paar Tage später. 2012 bei Kino-Massaker von Aurora lebte er gerade ein paar Bundesstaaten weiter, weiß aber noch genau, wie er am Morgen danach fassungslos auf Twitter durch die Nachrichten aus seiner Heimat wischte.
So wie viele andere wissen, wo sie am 11. September waren oder beim Mauerfall, weiß man in Denver, wo man war, als wieder einmal jemand Amok lief.
Die so simple wie erschütternde Wahrheit lautet, dass der Wahnsinn weitergeht. Es sind immer mehr Waffen im Umlauf. Und werden hier oder da doch einmal bestimmte Modelle verboten, gibt es eine findige Industrie, die alle Hindernisse mit ein paar Umbauten umschifft. 2020 war ein neues Rekordjahr: mehr Waffen denn je, auch mehr Tote durch Schusswaffen, nur ganz ohne mass shooting, das Schlagzeilen produziert hätte. Das war, ist und bleibt Amerikas Realität.
Jon schickte mir nach unserem Gespräch ein Foto vom Morgen nach dem Amoklauf. Er war in der Früh hochgefahren in die Berge für eine kurze Skitour. Ein kleiner Ausflug vor der Arbeit, so bequem und spektakulär, wie es fast nur in Colorado möglich ist. Er hatte das langfristig geplant, sagte er, aber nach einem weiteren Kapitel in Denver langer Geschichte mit den Amokläufen habe er das dringender denn je gebraucht.
Foto: Jon Murray
Foto: Jon Murray
Es ist wie so oft in Amerika: Die Abgründe und die atemberaubende Schönheit liegen dicht beieinander.
Kommende Woche, liebe Leserinnen und Leser, ist Osterpause. Ich wünsche Ihnen trotz aller Einschränkungen schöne Feiertage und, wo es möglich ist, ebenfalls ein paar schöne Ausblicke.
Beste Grüße aus Washington
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Erstellt mit Revue
Fabian Reinbold, Washington, DC 20007