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Die Eskapade #16: Drei Minuten Auszeit

Revue
 
 

Die Eskapade

30. Oktober · Ausgabe #16 · Im Browser ansehen
Die Ersten haben schon wieder runtergesetzt

1 Woche
Corona, so kann man das sehen, ist eine Immunreaktion der Natur auf die pandemische Menschheit. Denn wo die Menschheit der Natur zu Leibe rückt, da springt SARS über. Nicht deshalb, sondern vielmehr weil und wie diese Menschheit mit der von ihr also selbst verantworteten Krise umgeht, lässt einen annehmen, es wäre für alle Beteiligten besser, wenn weniger Menschheit wäre. Aber weil irgendwer am Ende doch wird den Müll raustragen müssen, wollen wir uns drei Minuten der Frage widmen, wie es für alle Beteiligten wäre, wenn mehr Maschinen wären.
Willkommen zur Eskapade!
1 Platte
Georg Danzer ist den meisten geläufig als der Urvater des Austropops. Er selbst hat das gar nicht gern gehört. Es klingelt spätestens, wenn man kurz seinen Hit “Weiße Pferde” anspielt. Den sollte wiederum niemand gerne hören. Das Lied klingt, als hätte Danzer Geburtstag in einem mexikanischen Restaurant und als die Mariachi-Band zu aufdringlich wird, fleht er mit Enchilada-vollem Mund, sie möge doch endlich aufhören zu spielen. Der Text ist reiner Nonsens: “Ich glaube an die Kartenspiele / Und an meinen Vorstadtkinderinstinkt / Mehr als an die Reden der Vorsitzenden / Nachsitzender, der ich in der Schule war”.
Vom Lipizzaner-Schmonz oben einmal abgesehen, ist alles beeindruckend, was sich über Georg Danzer sagen lässt: der schiere Fleiß mit dem er für andere und für sich geschrieben hat (400 Songs hat er bis zu seinem Tod 2007 veröffentlicht). Seine Wandlungslust, die oszillierte zwischen Liedermacherei, Schlager und Pop. Und durch all das sein enormer Eindruck auf die österreichische Musik und die deutschsprachige insgesamt.
Dass sein Werk oft durchsetzt war von einem “Dagegen muss man doch was machen”-Impetus, ist weniger dem Danzer als dem Zeitgeist geschuldet. Auf den Keks geht’s natürlich trotzdem. Manchmal muss man indes mit der Zunge schnalzen. “Zerschlagt die Computer” auf seinem Album “Traurig aber wahr” ist schlicht hellsichtig. Darin besang Danzer schon 1980 (die Deutsche Post machte in Berlin und Düsseldorf gerade mal erste Feldversuche mit BTX) all das, was heute Realität ist: Datensammelwut und menschliche Digitalhörigkeit.
Georg Danzer: Traurig aber wahr
Georg Danzer: Traurig aber wahr
1 Buch
Wenn ich’s mir recht überlege, Maschinen sind vielleicht doch keine gute Alternative. Auch wenn das heißt, dass das Schicksal der Welt an die Menschen geknüpft bleibt, was niemanden beruhigen kann. Wie eine Welt aussehen könnte, in der alles da ist, das heute schon da ist, nur ausgereifter und weit verbreitet, das hat Tom Hillenbrand beschrieben in “Drohnenland”.
Das Buch ist lesenswert wegen der Akribie, mit der er immerhin schon 2014 die neuen Technologien zu einer Welt in nicht allzu ferner Zukunft zusammengesetzt hat. Vordergründig geht es um einen Mord an einem Europaabgeordneten, den der Brüssler Kommissar Aart van der Westerhuizen aufzuklären hat. Tatsächlich geht es um Länder, die beim Klimawandel im Meer versunken sind, um Überwachung und prädiktive Polizeiarbeit. Wer sich - gar nicht mal unkend - fragt, wo das Heute noch alles hinführt, wird hier Antworten finden.
Hinwegsehen muss man bei der Lektüre über einen relativ handelsübliche Fallstruktur und - ‘tschuldigung, Herr Hillenbrand - über eine absurde Anlage des Hauptcharakters. Der setzt sich als Ich-Erzähler in Szene als Philip Marlowe der Zukunft. Mit übler Laune, einem Schlag bei Frauen, keinem Respekt vor Vorgesetzten und veritablem Genever-Problem. Das mag als Kniff gemeint gewesen (Sci-Fi-Welt trifft Steinzeit-Ermittler, zwinker, zwinker). Aber in Wirklichkeit verursacht dieser Aart Gefühle, die einen sonst nur der peinliche Onkel auf Ritas Siebzigstem durchleben lässt.
Bis nächste Woche!
Andreas
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