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3 Minuten Eskapade

Revue
 
Alle Sender sind gleichgeschaltet, hat der Wendler diese Woche gesagt. Gleichgeschaltet in Sachen sch
 

Die Eskapade

9. Oktober · Ausgabe #13 · Im Browser ansehen
Die Ersten haben schon wieder runtergesetzt

Alle Sender sind gleichgeschaltet, hat der Wendler diese Woche gesagt. Gleichgeschaltet in Sachen schlechter Geschmack vielleicht. Geschmack allerdings ist ja eine Feuilletonisten-Kategorie, die nix hilft. Denn sie bleibt immer raunend-unkonkret. Ich würde meinen, die Medien vereint vor allem das lemminghafte nicht aussteigen Wollen aus dem Nachrichten-Zyklus. Wie der jedes Mal abläuft, ist so vorhersehbar wie ausgelutscht. Was an sich schon wieder der gröbste Widersinn zur ‘Neuigkeit’ ist. Aber keine Sorge, auch dagegen ist ein Buch geschrieben.
Willkommen zur Eskapade!

1 Platte
Der kürzliche Tod meines Vaters hat mir zweierlei eingebracht: Eine Menge Schallplatten sowie eine Darmspiegelung samt fragwürdiger Auszeichnung durch meine Mutter (“Wenigstens Du bist vernünftig”). Und drittens, offensichtlich, brachte er mir einen gehörigen Disrespekt vor dem Tod ein. Oder vor vermeintlich Tod-angemessener Pietät, die ja meist nur sehr Tabu-angemessenes Totschweigen ist und nichts mit der Traurigkeit zu tun hat, die ist.
Platten also. Mein Vater hat mir mit den Platten auch so manche Erinnerung hinterlassen. Weil ich zum Beispiel nicht anders kann, als meine mitsingende Mutter zu sehen mit einer Zigarette in der einen und einem Glas in der anderen Hand, wenn ‘Moonlight Shadow’ von Mike Oldfield läuft. 
Außerdem hat mir das Vinyl die ein oder andere Neuigkeit von meinem Vater erzählt, die ich bisher nicht kannte. Die Carpenters zum Beispiel sind so blanker, stolperfreier 70er-Jahre-Pop, von dem ich nie gedacht hätte, ihn zwischen Papas Rock-Platten zu finden. Aber wenn man dann doch reinhört in ‘Now & Then’ von den trällernden Geschwistern, dann hat man eines dieser Pop-Artefakte ausgegraben, die was zu erzählen haben.
Der Fakt nämlich, dass die Platte im Jahr 1973 an genau dem Tag erschien, an dem Karen und Richard Carpenter im Weißen Haus vor dem deutschen Kanzler Willy Brandt sangen, lässt noch fünf Jahrzehnte später erahnen, dass Richards Arrangements und Karens samtsäuselnde Stimme alles andere waren als rebellischer Zeitgeist. Das Album-Cover zeigt außerdem beide Carpenters, wie sie in Richards Ferrari “Daytona” am Familiensitz vorbeifahren. Das ist nicht Sinnsuche, das ist Längst-schon-gefunden-Haben.
Das reine Bild der Carpenters wird den Fans und dem Weißen Haus gefallen haben. Wie sehr das alles aber nur Fassade war, legte spätestens der jammervolle Tod von Karen offen. 1983, mit nur 32 Jahren, hatte sie sich zu Tode gehungert.
Die B-Seite des Albums fasst die Carpenters gut zusammen. Im ganzen Gefälligen waren sie das Auffällige. Als das Album produziert wurde, schwappte gerade eine Oldie-Welle durch die Popmusik. Anstatt die alte Mucke einfach nachzusingen, produzierten die Carpenters ein 18-Minuten-Medley in Form einer Radioshow, die die B-Seite komplett füllt. Und sie legten noch einen eigenen Song als braven Jägerzaun drumrum an. ‘Yesterday once more’ wurde ihr international erfolgreichster Hit. 
Carpenters: Now & Then (1973)
Carpenters: Now & Then (1973)
1 Buch
Meine persönliche Verschwörungstheorie geht so: Die Messenger-App Telegram braucht dringend neue Nutzer. Also zünden sie in regelmäßigen Abständen Guerilla-Marketingstunts mit Prominenten aus dem deutschen Medien-Abklingbecken. Die lassen ihre Restreputation zurück, ziehen hinauf nach Schloss Telegram, der letzten Bastion der Meinungsfreiheit, nehmen einige ihrer scheelen Landsknechte mit, ziehen dann die Zugbrücke hoch und leben fortan glücklich in trauter intellektueller Selbstbefruchtung.
Dass so eine App-Vertriebsmasche theoretisch aufgehen könnte, liegt an den Mechanismen des Nachrichtengeschäfts, auf denen all die Aufreger und Entrüstungen und Polarisierungen fußen, die das Zusammenleben gerade so ätzend machen. Der Normalintelligenten und dem Gutmeinenden sind diese Mechanismen so offensichtlich wie sie sie anöden. Also warum nicht einfach aussteigen aus dem Nachrichtengeschäft?
Rolf Dobelli hat mit ‘Die Kunst des digitalen Lebens’ eine schlaue und praktikable Handlungshilfe geschrieben, wie der Ausstieg klappt. Der ist im Grunde ja kein komplexer Akt, aber doch so fundamental undenkbar im ersten Moment: Wie, keine Nachrichten? Ich muss mich doch informieren! Wie kann ich ein guter Demokrat sein, ohne ausreichend Informationen über die politischen Alternativen? Diese und viele Frage beantwortet Dobelli mit zwingender Logik. Kleiner Spoiler: Ohne Nachrichten ist man schlauer, fühlt sich besser, und mit hoher Wahrscheinlichkeit erweist man der Demokratie einen großen Dienst. 
Bis nächste Woche!
Andreas
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