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Die Abgelehnten (#5): Mit Vollgas ins Chaos

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Die Abgelehnten (#5): Mit Vollgas ins Chaos
Hallo zusammen,
es ist soweit: Am Freitag haben die Viertklässer:innen ihre Halbjahreszeugnisse bekommen, und mit im Umschlag lag ein weiteres Papier, das maßgeblich über den weiteren Schulweg entscheiden wird: Ein Anmeldeschein in gleich vierfacher Ausfertigung (Original und Durchschläge für die weiterführende Schule, Eltern, Grundschule, Schulträger) zur Anmeldung an einer (sic!) weiterführenden Schule, garniert mit dem Hinweis:
Der Anmeldeschein soll Doppelanmeldungen verhindern. Er ist nur gültig mit einer Originalunterschrift der Schulleiterin oder des Schulleiters sowie mit einem Original-Schulstempel/Schulsiegel der Grundschule.
Allerdings gibt es da noch ein drittes Papier, das die betroffenen Eltern vor einigen Tagen ebenfalls über die Grundschulen erreicht haben sollte und hoffentlich auch hat. Es ist ein Begleitschreiben zum Anmeldeverfahren vom Amt für Schulentwicklung der Stadt Köln, datiert vom 19. Januar. Unter anderem mit diesem Inhalt:
Wenn Sie Ihr Kind an mehreren Schulen anmelden möchten, können Sie den Anmeldeschein kopieren. Der Hinweis auf dem Anmeldeschein, dass dieser nur als Original gültig ist, ist rechtlich nicht bindend. Für die weiterführenden Schulen hat es keine Bedeutung, ob Sie das Original oder eine Kopie des Anmeldescheins vorlegen. Alle Kinder werden gleichrangig berücksichtigt.
In sozialen Medien würde nun wahlweise ein “Merkste selbst” folgen, oder man bemühte die ähnlich derbe rhetorische Figur: “Haben die Lack gesoffen?”
Ich selbst mäßige mich angesichts der komplizierten und wenig erfreulichen Lage und stelle etwas nüchterner fest: Da passt was nicht zusammen. Und es wirkt zumindest nicht so, als sei dieses Anmeldeverfahren von langer Hand geplant.
Das ist mindestens mal schade. Denn fast 10.000 Kinder müssen da in den kommenden Tagen mit ihren Eltern nun durch. Man kann es allerdings auch skandalös finden. Denn eigentlich wollte die Stadt nach dem Desaster des Vorjahres diesmal alles besser machen. Dafür allerdings dürfte dieses Begleitschreiben nicht ausreichen. Im Gegenteil: Was sich Schuldezernat und Amt für Schulentwicklung da ausgedacht haben, macht für die betroffenen Kinder und Eltern leider nichts besser.
Höchste Zeit für ein Update zur weiterhin verantwortungslosen Schulpolitik in Köln.

So läuft die Anmeldung
Wir haben schon vor zwei Monaten über den Zeitplan der Anmeldungen zu den weiterführenden Schulen berichtet, tun das hier mit den inzwischen offiziell bestätigten, aktualisierten und ergänzten Daten aber noch mal:
Phase I (vorgezogenes Anmeldeverfahren): Gesamtschulen, Gymnasium Aachener Straße und Gymnasium Zusestraße:
  • 28. Januar bis 4. Februar: Anmeldephase
  • 8. Februar bis 11. Februar: Versand Aufnahmebescheide Regelkinder
  • nach 17. Februar: Versand Bescheide im Gemeinsamen Lernen an Gesamtschulen (Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf)
Phase II: Anmeldung an Hauptschulen, Realschulen sowie Gymnasien
  • 21. Februar bis 4. März: Anmeldephase
  • ab 14. März: Versand Aufnahmebescheide
  • bis 23. März: Frist zur Annahme zugesagter Plätze
Phase III: Zweite Anmeldephase für Kinder ohne Zusage
  • 31. März bis 4. April: Anmeldephase für Restplätze
  • 19. April: Versand Aufnahmebescheide
Phase IV: “Sofern eine 3. Anmelderunde benötigt wird, werden die Kinder individuell zeitnah begleitet.” (schriftliche Auskunft der Verwaltung auf Fragen im Schulausschuss vom 17. Januar)
  • 25. April bis voraussichtlich Mitte/Ende Mai: Zusage Annahme Plätze und bei Bedarf 3. Anmeldephase Gymnasien
…und dann ist da noch eine Zielmarke der Verwaltung laut Antwort auf die Fragen aus dem Schulausschuss:
  • Anmeldeverfahren bis 30. April “weitgehend abschließen
Fassen wir mal zusammen:
  1. Die Stadt plant mit zwei Anmelderunden für Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien, für die Gymnasien sind es aber eigentlich drei, weil schon in dieser Woche für zwei neue Schulen vorgezogene Anmeldungen laufen. Vielleicht werden es auch drei vier. Will die Stadt nicht. Kann aber trotzdem sein.
  2. Die Stadt will Ende April mit dem Verfahren durch sein. Zugleich plant sie aber schon mal mit einer weiteren Anmeldephase bis Ende Mai.
  3. Zwischen Anmeldeschluss und Versand der Zusagen liegen zunächst sechs, dann 15 Tage (gut, dazwischen ist Ostern). Die Eltern haben ab Versand neun Tage Zeit für die Annahme.
Wie finden das eigentlich die Beteiligten und Betroffenen?
Sagen wir mal so: Das Urteil der lokalen Medien fällt nach Gesprächen mit Elternvertretern, Schulleiter:innen, Politiker:innen und Verwaltung recht einhellig aus. Die Kölnische Rundschau zitiert im Anschluss an die Sitzung des Schulausschusses, bei dem die Vertreter das neue Procedere (im Wesentlichen den offensiven Hinweis auf die Möglichkeit zur Mehrfachanmeldung) einstimmig durchwinkten, eine zerknirschte Leiterin des Amtes für Schulentwicklung, Anne Lena Ritter:
„Wir können die Unzufriedenheit nachvollziehen, es geht uns ähnlich. Wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir auf der Grundlage der uns vorgegebenen Regularien alles bestmöglich umsetzen können.“
Wenige Tage danach habe ich mich dort auch zum Thema geäußert. Am 25.1. erschien ein weiteres Stück mit dem Tenor “Eltern fürchten ein Anmelde-Chaos in Köln”:
“Auch aus Schulen kommen Klagen und Fragen zu dem aufwendigen Abgleich der Anmeldelisten und dem hinter der verfahrenen Lage stehenden Problem: Es gibt zu wenig Schulplätze.”
Report-k hat derweil zum Start des vorgezogenen Gesamtschul-Bewerbungsverfahrens noch mal draufhingewiesen, dass in dieser Schulform seit Jahren eine krasse Unterversorgung herrscht. Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr hat jedes vierte Kind in Köln keinen Platz an der gewünschten Schulform Gesamtschule bekommen. Rund 700 Kinder landeten so gegen ihren eigentlichen Willen mit im Gymnasialverfahren:
Auch der Kölner Stadt-Anzeiger hat das Thema in den vergangenen Wochen wieder intensiver belgeitet. Zu den Mehrfachanmeldungen stellt die Zeitung fest: “Je mehr Anmeldungen an einer Schule sind, desto geringer ist die Chance für das eigene Kind, wirklich an seiner ausdrücklichen Wunschschule einen Platz zu bekommen.” Darüber hinaus stellt sie die Frage, wie das alles überhaupt administrativ gelingen soll:
“Die ohnehin überlasteten Schulen stehen vor einem gewaltigen Mehraufwand und fürchten ein Anmeldechaos.” 
Nicht alle losen: Die Schulweglänge ist wieder da!
Der KStA weist auch noch auf ein Detail hin, das Eltern kennen sollten, die gerade im Bewerbungsverfahren stecken: Während nämlich die Gymnasien in der Hauptrunde ab 21. Februar allesamt ihre Plätze nach den Kriterien Geschwisterkinder und anschließend geschlechtergetrenntem Losverfahren vergeben dürften, wollen die beiden Neulinge Zusestraße und Aachener Straße die Plätze nach der Schulweglänge vergeben.
Das ist vor allem deshalb interessant, weil Eltern mit ihren Kindern die Bewerbung für diese Schulen nach einem völlig anderen Kalkül vornehmen können und müssen. Und weil es noch mal deutlich macht, dass es durchaus eine gangbare Alternative zum Losverfahren gibt. Da die beiden Schulen nicht mal vier Kilometer voneinander entfernt sind, können übrigens Kinder, die in Müngersdorf genau dazwischen wohnen, wenn sie sich an beiden Schulen bewerben, anschließend vermutlich frei wählen. Dieses Standort-Glück haben Viertklässler im Kölner Westen, die bald aufs Gymnasium gehen, in diesem Jahr exklusiv.
Die meisten anderen werden sich in ein paar Wochen im Hauptverfahren bei der Massen-Tombola wiederfinden: Was KStA-Redakteurin Alexandra Ringendahl davon hält, hat sie schon im vergangenen Dezember kommentiert:
Die Eltern wollten ein Ende der Schulplatz-Lotterie. Jetzt muss man sagen: Nie war die Platzvergabe mehr Lotterie und Glücksspiel als in diesem Jahr. 
Kommentar zur Schulplatzvergabe: Kölner Eltern stehen vor einem riesigen Dilemma | Kölner Stadt-Anzeiger
Am Samstag hat auch das WDR Fernsehen in den NRW-Lokalzeiten im ganzen Land über einen besonderen Aspekt berichtet, den das neue Verfahren in Köln offenbart hat: Es geht um die verbreitete Praxis, das Kommunen und Schulen NRW-weit so tun, als sei eine Anmeldung nur an einer Schule möglich. Das wird flankiert von einem Schulgesetz nebst Verordnungen, die mit ihren Verfahrensregeln (wir erinnern uns an den Anmeldebogen mit den Durchschlägen) denselben Eindruck erwecken. Doch das ist, wie die Stadt Köln in diesem Jahr erstmals und offenbar als einzige Kommune in NRW offensiv mitteilt, schlicht Unsinn. Lohnt sich, das mal anzuschauen (unsere kleine Initiative kommt auch vor), zum Beispiel hier:
Lokalzeit am Samstag | 29.01.2022 | Video der Sendung vom 29.01.2022 18:30 Uhr (29.1.2022) mit Untertitel
Was sagt eigentlich die Verwaltung zu den offenen Fragen?
Oben kam der Hinweis schon mal: Im ersten Schritt schrieb die Stadt den Eltern einen Begleitbrief, damit sie nicht auf den Anmeldeschein hereinfalllen nicht falsch verstehen:
Die Stadt Köln erklärt ein Formular für nichtig.
Die Stadt Köln erklärt ein Formular für nichtig.
Im zweiten Schritt beantwortete das zuständige Amt für Schulentwicklung dann noch Fragen des Ausschussmitglieds Oliver Seeck (SPD), der dem Verfahren zwar auch zustimmte, aber ein ganze Menge darüber wissen wollte. Unter anderem erklärte die Verwaltung in ihrer Antwort, dass die Schulen den Eltern nicht von sich aus mitteilen werden, wie die Verlosung gelaufen ist. Wer wissen will, auf welchem Rang er bei der Verlosung steht, wird also nachfragen müssen. Der Kölner Stadt-Anzeiger widmete dieser besonders irritierenden Form von Intransparenz am 1. Februar noch einen gesonderten Artikel.
Schulanmeldungen in Köln: Eltern wird Platz auf der Warteliste nicht mitgeteilt | Kölner Stadt-Anzeiger
Ich dokumentiere die schriftlichen Antworten des Kölner Amts für Schulentwicklung auf die Fragen aus dem Schulausschuss hier einmal komplett, denn sie sind für den Verlauf der kommenden Wochen überaus interessant:
"wird die Frist nicht einzuhalten sein"
"wird die Frist nicht einzuhalten sein"
"wurden gemeinsam erarbeitet und juristisch geprüft"
"wurden gemeinsam erarbeitet und juristisch geprüft"
"davon auszugehen, dass alle Kinder versorgt werden und niemand sich abgelehnt fühlt"
"davon auszugehen, dass alle Kinder versorgt werden und niemand sich abgelehnt fühlt"
Sind damit alle Fragen geklärt?
Schön wäre es und wirklich hilfreich für alle betroffenen Kinder, wenn Segen auf dem neuen Verfahren läge, wenn die Verwaltung bis zum Ende gedacht hätte, wenn genug Plätze für alle da wären, dort wo sie nachgefragt sind und gebraucht werden, wenn Transparenz herrschte über die freien Kapazitäten der Schulen, wenn überhaupt… Lassen wir das, denn alle diese Annahmen stehen im Konjunktiv, wir aber haben uns mit der Welt der Wirklichkeit zu befassen, nicht mit der der Möglichkeiten. Und die Realität sieht leider trüb aus.
Denn das, was die Stadt in den kommenden Wochen vorhat, kann nur mit extrem großem Losglück für die Verwaltung irgendwie gelingen. Das wird schon mit Blick auf den Zeitplan klar, der gar keine Chance lässt, ein mehrstufiges Clearing zwischen den diversen Lostöpfen zu veranstalten. Denn Eltern werden sich mit recht hoher Wahrscheinlichkeit deutlich mehr als einmal für oder gegen einen angebotenen Platz entscheiden müssen.
Warum das so ist, zeigt ein Blick auf die Fakten. Zunächst zum Schulplatzangebot: Es gibt in Köln 33 städtische Gymnasien mit insgesamt 125 Klassen. Macht beim sogenannten Klassenfrequenzrichtwert von 27 Kindern je Klasse 3375 Schulplätze. Dazu kommen noch etwa 400 Plätze in nicht-städtischen Gymnasien, das sind vor allem die konfessionellen und privaten Schulen. Macht in Summe etwa 3800 reguläre Plätze. Nach Schätzungen der Stadt werden aber 4100 bis 4150 Kinder einen Gymnasialplatz brauchen. Um die Lücke zu schließen, werden wie seit vielen Jahren die Klassen bis aufs absolute Maximum von 30 oder 31 Kindern vergrößert werden.
Außerdem geht die Stadt davon aus, dass fünf sogenannte Mehrklassen nötig werden, also fünf Schulen ausnahmsweise eine zusätzliche Klasse eröffnen müssen. Wobei auch diese Ausnahme seit vielen Jahren zu Regel gehört. Im vergangenen Jahr hat die Stadt sogar neun Mehrklassen schaffen müssen, um alle Kinder versorgen zu können.
Ein bisschen Wahrscheinlichkeitsrechnung (muss sein)
Kurzum: Die Stadt muss im Frühling 4150 Kinder auf 130 Klassen verteilen. Wenn man davon ausgeht, dass Eltern für ihre Kinder im Schnitt fünf Gymnasien identifizieren, die grundsätzlich infrage kommen, und dass sie ihre Kinder, um alle Chancen zu wahren, an all diesen Schulen anmelden, dann sind die Schulen im Schnitt fünffach überbucht. Eine Schule mit 120 Plätzen bekommt also womöglich 600 Bewerbungen. Davon ab gehen Bewerbungen von Geschwisterkindern, die in der Regel bevorzugt aufgenommen werden. Teilweise ist damit über ein Drittel der Plätze gar nicht mehr in der Verlosung. Um im Beispiel zu bleiben: Die Schule mit 120 Plätzen hat dann zum Beispiel nur 80 Plätze frei für 560 Bewerbungen. Diese werden dann in getrennten Töpfen einmal für Mädchen und einmal für Jungen verlost. Mit anderen Worten: Die Schule ist 7-fach überbucht. Sechs von sieben (geschwisterlosen) Kindern hätten jetzt im ersten Anlauf keine Chance.
Selbst fünf Bewerbungen bieten keinesfalls eine Garantie auf einen Platz in der ersten Runde. Wer es genauer rechnen will: Die Wahrscheinlichkeit, in einem Losverfahren einer wie oben angenommen überbuchten Schule zu den 6 Abgelehnten pro 7 Bewerber:innen zu gehören, liegt bei 85,7 Prozent (p=6/7). Stellen Sie sich einfach vor, Sie müssten mit einem siebenseitigen Würfel eine bestimmte Zahl würfeln.
Bei zwei Lostöpfen, die unabhängig voneinander funktionieren, ist es wie mit zwei Würfelwürfen nacheinander. Die Wahrscheinlichkeit für einen Treffer steigt zwar, aber Fehlwürfe, sprich zwei Ablehnungen, sind immer noch deutlich häufiger. Mathematisch berechnet sich die Wahrscheinlichkeit fürs Scheitern bei diesem Gedankenexperiment als Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten (p=6/7 * 6/7) und liegt nun immer noch bei 73,5 Prozent. Selbst mit der Teilnahme an fünf Verlosungen, also fünf Würfelwürfen hintereinander, liegt das Risiko für fünf Absagen immer noch bei 46,3 Prozent. Rein statistisch geht also unter den genannten Annahmen fast jedes zweite Kind in der ersten Runde leer aus.
Die anderen Eltern bekommen teils mehrere Zusagen, können und müssen also auswählen. Und dann? Müssen die Schulen ihre Listen durchgehen auf Nachrücker:innen - dann wiederum muss die Stadt sehen, ob die Nachrückenden schon versorgt sind. Wenn nicht, gehen wieder Briefe raus an die Eltern. Erneut werden manche nun mehrere Angebote zur Wahl haben, andere weiter warten müssen. Und wieder. Und wieder. Und wieder. So lange, bis eine Schule nach der anderen alle Plätze voll oder seine Anmeldeliste leer hat.
Der erste Haken daran: Die Stadt hat für dieses überaus wahrscheinliche Szenario gar keine Zeit eingeplant.
Der zweite Haken: Die Stadt sagt zwar, dass man aus dem Verfahren ausscheidet, sobald man einen Platz angenommen hat. Aber für das vorgezogene Verfahren an den beiden neuen Gymnasien gilt dies schon mal nicht. Und ob es in anderen Fällen überhaupt zulässig ist, Eltern einfach so aus den anderen Töpfen zu entfernen, ist fraglich. Zumal das Schulgesetz auch gar keine verbindlichen Anmelde- und Annahmefristen für Schulplätze kennt.
Noch schlimmer aber als diese formellen Überlegungen: Eltern und Kinder bringt das alles keinen Schritt weiter bei der Wahlentscheidung für (oder gegen) eine Schule. Im Gegenteil: Schulwahlkriterien wie räumliche Nähe oder Freundschaften finden keine Beachtung, pädagogische Konzepte, Sprachschwerpunkte, Sport- oder Musikförderung, mit denen sich Gymnasien profilieren, verwässern, weil in den Megalosverfahren irgendwelche Kinder an irgendwelchen Schulen landen, schlicht aus der Not der Eltern heraus, die möglichst viele Anmeldungen abgeben müssen, um überhaupt ihre Chancen auf eine einigermaßen wunschgemäße Zusage zu wahren. Man zwingt die Eltern zu einem Verhalten, das viele gar nicht wollen, und organisiert die Schulplatzvergabe mit dem Mittel der Verlosung und ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Hier noch ein paar Gedankenanstöße, die zeigen, was da auf uns zurollen kann:
  • Eltern sollten ihre Kinder im Sinne der Chancenmaximierung (= Lose in möglichst vielen Töpfen) bei allen Schulen anmelden, die für sie überhaupt zur Wahl stehen. Das Verfahren verunmöglicht ausgerechnet die Priorisierung, die die Eltern und Kinder sehr wohl haben. Es wird in der Regel einige wenige Top-Wunschorte geben, einige Kandidaten zweiter Wahl, gegebenenfalls auch noch Kompromisse, falls alle anderen durchfallen.
Spielen wir mal durch, wie das im Ergebnis laufen könnte:
  • Familie A bekommt bei sechs Bewerbungen im ersten Schritt einen Platz angeboten, der nicht in der Top-Liste steht. Sie zögern: Annehmen? Oder spekulieren, ob man einen Nachrücker-Platz bekommen kann in einer der favorisierten Schulen? Erst mal also Anrufe bei allen fünf anderen Schulen und den Rang der Verlosung erfragen.
  • Familie B hat mehr Glück und gleich drei Plätze zur Wahl. Die Wunschschule ist dabei, aber leider hat kein einziger Schulkamerad eine Zusage, war ja auch statistisch nicht sehr wahrscheinlich, bei über 800 Bewerbungen. Das Kind zögert? Lieber die Top-Schule sausen lasen und den sicheren Rang 2 nehmen, weil der beste Freund dort auch angenommen wurde?
  • Familie C ist leer ausgegangen. Sie fragt bei allen Schulen nach dem Rang, denn die Hängepartie ist schwer erträglich, wenn man nicht weiß, ob vielleicht doch noch eine Chance durch Nachrücken besteht.
  • Familie A weiß inzwischen: In der Lieblingsschule ist man auf Nachrückerplatz 5. Einen dieser Plätze besitzt aktuell Familie B. Die Eltern kennen sich, denn die Kinder gehen in dieselbe Klasse. In der weiterführenden Schule trennen sich die Wege nun wohl: Nur wenn Familie B den Platz nicht annimmt, kann Familie A nachrücken. So zerstückelt das Verfahren die freundschaftlichen Beziehungen von Grundschulkindern.
  • Familie D bekommt einen Anruf. Am Gymnasium Zusestraße ist noch ein Platz freigeworden. Hatte man nicht mehr auf dem Schirm, aber ein dort angemeldetes Kind hat im Hauptverfahren dann doch lieber einen anderen Platz angenommen.
  • Derweil rufen in den Schulen Tag für Tag 40 bis 50 Eltern an und wollen die Ränge ihrer Kinder in den Loslisten erfahren. Denn die Stadt hatte beschlossen, diese nicht direkt mitzuteilen, das könnten die Schulen nicht leisten. Nun also Telefonauskunft. Kein Durchkommen.
Und jetzt?
  • Die Stadt hat den Eltern bis zum 23. März Gelegenheit gegeben, ihre ersten Wahlentscheidungen zu treffen. Von den Kindern haben 800 besonders Losglück gehabt und gleich mehrere Plätze zur Wahl. Dagegen hatten 1800 Kinder im ersten Schritt gar kein Glück. Die nicht angenommenen Restplätze der vielen Hundert Glückspilze müssen nun innerhalb einer Woche über die Loslisten der einzelnen Schulen verteilt und wiederum Eltern angeboten werden - bis wann und wie? Offen. Die Zeit drängt: Bereits am 31. März soll eine zweite Anmelderunde starten, um Restplätze von Schulen, deren Listen komplett abgearbeitet sind, an die Kinder zu verteilen, die anderswo nicht zum Zug gekommen sind.
Wie das alles funktionieren soll, weiß kein Mensch.
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