Die Abgelehnten (#4): Lotterie 2022 - Wird das Chaos größer denn je?

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Die Abgelehnten (#4): Lotterie 2022 - Wird das Chaos größer denn je?
Liebe Abonnentinnen und Abonnenten,
ein Newsletter heißt Newsletter, weil er erscheint, wenn Neuigkeiten zu vermelden sind. Deshalb hat dieses Update nun ein bisschen gedauert, denn wenn auch zwischenzeitlich einiges hinter den Kulissen passiert ist, war doch heute erst der Tag der großen Verkündung: Die Stadt Köln hat tatsächlich bekanntgegeben, wie sie sich das Anmeldeverfahren für die weiterführenden Schulen im kommenden Jahr vorstellt. Bevor ich erkläre, was sie genau plant, vorweg schon mal die kurze Zusammenfassung: Wenn sich nichts mehr daran ändert, droht nicht nur die größte Schulplatzverlosung, die die Stadt je gesehen hat. Sondern im Anschluss auch ein veritables Chaos. Hilft ja nix. Also tief durchatmen und erst mal versuchen, das Verfahren zu verstehen. Los geht’s:

Die Vorgeschichte
Wir haben es hier schon mehrfach berichtet: Das Schulvergabeverfahren aus diesem Jahr hatte mehrere massive Unzulänglichkeiten.
Dazu zählten unter anderem:
  1. eine über Nacht beschlossene und politisch nicht abgestimmte Verfahrensänderung durch die Verwaltung (Stichwort: Abschaffung Zweitwunsch) mitten im Prozess.
  2. eine unklare Informationslage in Bezug auf Mehrfachanmeldung.
  3. eine verantwortungslose Mehrfachverlosung von Rest-Schulplätzen im Anschluss an das erste Vergabeverfahren.
 Die Stadt hat nach massiven Protesten und juristischer Aufarbeitung schließlich angekündigt, das Verfahren zu überarbeiten. Am 18.11. fand dazu eine Konferenz statt: VertreterInnen des Schuldezernats und der Bezirksregierung, der Schulleitungen und des Schulausschusses im Rat, von Eltern, Schülerinnen und Schülern und auch von unserer Initiative waren dabei und haben über drei Stunden offen und ausführlich diskutiert, was schiefgelaufen ist und was zu ändern wäre. Beteiligte und Betroffene waren zum ersten Mal überhaupt in dieser Konstellation zusammengekommen.
Die TeilnehmerInnen waren sich schnell einig darüber, dass auf das Verfahren im Jahr 2022 angesichts der Schulplatzknappheit eines sein müsste, das zur Mangelverwaltung hilft. Weiterhin wird die Stadt auf besonders große Klassen und auch auf Mehrklassen angewiesen sein, um überhaupt allen Fünftklässlern einen Gymnasialplatz anbieten zu können. Für Gesamtschülerinnen und -schüler wird das Angebot abermals nicht ausreichen, so dass diese auf andere Schulformen ausweichen müssen.
Ein großer Teil der Konferenz befasste sich dann im Anschluss tatsächlich mit den ersten beiden der oben genannten Kritikpunkte.
Die Stadt versprach:
  1. ein transparenteres Verfahren und eine bessere Kommunikation von Anfang an.
  2. einen offenen Umgang mit dem Thema Mehrfachanmeldung, die, wenngleich eigentlich unerwünscht, nun einmal zweifelsfrei rechtlich möglich sind. Bei der Konferenz gab es dazu ein breites Einsehen – und die dringende Empfehlung seitens der Bezirksregierung und auch einzelner SchulleiterInnen, dies dann doch künftig auch klipp und klar zu kommunizieren, damit Sicherheit bei allen Eltern und Chancengleichheit für alle Kinder herrscht.
Elterninitiative „Die Abgelehnten“ in Köln: „Die Unsicherheit in Familien ist groß“ | Kölnische Rundschau
Kölner Fünftklässler: Neue Schul-Anmeldungen – Chaos befürchtet | Kölner Stadt-Anzeiger
Das Ergebnis
Drei Wochen später hat die Stadt nun geliefert - und per Pressemitteilung sowie überarbeiteter Website das neue Verfahren verkündet. Im Kern sieht dies so aus:
28.1. bis 5.2.2022
Vorgezogenes Anmeldeverfahren für die 15 städtischen Gesamtschulen sowie die beiden neuen Gymnasien Zusestraße und Aachener Straße. (Hintergrund: Die beiden neuen Schulen sollen dreizügig starten, brauchen dafür aber je mindestens 81 Anmeldungen. Das wird so vorab geklärt.)
8.2 bis 11.2.2022
Aufnahmeentscheidungen zum vorgezogenen Verfahren
21.2. bis 4.3.2022
Anmeldeverfahren für Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien
Zum Verfahren teilt die Stadt nur erstmals offiziell mit:
Der Anmeldeschein mit den persönlichen Angaben der Kinder kann bei Bedarf kopiert werden. Es hat für die Schulen keine Bedeutung, ob Erziehungsberechtigte das Original oder eine Kopie des Formulars abgeben. Die Anmeldungen werden im Auswahlverfahren gleichrangig berücksichtigt.  
Und nun?
Tja, was genau nach dem 4.3. passiert, weiß heute noch niemand, denn das Anmeldeverhalten der Eltern ist offen. Voraussichtlich werden die Schulen wie in den Vorjahren zunächst Geschwisterkindern einen Platz garantieren. Danach wird voraussichtlich überall dort, wo es mehr Anmeldungen als Plätze gibt, per Los eine Rangfolge sämtlicher Bewerbungen erstellt werden– mit getrennten Töpfen für Mädchen und Jungen.
 Die Schulen werden den Eltern im Anschluss dann Zusagen zuschicken – ob auch Absagen versendet werden, ist nicht bekannt. Jedenfalls bekommen alle Eltern, deren Kinder einen Platz bekommen haben, eine Frist mitgeteilt, innerhalb derer sie den Schulplatzes annehmen können. Wie lang diese Frist ist, steht ebenfalls in den Sternen. Nehmen die Eltern den Platz für ihr Kind an, gilt es als aufgenommen und scheidet aus allen anderen Auswahlverfahren aus.
Weiter heißt es:
Frei werdende Schulplätze werden entsprechend einer beim Auswahlverfahren ermittelten Rangliste nachbesetzt. Auch dann erhalten Sie wieder eine Frist, in der Sie antworten müssen, ob Sie den Schulplatz für Ihr Kind annehmen.
Man muss davon ausgehen, dass die Schulen in den Tagen und Wochen im Frühjahr viele Listen verwalten, viele Namen streichen, viele Nachfragen stellen, viele Fristen verstreichen sehen werden – und dass nach zwei Verteilrunden bereits alle Kinder einen Platz haben, darf man getrost als unwahrscheinlich bezeichnen. Das bedeutet: Es wird voraussichtlich dritte und viere Verteilrunden geben.
Unklar ist weiterhin:
  1. Schafft die Stadt im Vorfeld Klarheit darüber, welche Schulen welche Aufnahmekriterien anwenden?
  2. Wird die Stadt die Zahl der verfügbaren Plätze an den einzelnen Schulen vorher bekanntgeben, damit sich die Eltern orientieren und ihre Chancen besser einschätzen können?
  3. Erfahren Eltern zwischenzeitlich, auf welchem „Rang“ ihre Kinder landen, um ihre Chancen auf einen Nachrücker-Platz einschätzen zu können?
  4. Können Eltern auch in einen Platz ablehnen und bleiben die Kinder daraufhin dann in den anderen Listen stehen? Oder sagt die Stadt, dass sie ihre Schuldigkeit getan hat, sobald auch nur ein Platz angeboten wurde?
  5. Wenn keine Absagen per Post verschickt werden, wie können Eltern dann sicher sein, dass ihre Kinder an einer Schule (vorerst) nicht angenommen wurden? Andersherum: Kommt erst eine Absage, kann dann später überhaupt doch noch eine Zusage kommen?
  6. Wie synchronisiert die Stadt das Verfahren mit den parallelen Bewerbungsrunden bei nicht-städtischen Schulen oder auch Schulen aus Nachbarkommunen? Wer rückt nach, wenn Eltern Plätze zunächst annehmen, aber später zurückgeben?
  7. Kann die Stadt sicherstellen, dass dieses Anmeldeverfahren nach sechs Wochen abgeschlossen ist, so wie es die Ausbildungs- und Prüfungsordnung vorsieht?
  8. Und was passiert eigentlich im Anschluss, also wenn alle Listen abgearbeitet sind? Denn es ist ja nicht davon auszugehen, dass dann bereits alle Kinder mit Schulplätzen versorgt sind. Verschickt die Stadt dann wieder Restplatz-Briefe, und die Eltern müssen erneut (Mehrfach)-Anmeldungen für die Kinder abschicken, die nach der großen Tombola im Regen stehen? Werden dazu dann erst Mehrklassen geöffnet? Oder macht man das vorher im Verfahren. Und: Wann?
  9. Ist dieses Verfahren bereits auf Rechtssicherheit geprüft?
Fragen über Fragen, die in den kommenden Wochen sicher für Diskussionsstoff sorgen werden. Wir begleiten das Thema natürlich weiterhin so kritisch wie laut. So richtig zu Ende gedacht wirkt das leider alles noch nicht. Immerhin bleiben noch ein paar Wochen Zeit für Gespräche, Nachfragen, kritische Kommentare und wo nötig auch Protest.
Auch die Kölner Medien begleiten die Ergebnisse kritisch:
Neuer Anmeldemodus für Kölner Schulen: „Eltern haben die Qual und nicht die Wahl" | Kölner Stadt-Anzeiger
Kommentar zur Schulplatzvergabe: Kölner Eltern stehen vor einem riesigen Dilemma | Kölner Stadt-Anzeiger
Fazit: Anmelden, wo immer es geht
Vorerst lässt sich nur so viel sagen: Wer nicht auf Chancen verzichten will, meldet sein Kind an allen Schulen an, die irgendwie infrage kommen. Alles andere hieße, die Chancen auf einen der favorisierten Plätze von Vornherein auszulassen – und hinterher womöglich ganz woanders zu landen.
Ein bisschen kurios mutet in dem Zusammenhang übrigens an, dass die Stadt einerseits verkündet, es seien beliebig viele Anmeldungen möglich – andererseits in der heutigen Pressmittelung aber auch wieder das früher etablierte Verfahren mit sogenanntem Zweitwunsch bewirbt:
Sofern an der Erstwunschschule nicht ausreichend Schulplätze zur Verfügung stehen, leitet die Schule die Anmeldeunterlagen mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten an die Zweitwunschschule weiter, sofern dort noch freie Kapazitäten vorhanden sind.
Ein wirklich schräger Passus, denn wie soll das zusammen mit den Mehrfachlisten funktionieren? Dass die Stadt diese Möglichkeit weiterhin erwähnt, hat denn wohl auch eher eine politische als eine praktische Bedeutung. Der Schulausschuss im Kölner Rat fühlte sich in diesem Jahr von der Stadtverwaltung barbiert, als diese quasi über Nacht die Zweitwunschoption mitten im Verfahren kassierte. Nun pochte man darauf, sie wiedereinzusetzen, weil man einst beschlossen hatte, sie anzubieten. Dass dafür 2022 jede sinnvolle Grundlage fehlt, hält die Ratsmehrheit offenbar nicht davon ab, vehement ihre alte Linie zu verteidigen. Auch das war bei der Konferenz im November bereits deutlich durchgeklungen.
Wenn Sie Fragen oder Hinweise haben, mailen Sie uns an mitmachen@die-abgelehnten.de. Wir melden uns wieder, wenn es Neues gibt.
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