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Arbeit und Krankheit #3 – Warum meldet kaum jemand das Virus?

Arbeit und Krankheit #3 – Warum meldet kaum jemand das Virus?
Von Daniel Drepper • Ausgabe #3 • Im Browser ansehen
Im Bürgeramt Pankow haben sich in den vergangenen zwölf Monaten 44 der rund 2300 Mitarbeiter:innen mit dem Coronavirus infiziert, berichtete im Februar der Pankow-Newsletter des Tagesspiegel. Der zuständige Bezirksstadtrat Thorsten Kühne versichert auf meine Anfrage, nur bei einer geringen einstelligen Zahl von Fällen sei „ein möglicher kausaler Zusammenhang zur Tätigkeit im Bezirksamt nicht endgültig aus[zu]schließen“. Weniger verklausuliert heißt das: Einige Mitarbeiter:innen könnten sich auf der Arbeit angesteckt haben.
Kühne schreibt, ein Zusammenhang „konnte dagegen in Sitzungssituationen, Pausensituationen und bei sonstigen Versammlungssituationen o. ä. beobachtet werden, wenn die empfohlenen Hygienemaßnahmen nicht konsequent umgesetzt worden waren.“ Trotzdem hat die Behörde keine einzige Verdachtsanzeige an die zuständige Unfallkasse gestellt, schreibt Kühne auf Nachfrage.
Bezirksstadtrat Kühne ist damit möglicherweise seiner Pflicht als Vorgesetzter nicht nachgekommen. Im Gesetz heißt es: „Haben Unternehmer im Einzelfall Anhaltspunkte, daß bei Versicherten ihrer Unternehmen eine Berufskrankheit vorliegen könnte, haben sie diese dem Unfallversicherungsträger anzuzeigen.“ Und weiter: „Die Anzeige ist binnen drei Tagen zu erstatten, nachdem die Unternehmer von dem Unfall oder von den Anhaltspunkten für eine Berufskrankheit Kenntnis erlangt haben.“ 
In Deutschland ist das seit Jahren ein Problem: Berufskrankheiten werden zu selten gemeldet – und wenn sie gemeldet werden, scheitern Arbeiter:innen häufig an den sehr hohen Hürden, die für die Entschädigung aufgebaut wurden.
Arbeitgeber:innen haben ein Interesse, dass möglichst wenige Leute entschädigt werden, da sie 100 Prozent der Beiträge zur Unfallversicherung zahlen. Fallen die kranken Bürokaufmänner, Mechatronikerinnen und Gärtner dagegen in die Kranken-, Pflege- oder Rentenkasse, tragen Arbeitnehmer:innen 50 Prozent der Kosten.
Das Coronavirus wirft ein Schlaglicht auf dieses Problem. Lange Zeit sollte eine Infektion mit dem Coronavirus nur für Pflegekräfte und medizinisches Personal als Berufskrankheit gelten. Seit Dezember fallen nun auch Kita-Erzieher:innen in diese Kategorie.
Über die Probleme von Erzieher:innen (und die geringe Zahl der Verdachtsanzeigen) habe ich gestern ein längeres Stück bei BuzzFeed News Deutschland veröffentlicht.
Alle anderen können eine mögliche Coronavirus-Infektion auf der Arbeit lediglich als Arbeitsunfall melden. Hier sind die Hürden für eine Anerkennung noch höher, auch weil Betroffene hier konkret belegen müssen, wer sie angesteckt hat. Deshalb sind die anerkannten Verdachtsanzeigen bei Arbeitsunfällen besonders niedrig. Das zeigen Zahlen, welche die Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann (Linksfraktion) vor einigen Wochen angefragt hatte.
Im Bauwesen wurde beispielsweise von 33 Anzeigen noch keine einzige anerkannt. Im Handel, wo ja meist doch viel Kundenkontakt herrscht, wurden von 334 Anzeigen lediglich zwei anerkannt. Und auch in der Fleischindustrie ist die Quote relativ niedrig. Hier haben sich im vergangenen Jahr mehr als 4000 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Bis heute sind aber nur etwa 600 dieser Infektionen als Arbeitsunfall anerkannt worden, berichtete zuletzt die Neue Osnabrücker Zeitung.
Alles Gute und auf bald
Daniel Drepper

 

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Daniel Drepper

Ich recherchiere seit Jahren zu Ausbeutung in der Arbeitswelt, zu Gesundheitsschutz und Berufskrankheiten. Über „Arbeit und Krankheit“ verschicke ich unregelmäßig dazu passende Recherchen und Informationen. Sie erreichen mich unter daniel.drepper@gmail.com oder über die verschlüsselte App Signal unter 0151 407 95 370.

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