View profile

Wenn Frauen schlagen OK ist - Ethik und Moral in Zeiten der Digitalisierung - Issue #14

Revue
 
Wieder ist's zwei Wochen her, aber wir haben das Internet vorerst gerettet. Juchei! Dieser Tag der Ab
 

Ann Cathrin's Digital Digest

July 15 · Issue #14 · View online
Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

Wieder ist’s zwei Wochen her, aber wir haben das Internet vorerst gerettet. Juchei! Dieser Tag der Abstimmung war noch aus so vielerlei Gründen emotional echt zu viel für mich als Norddeutsche. Aber der Kampf ist noch nicht vorbei, nach der Sommerpause geht es weiter. 
In der Zwischenzeit war ich eigentlich nur zum Koffer wechseln zu Hause, denn es ging direkt weiter nach London. Mein erstes Mal im Vereinten Königreich und ich bin völlig entzückt, obwohl ich nicht mal in der Nähe der Royals war. Ich war dafür beim Future Fest von Nesta, eine Stiftung die digitale Innovationen für die Gesellschaft fördert. Also solche, die wichtig für eine Gesellschaft sind, aber nicht unbedingt DAS Investment für Geldgeber:innen sind. Spannende und wichtige Arbeit also! Dort hatte ich mein absolutes Zukunftserlebnis: eine Dose Cola light an einem Bauchladen mit Kreditkarte kontaktlos bezahlen. Krass, sag ich Euch! Ich habe in einem Daten-Casino mit Facebook Likes gespielt (und als gute Seele zum Liken von guten Seiten aufgefordert - das Internet braucht mehr Positives!) und zum Abschluss gab es ein Facebook Live mit Magdalena Rogl und Valerie Mocker
Von London ging es über Frankfurt und Mainz direkt nach München zur Bundeswehr Universität (😏), denn dort war die Jahrestagung CODE zum Thema Cyber Defence. Den ersten Tag mit Workshops habe ich leider verpasst, da ich erst abends ankam, aber am zweiten gab es ebenfalls ganz tolle Panels. Vor allem freute mich, dass es einen Vortrag zum Thema Diversity by Design gab, der anschaulich machte, warum Diversity so wichtig in der IT ist. Und ganz generell muss man dringend im Blick haben, was die Bundeswehr,  aber vor allem ZITIS so tun. Denn es sollte bei Abwehr und Cyber Sicherheit bleiben. 
Alles Liebe, Ann Cathrin ❤️

YAY!
Uploadfilter und Leistungsschutzrecht wurden erstmal verhindert, aber das Thema ist noch nicht ausgestanden. Mitte September ist die nächste Abstimmung im Europäischen Parlament. Bei unserer Ablehnung von Uploadfiltern und dem Leistungsschutzrecht geht es in keinster Weise um die Negierung einer Reform des Urheberrechts und schon gar nicht darum, dass Urheber:innen(! nicht unbedingt die Rechteinhaber:innen) nicht angemessen entlohnt werden sollen. Doch wie schon im letzten Newsletter  gesagt: diese Tools sind nicht das richtige Mittel um die Urheber:innen(!) wirklich besser zu entlohnen. Sie machen außerdem zu viel kaputt. Doch es soll natürlich nicht nur “Nein!” gesagt werden, sondern auch alternative Vorschläge gemacht werden. Einer davon kommt von Jimmy Schulz, dem Vorsitzendes des Bundestagsausschuss Digitale Agenda. Er schlägt vor, dass Urheber:innen im Netz mit der robots.txt Datei eine Verbreitung ihrer Inhalte rechtsverbindlich steuern können sollen. Damit hat man den Effekt des Leistungsschutzrechts, nutzt Tools die bereits vorhanden sind, aber macht das Internet nicht kaputt. 
Leistungsschutzrecht und Uploadfilter - Ist das Internet noch zu retten? | Cicero Online Leistungsschutzrecht und Uploadfilter - Ist das Internet noch zu retten? | Cicero Online
Sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen müssen ist nie schön. Wie wichtig das ist, wissen wir aber eigentlich. Testament, Patientenverfügungen, Organspende - und in einer digitalen Welt sollten wir uns auch mit dem digitalen Erbe auseinandersetzen. Die einzige Sache, die ich übrigens gemacht habe davon. Ich habe Facebook gesagt, was nach meinem Ableben mit meiner Seite passieren soll. Aber ob das rechtlich ausreichen wird? Nach dem BGH Urteil geht nun das Facebook Konto in den Nachlass eines Verstorbenen über. Im konkreten Fall können die Eltern nun auf das Facebook-Konto ihrer verstorbenen Tochter zugreifen und vielleicht herausfinden, ob der Tod ihrer Tochter wirklich ein Unfall war oder vielleicht Selbstmord. Man wünscht den Eltern diese Klarheit, aber doch finde ich das Urteil erschreckend. Die Richter:innen vergleichen die Kommunikation auf Social Media mit Briefen, die ja auch in den Nachlass über gehen. Aber ich halte die digitale Kommunikation für viel, viel intimer und damit extrem schützenswert (talking about Verschlüsselung und Trojaner…). Sexting mit Briefen - come on, das war vielleicht Erotik, aber über die Dauer wäre ja jegliche Stimmung verloren gegangen. Messenger und Briefe sind einfach kein Vergleich. Was ist vor allem mit der Privatsphäre Dritter, was bedeutet das Urteil für Dritte aus nicht-EU-Ländern? Wir müssen uns dringend mit diesem Thema auseinandersetzen. Und Regelungen für uns selbst treffen. 
Bundesgerichtshof: Eltern dürfen Facebook-Konto der toten Tochter einsehen - SPIEGEL ONLINE Bundesgerichtshof: Eltern dürfen Facebook-Konto der toten Tochter einsehen - SPIEGEL ONLINE
“Ich bin traurig” - während der Google Assistent mich auf diese Aussage hin in den Arm nehmen will, sagt mir das russische Pendant der Firma Yandex, dass das Leben nicht dafür da sei, um Spaß zu haben. Huh. Künstliche Intelligenz ist nicht neutral und sie ist kulturell verschieden (ein Grund, warum eine europäische KI so gut sein könnte!) - das vergessen immer sehr viele. Das Beispiel in diesem lesenswerten Artikel (auch wenn er mir am Ende zu Technik-pessimistisch wird) zeigt, wie dringend wir uns um Ethik und Diversity kümmern müssen und wie dringend wir als Gesellschaft unser Verhalten hinterfragen müssen. Bei einem weiteren Beispiel aus Russland, ob man seine Frau schlagen dürfe, wird es nochmal ganz deutlich, wie kulturelle Prägungen in eine KI einfließen und sie so verfestigen. Bei uns gibt es vielleicht nicht so krasse und offensichtliche Probleme, aber auch wir sollten unser Verhalten viel achtsamer hinterfragen - bevor wir es in eine KI einfließen lassen. 
Can emotion-regulating tech translate across cultures? | Aeon Essays Can emotion-regulating tech translate across cultures? | Aeon Essays
Nicht überall wo künstliche Intelligenz drauf steht ist auch welche drinnen. Scheinbar sitzen manchmal echte Menschen hinter angeblichen Bots (“The job was so mind-numbing that human employees said they were looking forward to being replaced by bots.”) und tun so, als seien sie Bots um vorzugaukeln, das Unternehmen sei ein technischer Vorreiter. Das zeigt meiner Meinung nach so einige Probleme auf: Erstens, Buzzwording bringt einfach nichts. Häufig braucht man auch keine KI sondern einfache Automatisierung. Zweitens: KI ist noch nicht so weit wie einige meinen. Vor allem noch nicht so günstig, als dass sie massentauglich wäre. Und was viele vergessen: bevor uns die Maschinen ersetzen werden, werden wir eine ganz lange Zeit mit ihnen zusammenarbeiten. Auf diese Zeit sollten wir uns dringend vorbereiten. Drittens: Menschen reden mit Maschinen anders als mit Menschen. Eben auch wenn sie glauben, sie teilen sich einem Bot mit. Für die Privatsphäre ist so eine Täuschung der Super-GAU
The rise of 'pseudo-AI': how tech firms quietly use humans to do bots' work | Technology | The Guardian
“Don’t feed the troll” - wohl DAS Mantra im Internet. Doch das ist falsch, sagt William Joel und ich finde er hat Recht, wenn es zum trollen kommt, das nicht einfach nerven ist, sondern Beleidigung, Angriff, Diffamierung oder Ähnliches. 
It also reveals the core problem of trolling that so much of the online world wants to ignore. It is inherently an act of satire, something that comes with real targets and real responsibility. But the core intent of trolling is the opposite: it’s not just to provoke, but to run away from the responsibility of the joke itself.
A Twitter follower reminded me of a line in the famous parable from Bion of Borysthenes: “Boys throw stones at frogs in fun, but the frogs do not die in fun, but in earnest.” 
Wer Trolle ignoriert, lässt Angegriffene - zumeist Frauen, POC, Muslim:innen, Juden und Jüdinnen, LGBTI, u.v.m. mit dem Hass gegen sie alleine. Dabei ist nicht nur das alleine lassen ein Problem. Eine immens große Anzahl an Menschen liest diese Beiträge ohne Gegenrede mit. Sehen sich vielleicht in ihrem Hass bestätigt, finden keine Gegenargumente oder zweifeln vielleicht an ihrem eigenen Sein. Dabei muss man gar keine Diskussion mit dem Troll beginnen. Ein einfaches Statement reicht. Aber auch die Anbieter von Plattformen sowie Seitenbetreiber müssen härter durchgreifen und unangemessenes Verhalten abstrafen. Dafür braucht man auf Facebook z.B. gar nicht Facebook selber (auch wenn die auch in der Verantwortung stehen, gemeldete User zu überprüfen) - auch Seitenbetreiber können User von ihren Seiten verbannen und sie somit von der Community ausschließen. Den Hass in den Kommentaren zu lesen ist nicht leicht, aber er ist da und real und man sollte ihn nicht mit Ignoranz belohnen. 
The conventional wisdom about not feeding trolls makes online abuse worse - The Verge The conventional wisdom about not feeding trolls makes online abuse worse - The Verge
Verschlüsselung ist essentiell (gerade für Journalist:innen, dazu unten ein Link in der Sammlung) für eine sichere Kommunikation. Leider wollen auf staatlicher Seite viele, dass es möglich ist, Kommunikation mit zu lesen. Das Tor-Netzwerk ist deshalb ein missliebiges Tool für solch eine sichere Kommunikation. Mit fadenscheinigen Begründungen hat die Polizei in Augsburg die Vereinsräume des CCC und vor allem des Zwiebelfisch untersucht, die in einem Fall Zeugen - ja,  Zeugen! sind, Hardware und Dokumente aus einem Schrank beschlagnahmt, die Informationen über Spender:innen beinhalten. Zeugen! Das alles sind Verhaltensweisen der Polizei und Behörden, die mich dazu anhalten, mich gegen weitreichende Polizeibefugnisse (im Digitalen) und für das Recht auf Verschlüsselung einzusetzen. Sowas ist eines Rechtsstaats nicht würdig. 
Polizei zwingt Netzaktivisten zur Öffnung ihres Safes und gelangt an geheime Spenderliste - Motherboard Polizei zwingt Netzaktivisten zur Öffnung ihres Safes und gelangt an geheime Spenderliste - Motherboard
Talking about Bürgerrechte… Asylsuchende sind zwar keine Bürger:innen, aber auch ihnen gebührt der Respekt ihrer Privatsphäre. Und auf Smartphones ist eben so einiges gespeichert, das wirklich privat, gar intim ist und intim ist nicht gleichzusetzen mit nackt. Wir schreiben dort Gedanken auf, die sonst niemand aus uns herausbekommen würde, weil wir vermeintlich meinen, dass sie dort sicher abgelegt werden. Diese Annahme zeigt auch nochmal das Problem mit Staatstrojanern. Die Durchsuchung der Smartphones von Geflüchteten zeigt nun: Geflüchtete lügen nicht über alle Maßen (wie häufig kann man auch jetzt nicht sagen). Ich hoffe jetzt inständig, dass das passiert, was bei der Einführung von nicht-zielführenden Regelungen immer passieren müsste. Nach der Evaluation müssen sie abgeschafft werden. Ich hoffe es passiert, glaube aber nicht dran (und auch darum muss man leider gegen tiefergreifende Überwachungsmaßnahmen protestieren!).
Flüchtlinge - Auswertung von Handys bringt kaum Nutzen - Politik - Süddeutsche.de
Bevor wir uns persönlich kannten war sie schon mein liebstes Beispiel in Vorträgen, wenn es um Corporate Influencer geht: Magdalena Rogl, Head of Digital Channels bei Microsoft. Ich versuche auch immer meine Kund:innen dazu zu bewegen selbst, zusätzlich zum Unternehmen selber, sichtbar und aktiv auf Social Media zu sein. Aber auch jungen Menschen, vor allem Frauen rate ich immer dazu. Denn nur wer sichtbar ist, kann wahrgenommen werden und z.B. auf Panels eingeladen werden, sodass wir dort nicht immer nur Männer sitzen haben. Man kann außerdem ein großartiges Netzwerk aufbauen und ziemlich viel Spaß haben 😉
HORIZONT Podcast: Microsoft-Managerin Lena Rogl über den Nutzen von Corporate Influencern HORIZONT Podcast: Microsoft-Managerin Lena Rogl über den Nutzen von Corporate Influencern
Katy Hummels klagt gegen den Verband Sozialer Wettbewerb für das Recht auf freie Meinungsäußerung. Gut so! Klare Kennzeichnung bei Kooperationen oder PR-Samples muss sein, aber es muss eben auch möglich sein, ganz private Empfehlungen auszusprechen - auch wenn man mehrere hunderttausend Nutzer:innen erreicht. Ich habe mich in den letzten Tagen bei den Nah-Aufnahmen von Sportler:innen auch gefragt, ob nicht auf deren Trikots und Sportkleidung eigentlich “Werbung” stehen müsste. Schließlich tragen sie die Marken auch nicht, weil sie sie schön und bequem sind, sondern weil die Hersteller dafür viel Geld zahlen, oder? Aber es ist wohl wie mit dem Daten-Erbe Urteil: wie das Internet funktioniert, wird von zu vielen - vor allem Entscheidungsträger:innen - noch nicht verstanden. 
„Recht auf freie Meinungsäußerung“ – dafür kämpft Instagram-Influencerin Cathy Hummels | ❤ t3n „Recht auf freie Meinungsäußerung“ – dafür kämpft Instagram-Influencerin Cathy Hummels | ❤ t3n
BOTTOM OF THE LETTER
Kübra Gümüşay
Haltet mal inne. Geht einige Schritte zurück. Betrachtet das Gesamtbild. Was mit uns passiert. Wie wir mit Menschen umgehen, die nicht mit "Wir" gemeint sind. Uns entsolidarisieren von der Welt. Von universalen Werten. Betrachtet das mal, diesen Abschied von der Menschlichkeit.
11:25 AM - 4 Jul 2018
Patzilla
Hinter jeder starken Frau steht ein Mann, der denkt, er hätte ihr das ermöglicht.
5:42 PM - 2 Jul 2018
Pogobär
Würde mich nicht wundern, wenn Prinz Philipp heute zu Trump sagt: "Ach, Sie kommen aus Amerika? Hat man da nicht gerade so einen Volltrottel zum Präsidenten gewählt?"
3:35 PM - 13 Jul 2018
Abgesendet von hier mit dem letzten Prozent Akku 🙃
Did you enjoy this issue?
If you don't want these updates anymore, please unsubscribe here
If you were forwarded this newsletter and you like it, you can subscribe here
Powered by Revue
Ann Cathrin Riedel, Kemperplatz 1, 10785 Berlin