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"The jasmine tree outside your balcony is blooming, I picked a flower for you." - Issue #62

Revue
 
 

Ann Cathrin's Digital Digest

August 16 · Issue #62 · View online

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.


Ich habe es letztes Wochenende doch getan: Mich eine ganze Stunde am Badesee um halb zehn Uhr morgens angestellt um hereinzukommen. Habe sowas noch nie getan, aber ich musste dringend mal baden und raus. Tat sehr gut und Badeseen oder Strände sind deutlich bessere Orte um während Corona was zu unternehmen, als Restaurants oder Bars. Ansonsten habe ich echt nicht viel zu erzählen. Was tut man auch während dieser Hitze? Es irgendwie ertragen und sonst nichts.
Nächste Woche stehen wieder über 30 Grad an. Ich hoffe, Ihr kommt gut durch die Woche. Ein bisschen Lesestoff für schattige Plätzchen habe ich für Euch heute wieder zusammengestellt.
Trinkt genügend!
Ann Cathrin
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Prof. Kate Antonova
My husband made an excellent point this evening: we are very behind on work, but we are even more behind on resting.
WHAT TO KNOW
The jasmine tree outside your balcony is blooming, I picked a flower for you.
In meiner Studie “Behind Closed Curtains” spreche ich über die Gefahren von Desinformation auf Messengern, da die noch viel zu wenig beachtet werden und in der Debatte erst langsam vorkommen. Ich habe dort in wenigen Sätzen angerissen, dass Messenger natürlich nicht nur schlecht sind, sondern auch wahnsinnig viele Vorteile haben und besonders wichtig sind. In Hongkong haben wir es gehen, wir sehen es jetzt gerade in Belarus, wo die Opposition mittels Telegram Videos und Bilder zur Verfügung stellt, die zeigen, was dort bei den Protesten passiert.
Dieser Artikel hier hat mich sehr berührt. Nicht nur, weil er sehr schön geschrieben ist, sondern vor allem, weil er einen anderen wichtigen Aspekt von Messengern aufzeigt: Gerade Geflüchtete haben so die Möglichkeit mit ihren früheren Communitys, Familien, in Kontakt zu bleiben. Der Text von Nur Turkmani zeigt auch – eher dezent – zwei weitere wichtige Aspekte: Sprachnachrichten haben enorme Vorteile, gerade für Menschen die nicht (mehr) gut Lesen und Schreiben können und alte Menschen können super mit Technologie klarkommen. Sie brauchen dafür nur einen für sie erkennbaren Mehrwert. Das Zitat am Anfang ist aus einer Sprachnachricht, die Turkmanis Großmutter von einem Freund bekam, der noch in ihrem syrischen Dorf ist und nach ihrem alten Haus schaut, in dem mittlerweile eine andere Familie wohnt.
Now, and especially after my jiddo, my grampa, passed away five years ago, teta has become as tech-savvy as me and is almost always on her phone. She is in multiple WhatsApp groups, and gets the best Syrian, Palestinian and Lebanese memes as soon as they’re out. She has mastered using voice notes to detail her recipes and antidotes for her grandbabies’ toothaches and flus. 
It’s not that my teta, at age 73, is actually that inclined to using WhatsApp. It’s that almost her entire world—the updates, the extended stories, the jokes—has been transposed from the street corners of Talkalakh to her cell phone screen. Refugees her age, who do not have any interest in adapting to the new countries or systems they have found themselves in, are the real WhatsApp generation. On WhatsApp groups, the ones with their siblings and neighbors and grandchildren, they recreate their sense of community to keep it alive.
Der Text geht zudem noch sehr schön, anschaulich und emotional darauf ein, wie es ist, wenn die ganze Familie in der Diaspora lebt. Über die ganze Welt verteilt. Der Text wurde von der syrisch-libanesischen Frau noch vor der Bombenexplosion in Beirut, wo sie lebt, geschrieben. Wie groß die Sorge junger Menschen schon vorher ob der wirtschaftlichen Situation war, kann man dank ihrer Worte sehr gut spüren.
We know how quickly the world changes because of the internet, and we use the internet as a form of numbing, a form of agency and control, as a way of reaching out to one another to say: hey, we’re here, and somehow, against all odds, we exist
When WhatsApp replaces home | SyriaUntold | حكاية ما انحكت When WhatsApp replaces home | SyriaUntold | حكاية ما انحكت
Dark Patterns begegnen Euch jeden Tag. Aktuell wahrscheinlich am häufigsten bei Cookie-Bannern, die Euch mit der deutlich farbenfroheren Variante eines Buttons dazu animieren wollen, einfach alle Cookies zu akzeptieren. Oder Ihr kennt es, wenn Ihr einen Account irgendwo schließen wollt. Facebook fragt Euch erstmal, ob Ihr wirklich gehen wollt und bietet Euch dann an, doch einfach die Einstellungen zu Mitteilungen zu ändern, wenn Ihr auswählt, dass die Plattform Euch zu sehr ablenkt vom Leben. Instagram – eine Plattform die trotz immer mehr Funktionen in der Desktop-Variante – eine Plattform ist, die als App konzipiert ist, macht es Euch unmöglich über die App Euren Account zu deaktivieren. Die Option gibt es nur, wenn Ihr Euch am Browser einloggt.
Zugegeben, manchmal findet man Sachen nicht, weil sie blöd designt sind. Nicht alles ist gleich ein “Dark Pattern”. Und natürlich ist es schwer herauszufinden, was jetzt Absicht ist und was einfach nur blöd gelaufen. Eine wichtige Frage. Gerade auch, wenn man hier regulieren möchte (und ich denke, darüber muss man dringend diskutieren). Colin Gray, der hier im Artikel zu Wort kommt und sich schon lange mit dem Thema auseinandersetzt, differenziert so:
Gray created a framework that defines “asshole design” as one that takes away user choice, controls the task flow, or entraps users into a decision that benefits not them, but the company. Asshole designers also use strategies like misrepresentation, nickel-and-diming, two-faced interactions—like advertising an ad blocker that also contains ads.
Die Manipulationen, die hier durch Design passieren, müssen dringend mehr diskutiert werden. Gerade auch dann, wenn wir es mit Vorgaben wie privacy by design und security by design ernst meinen.
How Facebook and Other Sites Manipulate Your Privacy Choices | WIRED How Facebook and Other Sites Manipulate Your Privacy Choices | WIRED
Mehrfach habe ich Euch schon die beiden Bücher “Weapons of Math Destruction” (mittlerweile auch auf deutsch) und “Automating Inequality” empfohlen. Beide Autorinnen warnen vor automatisierten Entscheidungen durch Algorithmen. Besonders, weil sie zumeist nicht ordentlich getestet werden, es keine Transparenz und nahzu keine Möglichkeiten gibt, Widerspruch gegen durch Algorithmen getroffene Entscheidungen einzulegen. Wie problematisch das ist, zeigt ganz aktuell ein Fall in Großbritannien. Weil dort die A-Level-Prüfungen wegen Corona nicht stattfinden können, soll ein Algorithmus auf Basis der bisherigen Noten und Beurteilungen der Lehrer:innen eine Abschlussnote errechnen. Dabei soll er aber auch dafür sorgen, dass ein eventueller Bias der Lehrkräfte herausgerechnet wird. Ergebnis war, dass viele Schüler:innen überrascht, ja gar entsetzt waren von den Ergebnissen.
Eben so schlimm finde ich, dass die scheinbar desaströse Qualität des algorithmischen Systems nur zutage kam, weil sich ein Vater dran gemacht hat, das Ding auseinander zu nehmen. Heißt, es ist nur Zivilcourage zu verdanken, dass das rauskam.
He had another analogy to explain his objections to standardisation: “Suppose you have 100 cars travelling on a motorway and 41 of them broke the speed limit. In the interest of road safety, as a matter of principle, it is correct to fine the 41 speeding drivers.
“However, suppose that in practice, for whatever reason, the speed trap catches the wrong car, say, 25% of the time. As a result, about 10 of the drivers caught by the speed trap weren’t speeding at all but have been wrongly accused. What sort of democratic society would accept that? It sounds like collective punishment by statistics.”
Solche miserablen algorithmischen Entscheidungen sind keine Kleinigkeit. Weder für Schulnoten, noch Schulplätze (siehe dazu Weapons of Math Destruction) oder Sozialleistungen (Automating Inequality). Sie haben vor allem einen enormen Einfluss auf das Ganze spätere leben:
“These results will affect us for at least the next 10 years, getting my first job, although I recognise my situation isn’t the worst … The results can’t be as reliable [as previous years] because it’s something … manufactured rather than what we have set out to do and then achieved.”
In der Arbeitsgruppe “Algorithmen Monitoring” der Initiative D21 haben wir übrigens ein Konzept entwickelt, wie algorithmische Systeme besser kontrolliert werden können. Das und weitere Paper zum Thema gibt es hier.
'Punishment by statistics': the father who foresaw A-level algorithm flaws | Education | The Guardian 'Punishment by statistics': the father who foresaw A-level algorithm flaws | Education | The Guardian
Nach dem terroristischen Übergriff auf eine Moschee in Christchurch, haben Plattformen das “Global Internet Forum to Counter Terrorism” (GIFCT) gegründet. Das GIFCT ist ein Konsortium, bei dem zum Beispiel Facebook und Twitter mit machen und dort terroristische Inhalte hochlädt, beziehungsweise deren Hash, also eine Art Fingerabdruck des Materials, um ihn so zu identifizieren und den Upload auf allen angeschlossenen Plattformen zu verhindern. Klingt erstmal gut. Dieser Artikel warnt nun –meiner Meinung nach zu Recht (ich habe das bisher auch zu wenig berücksichtigt) – dass das Netzwerk “the most underrated project in the future of free speech” ist.
Warum? Was genau ein “terroristischer Inhalt” ist und warum der geblockt wird, das entscheiden die jeweiligen Plattformen und geben die Entscheidung dann ins Netzwerk hinein. Auch hier fehlt es an Maßnahmen zur Transparenz und Kontrolle durch unabhängige Instanzen und durch Wissenschaft. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass als terroristisch eingestufte Inhalte zum einen nicht terroristisch sind oder Verbrechen von Terrorist:innen dokumentieren. Das Syrian Archive hatte diesbezüglich enorme Probleme. Sie brauchten vor allem Plattformen, um Videobeweise zu sichern. Da zeigt sich das weitere Problem bei dem Netzwerk, dem sich auch kleinere Plattformen angeschlossen haben, die nicht die Ressourcen haben, alles selber zu checken. Das Netz wird quasi überall durch Moderationsentscheidungen der ganz großen Plattformen geprägt. Es kann also definitiv nicht genügen, den Plattformen solche Entscheidungen in selbstverwalteten Netzwerken zu überlassen.
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Digitale Tools können helfen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das hab ich immer gesagt. Aber auch gefragt, ob die Corona-App wirklich der richtige Fokus, der richtige Hebel ist um effektiv und effizient die Ausbreitung zu verhindern. Wie gut die App funktioniert können wir schlecht sagen, da die datensparsame und datenschutzfreundliche Konzeption das nicht zulässt. Meiner Meinung nach ist das vollkommen okay.
Wo wir sicher deutlich mehr erreichen würden, was Effizienz und Effektivität angeht (wenn man sich denn für eins hätte entscheiden müssen – meiner Meinung nach ginge auch beides, aber der Fokus hätte eindeutig hier liegen müssen) wäre die Digitalisierung der Gesundheitsämter, die seit Jahren nicht nur schleppend, sondern scheinbar gar nicht vorangetrieben wurde. Dass das ein riesiges Dilemma ist, zeigt sich nun bei den zahlreichen Tests durch Reiserückehrer:innen:
Im Moment kommen deshalb die Befunde bei uns per Fax rein. Und die haben alle den gleichen Dateinamen: ‘Telefax.pdf’“, berichtet Michels. "Das heißt, wir müssen 3.800 Befunde, die ‘Telefax.pdf’ heißen, öffnen in der EDV, sie abspeichern unter dem Namen der betroffenen Patienten, damit da keine Verwechslungen passieren.
So fancy Apps klingen – in Deutschland hapert es bei der Verwaltung an Grundsätzlichem. Die Infrastruktur hier in der Verwaltung ist aber zwingend notwendig, um die Pandemie ordentlich zu bekämpfen.
Corona-Testzentren: Auch Gesundheitsamt Trier meldet Pannen - ZDFheute Corona-Testzentren: Auch Gesundheitsamt Trier meldet Pannen - ZDFheute
Die Bundestagswahl steht nächstes Jahr ins Haus – für alle, die das nicht so auf dem Schirm haben. Höchste Zeit, sich mal wieder mit digitaler Wahlwerbung zu beschäftigen. Julian Jaursch von der Stiftung neue Verantwortung beschäftigt sich schon länger mit dem Thema und sagt, dass wir politische Werbung im Radio, TV und auch auf der Straße durchreguliert haben, um ein Level-Playing-Field zu schaffen. Im digitalen Raum gibt es aber nicht. Dabei müsste sich dieser Raum für Wahlen dringend angesehen werden. Bisherige Maßnahmen wie Transparenzbibliotheken reichen kaum aus und sind auch wenig aussagekräftig. Auch der Medienstaatsvertrag, der bald verabschiedet werden soll, beschäftigt sich nicht mit dem Thema.
Deutschland braucht klare Regeln für politische Onlinewerbung - Tagesspiegel Background Deutschland braucht klare Regeln für politische Onlinewerbung - Tagesspiegel Background
Hass im Netz trifft vor allem Frauen und das, weil sie Frauen sind. Die Organisation HateAid, die Opfern bei Klagen hilft, hat herausgefunden, dass ganze Null Prozent der Männer für Ihr Mannsein angegriffen werden. Frauen erfahren hingegen viele Angriffe aufgrund ihres Geschlechts. Kathrin Weßling hat gerade erst in einem Tweet gesagt: “Bitte hört auf, Frauen, die viel Hass / Trollerei erleben, zu fragen: Wieso tust du dir das an? Sie tun sich gar nichts an. Es wird ihnen angetan.” In die gleiche Richtung geht auch Luisa Neubauer, die ebenso wie viele andere Aktivistinnen oder Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, angegriffen werden und mit strukturellem Frauenhass zu kämpfen haben:
Es werde viel zu selten gefragt, woher dieser Hass komme, so Neubauer. “Wir reden hier nicht über einen Konflikt zwischen mir und dem Hater, sondern über strukturellen Frauenhass, Sexismus und Misogynie, die überall und immer radikaler zum Ausdruck gebracht werden.” Die Aktivistin kritisierte in dem Interview sowohl soziale Netzwerke wie Facebook, die zu wenig gegen die Verbreitung solcher Hassnachrichten unternähmen, als auch die deutschen Behörden.
“Als ich zum Beispiel mal eine Anzeige in Berlin gestellt habe, musste meine Anwältin mehrere Schreiben schicken, bis die Anzeige zugelassen wurde, ohne dass meine private Anschrift angegeben wurde”, berichtete Neubauer. Andernfalls wäre ihre Adresse für alle Prozessbeteiligten – also auch einen mutmaßlichen Verfasser sexistischer Hassnachrichten – einsehbar gewesen.
Der letzte Punkt aus dem Zitat ist übrigens auch sehr wichtig. Schutz gibt es häufig nur ungenügend für Opfer. Da muss politisch dringend dran gearbeitet werden.
Übrigens noch ein Punkt bezüglich Hate Speech auf Facebook ist das schon vielfach angesprochene Sprach-Problem. Facebook gibt keine Zahlen heraus wie viele Menschen mit jeweiligen Sprachkenntnissen eigentlich für das Unternehmen tätig sind. Außerdem hat das Arabische viele regionale Unterschiede, die man verstehen muss. Gerade LGBT-Aktivist:innen oder Personen, die eben nicht heterosexuell sind, sind gerade in arabischen Ländern sehr häufig Opfer von Angriffen auf den Plattformen. Der Hass überträgt sich aber auch da – wie so häufig – auf das analoge Leben und gefährdet dort Menschenleben. Facebook tut in diesen Ländern weiterhin viel zu wenig, um diese Menschen zu schützen.
Klimaaktivistin Luisa Neubauer über Hatespeech im Netz: “Woher kommt dieser Hass?” Klimaaktivistin Luisa Neubauer über Hatespeech im Netz: “Woher kommt dieser Hass?”
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Christian Helms
"Ihr Tweet bildet das Diskussionsgeschehen von vor etwa einer bis zwei Wochen ab."
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Ann Cathrin Riedel, Berlin