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Neuland ohne Stoppschilder, ohne deutsche Beteiligung, aber mit Selfies! - Issue #17

Revue
 
Ich musste ins klimatisierte WeWork fliehen, ich ertrage die Hitze nicht mehr. Ich habe Zuhause keine
 

Ann Cathrin's Digital Digest

August 5 · Issue #17 · View online
Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

Ich musste ins klimatisierte WeWork fliehen, ich ertrage die Hitze nicht mehr. Ich habe Zuhause keinen Ventilator, man bekommt auch keine mehr. Ich kann nichts tun vor Hitze und das Chaos vom neuen Kleiderschrank aufbauen betrachten, oder zu wissen, dass ich was schreiben müsste, aber nicht kann, hat mich wahnsinnig gemacht. Also auch das Wochenende hier. Unter der Woche habe ich schon Freund:innen beherbergt, also wenn Ihr auch Abkühlung braucht, besucht mich mit Eurem Laptop hier!
Ansonsten habe ich diese Woche endlich mal professionelle Fotos von mir machen lassen, damit Interviews und Pressemitteilungen auch mal ordentlich bebildert werden können 🎉💪🏼Und seit Mittwoch könnt ihr für mich beim Digital Female Leader Award für den Audience Award abstimmen! Ich bin dort in der Kategorie “Social Hero” als Vorsitzende von LOAD nominiert und freue mich wirklich sehr über die Nominierung. Meine Stimme hat allerdings mein Rolemodel Lena-Sophie Müller bekommen, die die Geschäftsführerin der Initiative D21 ist und für die selbe Kategorie nominiert wurde. Wer zwei Email-Adressen hat, kann natürlich hier nochmals abstimmen 😉Dabei lässt sich übrigens sehr gut die Playlist “The 200 Greatest Songs By 21st Century Women+” hören - mit M.I.A zu Recht auf dem ersten Platz.
Und mit so viel #GRLPWR nun ab an den Badesee 🏖
Ann Cathrin

“Das Internet ist für uns alle Neuland” - was haben wir gelacht. Doch es ist wirklich Neuland und das auch noch immer, sagt unter anderem Christoph Meinel, Direktor des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts, in diesem ausführlichen Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Dabei werden viele spannende Themen angeschnitten - natürlich auch die Rückschrittlichkeit Deutschlands und Europas und der fehlende Mut zu Innovation. Sehr spannend finde ich den Punkt, der leider nur ganz kurz angeschnitten wird, dass wir mehr über Datenintegrität, als über Datenschutz sprechen müssten. Wenn Ihr zu dem Thema Leseempfehlungen habt, gerne her damit!
Ebenfalls lesenswert ist Sascha Lobos Gastbeitrag in der F.A.Z., der sich auch mit dem ganzen Neuland und damit auch dem Neudenken beschäftigt. Stoppschilder, die im Analogen funktionieren, funktionieren nunmal nicht im Internet. Das Internet, alles Digitale, zu verstehen ist hochkomplex und wirkt dabei so einfach. Die Kontrolle abgeben wollen wir aber dennoch nicht, denn wir meinen, dass wir als Menschen immer noch die besseren Entscheidungen treffen - vor allem rationale. (Ja, der Code ist auch von Menschen geschrieben… ich hoffe, ihr wisst, was hier ausgedrückt werden soll 😉) Dabei sind viele Entscheidungen sehr emotional und wir können gar nicht so viel wissen, wie ein Computer wissen kann. Angela Merkel sagte deshalb zu Recht, so Sascha Lobo, und ich schließe mich dem an, dass man in 20 Jahren vielleicht eine Sondererlaubnis braucht, um selber fahren zu dürfen, denn automatisiert ist es einfach sicherer. Fahrspaß hin oder her. Wir werden viele unserer Freiheiten neu aushandeln müssen. Und was ich hier nochmal sagen möchte: irgendwie ziemlich gut, dass wir dieser Tage eine promovierte Naturwissenschaftlerin als Kanzlerin haben.
Christoph Meinel über Digitalisierung in Deutschland - Politik - Süddeutsche.de Christoph Meinel über Digitalisierung in Deutschland - Politik - Süddeutsche.de
Langsam geht’s los mit der Europa-Wahl. Emmanuel Macron macht sich schon eine Weile startklar und will vor allem die Digitalpolitik voran bringen, was bei ihm heißt: regulieren. Regulieren muss man sicherlich, aber Gesetze wie in Frankreich gegen Fake News und übermäßige Haftung von Plattformen halte ich für fatal.
Fatal finde ich aber auch, dass keine deutsche Stimme in dem Text vor kommt. Und ja, da komme ich auch als überzeugte Europäerin in eine Zwickmühle, denn eigentlich sollte sich ja jede:r Kommissar:in, jeder Abgeordnete für alle Europäer:innen einsetzen, und doch ist es wieder bezeichnend, dass hier weder Vorschläge aus Deutschland kommen, noch relevante Akteure Deutsche sind. Ebenso wie bei der bloßen Nennung von Ländern oder Akteuren, die Macrons Pläne entweder befürworten oder ablehnen - nirgends eine Erwähnung deutscher Stimmen oder Deutschlands. Wo ist unsere Haltung, unsere Position zu dem Thema? Wir dürfen in Deutschland nicht ständig die europäische (Digital-)Politik vergessen!
Macron will das Silicon Valley von Brüssel aus regieren - WELT Macron will das Silicon Valley von Brüssel aus regieren - WELT
“[I]f you have to log into your [bank] account twice because you’re African American, that’s unfair. But, you’re not gonna get shot.” Klingt zynisch, aber es zeigt die beiden Probleme, die wir bei der Gesichtserkennung haben, auf. Zum einen werden schwarze Menschen deutlich schlechter erkannt, zum anderen sind sie auch deutlich häufiger verdächtigt, eine Straftat begangen zu haben. Diese Kombination kann noch tödlicher sein, als der Bias, der heute schon bei Polizist:innen (und anderen) vorhanden ist. Forscher:innen am MIT haben gezeigt, dass Gesichtserkennungssoftware dunkelhäutige Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von 34,7 % fälschlicherweise als Männer identifiziert hat. Zum Vergleich: die maximale Fehlerquote bei hellhäutigen Männern, die falsch kategorisiert wurden, lag bei maximal 1 %. Das ist, bei kommerziellen Anwendungen, wie der Überprüfung ob jemand ein Ticket für ein Konzert gekauft hat, immer noch schlimm und ärgerlich, aber der Schaden hält sich in Grenzen (ob das generell so cool wäre, Gesichtserkennung als Ticket zu verwenden ist ein anderes Thema). Ganz im Gegensatz zum Schaden, wenn staatliche Institutionen jemanden falsch einordnen. Das kann das Leben mehr als kompliziert machen, ja sogar tödlich enden. Einzelne Hersteller rufen daher dazu auf, solche Software nicht an Staaten zu verkaufen.
Can We Make Non-Racist Face Recognition? Can We Make Non-Racist Face Recognition?
Wollen Migrant:innen unbedingt illegal nach Europa kommen, oder suchen sie nicht zuerst legale Mittel und Wege und stellen dann fest, die Überfahrt übers Mittelmeer ist ihre einzige Chance? Das Auswärtige Amt hat in einer Studie untersuchen lassen, was Menschen in Libyen, Marokko und Nigeria suchen und hier auf Twitter drei spannende Grafiken veröffentlicht (weitere Veröffentlichungen und Untersuchungen sind in Planung). Wir sehen: es wird nach legalen Wegen - Visa, Studium, Job - gesucht. Die Aussicht ist aber zu gering, die Verzweiflung so groß, dass die gefährliche Überfahrt in Kauf genommen wird. Und die Zahl der Toten steigt und steigt und steigt…
Quelle: https://twitter.com/GERonStratCom/status/1025405780563054594/photo/1
Google plant wieder nach China zu gehen und auf den chinesischen Markt gehen heißt, sich den Zensurvorgaben des Staates zu unterwerfen. Während Google und seine Produkte in Europa reguliert werden, schaut sich der Internetgigant auf dem chinesischen Markt um, der mit 750 Millionen Internetnutzer:innen ebenso groß ist, wie der europäische Markt. Die staatliche Zensur dort mit zu tragen und ggf. den immer größer werdenden staatlichen Überwachungsapparat zu unterstützen, finde ich ganz und gar nicht gut. Das rückt ziemlich viele vorbildliche Sachen von Google, z.B. Transparenzberichte und ethische Selbstverpflichtungen zur künstlichen Intelligenz doch arg in den Schatten.
Google Plans to Launch Censored Search Engine in China, Leaked Documents Reveal Google Plans to Launch Censored Search Engine in China, Leaked Documents Reveal
Ich sitze hier vor den vielen kleinen Videos der Roboter-Hände und frage mich: wie lange muss ich noch ausharren, bis so ein Ding in meine Wohnung kommt und alles aufräumen kann? Ich habe Zuhause wirklich keine Gadgets (jup!), aber ein Aufräumroboter wäre das erste, was ich mir ins Haus hole. Faszinierend, was diese Hände bereits heute können, oder?
Wie menschlich wollen wir Roboter überhaupt haben? Das unterscheidet sich - wen wundert’s - auch von Gesellschaft zu Gesellschaft. In Ost-Asien haben die Menschen viel weniger Probleme und Bedenken mit sehr menschlichen Robotern als hierzulande. Hier wirken sie eher angsteinflößend und Stimmen auf geometrischen Figuren werden eher akzeptiert. Sex-Roboter sind schon sehr menschlich (dafür noch nicht sonderlich intelligent) und gerade hier kommen ethische Fragen auf, die im ada Podcast besprochen werden. Leider fehlt mir aber neben der Frage, ob man Kinderkörper und Vergewaltigungsmodi erlauben sollte (Nein!), aber vor allem der Aspekt der Verdinglichung des Frauenkörpers. So ein ganzer haptischer Körper, der eben auch reagiert (irgendwann vielleicht wirklich mit einer richtigen KI) ist eben schon etwas anderes als ein herkömmliches Sextoy oder ein:e Sexarbeiter:in.
How Robot Hands Are Evolving to Do What Ours Can - The New York Times How Robot Hands Are Evolving to Do What Ours Can - The New York Times
Letzte Woche ging es um die Wiederentdeckung der Email, diese Woche geht es um die klassische SMS. Denn ja, natürlich quellen auch Email-Postfächer über, von den massenhaften Botschaften auf Social Media mal ganz abgesehen. Die SMS wird wieder intensiver im US-amerikanischen Wahlkampf eingesetzt und ist so effektiv wie ein Anruf. Denn “I don’t know anyone under 45 who wants to be called" exakt! Gesendet werden sie händisch und personalisiert, generiert werden sie von “peer-to-peer” texting Anbietern. Ob wir sowas auch beim Europa-Wahlkampf sehen werden?
Campaigns Enter Texting Era With a Plea: Will U Vote 4 Me? - The New York Times Campaigns Enter Texting Era With a Plea: Will U Vote 4 Me? - The New York Times
Im Oktober darf ich einen Workshop zu “Politik mit Instagram” halten und ich freue mich da schon sehr drauf, denn Instagram wird immer spannender für die politische Kommunikation. Vielleicht kam das Politische erst mit Sophie Passmann so richtig zu Instagram, die ungefähr vor einem Jahr ein viral gehendes Unboxing-Video ihrer Briefwahlunterlagen ganz Influencer-Like postete. Seither erklärt sie das politische Geschehen in ihren Storys mit “Dingen aus ihrer Wohnung”, kabbelt sich mit Lars Klingbeil, gibt Einblicke in Treffen mit Peter Tauber oder bezieht Stellung zu aktuellen Geschehnissen und zeigt Haltung. Doch auch Politiker:innen nutzen das “Wohlfühlmedium” immer mehr. Doro Bär macht neben Glitzer und Einhörern tolle Fragestunden während sie im Auto sitzt (“natürlich darf hier geduzt werden, wir sind im Internet”), Lars Klingbeil empfiehlt regelmäßig seine Lieblingssongs und Peter Tauber macht neben Einblicken in seine Arbeit als Staatssekretär auch Live-Sessions während er läuft (ja, WTF!). Es gibt noch einige andere die Instagram meiner Meinung nach sehr gut machen, oftmals fehlt mir aber das Persönliche, das Unperfekte, das ganz normal Alltägliche.
Dass Instagram eben ganz nah, authentisch und persönlich sein sollte, zeigt nun eine Untersuchung von Bendix Hügelmann. Selfies, ja, die von einigen belächelten, erzeugen eben viel mehr Interaktionen als gestellte Fotos. Auch hat er herausgefunden, dass explizit politische Botschaften 4 % mehr Interaktion hervorrufen als unpolitische. Woran das liegt, kann er noch nicht sagen. Einen spannenden Artikel zum Thema mit ihm und Martin Fuchs gibt es auch beim Tagesspiegel (Link zu blendle, kostenpflichtig).
Parteien bleiben bisher aber wohl eher weiterhin bei Facebook (in Deutschland sind wir ja noch dabei zu lernen, diese Plattform richtig für eine soziale Interaktion aka einen Dialog mit Nutzer:innen zu nutzen.) “[W]hile several governments across Europe, in the United States and elsewhere are investigating the company’s activities, many of these same political groups are also major purchasers of political advertising on its social network.”
Instagram – Politischer als wir denken? – Political Influencers Instagram – Politischer als wir denken? – Political Influencers
BOTTOM OF THE LETTER
Anne Hufnagl
Seehofer will jetzt auch zu Twitter. Dazu kann ich nur sagen: wir können hier nicht alle aufnehmen. Wirklich nicht, Horst.
10:44 PM - 2 Aug 2018
Mohamed Amjahid
Borders, what's up with that? Identity, what's up with that? Your privilege, what's up with that?
9:16 AM - 1 Aug 2018
Han Twerker
Ich bin Weinkenner, wenn ich Wein trinke, merke ich sofort: Aah, Wein.
12:09 AM - 1 Aug 2018
Stay cool!
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Ann Cathrin Riedel, Kemperplatz 1, 10785 Berlin