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“I Have Blood on My Hands” - Issue #65

Revue
 
 

Ann Cathrin's Digital Digest

September 20 · Issue #65 · View online
Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

Ich persönlich bin ja ein großer Fan vom Herbst. Hochsommer ist absolut nicht meins. Ich mag die farbenfrohe Jahreszeit, das etwas kühlere Wetter und dass man sich wieder in mehrere Lagen Kleidung einhüllen kann. Solange, bis es wieder richtig, richtig früh dunkel wird und es nur noch grau und matschig draußen ist. Jetzt aber macht mir der kommende Herbst Sorgen mit Corona. Vor dem offenen Fenster wird es ziemlich schnell kalt, die S-Bahnen sind wieder voll und werden sicher auch wieder voller und die Zahlen der Infektionen steigen schon wieder stark an. Das erste Mal zeigt auch meine Corona-App eine Begegnung mit einer infizierten Person. Aber immer noch Low-Risk. Ich vertraue darauf. Denke aber, dass ich mich wohl wieder mehr zurückziehen werde. Auch gerade weil ich an meinem Verhalten selber merke, dass es mir wieder zu normal wird. Scheint mir unpassend und nicht gut.
Ansonsten hat mich die Woche eine gesplittete Konferenz bei der Friedrich Naumann Stiftung beschäftigt, die ich inhaltlich mit vorbereite. Zwei der drei Panels moderiere ich – Links findet Ihr unten – und ich bin schon etwas aufgeregt. Sie sind nämlich mit Panelist:innen aus der ganzen Welt und unter anderem mit Maria Ressa von Rappler. Ich bewundere diese Frau. Ebenso bewundere ich Ruth Bader-Ginsburg. Als ich heute aufwachte und von ihrem Tod las, hatte ich Tränen in den Augen. “A Jewish teaching says those who die just before the Jewish new year are the ones God has held back until the last moment bc they were needed most & were the most righteous. And so it was that #RBG died as the sun was setting last night marking the beginning of RoshHashanah”.
Ich hoffe, Euch geht es gut und Ihr passt auch ein bisschen auf Euch und Euer Umfeld auf. Bleibt achtsam oder werdet es wieder etwas mehr.
Viel Spaß beim Lesen!
Ann Cathrin
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Paulina Jo
Was wollt Ihr noch vom Leben, bevor die Gesellschaft zerfällt und die Welt untergeht? Ich mich verlieben und auf eine LAN-Party.
WHAT TO KNOW
“I Have Blood on My Hands”. Ziemlich üble Aussage. Die machte eine mittlerweile ehemalige Mitarbeiterin von Facebook über ihre Arbeit. Ihr Job als Data Scientist war es, unauthentisches Verhalten von Accounts zu identifizieren und zu unterbinden. Das gelang ihr zwar, aber nicht ausreichend. Und das lag definitiv nicht an ihr. Facebook lies sie alleine. Von der Menge an Arbeit her, aber auch damit, zu priotisieren, welche Kampagnen zuerst gestoppt beziehungsweise untersucht werden müssen. Meist waren es Kampagnen von Politiker:innen, die Anhänger:innen gegen den politischen Gegner aufgehetzt haben oder Desinformationskampagnen verbreiten sollten. In dem Memo berichtet Sophie Zhang davon, dass nur Vorfälle, die Europa und die Vereinigten Staaten Priorität hatten. Andere Regionen erst, wenn das öffentliche Interesse zu groß wurde (man denke an Myanmar).
“I have made countless decisions in this vein – from Iraq to Indonesia, from Italy to El Salvador. Individually, the impact was likely small in each case, but the world is a vast place. Although I made the best decision I could based on the knowledge available at the time, ultimately I was the one who made the decision not to push more or prioritize further in each case, and I know that I have blood on my hands by now.”
Der Text ist sehr lang und sehr erschreckend. Der Einblick, den man nochmal ins Unternehmen Facebook bekommt, macht alles nochmal düsterer, als man eh schon wusste. Was Facebook in Ländern außerhalb des Westens verursacht, ist dem Unternehmen quasi egal. Zahlen, die das Unternehmen veröffentlicht, werden nie in Kontext gesetzt – Politiker:innen lassen sich damit leider immer abspeisen. Beispielsweise lässt Facebook gerne verlautbaren, dass es Netzwerke von Fake-Accounts identifiziert und gelöscht hat. Gibt gerne auch die Anzahl der gelöschten Accounts an; aber von welcher Grundgesamtmenge an Fake-Accounts? Wie groß war der Schlag gegen Manipulationen wirklich? Wir wissen es nicht. Und Facebook? Interessiert es scheinbar nicht.
Was übrigens dieser “inauthentic behaviour” ist, wissen wir auch nicht so richtig. Ebenso wenig kann man immer einschätzen, welche Kampagnen gut sind und welche schlecht. Und wer sollte das überhaupt beurteilen? Die Wired hat sich diesen Begriff einmal angeschaut.
"I Have Blood On My Hands": A Whistleblower Says Facebook Ignored Global Political Manipulation "I Have Blood On My Hands": A Whistleblower Says Facebook Ignored Global Political Manipulation
Und hier ein sehr konkretes Beispiel dafür, wie Facebook komplett auf Märkten außerhalb des Westens – abermals – versagt. In Äthopien gibt es gerade massive Gewalttaten zwischen ethnischen Gruppen und diese werden durch Facebook angefeuert. Hate speech wird dort kaum weg moderiert. Warum? Kaum Personal. Für den gesamten afrikanischen Kontinent gibt es ca. 100 Personen, die für Facebook bei Subunternehmen tätig sind. Vermutlich.
The company opened its first content moderation center on the African continent last year, promising to employ 100 people through third-party services company Samasource to cover all African markets. It’s unclear if Facebook has filled those roles, or how many — if any — it has designated to deal with the situation in Ethiopia.
Additionally, Facebook’s Community Standards are not available in Ethiopia’s two main languages (the company says it is working on it) and the company has no full-time employees in the country. Activists say Facebook is instead relying on them and a network of grassroots volunteers to flag content and keep the $750 billion company up to speed about what’s happening on the ground.
Dass Content-Moderator:innen eventuell wenigstens die Sprache können, von Inhalten, die sie moderieren sollen, wäre schon mal was. Wenn diese Moderator:innen aber gar nicht in den Ländern sitzen, haben sie oftmals gar keinen Bezug zu den aktuellen Geschehnissen und können diese eventuell nicht richtig einordnen und bewerten und damit moderieren. Auch dies ein enormes Problem. Der Fokus ist auch hier hauptsächlich auf westlichen Ländern.
But Facebook wouldn’t say who is in overall control of the issues impacting Ethiopia, how many people it has working in-house on any issue arising in the country, or how many third-party moderators it employs to review content reported by users.
As well as the moderators it has hired in Kenya, Facebook also has content moderators in Ireland, and the company it uses is currently hiring moderators who speak Amharic — though there’s no indication of how many people it is looking for.
Der Völkermord in Myanmar hätte eigentlich Warnung genug sein müssen.
Hate Speech on Facebook Is Pushing Ethiopia Dangerously Close to a Genocide Hate Speech on Facebook Is Pushing Ethiopia Dangerously Close to a Genocide
Autoritäre Regime stellen weltweit bei aufkommenden Protesten das Internet ab. Jüngst hier in Europa, in Belarus. Dass das die Menschen nicht davon abhält zu protestieren, sollte eigentlich keine Überraschung sein. Denn sie protestieren ja nicht, weil sie sich über das Internet informieren und dann organisieren können, sondern weil sie zahlreiche Gründe aus ihrem Alltag haben. Wirtschaftliche Not, manipulierte Wahlen und andere Sorgen treiben sie dazu. Die Menschen sind meist auch so kreativ, dass sie andere Wege finden, sich zu organisieren. Auch das haben die Menschen jüngst in Belarus gezeigt. Zum Beispiel mit VPN-Verbindungen sind sie in der Lage, trotzdem Informationen zu senden und zu empfangen. Warum setzen autoritäre Regime dennoch Internetshutdowns ein? Weil sie helfen Unsicherheiten zu fördern und Chaos zu stiften. Denn dadurch, dass nicht mehr alle einfachen Zugang zum Internet haben (nicht jede:r weiß was ein VPN ist und wie man einen Zugang bekommt), steigt die Anzahl an Gerüchten und Desinformation. Mehr Chaos kann auch dafür sorgen, dass weniger Menschen das Anliegen der Demonstrant:innen unterstützen.
Internetshutdowns werden zahlreich verurteilt; Access Now hat mit #KeepItOn eine eigene Kampagne um über die Implikationen solcher Shutdowns zu informieren. Denn sie werden bisher nicht genügend und intensiv genug, insbesondere von Regierungen, verurteilt. Der westafrikanische ECOWAS-Gerichtshof hatte sogar jüngst geurteilt, dass der Zugang zum Internet ein Menschenrecht ist und Internetshutdowns nicht rechtmäßig sind.
Auch wenn Menschen trotz Internetshutdown demonstrieren, ist der Zugang zum Internet und gerade auch Social Media dennoch essenziell dafür, dass Menschen zusammenkommen und demonstrieren. Die hochgeschätzte Zeynep Tufekci hat dies in ihrem Buch “Twitter and Tear Gas” wunderbar aufgezeigt. Im Arabischen Frühling waren beispielsweise Facebookveranstaltungen, bei denen man sehen konnte, wer sich noch für eine Veranstaltung beziehungsweise einen Protest interessierte, ein wesentlicher Faktor für das Aufkommen der enormen Proteste. Sie vergleicht dies mit dem Gefühl in einem Theater, in dem man ein Stück sieht, es aber unglaublich schrecklich findet und lieber gehen würde. Man traut sich aber nicht als einzige:r aufzustehen und zu gehen und bleibt daher lieber sitzen. Nicht wissend, dass es einigen anderen im Saal ganz genau so geht. Eine Facebook Veranstaltung macht es möglich, dass Menschen sahen, dass andere, insbesondere ihre Freund:innen auch so empfanden wie sie und man gar nicht das eventuell schwierige Gespräch suchen musste, dass man mit der aktuellen politischen Situation nicht einverstanden ist.
Internet Shutdowns Don’t Help Authoritarians Stop Protests Internet Shutdowns Don’t Help Authoritarians Stop Protests
Immer, wenn wir einen Offenen Brief schreiben, passiert das nicht ohne Grund. Das passiert immer dann, wenn Gesetze ziemlich wahrscheinlich verfassungswidrig sind. Anfang des Jahres wendeten wir uns gegen das Gesetz gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität. Nicht, weil wir das Anliegen ablehnen, sondern weil wir die Umsetzung für mehr als misslungen hielten und weiterhin halten. Dass das Gesetz in der jetzigen Form wahrscheinlich verfassungswidrig ist – schlussendlich muss das das Bundesverfassungsgericht beurteilen – sagen aber nun auch drei Gutachten, darunter eines des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Und auch der Bundespräsident hat aktuell noch Bedenken. Bislang hat er das Gesetz noch nicht unterzeichnet, es gibt Gespräche mit dem Bundesministerium der Justiz und mit dem Bundesministerium des Innern. Ziemlich Blamabel für ein so wichtiges Thema, das dringend einer Lösung bedarf. Eine “Niederlage mit Ansage für Bundesjustizministerin Lambrecht.” nennt Ulf Buermeyer das Ganze und ja, das ist es wohl. Traurig, dass es nicht zum ersten Mal so kommt. Ein Justizministerium, das kaum noch für Bürgerrechte eintritt und verfassungswidrige Gesetze hervorbringt, ist mehr als traurig.
Hatespeech: Gesetz gegen Hasskriminalität offenbar verfassungswidrig - DER SPIEGEL - Netzwelt Hatespeech: Gesetz gegen Hasskriminalität offenbar verfassungswidrig - DER SPIEGEL - Netzwelt
Über Frauen beziehungsweise Mütter, die gerade auch auf Instagram Verschwörungserzählungen verbreiten, die nicht nur gefährlich sind, sondern oft auch antisemitisch und vor allem ein Einstiegstor in das gesamte Spektrum der Verschwörungsmythen sind, hatte ich hier schon mal geschrieben. Beltower hat sich das Phänomen nochmal genauer angesehen und für mich nochmal der Beweis, dass wir sowohl mehr und explizite Genderforschung (und Berichterstattung) beim Thema Extremismus brauchen, als auch Instagram und vermeintliche Wohlfühlposts und -accounts stärker unter die Lupe nehmen müssen, wenn wir uns mit der Verbreitung von Desinformation beschäftigen.
Die Mama-Influencerinnen auf Instagram sorgen sich stark vor Kindesentführungen und -missbrauch. Was erstmal nicht verkehrt ist. Doch diese Sorge wird dazu missbraucht, das Gedankengut rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Strömungen zu verbreiten:
Das Problematische an dieser Entwicklung: Dadurch, dass nur die vermeintlich „vernünftigsten“ Teile der Verschwörungserzählung ausgewählt und präsentiert werden, bietet das „Rettet die Kinder“-Engagement der Mama-Influencerinnen einen zuckerwatteweichen Einstieg in die gesamte Verschwörungswelt von „Q“. Die Kommunikationsforscherin Whitney Phillips von der Syracuse University erklärt: „Menschen treten in diese Welt ein, weil sie denken, dass es um eine gute Sache geht. Sie merken, dass es sich gut anfühlt, wenn sie sich mit Gleichgesinnten verbinden. Dann werden sie allen Arten von verschmutzten Informationen ausgesetzt.“ 
Diese “pastellfarbenen” Accounts machen sich die Sorgen von Eltern zunutze und ziehen sie in einen immer stärker werdenden Bann aus Impfgegnern, Verschwörungserzählungen und stacheln gegen Lehrer:innen und Politiker:innen bzw. Regierungen auf. Dass es ihnen nicht um das Wohl aller Kinder geht, sieht man vor allem daran, so Beltower, dass diese Accounts kein Wort über die Kinder in Moria verlieren.
„QAnon“ schafft QAmoms: Eltern werden mit „Rettet die Kinder“-Verschwörungen geködert - Belltower.News „QAnon“ schafft QAmoms: Eltern werden mit „Rettet die Kinder“-Verschwörungen geködert - Belltower.News
WHAT TO WATCH
A Short Story Of Moria | Joko & Klaas 15 Minuten live
WHAT TO STREAM
Die Zukunft des politischen Diskurses
Too big, too dangerous? Dominant Platforms and their Challenges to Democracy
Disinformation on Steroids
WHAT TO READ
WHAT I LIKED
Nicht Chevy Chase
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Internet User Experience 2020
carol(yn)
The other day I invited a guy over to have sex and he was like “I can’t I’m eating cheesecake” and I was like “what about after” and he was like “I’m going to be full from eating all my cheesecake”
Megan Paolone
flew back to San Francisco this morning after a summer in New York... felt like this photo I took right before landing is a pretty concise summary of 2020 so far https://t.co/rPmEDQCsPl
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Ann Cathrin Riedel, Berlin