View profile

Gärten für das Internet - Issue #79

Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel
In der Woche vom Weltfrauentag wird eine Frau, Sarah Everard, in Großbritannien auf ihrem Weg nach Hause von einem Mann umgebracht. Medien erzählen Frauen, was sie tun können, damit sie sicher nach Hause kommen. 2021 und noch immer wurde nicht begriffen, dass es nicht Frauen sind, die sich anpassen müssen, sondern es Männer sein müssen, die sich zu ändern haben. Gerade demonstrieren zahlreiche Frauen und fordern ihre Sicherheit gerade auch im Dunklen ein. Auf Instagram sehe ich überall Share Pics, mit Inhalten die jede Frau kennt: Nachrichten, die “Ruf an, wenn Du zu Hause bist” lauten. Bilder, über Telefonanrufe, die man macht, nur damit man keine Angst hat. Schlüssel, die man als Waffe bereit in der Jackentasche hält. Kaum ein Mann bekommt solche Nachrichten von einem Freund, wenn er sich im Dunkeln auf den Heimweg macht. Frauen haben Angst.
Angst hab ich, vielleicht auch Ihr, gerade vor dem Beginn der dritten Welle. Als ich heute in den Nachrichten hörte, dass das RKI damit rechnet, dass die Zahlen um Ostern herum noch höher sein werden, als sie zu Weihnachten bereits waren, wurde mir schlecht. Noch viel mehr Sorge macht mir aber, was das alles für unsere Demokratie bedeutet. Ich bin gerade selber an einem Punkt, an dem ich eigentlich nie dachte, das ich jemals sein würde. Aber dieses staatliche Versagen auf allen Ebenen sehe auch ich mittlerweile durch nichts mehr zu rechtfertigen. Ich glaube, ich habe mich noch nie im Leben so schlecht regiert gefühlt. Nirgendwo funktioniert was. Alles scheitert an überbordender Bürokratie, Pragmatismus scheint nicht existent – und genau daran geht, so meine ich, gerade sehr, sehr viel zu Bruch. Wie es sein muss, jetzt auch noch Kinder zu haben, die in Schule und Kita sollen, oder sollten oder müssen – das will ich mir wirklich nicht vorstellen.
Ich mache mir wirklich Sorgen um unsere Demokratie. Als wäre das alles nicht genug kommen ja noch die Korruptionsfälle der Union hinzu. Dabei ist es doch gerade jetzt so wichtig, dass Demokrat:innen für die Demokratie einstehen. Nicht nur, wegen des grassierenden Rechtsextremismus, sondern auch, weil es diesen großen Systemwettbewerb gibt, der durch diese Pandemie zusätzlich angefeuert wird. Es gibt viel zu tun. Für die, die in Baden-Württemberg, Hessen oder Rheinland-Pfalz leben daher nur die dringende Bitte heute unbedingt wählen zu gehen. Demokratisch. Denn wir haben es alle selbst in der Hand. Und Hoffnung, die habe ich trotz allem immer noch.
Ann Cathrin ❤️
—-
Die Arbeit an diesem Newsletter kostet mich einige Stunden an Arbeit. Wenn er Dir gefällt, kannst Du mich gerne mit monatlich 3,50, 5 oder 10 Euro über Steady unterstützen. Ich würde mich freuen, danke!

WHAT TO KNOW
Starten wir dieses Mal mit einem einem ganz großen und sehr langen Text über das wichtigste Thema unserer Zeit: Die Demokratie. Anne Applebaum und Peter Pomerantsev schauen sich in diesem Text an, was gerade die amerikanische Demokratie so rubust und bewundernswert machte – noch bevor durch das Internet, Plattformen und darauf verbreitete Desinformationen sowie das Fehlen von gemeinsamen öffentlichen Räumen, in denen man das gemeinsame Zusammenleben aushandelt, auftauchten.
Die beiden zeichnen ein sehr klares Bild von den Herausforderungen, die das Jetzt an unsere Demokratien stellt und wie gerade die großen Plattformen wenig dazu beitragen, dass öffentliche Räume und der Austausch zwischen Menschen gefördert werden. Das Schöne ist, dass die beiden nicht dystopisch werden, sondern aufzeigen, dass es immer jahrelange Aushandlungsprozesse gab, Trial-and-Error, bis Dinge, grundlegende Dinge, die wir heute schätzen, überhaupt erst da waren. Und sie machen auch Hoffnung in die Menschen, dass diese wirklich Besseres wollen – eben auch ein besseres Internet. Denn dass wirklich selber so sehr die Aufmerksamkeit im Netz durch Schlechtes selber wollen, das scheint nicht so zu sein. Die Menschen wollen ein gutes Miteinander und keinen Hass und Hetze – auch nicht für die eigene Reichweite.
Die Lösung, so zeigen sie an vielen Beispielen – natürlich auch wieder anhand der taiwanesischen Digitalministerin Audrey Tang – liegt nicht darin ein gutes soziales Netzwerk zu kreieren, sondern mehrere für unterschiedlichste Zwecke. Denn auch in der analogen Welt haben wir sehr viele unterschiedliche Räume zu unterschiedlichen Zwecken. Und wir brauchen vor allem – für eine demokratische Gesellschaft notwendige – öffentliche Räume, die nichts mit Kommerz zu tun haben. Wie wir auch hier Parks und Plätze haben, die wir einfach so aufsuchen können.
Pariser and Stroud argue that we should think of cyberspace as an urban environment. Nobody wants to live in a city where everything is owned by a few giant corporations, consisting of nothing but malls and billboards—yet that is essentially what the internet has become. To flourish, democratic cities need parks and libraries, department stores and street markets, schools and police stations, sidewalks and art galleries. As the great urban thinker Jane Jacobs wrote, the best urban design helps people interact with one another, and the best architecture facilitates the best conversation. The same is true of the internet.
Es ist wirklich ein langer, aber sehr lesenswerter Text, der mir leider auch wieder traurigerweise vor Augen führt, dass die Debatten und Erkenntnisse außerhalb Deutschlands schon viel weiter sind. Das sieht man an der Herangehensweise bei Vorschlägen zur Regulierung und daran, dass man versteht, dass der digitale Raum nicht analog zum analogen Raum reguliert werden kann, denn die Mechanismen sind einfach andere.
But these are problems democracies have solved before. The solutions are in our history, in our DNA, in our own memories of how we have fixed broken systems in other eras. The internet was the future once, and it can be again, if we remember Reith and Roosevelt, Popper and Jacobs—if we apply the best of the past to the present.
Viel zu wenig wissen wir noch über die Verbreitung von Desinformation. Plattformen geben weiterhin keine bis nur ganz wenige Daten an Wissenschaftler:innen heraus. Und doch kann man sich mit einigem Aufwand angucken, wie sich Desinformationen verbreiten. Ein Aspekt, der nicht unbekannt, aber viel zu wenig beleuchtet und diskutiert wird (wir schauen gerade hier in Deutschland ja hauptsächlich ausschließlich auf die Plattformen und ihre Algorithmen), sind die Menschen die, die Desinformationen verbreiten – auch, weil sie “nur mal zur Diskussion stellen wollen, ob da nicht vielleicht ein bisschen was dran ist”. Darunter Influencer, Politikerinnen, Stars. Doch nicht nur sie sind häufig die Schnittstelle, die Desinformationen in die Breite tragen. Sie geben ihnen auch ob ihrer eigenen Rolle eine gewisse Kredibilität. Das heißt, wenn ein Sänger mal öffentlich fragt, ob da nicht doch was dran ist an der 5G und Corona-Sache hat das einen ganz anderen Wert, als würde das irgendjemand tun. Hinzu kommen die klassischen Medien, deren Bedeutung in der Verbreitung leider viel zu häufig vernachlässigt wird. Insbesondere der Boulevard-Journalismus, der gerne aufgreift, wenn Stars und Sternchen solche Desinformationen oder Verschwörungserzählungen verbreiten und der ganzen Sache somit nochmal mehr Aufwind geben und sie in weitere Sphären, außerhalb der sozialen Netzwerke und des Internets an sich tragen. Teilweise verlinken sie in der Berichterstattung auf ihren eigenen Webseiten noch die Inhalte, auf die sich bezogen wird und so bekommen diese mehr Reichweite, werden von den Algorithmen der Plattformen als relevant erachtet… man kennt die Spirale. Der Verbreitung von Desinformationen Einhalt zu bieten ist keine Sache der sozialen Medien alleine. Der verkürzte Blick hierauf ist meiner Meinung nach ziemlich gefährlich und naiv.
Deutschland steht übrigens ganz vorne auf der Liste Russlands bei Ländern, die es mit Desinformationen angreift. Das zeigte jetzt eine Untersuchung von EUvsDisinfo. Hier werden wieder über russische Staatsmedien Desinformationen kreiert, die zur gesellschaftlichen Spaltung und Unruhe beitragen sollen.
Und auch dieser Text zum Thema ist spannend: Wer Desinformationen zu Covid in Afrika begegnen will, sollte zum Beispiel auf afrikanische Wissenschaftler:innen setzen und nicht weiße Menschen aus dem globalen Norden erzählen lassen, was Sache ist. Denn wir glauben Menschen, die uns selber ähnlich sind deutlich mehr.
Alles hat eine Gender-Kompetente. Auch Desinformation (über den Gender Data Gap habe ich zum Weltfrauentag für die Friedrich-Naumann-Stiftung geschrieben). Neben Hass erfahren politisch aktive Frauen auch deutlich stärker, dass Desinformationen über sie verbreitet werden mit denen sie und ihr Engagement diskreditiert werden sollen. Das ist – das darf man nicht unterschätzen – ein gesamtgesellschaftliches Problem und ein Angriff auf unsere Demokratie. Frauen sind häufig die Treiberinnen von gesellschaftlichem Fortschritt, was eigentlich nur die Gleichstellung von Frauen ist, oder die gleichen Rechte für LGBTQI oder eben die Anerkennung, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Für viele (Männer) ist aber das schon zu fortschrittlich.
Gendered disinformation undermines women’s credibility, poses obstacles to their electoral success, and ultimately represents a significant reason why many women abandon political careers. On some occasions, hate and online threats fueled by gendered disinformation campaigns are followed by physical violence. Even in the milder cases, the abuse can cause psychological harm and waste significant energy and time. Pushing women out of the political arena is often only the first step of a broader, dangerous strategy to erode democracy and human rights. 
While sexist attitudes are integral to understanding violent extremism and political violence, social norms per se don’t explain how attacks against women in politics have been weaponized for political gain and cynically coordinated by illiberal actors that take advantage of algorithmic designs and business models that incentivize fake and outrageous content. A new wave of authoritarian leaders and illiberal actors around the world use gendered disinformation and online abuse to push back against the progress made on women’s and minority rights. This movement seeks to push women politicians and activists aside, reignite gender stereotypes and misogyny, and strategically take advantage of technology as a tool in these campaigns. Vladimir Putin in Russia, Rodrigo Duterte in the Philippines, Viktor Orban in Hungary, and Recep Tayyip Erdogan in Turkey are among the political leaders who have used gendered disinformation campaigns to attack women in politics, aggressively challenge feminism, and attack liberal values.
Die Gender-Komponente muss in allen Bereichen des Lebens (dazu auch mein oben verlinkter Artikel zum Gender Data Gap) stärker berücksichtigt werden. Denn Frauen und Männer sind eben nicht gleich. Doch um echt Gleichstellung zu erlangen müssen wir die Ursachen dafür spezifisch angehen und dafür brauchen wir Daten und Informationen.
Digitale Identitäten sind von der Kanzlerin ganz oben auf ihre Prioritätenliste gesetzt worden – zurecht. Eine digitale Identität brauchen wir, wenn wir uns digital ausweisen wollen – das geht mit so einer, wenn sie denn gut gemacht ist, auch viel datensparsamer und datenschutzfreundlicher als mit herkömmlichen Ausweisen. Schließlich muss der Verkäufer nur wissen, dass ich über 18 Jahre alt bin, wenn ich Alkohol kaufen will, nicht aber mein genaues Geburtsdatum und meinen Namen sehen können. Bei einer digitalen Identität ist es möglich, dass der Verkäufer sicher weiß, dass da ein Mensch über 18 etwas kaufen möchte, das er auch nach dem Gesetz kaufen darf. Das Problem bei der Sache digitale Identität ist eine andere: Deutschland ist da – na sowas – etwas hinten dran. Und man hat – berechtigterweise – Angst, dass Anbieter wie Google und Apple auch hier den Markt übernehmen und wir auch in diesem Bereich abhängig von den beiden Tuch-Giganten sind. Verschiedene Branchen entwickeln gerade digitale Identitäten, die natürlich im besten Falle auch alle miteinander kombinierbar und nutzbar sind. Und es gibt noch ein weiteres Problem: Einige nutzen biometrische Daten, mit denen man sich authentifizieren können soll. So zum Beispiel das eigene Gesicht. Per Gesichtserkennung soll man dann zum Beispiel einfach ein Flugzeug besteigen und die Passkontrolle passieren können. Ganz, ganz dumme Idee. Biometrische Daten kann man nicht zurücksetzen. Ist der Datensatz einmal geklaut, nachgebaut (geht alles), dann ist der weg. Fingerabdrücke und Gesicher kann man nicht einfach ändern wie ein Passwort.
Maschinen lernen auch beim Machine Learning nicht einfach alles von alleine. Irgendwann muss irgendwer mal dem System sagen: Das ist eine Katze und das ist ein Hund. Und das ein paar tausendmal, damit das System irgendwann selber Katzen und Hunde erkennen kann. Daten zu labeln ist eine ziemlich aufwendige Arbeit. Zumal es ja nicht immer bloß darum gehen zu sagen, dass das eine eine Katze ist und das andere ein Hund. Sondern auch darum, welche Farbe das Fell hat und ob die Katze gerade süß ist oder jemanden angreifen will. Aber auch das sind noch recht banale Beispiele. Wie sieht es aus mit einem Bild, auf dem sich zwei Männer küssen? Ist das “Liebe” oder ist das eine Straftat? Das kommt ganz darauf an, was die Person, die das Bild mit Labels versehen soll, von Homosexualität hält – meist ist das auch geprägt von dem Land und dessen Gesetzgebung in der er oder sie lebt.
Dieses Labeling von Datensätzen passiert durch Clickworker, die auf entsprechenden Portalen zu minimalen Stundensätzen ihre Auftraggeber finden. Häufig ist der Job für sie in ihren Heimatländern ganz ok bezahlt. Aber sie haben so gut wie keine Rechte und Möglichkeiten sich gegen Ausbeutung zu wehren (Auftraggeber können beispielsweise einfach behaupten, dass die Arbeit nicht wie vereinbart erledigt wurde und die Entlohnung verweigern. Für die Auftragnehmerin heißt es dann: Pech gehabt). Das Labeling von Daten um KI-Systeme zu trainieren erfordert viel Reflexion, Vielfalt und Zeit. Die Clickworker haben einen enormen Druck und trauen sich auch aufgrund des Machtgefälles nicht bei manchen Vorgaben Widerspruch einzulegen beziehungsweise ihre Bedenken anzumerken. Sie machen einfach. Den Bias, den wir so in diverse Systeme bekommen, bekommen wir sicher nicht wieder so leicht raus.
WHAT TO HEAR
Defending Democracy in the Digital World: A Conversation with Lindsay Gorman and Marietje Schaake – Alliance For Securing Democracy
WHAT TO WATCH
Bellingcat - Truth in a Post-Truth World - Die ganze Doku | ARTE
WHAT TO STREAM
WHAT TO READ
WHAT I LIKED
E L   H O T Z O
was „Impfstrategie“, macht doch einfach
Selma Zoronjić
Lasse mich erst impfen, wenn BuzzFeed mir sagt, welcher Impfstoff-Typ ich bin
Mann vom Balkon
Ehrenwort, aber mit fünf Blockchains.
SHARE IT!
Ich freue mich, wenn Du diesen Newsletter weiterleitest oder ihn auf Deinen Social-Media-Kanälen teilst! Ebenso freue ich mich, wenn Du mich und meine Arbeit mit monatlich 3,50, 5 oder 10 Euro über Steady unterstützen magst.
Did you enjoy this issue? Yes No
Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel @anncathrin87

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

If you don't want these updates anymore, please unsubscribe here.
If you were forwarded this newsletter and you like it, you can subscribe here.
Created with Revue by Twitter.
Ann Cathrin Riedel, Berlin