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Frances Haugen, Facebook und Äthiopien – warum uns das kümmern muss - Issue #88

Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel
“Wir sprechen über Impfskeptiker wie über einen reizbaren Kidnapper, der im Unterhemd am Küchentisch sitzt, mit einem Revolver hantiert und bei den kleinsten Widerworten auszurasten droht. Wir behausen eine Wutrepublik, in der eine Minderheit von Trotzköpfen sich nicht um Todesopfer und Freiheitsverluste der anderen schert. Weil sich der Staat - auch angesichts einer Bundestagswahl - nicht einmal zu einer Impfpflicht für Pflegekräfte durchringen konnte, tragen andere jetzt die Leichensäcke aus den Heimen.” Ich beginne diesen Newsletter mal mit den sehr eindringlichen und deutlichen Worten von Hendrik Wieduwilt in seiner aktuellen Kolumne. Die Ansteckungen sind gerade so hoch wie nie, die Corona-Warn-Apps werden zahlreich rot (ich hoffe, Ihr habt sie noch installiert), Impfzertifikate werden kaum kontrolliert und irgendwie ist – trotz Impfungen – alles wieder so voll wie eh und je. Mir macht das ganz schön Unbehagen. Trotz Impfung.
Es gibt aber auch Positives zu berichten – irgendwie zumindest. Die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen war in Berlin zu Gast und ich hatte die große Ehre, sie in der Friedrich-Naumann-Stiftung empfangen zu dürfen und ein Hintergrundgespräch mit ihr und Vertreter:innen von NGOs, aus der Wissenschaft und diversen Ministerien organisieren zu dürfen. Es war unglaublich beeindruckend, sie erleben zu dürfen und aus erster Hand ihre Kritik an Facebook zu erfahren. Da das Gespräch unter Chatham-House-Regeln stattfand, kann ich daraus leider nicht berichten. Aber es gibt ja sehr viele Quellen, insbesondere englischsprachige, die umfangreich über die Facebook Paper berichten. Über einen Aspekt, der mit vor allem in Deutschland viel zu kurz kommt, schreibe ich direkt im ersten Artikel unten. Über den Besuch wurde auch in den Tagesthemen berichtet. Den Bericht könnt Ihr Euch hier anschauen.
Ansonsten wünsche ich Euch einen guten Start in die neue Woche. Bleibt gesund!
Ann Cathrin 🤍
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carla kaspari
fr dr merkel können sie das tageslicht wieder anmachen
WHAT TO KNOW
Habt Ihr was vom Konflikt in Äthopien mitbekommen? Ist nicht wirklich Thema hier, oder? Dabei schwillt der schon lange. Auch über die Rolle von Facebook habe ich hierzulande noch nicht gelesen. Dabei weiß man darüber auch schon seit über einem Jahr Bescheid. Und auch durch die Enthüllungen von Frances Haugen weiß man darüber jetzt mehr. Worum geht es?
Im Norden Äthiopiens ist der Konflikt zwischen der Regierung und der Rebellengruppe, der Tigray People’s Liberation Front, die zuvor das Land regierte, wieder ausgebrochen. Die Gewalt eskaliert und auch die Tagesschau berichtet darüber, dass der UN-Sicherheitsrat dazu aufrief, dass “auf hetzerische Hassreden und Aufstachelung zu Gewalt und Spaltung” verzichtet werden müsse. Doch wo findet diese statt? Auch auf Facebook.
Es kommt einem vor, als hätte die Welt und vor allem Facebook nichts aus dem Genozid in Myanmar gelernt. Das Unternehmen kümmert sich beim Thema Content Moderation vornehmlich um amerikanisch-englisch-sprachige Länder. Dann kommen andere. Äthiopien, mit seinen zahlreichen Sprachen und vor allem den Sprachen Oromo und Amhara finden da kaum Berücksichtigung. Wie viele Moderator:innen, die diese Sprachen sprechen, gibt Facebook nicht bekannt. Nur, dass sie hier die Anzahl der Menschen, die diese Sprachen sprechen, erhöht haben. Ich vermute mal, weitaus nicht genügend für ein Land mit 115 Millionen Menschen.
Facebook arbeitet ja bekanntlich mit externen Fakten-Checkern zusammen. In Äthiopien sind es zwei. Zusammen haben sie sechs Fact-Checker, die tausende Inhalte in einem unübersichtlichen Konflikt auf zahlreichen Sprachen überprüfen müssen. Wie das möglich sein soll, weiß wohl nur Facebook selbst.
PesaCheck has five full-time Ethiopian fact-checkers working in four languages – Oromo, Amharic, Tigrinya and English – but says it recently had to relocate one staff member from Ethiopia due to intimidation. AFP Fact Check employs one fact-checker in Ethiopia, Amanuel Neguede, who reviews content in Amharic and English.
Zudem kommt, dass Facebook zwar selber nicht entscheiden will, was falsch und was richtig ist (und darum die externen Unternehmen beschäftigt), was diese als Desinformation markieren, nimmt Facebook aber leider nicht immer ernst. Oder verzögert das Löschen von Inhalten durch angefragte Übersetzungen.
For that reason, Taye, now an independent Nairobi-based analyst, works with grassroots volunteers to collate misinformation and hate speech they spot on the platform into Excel spreadsheets, which they then send on to Facebook for removal. But she says that much of what they flag – including posts calling for the extermination of certain ethnic groups – does not get taken down and, occasionally, the company has responded to activists asking for them to translate posts.
Mich bestätigt das alles nur weiter darin, dass wir unbedingt global im Blick haben müssen, was Facebook anrichtet und hier in Europa gute Regulierung machen müssen, die auch Auswirkungen auf den globalen Süden haben muss. Fehlende beziehungsweise unzureichende Regulierung von Social-Media-Plattformen hat ganz analoge Auswirkungen. Sie wird zu einem Sicherheitsrisiko. Nicht nur für die Menschen in Äthiopien, sondern auch für uns. Ich bestärke nochmal meine Aussage, die ich auch in den Tagesthemen gesagt habe: Wir müssen über das sprechen, was den Hass groß macht: die Algorithmen. Wenn wir uns weiterhin nur auf Inhalte konzentrieren, kommen wir niemals auf einen grünen Zweig.
Hier sind übrigens nochmal 5 Take-aways vom Besuch von Frances Haugen von Janosch Delcker, die ich nochmal sehr unterstreichen möchte.
Die Chatkontrolle ist schon wieder Thema. Zwar hat die EU-Kommission den Vorschlag zur verpflichtenden Durchsuchung von Chats und Emails – auch verschlüsselten, erstmal verschoben. Doch vom Tisch ist die Sache noch lange nicht. Sebastian Heinrich hat für watson aufgeschrieben, was da wieder geplant wird. Auch ich habe meine starken Bedenken geäußert. So eine Chatkontrolle ist eine Katastrophe für Bürger- und Menschenrechte. Die Kontrolle, um Kindesmissbrauch aufzudecken, wird sicher nur der erste Fuß in der Tür sein. Durchleuchtung nach weiteren Inhalten wird sicher kommen. Dabei sind insbesondere Missbrauchsopfer auf sichere Räume, auch im digitalen angewiesen. Minderjährige, die sich gegenseitig Nacktfotos schicken, können ins Visier von Ermittler:innen kommen und jeder andere auch, bei dem das System falsch anschlägt. Und gegen wen einmal – wenn auch fälschlicherweise – wegen Kindesmissbrauchs ermittelt wird, der oder die wird das Stigma so schnell nicht mehr los. Schließlich braucht es eine Weile, bis bewiesen wurde, dass die Algorithmen falsch anschlugen. Es ist schon wieder dieser “Techsolutionsim” – der Glaube, dass Technik Probleme lösen wird.
Chatkontrolle gegen Kindesmissbrauch: Warum die EU-Pläne für Entrüstung sorgen
Mit dem Digital Services Act könnten wir ein gutes Gesetz bekommen, das wirkungsvoll gegen Desinformationen vorgeht. Es setzt meiner Meinung nach gute Rahmenbedingungen für Prozesse zum Umgang mit solchen und setzt dabei aber auch auf einen digitalen Verbraucherschutz. Der DSA ist sicher nicht perfekt und wir werden da noch einiges zu diskutieren und zu verbessern haben. Eine Verschlechterung stellt aber Folgendes dar: Jegliche Medien- und Presseanbieter wollen ein Privileg für ihre Inhalte auf Social-Media-Plattformen und würden damit nicht mehr gelöscht werden können, auch wenn Faktenchecker:innen zu dem Ergebnis kommen, dass Desinformationen verbreitet werden. Pressefreiheit ist ja bekanntlich ein hohes Gut und das soll auch auf keinen Fall eingeschränkt werden. Nur ist in dem aktuellen Vorschlag “Presse und Medien” so weit gegriffen, dass da quasi jeder drunter fallen kann. Dabei haben zahlreiche Studien zeigen können, dass häufig klassische Medien zur Verbreitung von Desinformation beitrugen (auch in Deutschland). Problematischer ist es aber für Medien und Presseerzeugnisse aus anderen Ländern. Mit dem aktuellen Vorhaben, hätte man zum Beispiel keine Handhabe mehr gegen RT Deutsch. Ich habe daher zusammen mit über 50 anderen Expert:innen einen offenen Brief an Europaabgeordnete unterschrieben und vor dieser Gefhar gewarnt.
Chips sind gerade Mangelware. Und wir ziemlich abhängig von ihrer Produktion. Wie sehr es auf unsere Wirtschaft schlägt, dass sehen wir ja seit Monaten in den Nachrichten. Autokonzerne können zum Beispiel nicht mehr produzieren, weil Chips fehlen und müssen ihre Mitarbeiter:innen in Kurzarbeit schicken. Auch wenn die Produktionen wieder laufen – der Bedarf an Chips wird weiter steigen. Ganz so, wie der Bedarf an Batterien steigt. Als Europa müssen wir unsere Chip-Produktion sicherstellen, zum Beispiel durch strategische Partnerschaften. Rafael Laguna und Erich Clementi erklären in diesem Beitrag, warum die Nachfrage nach Chips steigen wird und wie wir hier strategisch eine europäische Produktion fördern sollten.
WHAT TO HEAR
Wild Wild Web - Die Kim Dotcom Story | Podcast on Spotify
WHAT TO WATCH
Dokus im Ersten: Wie Verschwörungstheorien Hass säen | Video der Sendung vom 04.11.2021 20:45 Uhr (4.11.2021)
WHAT TO READ
WHAT I LIKED
Margarete Stokowski
Sushi und Spezi zum Frühstück und dann komplette Nougat“baumstamm“ hinterher ja PMS formte diesen Körper
Lorenz Hemicker
Die Idee, Böller nur an Geimpfte zu verkaufen, entbehrt nicht einem gewissen Reiz.
Nils Markwardt
Innerlich etwas abwägen, aber als DLF-Presseschau: »Könnte klappen, meint der Reutlinger Generalanzeiger. Die Rheinpfalz stellt hingegen fest: zu risikoreich. Das Darmstädter Echo rät: einfach eine Nacht drüber zu schlafen. Lass' sein, konstatiert Die Volksstimme aus Magdeburg.«
toto
ich, wenn ich abends im willy bresch meinen liberalen freunden von meiner woche berichte. https://t.co/lKfBxYJgTq
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Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel @anncathrin87

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

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Ann Cathrin Riedel, Berlin