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Eine Übung in Selbstverantwortung - Issue #72

Revue
 
 

Ann Cathrin's Digital Digest

December 13 · Issue #72 · View online

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.


Ich sitze hier vor meiner Tageslichtlampe und ächze. Parallel kommt die Meldung eines richtigen Lockdowns rein und ich denke nur: endlich. Das erneute Homeoffice – seit November bin ich brav zuhause und gehe eigentlich nur in den Supermarkt – macht mir langsam wieder arg zu schaffen. Aber auch die gefühlt überall gestiegene Anspannung bis hin zur Aggression. Irgendwie haben alle nur noch eine enorm kurze Zündschnur. Zuträglich zu alledem sind sicher auch die lediglich 5 Minuten Tageslicht jeden Tag, die auch eher nur ein grauer Schimmer, denn wirklich Licht sind. Nebst dem Ringlicht für all die Videokonferenzen war diese Tageslichtlampe wohl die beste Anschaffung dieses Jahr (ok und meine Hanteln!). Ich bin froh über den bevorstehenden Lockdown. Denn die Übung in Selbstverantwortung, die uns die letzten Wochen und Monate auferlegt wurde, haben wir nicht bestanden.
Bei mir verursachen die morgendlichen Meldungen über die neuen Ansteckungsraten jedes Mal einen Knoten im Magen. Die Anzahl an Toten schnürt mir dann alles zu. Dass noch immer so lange am Weihnachtsfest festgehalten wird, dass noch immer nicht klipp und klar gesagt wird: “Bleiben sie zuhause!” macht mich fassungslos. Dabei braucht man es gar nicht verbieten – es kann eh keiner kontrollieren. Aber ein “Bitte bleiben Sie zuhause” ist eine andere Aufforderung als “Bitte feiern Sie nur im kleinen Kreis”. Man könnte allein mit Kommunikation so viel bewirken. Aber ich glaube, da hat wegen ständiger Änderungen und Widersprüche eh schon eine große Zahl resigniert. Ich jedenfalls werde zuhause in Berlin bleiben. Es wird noch genügend Möglichkeiten geben, mit der Familie zusammenzukommen und sich Geschenke zu überreichen. Ich glaube nicht, dass es genau an diesem Tag stattfinden muss. Und auch die anderen Religionsgemeinschaften haben zu Pessach oder zum Ramadan und Zuckerfest die Anweisung bekommen, dies nur im allerengsten Familienkreis zu feiern – zu Zeiten mit weitaus weniger Infizierten. Die Pandemie trifft halt jede:n und macht keine Ausnahme.
Am meisten sorgt mich, dass der Lockdown am 10. Januar wieder aufgehoben werden soll, wo doch dann erst die ganzen Ansteckungen über Weihnachten und Silvester auftauchen. Dass die Zahlen nach solchen Familienfesten wieder rasend nach oben gehen, zeigte uns ja auch Thanksgiving in den USA.
Mir gruselt vor dieser dunklen Jahreszeit und dieser Pandemiewelle. Ich hoffe wirklich, wir alle kommen unserer Verantwortung für uns selber und unsere Gesellschaft nach und isolieren uns noch eine Weile. Etwas anderes hält das Virus einfach nicht auf.
Darauf nochmal 20 Min im Timer für die Tageslichtlampe.
Genießt die Adventszeit dennoch so gut es geht!
Ann Cathrin ❤️
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Alanna Bennett
Nothing's fucked me up more in the past few weeks than the person who tweeted that it's March again in three months
WHAT TO KNOW
Eine Übung in Selbstverantwortung ist gescheitert: die Hoffnung, dass Plattformen es hinbekommen, mit Selbstregulierung Bedrohungen für unsere Demokratie und Gesellschaft abzuwenden. Daher hat am 3. Dezember 2020 die liberale Vize-Kommissionspräsidentin Věra Jourová den “European Democracy Action Plan” vorgestellt, mit dem fortan auf Co-Regulierung gesetzt werden soll. Der Plan soll – wie der Name schon fast verrät – unsere Demokratie stärken. Dabei gibt er noch keine detaillierten Regulierungsvorschläge – die sollen am 15. Demzember 2020 mit dem Digital Services Act kommen – er adressiert aber Punkte, bei denen mit Maßnahmen darauf eingewirkt werden soll, dass zum Beispiel Journalismus gestärkt wird und Maßnahmen gegen Desinformationen unternommen werden. Mit dabei sind jede Menge Förderprogramme, aber auch konkrete Vorhaben, wie das Verbot von Micro-Targeting bei politischer Bildung. Politico hat hier einmal die sieben wichtigsten Punkte aufgeschrieben. Auch ich habe den Action Plan analysiert – allerdings hauptsächlich für den Bereich Desinformation – und ich finde die Ansätze bisher sehr gut. Greifen sie doch endlich bei den Mechanismen der Verbreitung an und nicht bei den Inhalten selber. Das wäre nämlich – sofern sie nicht rechtswidrig sind – ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen.
Gerade lese ich sehr viel zum Thema Plattformregulierung und auch zu einer möglichen transatlantischen Kooperation beziehungsweise deren Notwendigkeit. Auch Slate hat einen Tag vor Veröffentlichung des Action Plans sehr ähnliche Punkte adressiert:
Legislation on both sides of the Atlantic should accomplish three things:
First, it should require platforms to publish clear terms of service and community standards and explain how they enforce them, how they resolve complaints of erroneous content moderation, and how users can appeal decisions. Posting moderation activity reports with standardized definitions and formats would facilitate cross-platform analysis.
Second, it should mandate that platforms disclose the impact (but not the source code) of their algorithms, including ones that flag items for review and ones that push content into a user’s newsfeed or video playlist. Algorithms can perpetuate biases inherent in the databases used to train them and amplify extremist content that drives engagement and ad views. Algorithms that fuel the virality of toxic material would warrant immediate attention.
And finally, it should authorize a government agency or an independent board comprised of industry and public members to oversee accountability. That body should draft and enforce disclosure rules, set procedures for researchers to access data, and establish protocols for independent compliance audits.
Ich hoffe wirklich sehr, dass es in diese Richtung weiter geht. Denn wir brauchen dringend gute Regulierung für diese Plattformen und ich hoffe, dass wir diese diesmal produktiv aushandeln können mit allen Akteuren und nicht auch noch hier erstmal um den Erhalt fundamentaler Rechter im digitalen Raum kämpfen müssen.
Aufbauend auf dem Action Plan und der Selbstverantwortung von Plattformen noch der Hinweis auf diese Studie, unter anderem von Karolin Schwarz: Deplatforming, also das runterschmeißen von Rechtsextremistinnen und Verschwörungsideologen von Plattformen kann sehr hilfreich sein. Ist aber – wie immer – nicht alleinig ausreichend.
Fact-Checker und Plattformen werden übrigens wieder übergangen oder nur noch zur Suche von Helfer:innen genutzt: Verschwörungsideolog:innen drucken zunehmend eigene Zeitungen. Und so ein Stück Papier wirkt bei einigen gleich vertrauenswürdiger.
Platform Regulation Should Focus on Transparency, Not Content Platform Regulation Should Focus on Transparency, Not Content
Schluss mit Lustig, sagt auch die US-amerikanische Federal Trade Commission. Sie und 48 Staaten, beziehungsweise Regionen haben Klage gegen Facebook wegen Kartellrechtsverletzungen eingereicht. Die Klage der FTC geht dabei weiter als die der 48 Staaten. Sie fordert, dass Facebook die eingekauften Unternehmen bzw. Plattformen WhatsApp und Instagram wieder abstoßen muss und diese wieder eigene Unternehmen werden müssen. Facebook sagt, dass die Käufe damals von der FTC genehmigt worden seien und es jetzt nicht möglich sei, im Nachhinein zu sagen, dies wären Wettbewerbsverletzungen. Ich habe bisher auch hauptsächlich gelesen, dass die Klagen vermutlich scheitern werden, aber wir werden sehen. Der Unmut über das Unternehmen (und andere) wird in den USA immer größer und damit auch die Rufe, diese Unternehmen ordentlich zu regulieren.
The FTC is suing Facebook to unwind its acquisitions of Instagram and WhatsApp - The Verge The FTC is suing Facebook to unwind its acquisitions of Instagram and WhatsApp - The Verge
Huawei testet in China zusammen mit einer anderen Firma eine Gesichtserkennungssoftware die Uighuren erkennen soll. Ja, dassist die muslimische Minderheit, die in China in Internierungslagern sitzt, misshandelt und verfolgt wird. Die Software soll sie über Überwachungskameras auf der Straße erkennen und die Polizei alarmieren.
The test report also said the system was able to take real-time snapshots of pedestrians, analyze video files and replay the 10 seconds of footage before and after any Uighur face is detected. […]
“People don’t go to the trouble of building expensive systems like this for nothing,” Frankle said. “These aren’t people burning money for fun. If they did this, they did it for a very specific reason in mind. And that reason is very clear.”
Es wird von Tag zu Tag gruseliger, wie China Menschenrechte missachtet. Aber nicht nur das: China verkauft diese Technologie auch an andere Länder, vornehmlich in Afrika, die diese zur Unterdrückung ihrer Bevölkerung einsetzen.
Aber solche Gesichtserkennungssoftware und äußerst fragwürdige Vorhaben sind kein Alleinstellungsmerkmal Chinas, obgleich deren Maßnahmen deutlich weitergehen, als in anderen Ländern. Doch auch bei uns wird mit EU-Geldern fleißig an solch einer Technologie geforscht und gearbeitet. Auch hier mit dem Argument, dass es um unsere Sicherheit ginge.
Huawei tested AI software that could recognize Uighur minorities and alert police, report says - The Washington Post Huawei tested AI software that could recognize Uighur minorities and alert police, report says - The Washington Post
Ich glaub, ich hatte hier schon mal irgendwann erwähnt, dass Taiwan mit Humor gegen Desinformationen arbeitet. Auch Japan tut dies – und beide Länder arbeiten nicht nur seit der Covid-Pandemie mit Humor in der behördlichen Kommunikation. Wer lacht, hat keine Angst – das sagte mir Taiwans Digitalministerin Audrey Tang auch auf einem Panel, das ich beim Digitaltag dieses Jahr mit ihr moderierte.
Dass man Verschwörungserzählungen und Desinformationen nicht mit Rationalem entgegenkommt, habe ich auch in meiner Studie zu Desinformationen auf Messengern beschrieben. Auch, dass Memes mit Desinformationen so effektiv sind, weil sie sich leicht verbreiten lassen und manchmal als “witzig” wahrgenommen werden. Taiwan dreht das Ganze hingegen um:
Gerade im Internet habe Humor eine grössere Chance, weitergeleitet zu werden, als eine trockene Wahrheit, sagt Tang. «Weil die Menschen die Clips für witzig halten, teilen sie die Nachricht, und dies ohne gemeine oder toxische Absichten.»
Dass wir von asiatischen Ländern noch einiges bei der Pandemiebekämpfung lernen können, ist hinlänglich bekannt – und damit meine ich keine Überwachungsinfrastruktur. Die Kommunikation ist eine davon und sie ist bei uns von Beginn an katastrophal, aktuell sogar wirklich sehr schlimm. Natürlich ist auch Kommunikation nur ein Baustein, aber ein essentieller. Hier verhallen Appelle zunehmend.
Diese Art der Kommunikation ist sicher nicht der entscheidende Faktor dafür, dass die Pandemie in Asien besser kontrolliert wird als in Europa oder Amerika. Aber den Virenbekämpfern gelang es in Taiwan und Japan so, den Menschen auf einfache und freundliche Weise beizubringen, wo die Ansteckungsrisiken lauern und wie sie sich und die Gemeinschaft schützen können.
Taiwan, dass nicht nur wegen strenger Quarantänebestimmungen und Nutzung von Daten (nicht nur zur Überwachung!) quasi Corona-frei ist, hat eine wirklich umfassende Strategie. Die ist hier visualisiert und zeigt: sie besteht aus weit mehr als Technologie und Daten.
Zwei Hundelängen Distanz im Freien, drei in geschlossenen Räumen: Weshalb Taiwans Behörden Covid-19 mit einem humorigen Hund bekämpfen Zwei Hundelängen Distanz im Freien, drei in geschlossenen Räumen: Weshalb Taiwans Behörden Covid-19 mit einem humorigen Hund bekämpfen
Die Dauer, die Kinder und Jugendliche in sozialen Medien oder Online-Games verbringen, ist deutlich angestiegen, insbesondere während der Pandemie – das liest man derzeit wieder öfter und es wird wohl so weiter gehen. Geprägt von Digital-Apologeten wie Manfred Spitzer bekommen fast alle erstmal Panik bei solchen Aussagen. Vor allem, weil sie nicht weiter ausgeführt werden. Weil angenommen wird, Kinder und Jugendliche daddeln sinnlos umher und verdummen. Ich würde schon mal abstreiten, dass “daddeln” sinnlos wäre, denn abschalten, spielen, Zeit vertreiben – das brauchen wir alle. Das tun wir auch alle, denn es sind bei weitem nicht nur Kinder und Jugendliche die ihre Zeit mit vermeintlich Nutzlosem verbringen. Und spielen ist alles andere als nutzlos. Darum soll es hier aber gar nicht gehen, sondern um die privaten Räume, die sich Kinder und Jugendliche im Digitalen während der Pandemie auf Online-Plattformen schaffen. Rückzugsorte, in denen keine Erwachsenen sind. Die sie sonst in der Schule haben oder auf dem Spielplatz. Im Wald, wenn sie sich mit ihren Freund:innen treffen oder im Eiscafé. Die gibt es nun nicht mehr, wenn wir alle zuhause bleiben müssen und im Lockdown sind – der ist in anderen Ländern seit geraumer Zeit schon härter als hier. Es ist spannend zu lesen, wie sich Kinder und Jugendliche wirklich ganz unterschiedliche Räume, zum Beispiel auf Discord, für ganz unterschiedliche Gesprächssituationen einrichten und diese nutzen. Wichtig ist daher, dass Eltern beziehungsweise Erwachsene diese Online-Nutzung nicht abwerten und verteufeln, sondern mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, welche Gefahren dort auch lauern könnten – ganz so wie wir es erklärt bekommen haben, wenn wir alleine auf den Spielplatz oder in den Wald gezogen sind.
Teens Lead the Way in Adapting to Online Public Space - Bloomberg Teens Lead the Way in Adapting to Online Public Space - Bloomberg
WHAT TO HEAR
5 Minutes That Will Make You Love Beethoven - The New York Times
WHAT TO WATCH
Roxane Gay: Confessions of a bad feminist
WHERE TO GO
Desinformation: Wie widerstandsfähig ist die deutsche Gesellschaft?
WHAT TO READ
WHAT I LIKED
Patrick Coddou
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Huldrić Zwinglić
Hab es heute das erste Mal seit April 2020 geschafft, die Augen bei einem Zoom-Gespräch von mir abzuwenden und jemanden anderen anzugucken für ein paar Sekunden (3-5).
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Ann Cathrin Riedel, Berlin