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Ann Cathrin's Digital Digest - Issue #94

Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel
Frohe Ostern, frohes Pessach und einen weiterhin schönen Ramadan! Was schreibt man in so einem Newsletter in Zeiten wie diesen? Ich würde Euch gerne einfach nur herrlich entspannte Tage im Kreise der Liebsten und mit schönem Wetter wünschen. Aber das fühlt sich falsch an in diesen Tagen. Vielleicht wünsche ich Euch daher Zeit darüber zu reflektieren, was für ein Glück wir haben, in einem Land wie Deutschland zu leben. Darüber nachzudenken, was jede:r von uns eigentlich dafür tut, dass Freiheit und Demokratie nicht für selbstverständlich gehalten werden. Dazu passend habe ich Dank Christopher Gohl einen ganz wunderbaren Text dazu gefunden – leider hinter einer Paywall, aber hier die Quintessenz:
“Meanwhile, we sell our Gentile friends on the grandeur of Passover by saying, “It’s about freedom!” Because who doesn’t love freedom? But this rhetoric misses the point entirely. What does freedom entail? If you read the Haggada closely, you see that freedom is not simply, or even, joyous liberation. It’s the freedom to suffer, struggle, endure and maybe— if God is on your side — arrive someplace better. […]
Thankfully, as the Passover story reminds us, freedom is within reach — it is a fight, but it’s one we can win. Whatever your promised land is — equal pay for equal work, health care for all, a free Ukraine, the right to organize, liberation from social media and the tech overlords — we can get there. But it won’t be right now, and it won’t even come at the end of the five-hour meal that we call a Seder. It might take 40 years. That’s how long it took the Jews to get to their promised land.
To endure all the travails between here and there, it’s not helpful to keep talking about freedom as if it’s just a good old time. Freedom is not ayahuasca tourism or a Grateful Dead show at the Fillmore East. It’s hard, and the rewards may lie far in the future.”
Viel Spaß aber nun beim Lesen meines Newsletters. Seid herzlich gegrüßt
Ann Cathrin 🐰

WHAT TO KNOW
Ich hatte abermals das Vergnügen, die Whistleblowerin Frances Haugen zu treffen. Diesmal mit mehr Zeit, im noch kleineren Kreis, zu einem Dinner als Hintergrundgespräch. Bei ihrem Besuch jetzt war sie auch endlich im Deutschen Bundestag, bzw. im Ausschuss für Digitales zu Gast – nachdem sie schon in zahlreichen anderen Parlamenten gesprochen hatte. Frances Haugen verweist immer und immer wieder darauf, dass wir genauer hinsehen müssen. Insbesondere die, die Konzerne wie Facebook (Meta) regulieren. Es müsse viel stärker auf die Algorithmen geachtet werden – ich unterstreiche das.
Außerdem könne es nicht sein, dass jegliche Sprachen, außer Englisch, nicht gut bei automatisierten Systemen zur Erkennung von Inhalten, nicht gut funktionieren. Facebook verdient Millionen von Dollars – sie müssen viel mehr in ihre Technik investieren. Meta weiß sehr wohl, so Haugen, was alles auf ihren Plattformen schiefläuft und doch unternehmen sie nichts. Bzw. immer erst dann, wenn der öffentliche Druck enorm groß ist.
Es hat Monate gedauert, bis das jemand gemerkt hat. Eigentlich kein Wunder: Ich möchte daran erinnern, dass Facebook innerhalb eines Jahres Aktien im Wert von etwa 75 Milliarden Dollar zurückgekauft hat. Dennoch haben sie damit geprahlt, dass sie fünf Milliarden Dollar pro Jahr für die Sicherheit ausgeben.
Man hätte mehr Datenwissenschaftler einsetzen können und das Problem früher gelöst, jedes zusätzliche Prozent dieser 75 Milliarden hätte für die Sicherheit von Usern einen rieseigen Unterschied gemacht. Sie reinvestieren nicht in das Unternehmen, sie kaufen keine anderen Vermögenswerte, sie zünden es an.
Was ich an Frances Haugens Aussagen mag ist, dass sie Overblocking im Blick hat und dass sie die Probleme von Facebook global betrachtet. Das tun wir leider hier in Deutschland viel zu selten. Maximal schaffen wir den Blick während Wahlen in die großen Nachbarländer – oder eben wenn in Europa(!) Krieg herrscht. Haugen verweist regelmäßig auch auf Myanmar oder Äthiopien und in dem Interview unten mit Lina Rusch und Friederike Moraht, das sich in Gänze zu lesen lohnt, auch noch auf die Bedrohung durch China und die digitale Seidenstraße und damit die Idee der Demokratie an sich bzw. ihre Verbreitung. Eben insbesondere im Globalen Süden. Ich hoffe sehr, dass wir uns damit in Deutschland – insbesondere die Ampel-Regierung – stärker damit beschäftigt. Hat sie sich doch in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie sich global für ein offenes und demokratisches Internet einsetzen will.
Im Ausschuss sprach sie dann laut Zeit Online auch noch über das Metaverse, auf Nachfrage von der Abgeordneten Anke Domscheidt-Berg. Dort verwies sie noch auf ein Thema, das meiner Meinung nach auch völlig vernachlässigt wird: digitale Lieferketten. Man denke nur daran, wo eigentlich die Daten von (chinesischen) Gesichtserkennungs-sofwares herkommen (Spoiler: viel aus Afrika).
Meta will, so sagt es Zuckerberg, mit dem Metaverse eine Art neues Internet bauen. Der Konzern stellt die Infrastruktur, verschiedene creator können dann darauf ihre Virtual-Reality-Anwendungen aufbauen. Das sei auch als eine Art Haftungsausschluss gedacht, sagt Haugen. Wenn in einer Anwendung Menschen belästigt würden oder andere Probleme auftauchten, könne sich Meta darauf zurückziehen, ja nur für die Infrastruktur verantwortlich zu sein. Deshalb brauche es neue Regeln für das Metaverse, sagt sie. Sie spricht von “supply chain responsibility”, “Lieferkettenverantwortung”. Die solle dringend in den Digital Services Act aufgenommen werden. 
Und wenn man sich doch nochmal die Moderation von Inhalten anguckt, um die es bei aller Notwendigkeit von der Regulierung von Technik auch gehen muss, dann sollte man sich dringend stärker mit den Arbeitsbedingungen beschäftigen. Die Content-Moderator:innen beschäftigen sich wirklich mit dem übelsten Müll im Netz und wir wollen gar nicht wissen, wie das Internet (respektive Social-Media-Plattformen) aussähen, wenn es sie (und automatische Filter) nicht gäbe (talking about “Free Speech”, siehe nächster Text). Ihre Arbeitsbedingungen – insbesondere die derer, die im Globalen Süden sitzen – sind uns leider häufig recht egal. Dabei ist die absolute Ausbeutung, was dort passiert. Nicht nur finanziell. Man lässt die Menschen mit psychischen Belastungsstörungen alleine.
Elon Musk hat Twitter-Aktien gekauft und ist nun größter Einzelaktionär. Das war ihm nicht genug – kurz danach hat er angekündigt, ganz Twitter übernehmen zu wollen. Aha.
Warum will er das tun? Unter anderem, weil es nicht genügend Meinungsfreiheit auf der Plattform gäbe. Damit unterstützt er das Narrativ der Rechten, die meinen, konservative Stimmen würden auf der Plattform (und anderen) unterdrückt werden. Beweisen konnten sie es nie. Dennoch wird das Narrativ weitergetragen. Dass das Quatsch ist, erkennt man auch daran, dass es vornehmlich ein Problem mit extrem Rechten bis rechtsradikalen Äußerungen auf den sozialen Medien gibt, die zu Gewalt und Umstürzen aufrufen. Von Links gibt es die nicht. Außerdem ist es eine beliebte Behauptung, dass gerade in den USA ja das First Amendment gelte – also Redefreiheit. Übrigens auch viel weiter gefasst als bei uns. Aber das gilt nur – das vergessen eben viele – für den Staat. Der muss das garantieren – nicht Unternehmen. Twitter hingegen ist an Gesetze gebunden. In der Europäischen Union bald an den Digital Services Act. Sie können also auch unter einer Leitung von Musk so handeln, wie es ihnen beliebt und ein “free speech” im Sinne eines “everything goes” möglich machen. Selbst in den USA nicht.
Ich glaube nicht, dass Musk Twitter übernehmen wird. Ich halte das eher für eine PR Maßnahme. Wiedermal ein bisschen Aufmerksamkeit (wie das “Spenden” der Starlink-Sateliten-Zugänge für die Ukraine, die aber die US-Regierung bezahlt hat). In Berichten sind folgende Dinge zu lesen, weswegen vermutet wird, dass Musk Twitter gar nicht übernimmt:
  1. der Preis, den er für die Aktien bietet, ist zu niedrig
  2. er hat gar keine Zeit sich um das Unternehmen neben Tesla und Space X zu kümmern
  3. er hat das Geld gar nicht flüssig. Sein Vermögen steckt nämlich in den Aktien seiner Unternehmen
  4. er hat sicher keinen Bock auf die Auseinandersetzungen bzgl. Regulierung mit diversen Regierungen – unter anderem der US-amerikanischen
Twitter unternimmt außerdem gerade einiges, damit es ihm gar nicht möglich wird, so viele Anteile zu kaufen. Mit dem Board gibt es auch direkt Zoff.
Ein Text, bin dem ich in seiner Pauschalität nicht übereinstimme. Ja, ich glaube, die Sanktionen haben gerade im Digitalen erhebliche Probleme verursacht, die auch Oppositionellen sehr schaden. Zum Beispiel, dass bestimmte Service-Provider ihre Aktivitäten bzw. Angebote in Russland nicht mehr anbieten. Da haben die USA gerade nachgesteuert, weil zum einen die Unternehmen unsicher waren, ob sie nun wirklich von den Sanktionen betroffen sind. Zum anderen wurde bewusst, dass es eben überaus fatal ist, manch grundlegende Leistung zu sanktionieren. Diese vernetzte, digitale Welt macht alles eben komplizierter – weil alles miteinander verflochten ist. Was mich an unten verlinkten Text stört ist, dass ich denke, dass schon einige Services nicht mehr verfügbar sein sollten (welche – puh, das muss man diskutieren, das weiß ich auch nicht). Denn die russische Bevölkerung besteht mitnichten nur aus Oppositionellen und leider muss nun mal auch die Breite der Bevölkerung die Sanktionen zu spüren bekommen. Man mag den Krieg als Putins Krieg sehen – aber er wird auch von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt. Und ohne Aufbegehren der eigenen Bevölkerung wird Putin weiter bombardieren. Im 21. Jahrhundert müssen daher Sanktionen auch im Digitalen zu spüren sein. Gleichwohl sorgen Sanktionen hier noch mehr dafür, dass Russland sein eigenes Internet erschafft, Daten nur noch in Russland gespeichert werden können und dürfen. Das ist nichts, was erstrebenswert ist. Wie Sanktionen auf die digitale Sphäre wirken, das ist wohl etwas, das es in Zukunft noch stärker zu analysieren und zu bedenken gilt, wenn man welche verhängt (s. unten auch zu Sanktionen gegen Medien).
Es geht also doch: Ermittlungen auf Telegram. Und zum Glück aktuell keine Forderungen, Telegram zu sperren oder aus App-Stores zu verbannen. Ermittler:innen haben es erfolgreich geschafft, eine Gruppe hochzunehmen, die auf Telegram die Entführung von Karl Lauterbach und den Umsturz der Bundesregierung geplant hat. Soweit ich das erkennen kann, ging das scheinbar mit klassischer Polizeiarbeit. Ohne Staatstrojaner und ohne Sicherheitslücken in Verschlüsselung. Das ist sehr gut so. Auch, weil es zeigt, dass die Polizei eben in der Lage ist, solche Netzwerke zu entlarven und vor allem auch Telegram und die Vernetzungen dort viel mehr im Blick hat. Dass sich da so eine Mischung aus Rechtsextremist:innen, Reichsbürger:innen und Corona-Leugner:innen nicht nur zusammengefunden hat, sondern auch solche Pläne schmiedet – in der Lage ist, Kriegswaffen und Polizeiausrüstung zu besorgen – das sollte uns wirklich sorgen. Die Demokratiefeinde, rechter Terror – sie werden uns noch lange begleiten. Es ist dringend notwendig, dass wir Konzepte haben, um dem zu begegnen.
WHAT TO WATCH
Eine Geschichte des Antisemitismus - Geschichte | ARTE
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Aurel
Ich dachte bis vor kurzem 2020 wäre das Jahr der Angst und Überforderung gewesen, aber was zur Hölle ist das dann hier gerade?
Theresa Bäuerlein
Reminder für alle, die beim Arbeiten vor allem vor Bildschirmen sitzen: Wenn du es schaffst, 3-4 Stunden konzentriert zu arbeiten, reicht das. Der Rest darf Tagträumen, chaotisches Rumwurschteln und Kaffeetrinken mit Kolleg:innen sein. Das macht nicht ineffizient, im Gegenteil.
Ǝ Li Ti K Er
Was sagt man zu Leuten, die einem darauf hinweisen, daß man keine Maske mehr tragen muß:

- Ich hab ein Attest.
- Das ist was sexuelles.
- Ich trage die freiwillig, weil ich häßlich bin. [Pause] Wollen Sie auch eine?
Robin Moira White (she/her)
Zelenskyy: ‘E5’

Putin: ‘Miss. But ship spontaneously caught fire and sank.’ https://t.co/zqlEma1umW
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Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel @anncathrin87

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

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Ann Cathrin Riedel, Berlin