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Ann Cathrin's Digital Digest - Issue #36

Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel
Viele Grüße aus Portland, Oregon! Dank Zeitverschiebung hat es nicht geklappt, dass Ihr den heutigen Newsletter pünktlich am Morgen bekommt. Er war zwar eigentlich schon fertig, aber ich wollte auch von der Session, die Philipp Sälhoff und ich hier auf der republica gehalten haben, erzählen. Im Rahmen des “Wunderbar Together” Programms tourte die republica nämlich mit der sequencer-Tour durch die USA und fand ihr Ende gestern hier in Portland mit unserem interaktiven Talk, bei dem wir uns mit der Frage “Can artificial intelligence transform a society into a safer place?” beschäftigten haben. Die Antwort? Kommt darauf an - wie immer. Während Philipp die Chancen zu den einzelnen Themenpunkten Sicherheit, Gesundheit und Bildung aufgezeigt hat, war meine Aufgabe die Bürgerrechte hoch zu halten. Nach jedem Themenkomplex haben wir das Publikum abstimmen lassen und nur beim Thema Sicherheit waren sie sich recht einig, dass die Risiken überwiegen. Dabei ist die Frage natürlich nicht so einfach wie wir sie gestellt haben. Aber unser Ziel war es, die zwei Seiten einer Medaille zu beleuchten um so einen differenzierten Diskurs über die Thematik anzuregen. Und dass das geklappt hat, hat man bei den tollen Statements aus dem Publikum gemerkt. 
Jetzt machen wir die Westküste noch ein paar Tage unsicher und ich mache mir dabei Gedanken, wie ich diesen Newsletter weiter entwickle. Ihr werdet heute schon ein paar Veränderungen sehen und ich freue mich über Eure Ideen, Feedback und Gedanken und natürlich auch immer darüber, wenn ihr ihn teilt oder weiterleitet.
Liebe Grüße
Ann Cathrin

„Nein, es war kein Anschlag auf “uns alle”. Es war ein Anschlag auf uns Juden. Es war ein Anschlag auf Muslime. Es war ein Anschlag aus purem Hass gegen Minderheiten. Er wollte uns töten, nur weil wir Juden sind. Es ist wichtig, dass dies einigen Menschen in Deutschland endlich klar wird.“ Jeremy Borovitz überlebte den Angriff auf die Synagoge in Halle. Er sagt: Der Täter handelte aus purem Hass gegen Minderheiten.
WHAT TO KNOW
Dax Werner
Gumo an alle die an die Liebe und den Rechtsstaat glauben ❤️
Es war nur eine Frage der Zeit, bis nach dem terroristischen Anschlag eines Nazis in Halle das Internet dafür verantwortlich gemacht wurde und man mehr Befugnisse für den digitalen Raum forderte (oder jetzt auch noch bei Games). Weniger Datenschutz, Hintertüren in verschlüsselte Kommunikation und natürlich die allzeit “bewährte” Vorratsdatenspeicherung. Weiterhin ist all das keine Möglichkeit, Terror zu verhindern, wo doch bisher alle Fälle gezeigt haben, dass die Probleme und vor allem Fehler vorab in der klassischen Polizeiarbeit lagen. Mehr Befugnisse, die unsere Freiheit und Bürgerrechte einschränken, hätten nichts verhindert. Auch ist das Netz per se nicht schuld, dass Menschen, vornehmlich junge Männer, antisemitisch, rassistisch und frauenfeindlich sind oder werden. Sie finden dort aber leichter Gleichgesinnte und können sich deutlich leichter und intensiver vernetzen. Außerdem stacheln sie sich auf diese Plattformen gegenseitig auf und zelebrieren Attentate. Die Plattformen sind jedoch nicht Facebook oder YouTube, sonder Plattformen wie 8chan. Welche, die „freie Meinungsäußerung“ zelebrieren und damit meinen, dass man wirklich alles sagen darf. Welche, die sich niemals unter Regulierung aus Europa oder gar Deutschland unterwerfen würden. 
Was also zu tun ist, das sagt Marina Weisband im Interview mit der NOZ und ich stimme ihr da vollumfänglich zu. 
Erstens: Wir müssen die Warnungen marginalisierter Gruppen ernster nehmen. Anhand des aktuellen Falles gilt das für Juden, allgemein aber auch für Muslime, die ebenfalls seit Jahren sagen, dass sie sich hier nicht mehr sicher fühlen. Was den Täter von einem Massaker abgehalten hat, war eine Tür, nicht mehr: Keine Polizei, keine Gesellschaft, niemand vorher. Zweitens: Die Polizei muss besser ausgebildet werden in diesen Online-Netzen. Wer Prävention betreibt, muss wissen, was ein Meme ist, also ein geteilter Witz auf Bildbasis, den nur Einweihte verstehen, und Twitch, also die Streamingplattform, die der Attentäter verwendet hat. Polizei und Gesellschaft müssen auch den Zusammenhang zwischen Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus erkennen. Das ist ein Dreiklang. Deshalb kann man sich auch als AfD nicht als Beschützer der Juden aufspielen, denn sie bedient selbst Hass. Das muss langsam Konsequenzen haben, auch in den Medien, wo die AfD sich immer wieder präsentieren darf. Zuletzt: Wir müssen mehr Prävention betreiben und Programme gegen Radikalisierung fördern. Wir brauchen ein Demokratiefördergesetz, das entsprechende Gelder bereitstellt und Demokratieprojekte verstetigt. Zu viele gute Initiativen versanden, wenn sie den Status als Modellprojekt verlassen.
Regulierung von Technologie (alleine) wird nichts gegen Antisemitismus und Co tun. Das Internet ist nicht der Grund dafür, dass er existiert und es ihn immer noch gibt. 
Was viele - meiner Meinung nach vor allem nicht Politiker:innen in Deutschland - begriffen haben ist, dass Desinformation und Manipulationsversuche von inländischen oder ausländischen Akteuren nicht mit Hilfe von Technologie passieren - also durch einfache Bots oder angebliche Social Bots, die mit einer KI arbeiten. Desinformation passiert häufig händisch, denn nur so wirkt sie authentisch. KI’s können dies eben noch nicht, nicht mal im Englischen. Dass Menschen, Trolle, hinter diesen Manipulationsversuchen stecken, zeigte zum Beispiel der Fall der „Internet Research Agency“ aus St. Petersburg, Russland. Von hier aus haben Menschen Tweets und Kommentare, vor allem auf YouTube abgesetzt um Diskussionen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Besonders die afro-amerikanische Community war davon betroffen. Sie sollte demoralisiert werden. Ein weiterer, nun veröffentlichter Bericht zeigt, dass die Manipulation hier noch intensiver war, als zuvor angenommen. Auch die Bedeutung von bezahlten Werbeanzeigen ist viel geringer als zunächst angenommen - die von den von Menschen verfassten Beiträgen dafür um so höher. Auch hier zeigt sich, dass Transparenzregister, bei denen Plattformen offen legen müssen, wer welche politischen Anzeigen laufen hat und woher das Geld kommt, nicht wirklich etwas bringen, Ich denke trotzdem, dass diese Maßnahmen gut und richtig sind, aber sie sind dennoch ein weiteres Beispiel für Regulierung ohne das Vorhandenseins eines empirischen Beweises für ein Problem. Relevanter ist hier beispielsweise, dass “numerous high-profile” Americans, including Trump campaign aide Roger Stone, former ambassador to Russia Michael McFaul, and Fox News host Sean Hannity, “unwittingly spread IRA [Internet Research Agency] content by liking IRA tweets or engaging with other IRA social media content, enhancing the potential audience for IRA content by millions of Americans.” Es sind also Menschen verantwortlich, Menschen in hohen Positionen, denen ungeprüfte Information ins eigene Weltbild passte und die diese weiter verbreiteten. Der Senate Select Committee on Intelligence, der diesen Bericht veröffentlichte, schlägt vor, dass Plattformen darüber informieren müssen, wenn jemand manipulierten Inhalten gesehen hat. Außerdem sollen sie - und da stimme ich voll zu - mehr Daten für die Wissenschaft zur Verfügung stellen, damit Einfluss und Ursprung von Desinformationen besser untersucht werden kann (mehr dazu auch hier).
Wie absurd die ganze Diskussion um Desinformation ist, zeigt übrigens der aktuelle Fall aus der Trump-Kampagne. Wir wissen nicht seit gestern, dass auch aus dem Inland, ja vom Präsidenten selber massive Desinformation-Kampagnen betrieben werden. Einen Werbespot, der sich gegen den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden richtet, hat der Fernsehsender CNN abgelehnt zu senden, weil er offensichtliche Falschinformationen enthält. Facebook lässt den Spot dennoch laufen und sagt dazu:
In a letter to the Biden campaign, Facebook said the ad, which has been viewed five million times on the site, did not violate company policies. Last month, the social network, which has more than two billion users, announced that politicians and their campaigns had nearly free rein over content they post there.
Even false statements and misleading content in ads, the company has said, are an important part of the political conversation.
Facebook arbeitet zwar eigentlich mit Factchecker:innen zusammen, bei Posting von Politiker:innen oder Parteien gelten für Facebook aber nun andere Regeln. Hier wollen sie nicht entscheiden, was richtig ist und was falsch, sondern sehen es eher als ihre Pflicht an, auf der Plattform die Äußerungen von Politiker:innen ungefiltert stehen zu lassen. Ich denke, dass das richtig ist. Schlimm nur, wenn die Spielregeln des demokratischen Wahlkampfes von den eigentlichen Akteuren nicht mehr angewendet werden.
Ups, sorry, sagt diesmal Twitter. Das Unternehmen hat Telefonnummern, die Nutzer:innen für die 2-Faktor-Authentifizierung (2FA) bei der Plattform hinterlegt haben, in ihre Marketing-Systeme übertragen. Huch! Wer und wie viele betroffen sind, könne man nicht sagen, aber man ist „really sorry“… Auch Facebook passierte das „aus Versehen“. Unternehmen haben da wohl eher ihre Unternehmensziele im Blick und nicht privacy und security, wenn es um die Daten ihrer Nutzer:innen geht. Dabei wäre es eigentlich recht simple in diesem Fall. Statt 2FA mit der eigenen Telefonnummer, gibt es auch Möglichkeiten mit Authentifizierung-Apps. Die sind generell sicherer und eben auch datenschonender. „But any two-factor is better than no two-factor. More importantly, you shouldn’t have to make security decisions based on fear that massive tech companies can’t handle basic data siloing.“
Apple hat sich der chinesischen Regierung gebeugt und die App des Nachrichtenmagazins Quartz aus dem chinesischen App-Store entfernt. Quartz hat mehrfach darüber berichtet, wie man VPN-Verbindungen einsetzen kann, um damit beispielsweise auf Webseiten zu kommen, die eigentlich in China zensiert sind. Ebenso hat Apple in Hongkong die taiwanesische Flagge aus dem Emoji-Keyboard entfernt. Der Markt in China ist so relevant für den Konzern (nicht nur für ihn), dass sich Vorgaben der chinesischen Regierung gebeugt wird und die Protestierenden in Hongkong immer eingeschränktere Möglichkeiten haben, sich zu informieren und zu organisieren. 
Geht es um Daten und Gesundheit, bzw. noch spezieller, Versicherungen, bekommen viele ein mulmiges Gefühl und man denkt vor allem an Gefahren. Nicht zu unrecht. Doch Daten und genaue Informationen über Genome ermöglichen auch hyperindividualisierte Medikamente, also Medikamente, die nur für eine einzige Person entwickelt werden. Es gibt Krankheiten, für die lohnt es sich finanziell für Pharmaunternehmen nicht, Medikamente zu entwickeln, weil vielleicht nur tausend oder wenige hundert oder eben nur eine einzige Person davon betroffen ist. Doch ist das ethisch vertretbar, dass wir die technischen Möglichkeiten haben, quasi jedem zu helfen, dafür „nur“ aufwändige Forschung und Entwicklung brauchen? Wer soll die enorm hohen Kosten zahlen? Bisher finanzieren sich diese n=1 Medikamente durch private Stiftungen und Crowdfunding. Auch von dieser Perspektive stellt sich die Frage nach der Solidarität des Gesundheitssystems. 
WHAT TO HEAR
‎Handelsblatt Disrupt: Clue-Gründerin Ida Tin: "Investoren in Deutschland sind zu ängstlich"
WHAT TO WATCH
Ulrik Haagerup stellte bei der Konferenz “Democracies & Disinformation” der Stiftung Neue Verantwortung und des Auswärtigen Amts Constructive Journalism vor. Was das genau ist, zeigt dieser Trailer.
Constructive Institute - A Global Call for Responsible Journalism
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WHERE TO GO
Wir sind der Osten
Leitlinien zum ethischen Umgang mit Algorithmen-Monitoring #AlgoMon | Initiative D21
WHAT TO READ
WHAT I LIKED
Frau Büüsker
Erst ein Lebensmittelskandal mit Wurst, dann ein Rückruf von Milch. Wenn noch was mit Kartoffeln ist, seh ich schwarz für die "deutsche Identität".
Mathias Schindler
Stadt, Land, Fluss, Name, Tier, Bahnverspätungsgrund
jonny sun
millenial culture is knowing that the only difference between weekdays and weekends is that you have more time to get work done on weekends
Lina Rusch
Stadt @AmsterdamNL erklärt Bürgern wie mir, wo sie in ihrem Alltag #KI einsetzt, welcher Art, von wem sie entwickelt wurde, ob es ein #OpenSource-System ist und wo sie künftig KI einsetzen will. Dann lädt mich ein freundlicher Jim ein, einen gratis Onlinekurs zu machen. #wsai19 https://t.co/JSvEW8DgLt
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Ann Cathrin Riedel
Ann Cathrin Riedel @anncathrin87

Eine wöchentliche Sammlung von Artikeln zur Digitalisierung, Netzpolitik und Social Media und welchen Einfluss dies alles auf unsere Gesellschaft und Politik hat.

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Ann Cathrin Riedel, Berlin