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Morgenlage Außenpolitik - Sonderausgabe August 2021

Morgenlage Außenpolitik - Sonderausgabe August 2021
Von Ulrich Speck • Ausgabe #112 • Im Browser ansehen

Guten Morgen!
Die Sommerpause ist vorbei, die Morgenlage startet wieder. In der heutigen Sonderausgabe werden die wichtigsten Entwicklungen des Monats August zusammengefasst. Ab morgen, Mittwoch den 1. September, erscheint dann wieder die tägliche Morgenlage Außenpolitik.
Beste Grüße, Ulrich Speck
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Chaotischer Abzug aus Afghanistan. Der schnelle Siegeszug der Taliban und der weitgehend kampflose Rückzug der afghanischen Regierung hat zu einem chaotischen Abzug des Westens aus Afghanistan geführt. In dramatischen Aktionen wurden westliche Staatsbürger, Ortskräfte und als besonders schutzbedürftig angesehene Personen vom Flughafen in Kabul ausgeflogen.
Die Taliban ließen diesen Abzug zu und kooperierten dabei, allerdings nur bis zur vereinbarten Deadline Ende August.
Gestern, am 30. August, haben die USA den Evakuierungsprozess beendet. US-Außenminister Blinken hat verkündet: “Die US-Militärflüge sind zu Ende und unsere Truppen haben Afghanistan verlassen. Ein neues Kapitel im amerikanischen Engagement mit Afghanistan hat begonnen. In ihm werden wir mit unserer Diplomatie die Führungsrolle spielen.”
Wegen des chaotischen Prozesses und wegen der Kürze der Zeit konnten nicht alle Staatsbürger, Ortskräfte und Gefährdete das Land über die Luftbrücke verlassen. Westliche Regierungen bemühen sich jetzt um andere Wege der Ausreise und hoffen auf Kooperation der Taliban sowie von Nachbarstaaten.
Außenminister Maas ist derzeit auf einer Reise in die Region – mit den Zielen Türkei, Usbekistan, Pakistan, Tadschikistan und Katar – mit dem Ziel, die Ausreise weiterer Ortskräfte sowie anderer Schutzbedürftiger fortzusetzen (Pressemitteilung hier). Dabei gibt es, dem Spiegel zufolge, zwei Optionen: über den Landweg oder über den zivilen Flughafen in Kabul.
Ob es angesichts der IS-Angriffe auf dem Flughafen allerdings die Option Flughafen Kabul noch gibt, ist fraglich. Präsident Macron hat eine UN-Sicherheitszone am Flughafen gefordert, und CSU-Chef Markus Söder sieht dies als Aufgabe der EU (siehe hier).
Andere Stimmen warnen jedoch vor Wunschdenken. Roderich Kiesewetter (CDU) hält so eine Sicherheitszone für “nicht umsetzbar”, weil wohl niemand die damit verbundenen erheblichen Sicherheitsrisiken in Kauf nehmen will (hier).
In den Verhandlungen im UN-Sicherheitsrat ist Macrons Idee einer Sicherheitszone dementsprechend schnell wieder aufgegeben worden (hier). Dem französischen Sicherheitsexperten Jean-Do Merchet zufolge war diese Idee nicht mehr als ein “eitles diplomatisches Manöver, das nichts anderem diente, um von sich sprechen zu machen.”
Das Chaos am Flughafen Kabul hat auch zu einer heftigen innenpolitischen Debatte in Deutschland geführt. In den letzten Wochen wurde die Bundesregierung teilweise scharf angegriffen von Medien und Opposition. Der Vorwurf lautet, dass die Verantwortlichen nicht vorbereitet waren, dass sie zu spät gehandelt haben und dass sie von viel zu optimistischen Szenarien ausgegangen sind.
Der außenpolitische Sprecher der Grünen Omnid Nouripour erklärte: “Die Bundesregierung hat jahrelang Zeit gehabt, einen Plan zu machen für den Zeitpunkt des Abzugs der Einsatzkräfte. Und dieser Plan ist ausgeblieben. Damit hat die Bundesregierung versagt!”
Bijan Djir-Sarai (FDP) meinte: “Die Bundesregierung muss endlich erklären, wie sie die dramatische Zuspitzung in Afghanistan derart verschlafen konnte und warum sie so schlecht auf die Evakuierung vorbereitet war.”
Insbesondere Außenminister Maas kam unter Beschuss dafür, die Ausreise der afghanischen Ortskräfte – die für die Bundeswehr gearbeitet haben –, nicht früh und nicht energisch genug vorangetrieben zu haben. Auch bei der Evakuierung der deutschen Botschaft seien Fehler unterlaufen.
Kritisiert wurden aber auch Innenminister Seehofer, dem bürokratische Verzögerung vorgeworfen wurde, sowie Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer für eine zunächst nur enge Auswahl der auszufliegenden Ortskräfte. Bundeskanzlerin Merkel wurde vorgeworfen, das Thema nicht zur Chefsache gemacht und nicht vom Kanzleramt aus geführt zu haben.
Die Kanzlerkandidatin der Grünen Baerbock warf der Regierung vor – in der Debatte am 25. August im Bundestag (hier) –, sie habe “innenpolitische Motive höher gewertet … als unsere außenpolitische Verantwortung”.
Bemerkenswert war das Eingeständnis von Roderich Kiesewetter (CDU), dass die Ablehnung eines Antrags der Grünen vom 23. Juni im Bundestag – für eine “großzügige Aufnahme afghanischer Ortskräfte” – durch Union (und SPD) ein Fehler gewesen sei. Er schrieb auf Twitter am 15. August: “Es war ein großer und gravierender Fehler, den Antrag der Grünen - aus Prinzip - abzulehnen. Punkt.”
Ein wichtiges Motiv für die Ablehnung des Antrags dürfte die Angst davor gewesen sein, dass das Thema “Flüchtlinge” im Wahlkampf auf die Agenda kommt. Der Kanzlerkandidat der Union Laschet sagte in diesem Sinne am 16. August nach einer Sitzung des CDU-Präsidiums, die “Fehler von 2015” dürften nicht wiederholt werden (FAZ hier); mit anderen Worten, eine Flüchtlingswelle müsse verhindert werden.
Mit den immer schockierenden Bildern vom Flughafen in Kabul trat jedoch rasch eine andere Stimmung öffentlich in den Vordergrund: nicht Abwehr von Flüchtlingen, sondern Mitleid, und die Sorge um das Leben der von den Taliban bedrohten Menschen. Das Bemühen, möglichst viele Bedrohte möglichst schnell aus dem Land zu bekommen, wurde nun zur Priorität.
Zugleich wurde auch die Kritik an den USA immer schärfer: am Abzug selbst wie am Management des Abzugs (siehe etwa SZ hier).
Es gab es aber auch viele selbstkritische Stimmen. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Europäer keinen ernsthaften Versuch unternommen, durch eigene Initiativen den amerikanischen Abzug zu bremsen oder anders zu gestalten, oder aber der afghanischen Regierung militärischen Rückhalt anzubieten.
In einem Interview mit der Zeit hat der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Norbert Röttgen (CDU) erklärt, Berlin hätte “versuchen müssen, die amerikanische Politik zu beeinflussen”. Die Bundesregierung habe den amerikanischen Entschluss zum Abzug für falsch gehalten, sich aber zugleich der Rückzugsentscheidung angeschlossen. Berlin hätte “mit den europäischen Partnern überlegen müssen, was unsere Optionen sind, um die fatalen Folgen der amerikanischen Fehlentscheidungen abzumildern. Die Europäer hätten der afghanischen Regierung wenigstens mit Rat, Logistik und Material zur Seite stehen können.”
Immerhin: Die britische Regierung hat offenbar versucht, die anderen Europäer zu einer Initiative zu bewegen, aber ohne Ergebnis. Die FAZ schätzt den britischen Vorstoß allerdings als wenig ernsthaft ein: “Angeblich hat die Regierung versucht, nach der amerikanischen Rückzugsentscheidung eine eigene Koalition für Afghanistan auf die Beine zu stellen, ein Vorstoß, der nicht zuletzt an Paris und Berlin gescheitert sein soll. Aber Fachleute bezweifeln, dass Johnson das Vorhaben wirklich mit Nachdruck betrieben hat.”
Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hat am 9. August argumentiert, dass es zum Abzug keine realistische Alternative gab – angesichts der Stimmung in Deutschland: “Das unselige Abkommen von Trump mit den Taliban war der Anfang vom Ende. Aber es hat auch dazu geführt, dass die Taliban zumindest für eine Weile gegen unsere internationalen Truppen stillgehalten haben.
Jetzt schlagen die Taliban wieder mit voller Härte zu - das hätten sie auch getan, wenn wir noch im Land wären. Wer die Taliban dauerhaft besiegen will, müsste einen sehr harten und langen Kampfeinsatz führen.
Sind Gesellschaft und Parlament dazu bereit, die Bundeswehr in einen Krieg zu schicken und mindestens eine weitere Generation lang mit vielen Truppen dort zu bleiben? Wenn wir das nicht sind, dann bleibt der gemeinsame Abzug mit den Partnern die richtige Entscheidung.”
In einer Rede zu Afghanistan hat Kramp-Karrenbauer dieses Argument weiter ausformuliert:
“Wäre zum Beispiel Anfang dieses Jahres im Deutschen Bundestag eine Mehrheit der Abgeordneten dazu bereit gewesen, die Hand dafür zu heben, den Einsatz in Afghanistan wieder in hoher militärischer Intensität auf unabsehbare Zeit durchzuführen, möglicherweise wieder mit deutschen Gefallenen? Hätte die Breite der deutschen Gesellschaft einen solchen Einsatz mitgetragen? Hätten Medien, Öffentlichkeit und soziale Netzwerke eine breite und unterstützende Diskussion dazu geführt? Wären alle diejenigen, die sich jetzt so vehement für Afghanistan engagieren, dazu bereit gewesen, einen solchen langen, harten und wahrscheinlich auch verlustreichen Einsatz zu unterstützen? Wenn wir diese Fragen nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten können, dann sollten wir mit Blick auf andere Nationen, gerade auch mit Blick auf Amerika, mit Vorwürfen zurückhaltend sein.”
Eine weiterer Kritikpunkt war die fehlende Vorausschau: nicht wenige hatten vor einem möglichen schnellen Vormarsch der Taliban gewarnt, doch die Bundesregierung ging von einem eher optimistischen Szenario aus (siehe etwa einen ZDF-Bericht hier). Zur Verteidigung dieser Position brachten der Außenminister (unter anderem im Spiegel hier) und die Kanzlerin (in der Bundestagsdebatte zu Afghanistan am 25. August hier) vor, sie hätten sich mit ihrer Bewertung der Lage in Afghanistan im Einklang mit den Alliierten befunden; die internationale Gemeinschaft insgesamt habe sich getäuscht.
Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer hat dem Spiegel zufolge in einem Schreiben an den Verteidigungsausschuss des Bundestags eingeräumt: “Unsere Lageeinschätzung war falsch, unsere Annahmen über die Fähigkeiten und die Bereitschaft zum afghanischen Widerstand gegen die Taliban zu optimistisch”.
Das Thema Afghanistan dürfte bald wieder aus den Schlagzeilen verschwinden; dennoch wird es die außenpolitische Community noch lange beschäftigen.
Zum einen war Afghanistan über viele Jahre die “gute”, “richtige” militärische Intervention, bei der man humanitäre Werte und liberale Interessen verteidigte – im Gegensatz zum Irak, der “falschen” Intervention. Die deutschen Grünen spielten mit Außenminister Fischer gerade in den Jahren 2001 bis 2005 bei der Gestaltung der westlichen Afghanistanpolitik durchaus eine Rolle. Auch für Obama, der sich durch seine Irak-Kritik profiliert hatte, war Afghanistan der “gute” Krieg – weshalb er sich in seiner ersten Amtszeit zur “surge”, zur Truppenaufstockung entschied (gegen den Rat seines Vizepräsidenten Biden).
Mit dem schnellen Siegeszug der Taliban wird der fast zwanzigjährige Einsatz jetzt durch sein Ende als Niederlage definiert. Hätte die afghanische Regierung zumindest Teile des Landes, insbesondere die Hauptstadt Kabul, für eine gewisse Zeit halten können, hätte womöglich sogar eine Machtteilung erzwingen können, so hätte der Westen den Afghanistaneinsatz wenigstens als Teilerfolg ansehen können.
Doch mit dem überdeutlich klaren, schockierenden Triumph der Taliban wird all das, was der Westen im Land in zwei Jahrzehnten versucht hat, zwangsläufig zu einer Geschichte des Scheiterns. Der Aufbau eines freiheitssichernder Staats, einer liberalen Bürgergesellschaft, einer florierende Wirtschaft, insbesondere auch einer schlagkräftige Sicherheitsstruktur mit einer Armee, die den Taliban überlegen wäre – all das hat zwar zeitweise gewisse Früchte getragen, sich aber nicht nachhaltig durchgesetzt.
Nicht nur der Einsatz für “Staatsbildung” in fragilen Regionen ist durch die Erfahrung Afghanistan diskreditiert, auch die gerade in Deutschland so beliebte “Ertüchtigung”, insbesondere das Training von Soldaten in Krisenregionen ist fragwürdig geworden. Macht es wirklich Sinn, in einem Land ohne stabile politische Strukturen Sicherheitskräfte zu trainieren, und sie mit Waffen auszustatten? Was ist, wenn die Ausgebildeten die Seite wechseln, und wenn die radikalen Gegner zudem in den Besitz der vom Westen gelieferten Waffen kommen?
Solche Fragen sind politisch ummittelbar relevant: für deutsche und europäische Missionen in Afrika, insbesondere auch für den Fall Mali, der auch im Lichte der Erfahrungen in Afghanistans in Zukunft vermutlich deutlich kritischer gesehen werden wird.
Die andere Frage, die die außenpolitische Community beschäftigen dürfte, lautet: Was bedeutet die Niederlage in Afghanistan für den Wettbewerb der Mächte? Ist die westliche Niederlage in Afghanistan ein Gewinn für China und Russland?
Nicht unbedingt. Kadri Liik vom ECFR zufolge sehen viele Beobachter in Moskau den US-Abzug aus Afghanistan als einen vernünftigen Schritt Washingtons, sich eines Problems zu entledigen, um sich künftig auf die wirklich wichtigen Prioritäten konzentrieren zu können.
Die derzeitige Haltung Moskaus gegenüber Afghanistan ist durch Abwarten charakterisiert. Nachdem man anfänglich die Machtübernahme der Taliban begrüsste, hat man sich dann doch auch für eine Evakuierungsoption aus Kabul entschieden, berichtete die FT am 25. August. Am 26. August hat ein Kremlsprecher erklärt, man würde genau beobachten, wie sich die Sicherheitslage im Land entwickelt.
China, von vielen als die kommende starke Macht in Afghanistan gesehen, ist ebenfalls keineswegs glücklich mit dem Sieg der Taliban.
Andrew Small (ECFR/GMF) zufolge ist Peking besorgt über islamistischen Extremismus in Afghanistan. Man will sich aber selbst nicht im Land ernsthaft engagieren: Afghanistan gilt als “eine Falle, die smarte Großmächte vermeiden”. Echtes ökonomisches Engagement werde es nur geben, wenn es nachhaltige Sicherheit im Lande gebe, und das sei derzeit nicht in Sicht.
Der chinesische Präsident Xi hat seine Erwartungen an die Taliban formuliert, berichtet Politico:
  • eine “offene und inklusive” politische Struktur, welche die verschiedenen Gruppen zusammenbindet;
  • “moderate und vernünftige” Innen- und Außenpolitik;
  • klare Distanzierung von allen Terror-Gruppen;
  • “freundliche Beziehungen” zum Rest der Welt, insbesondere gegenüber Nachbarländern.
Peking ist zudem besorgt, dass der amerikanische Abzug aus Afghanistan bedeutet, dass sich die USA jetzt auf den Wettbewerb mit China konzentrieren. Peking habe, so Small, die beiden letzten Jahrzehnte als Gelegenheit für sich gesehen, weil US-Politiker von China abgelenkt waren, zumeist durch Ereignisse im “greater Middle East”. Mit der Aufgabe der Verantwortung für Afghanistan könne sich Amerika jetzt auf den Wettbewerb mit China konzentrieren.
Mehr zum Thema China und Afghanistan: “What does the U.S. withdrawal from Afghanistan mean for China?” ChinaFile hier
Wie sich diese Beziehungen zu Afghanistan entwickeln, hängt allerdings in erster Linie davon ab, wie sich die Herrschaft der Taliban entwickelt. Werden die Taliban überhaupt in der Lage sein, das Land zu verwalten und zu regieren? Bewegt sich das Land in Richtung harte islamistische Autokratie, oder in Richtung Chaos?
Der außenpolitische Sprecher der Grünen Omid Nouripour sieht, im Interview mit dem ECFR, drei kommende Konfliktlinien in Afghanistan:
  • Die Taliban werden Mühe haben, völlige Kontrolle über das Territorium zu gewinnen; sie werden mit vielen Formen von Widerstand konfrontiert sein.
  • Es wird Konflikte innerhalb des dschihadistischen Lagers geben. Wenn der gemeinsame Feind verschwunden ist, werden die internen Konflikte in den Vordergrund treten. Dazu kommt der Kampf gegen den IS.
  • Hinzu kommt das hohe Risiko von Stellvertreterkriegen auf dem afghanischen Territorium. Mächtige Nachbarn – Iran, Pakistan, Russen, Chinesen – beobachten die Aktivitäten der anderen sehr genau. Wenn etwa Pakistan stärker interveniert, ist eine Reaktion Indiens wahrscheinlich.
Lesenswert zu Afghanistan:
Surprise, panic and fateful choices: The day America lost its longest war, Washington Post hier
Timeline der wichtigsten Etappen des Afghanistan-Kriegs, CFR hier
Chris Chivis, Thread zu USA und Afghanistan hier
Kate Clark, The Taleban’s rise to power: As the US prepared for peace, the Taleban prepared for war, Afghan Analysts hier
Fredrik Logevall, How America lost its way in Afghanistan, New York Times hier
Julian Borger, After 20 years and $2tn spent in Afghanistan, what was it all for?, Guardian hier
Stephen Walt, The Biden doctrine will allow America to focus on bigger goals, Financial Times hier
The fall of the Afghan government and what it means for Europe, ECFR hier
Interview mit dem Afghanistan-Experten Thomas Ruttig, FAZ hier
Christoph Heusgen, Germany and Afghanistan: Time to ditch bad governments, not good governance, ECFR hier
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Merkels Abschiedsbesuche in Moskau und Kiew. Gegen Ende ihrer Amtszeit war es der Kanzlerin offenbar ein zentrales Anliegen, zwei Orte zu besuchen, die für ihre Außenpolitik große Bedeutung hatten. Am 20. August war sie in Moskau, am 22. August in Kiew.
Das Russland-Problem dominierte und prägte die deutsche Außenpolitik in den Merkel-Jahren immer wieder: vom russisch-georgischen Krieg 2008 über den russischen Angriff auf die Ukraine 2014 bis hin zu den Verwerfungen wegen der russisch-deutschen Pipeline Nord Stream 2. Hinzu kam ein steter Strom an deutschen Bemühungen, dazu beizutragen, dass sich Russland in liberalere oder wenigstens weniger aggressive Bahnen bewegen würde, sowie auf Nato-Ebene die Bemühungen um Verteidigung und Abschreckung gegenüber Russland. Russland war auch permanent ein Thema der Innenpolitik, wo die Kanzlerin stets navigieren musste zwischen den Kräften, die dem Kreml vor allem Zugeständnisse machten wollten, und denjenigen Kräften, die auf entschlossenere Haltung gegenüber Moskau drängten. Und Russland war zudem immer wieder ein zentrales Thema im Verhältnis zu den USA, wobei Merkel bemüht war, eine Kompromisslinie zu finden. Manchmal gelang es, wie beim Nato-Versprechen von 2008, Georgien und die Ukraine irgendwann den Zugang zu ermöglichen; manchmal gelang es nicht, wie bei Nord Stream 2.
Dass Merkel im deutschen Spektrum eher zu den Kreml-Skeptikern gehörte, dass sie sich erheblich für die Ukraine einsetzte, jedenfalls in der heißen Phase der russischen Aggression 2014/15, und dass sie permanent auch für die russische Opposition eintrat (zuletzt mit dem Ausfliegen des vergifteten Oppositionellen Navalny im August 2020 nach Deutschland) – all das droht von ihrem robusten Einsatz für die russisch-deutsche Pipeline Nord Stream 2 überschattet zu werden.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Präsident Putin am 20. August (hier) kam Merkel früh und deutlich auf Navalny zu sprechen: “Ich habe gegenüber dem russischen Präsidenten noch einmal die Freilassung von Alexej Nawalny gefordert und auch deutlich gemacht, dass wir an der Sache dranbleiben werden.”
Zweiter Schwerpunkt: die russisch-ukrainische Energiebeziehungen: “Wir haben mit dem russischen Präsidenten darüber geredet, dass wir mit Graf Waldersee noch einmal einen erfahrenen Verhandler benannt haben, um darüber zu sprechen, dass auch der Transitvertrag für die Ukraine über das Jahr 2024 hinaus verlängert werden kann und soll und dass wir uns bei allen wirtschaftlichen Grundlagen, die dabei natürlich auch zu beachten sind, auch hierfür verantwortlich fühlen.”
Und der Konflikt im Donbas: “Wir haben über die Situation hinsichtlich der Ukraine gesprochen. Das Normandie-Format ist das einzige politische Format, das wir zur Verfügung haben, um die Streitthemen miteinander zu diskutieren. Hier ist im Augenblick eine Stagnation eingetreten. Leider sterben immer wieder auch ukrainische Soldaten an der Kontaktlinie. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, alles daranzusetzen, eine Belebung zu erreichen.”
Zwei Tage später, am 22. August, der Besuch in Kiew. Zu Beginn ihres Statements bei der Pressekonferenz mit Präsident Selensky sagte Merkel, sie wolle “deutlich machen, dass Deutschland in der Ukraine bilateral sehr breit engagiert ist, weil wir den mutigen und reformorientierten Weg unterstützen wollen.”
Zu den Energiebeziehungen zwischen Russland und Ukraine sagte Merkel: “Ich habe mit dem russischen Präsidenten darüber gesprochen, dass wir den Vertrag, der nur bis 2024 gilt, möglichst schnell verlängern. Auch die Ukraine hat hierzu Vorstellungen. Wir werden auch mit dem Unternehmen sprechen. Wir werden vor allen Dingen auch mit den Partnern in Europa sprechen.”
Und: “Wir sind uns mit den Amerikanern über die Erklärung einig, dass Gas nicht als geopolitische Waffe benutzt werden soll. Das wird sich auch in der Frage niederschlagen, ob es zu einer Verlängerung des Vertrages über den Transit durch die Ukraine kommt. Je schneller das geschieht, umso besser ist es.”
Zum Konflikt im Donbas sagte Merkel: “Wir haben dann natürlich über das Normandie-Format gesprochen. Man muss ehrlich sagen, dass wir nicht so vorankommen, wie wir es uns wünschen. Leider finden die Treffen mit der Kontaktgruppe nicht in der entsprechenden Art und Weise statt. Ich plädiere dafür, daran zu arbeiten, noch einmal ein Treffen auf der politischen Führungsebene, mit mir, dem französischen Präsidenten und natürlich dem russischen und dem ukrainischen Präsidenten, zu haben. Das würde uns nach meiner Auffassung Fortschritte bringen, wenn wir eine gute Agenda ausarbeiten können. Das sollen die Berater tun. Ich freue mich, dass auch Präsident Selensky dazu bereit ist. Darüber haben wir gesprochen.”
Bilanz einer Niederlage. Eher nebenher gestand die Kanzlerin bei der Pressekonferenz mit Putin ein, dass die Bemühungen um Liberalisierung Russlands – auf die gerade Deutschland so viele Hoffnungen gesetzt hatte – gescheitert sind: “In meiner Amtszeit haben sich sicherlich die politischen Systeme von Deutschland und Russland noch einmal weiter auseinanderentwickelt.” Daraus folgt, “dass wir auch viele kritische Fragen miteinander zu besprechen haben.” Trotz “großer Differenzen” sei es aber “gelungen”, den “Gesprächskanal” zwischen ihr und Putin “offenzuhalten”. “Manchmal haben wir dabei auch, glaube ich, ein bisschen etwas bewegen können.” 
Bei ihren Abschiedsbesuchen in Moskau und Kiew war Merkel allerdings längst eine “lame duck”; ob die Beziehungen zu Russland und zur Ukraine in den nächsten Jahren den von ihr bevorzugten Bahnen folgen wird, darauf wird die Kanzlerin wohl keinen Einfluss mehr haben. Um so wichtiger war es ihr offenbar, noch ein letztes Mal für ihre Position zu werben.
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Hintergrund, Analyse, Meinung
Luke Patey, Wind Wars. China is running full steam ahead in pursuit of leadership in the 21st century’s most important global industries, The Wire China hier
Tobias Bunde, Germany and the future of nuclear sharing, War on the Rocks hier
Joseph Bahout, Is Lebanon still redeemable?, IEMED hier
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Über die Morgenlage Außenpolitik
Die Morgenlage Außenpolitik, ein wochentägliches Briefing zur deutschen Außenpolitik, erscheint jeden Morgen vor 10.00 Uhr. Bis Ende Oktober 2021 ist der Bezug kostenfrei, ab 1. November wird das Abo zu einem moderaten Preis erhältlich sein. Bei Fragen oder Problemen bitte eine Email an morgenlageabo@gmail.com schicken.
Autor der Morgenlage Außenpolitik ist Dr. Ulrich Speck, der als Außenpolitik-Experte in Prag, Brüssel und Washington DC gearbeitet hat; zuvor war er als freier Autor und Redakteur in Frankfurt am Main tätig. Derzeit ist er Senior Visiting Fellow beim Berliner Büro des German Marshall Fund. 
Von 2010 bis 2020 hat Ulrich Speck eine außenpolitische Kolumne für die NZZ verfasst. Darüber hinaus sind seine Analysen in den letzten 20 Jahren in zahlreichen deutschen und internationalen Publikationen erschienen, unter anderem in der Financial Times, der New York Times, der Moscow Times, der FAZ, der Zeit, dem Merkur und der Internationalen Politik. Speck ist Mitherausgeber von Sammelbänden zur Revolution von 1848/49 (Insel 1998), zum Empire Amerika (DVA 2003) und zum modernen Antisemitismus (Suhrkamp 2004). Er wird regelmäßig zitiert zur deutschen Außenpolitik von der New York Times, vom Wall Street Journal, von Le Monde, vom Economist und anderen.
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Ulrich Speck

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