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Wer hat Angst vor Wohlfühlliteratur?

Kultur & Kontroverse
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Kultur & Kontroverse ist ein Newsletter, in dem ich über kulturelle Konflikte der Gegenwart schreiben möchte. Die spannendsten Konflikte finden heute im medienübergreifenden, oft digitalen Getümmel statt. Wer sich für Streitereien und Debatten über Bücher, Filme, Musik, Serien und viele andere Dinge, die uns entzweien, interessiert, der ist hier an der richtigen Stelle. Dieser Newsletter hat (noch) keine feste Form. Er ist mein Experimentierfeld für ein gegenwartsnahes Schreiben über Kultur. Ich freue mich, wenn ihr dabei seid.

In der Wohlfühlfalle
Vor einer Woche hatte ich in einem Tweet gefragt, woher eigentlich das Feindbild “Wohlfühlliteratur” kommt. Dieser Tweet hatte eine starke Resonanz und es wurde auch, teilweise hitzig, diskutiert. Aber was ist eigentlich „Wohlfühlliteratur“? Es handelt sich um einen Kampfbegriff, der in den letzten Jahren immer mal wieder im Feuilleton verwendet wurde, meist dann, wenn es darum ging, ein Buch dafür zu loben, was es nicht ist. Über das Schreiben von Marleene Streeruwitz heißt es dann, es sei eine „Zumutung“, und das ist ein Lob, denn: „Wir wollen es gerne einfach, Lesen ist Konsumieren, aber: Nein, sagt dieses Buch, sorry, so leicht bin ich nicht zu haben, keine Wohlfühlliteratur nirgends.“
Über Daniela Kriens Die Liebe im Ernstfall schrieb eine Rezensentin: „Die Autorin stellt der Leserin hier keine Freundinnen zur Seite, wie es die Wohlfühlliteratur macht, die sich ja auch auf den Bestsellerlisten findet.“ Über einen Roman von Harald Martenstein wird anerkennend gesagt: „Gefühlte Nähe" ist keine Wohlfühlliteratur, und das ist auch gut so.“ Warum aber ist das gut? Weil hier „kitschfrei“, „mit „kaltem Blick“ und ohne „Sentimentalität“ erzählt wird.
Der Begriff kann auch dazu verwendet werden, Genreliteratur gegen ihr Genre zu verteidigen. Zum Beispiel so: „MacBrides Kriminalromane sind eben keine Wohlfühlliteratur. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.“ In diesem Fall soll das heißen, dass die Welt der Bücher „finster“ sei. Es fänden sich zwar komische Szenen, aber die seien von einer „brutaler Komik“, die – wie der Rezensent fast erleichtert feststellt – „eher verzweifelt als erheiternd“ wirken.
Das klingt auf den ersten Blick alles etwas vage, aber anhand der abseitigen ästhetischen Kategorie des „Wohlfühlens“ lassen sich tatsächlich große literaturgeschichtliche Konflikte auskämpfen. Gerade hat Moritz Baßler den Begriff „Wohlfühltexte“ in eine Debatte über den Status der Gegenwartsliteratur eingeführt. In seinem vieldiskutierten Essay „Der neue Midcult“ wird etwa über den Roman Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert gesagt, dass man bei der Lektüre „aus der Kuschelzone mythischer Wohlfühlselbstverständlichkeit hinausgeworfen wird.“
Midcult ist ein Konzept, das auf den Essayisten Dwight Macdonald zurückgeht, und von Umberto Eco theoretisch geschärft wurde. Er wird meist eingesetzt, um Kunst zu überführen, die sich den Anschein von Hochkultur gibt, aber eigentlich Kitsch ist - Kunst, die nach Arbeit aussieht, ohne Arbeit zu machen. Und um Arbeit scheint es dabei zu gehen, denn der Status echter Kunst definiert sich, wenn ich das richtig verstanden habe, durch ihre Sperrigkeit, die den Rezipient*innen etwas abverlangt. Damit verbunden ist dann die Angst, eine bestimmte Kunst könnte sich den Status echter Kunst nur erschwindeln. Diese Vorstellung findet sich auch in der feuilletonistischen Verwendung des Wortes „Wohlfühlliteratur“ wieder. In einer Rezension zu Sally Rooneys Gespräche mit Freunden wird angesichts des populären Erfolgs der Autorin die Frage aufgeworfen,
„ob das nicht einfach Wohlfühlliteratur für ein arriviertes Publikum ist. Und ob man da nicht einfach nur einer sehr gut gemachten intellektuell-literarischen Hochstapelei aufgesessen ist. Geht es da, bei allem Vergnügen, nicht einfach um ein Hype-Phänomen wie eine dieser sehr guten Serien, die vor allem dadurch gewinnen, dass sie ihre Konsumenten sich schlau und weltgewandt vorkommen lassen?“
Das alles ist, zur Erleichterung der Rezensentin, zwar nicht der Fall, aber das Zitat macht deutlich, dass der populäre Erfolg eines Buches zunächst einmal auch die Angst erzeugt, man könnte auf Midcult hereingefallen sein. Man war gar nicht wirklich schlau und weltgewandt, sondern ist einer Fälschung für das bildungsbürgerliche Segment aufgesessen. Zu heftiges Wohlfühlen ist also ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.
Wohllfühlliteratur als Feindbild hat eine lange Tradition. Die Theoriegeschichte der modernen Literatur lebt auch von der Angst, die Literatur könnte nicht anstrengend genug sein. Man hat aber den Eindruck, dass sich inzwischen auch eine gewisse Gegenwehr manifestiert. Darum geht es auch in Baßlers Essay, der analysiert, wie sich bestimmte, vor allem digitale Geschmacksgemeinschaften inzwischen (teilweise aggressiv) dem Anti-Wohlfühl-Verdikt der etablierten Kritik entziehen, und sich auch nicht mehr die Abwertung gefallen lassen wollen, die damit einhergeht. Zuletzt ließ sich während der Pandemie ein gewisser Wandel in der Bewertung von Konzepten wie comfort binge beobachten – Rezeptionsformen also, die auf das Versenken, Weltflucht, Genuss angelegt sind. Es wird interessant zu beobachten, ob im Konflikt um die angemessenen ästhetischen Kategorien vielleicht auch irgendwann das „Wohlfühlen“ als Wirkungseffekt rehabilitiert wird.
Johannes Franzen
Woher kommt eigentlich das Feindbild "Wohlfül-Literatur" (bzw. Wohlfühl-Irgendwas)? Ich z.B. fühle mich gerne wohl.
Twitter wird verfilmt
Die ängstliche Frage, ob das Internet überhaupt angemessene literarische Formen hervorbringen kann, lässt sich inzwischen mit einem beruhigenden Ja beantworten. Im Sommer dieses Jahres kam Zola in die Kinos. Dieser Film beruht auf einem Twitter-Thread. Darin erzählt Aziah „Zola“ King von einem Wochenende mit einer Stripper-Kollegin, das schnell zu einer grotesken Katastrophe eskalierte. Der Rolling Stone machte daraus eine Geschichte, die den Titel trug: „The Real Story Behind the Greatest Stripper Saga Ever Tweeted“. Von hier aus nahm die Geschichte dann ihren Weg zur hochkarätig besetzten Verfilmung. Eine Frage, die ich mir in diesem Kontext gestellt habe, war: Wann werden die ersten Menschen darüber klagen, dass die Verfilmung dem Thread nicht gerecht wird?
Es hat immer ein Konfliktpotential, wenn aus Games Filme, aus Romanen Comics, oder aus Comics Filme werden. Dahinter steht die Angst, dass mit der medialen Verwandlung der Verlust von Aspekten einhergeht, die die Seele des Mediums ausmachen. Wird der Film „Zola“ dem Charakter des Threads gerecht? Was würde den konkreten ästhetischen Wert eines Threads – im Gegensatz zu anderen Formen des Erzählens – überhaupt ausmachen? Im Fall von „Zola“ wäre das gar nicht so leicht zu beantworten, denn mit fast 150 Tweets handelt es sich um ein vollkommen überdimensioniertes Exemplar der Textsorte, das wirklich überhaupt nicht repräsentativ erscheint. Stattdessen zeigt sich an der Geschichte dieses Threads eher ein anderes Problem intermedialer Übertragung: Es werden zunächst die Phänomene in den Bereich der etablierten Kunst integriert, die am meisten dem entsprechen, was sich die Gatekeeper in diesem Bereich unter Kunst vorstellen. Ein 150 Tweets langer Thread hat da natürlich bessere Chancen. Die Frage wäre allerdings, wann es dann soweit ist, dass ein schlanker 200 Zeichen Shitpost verfilmt wird?
Wer lebt von der Kunst?
In einem Interview im Deutschlandfunk Kultur führt die Musikerin Balbina Beschwerde darüber, dass Streaming Dienste während der Pandemie viel Geld verdient haben, während die Künstler*innen, die kaum Konzerte geben konnten, teilweise in existenzbedrohliche Situationen geraten sind. Die Klage ist bekannt und verweist auf das traditionelle Problem, dass es immer Menschen gibt, die mit Kunst ihren Lebensunterhalt verdienen können, dass diese Menschen aber selten diejenigen sind, die die Kunst machen. Man könnte eine ganze Kulturgeschichte dieser Klage schreiben, die sich gegen das gute Geschäft der Vermittler von Kunst richtet: von den Verlagen für Literatur, über die Produktionsfirmen für Musik bis hin zu Plattformen für digitalen Content. Es geht dabei um Macht, aber auch um kulturelle Geltung: „Wir können uns“, sagt Balbina, „gegenüber den Plattformen, die dieses Geschäftsmodell etablierten, überhaupt nicht mehr behaupten.“ Über das Leid der Künstler als Content Creator in der Gegenwart hat William Deresiewicz im letzten Jahr ein ganzes Buch veröffentlicht, The Death oft he Artist. Darin werden einige Mythen genannt, die dazu geführt haben, dass das Nichtbezahlen von Künstler*innen immer noch so weit verbreitet ist. Dazu gehört zum Beispiel die sentimentale Heroisierung von Armut: „Die Armut des Künstlers wurde als glamourös angesehen, ein Zeichen seiner inneren Reinheit.“ („Artistic poverty was seen as glamorous, an outward sign of inner purity.”). 
Und noch ein guter Tweet über Literatur.
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Literaturwissenschaft, Themen: Skandal, Konflikt, Fiktion, Ethik. @taz @zeitonline @faznet, @54blog. #kulturundkontroverse

Kontakt: jfranzen@uni-bonn.de

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