Literarische Korruption hat es immer gegeben

#47・
Kultur & Kontroverse

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Kultur & Kontroverse ist ein Newsletter, in dem ich über kulturelle Konflikte der Gegenwart schreiben möchte. Die spannendsten Konflikte finden heute im medienübergreifenden, oft digitalen Getümmel statt.
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Macht die Digitalisierung uns zu nett?
Bei der Arbeit an einem Vortrag zum Thema „Der Autor als Influencer“ bin ich über einen Text aus dem Jahr 2012 gestolpert, in dem der Journalist Jacob Silverman die Befürchtung äußert, die digitale Öffentlichkeit könnte den literarischen Diskurs beschädigen. Die Digitalisierung literarischer Kommunikation habe nämlich zu einer „Epidemie der Nettigkeit“ („epidemic of niceness“) in der Online Buchkultur geführt. Silvermans Hauptbeispiel war die Autorin Emma Straub, die damals ihr Debüt Laura Lamont’s Life in Pictures noch gar nicht veröffentlicht, allerdings schon eine gewisse Popularität erlangt hatte. Silvermann suggeriert, dass dieser Popularitätsvorschuss sich daraus erklären lasse, dass die Autorin gut in Twitter sei. Ein Post etwa mit einem liebenswürdig versponnenen Bild und den Worten “Yours, in love with everyone, Emma” sei von vielen Akteuren der literarischen Welt geliked und geteilt worden. Diese Form von Nettigkeit sei allerdings, schreibt Silverman, ein Problem:
„Aber nehmen wir an, Sie sind Teil dieses Netzes von Schriftstellern, Literaturliebhabern, Literaturredakteuren und Lesern in der Welt der sozialen Medien, und Ihnen wird eine Rezension von Laura Lamont’s Life in Pictures zugewiesen. Was ist, wenn Sie es nicht mögen? Oder was, wenn es Ihnen gefällt, aber nicht uneingeschränkt? Sind Sie bereit, das zu sagen? Wären Sie bereit, Straubs Roman zu kritisieren, nachdem Sie ihr Leben im letzten Jahr in den sozialen Medien verfolgt haben - ja, nachdem Sie wahrscheinlich der Empfänger oder Bewunderer eines kleinen Wortes oder einer freundlichen Geste von Straub waren?“
Silvermanns polemisches Ziel ist deutlich: Die digitale Kommunikation mache aus dem literarischen Feld eine Gesellschaft ausgestellter gegenseitiger Bewunderung („mutual admiration society“). Wer nur ein wenig Zeit in dieser Bubble verbringe, der würde regelrecht belagert von Freundlichkeit, von einem unerbittlichen Enthusiasmus. Alle neue Bücher seien wundervoll, jeder sei der größte Fan jeder Schriftsteller*in. Dieser stände Applaus mache eine produktive kritische Auseinandersetzung mit neuen Büchern schwierig, habe eine abschreckende Wirkung auf Rezensent:innen.
Der Artikel ist ein interessantes Zeugnis aus der Geschichte der digitalen Öffentlichkeit, die von Anfang an von einer heftigen Skepsis begleitet wurde und wird. Die Angst vor einer Influencer-Literatur, die nur deshalb verlegt und verkauft wird, weil die Autor:in viele Follower hat, ist hier schon laut vernehmbar. Und auch die Klage über eine angeblich unkritische, auf reine Affirmation ausgelegte Buchkultur, die auf Instagram ihre Wohlfühlliteratur neben dampfenden Kaffeetassen ablichtet, hat man in den letzten Jahren immer wieder gehört.
Wenn die letzten Jahre aber eines gezeigt haben, dann dass Autor:innen und Kritiker:innen durchaus in der Lage sind, sich digitale die Köpfe einzuschlagen. Es zeigt vor allem die Verwirrtheit des kulturkritischen Diskurses, dass mit der Diagnose einer korrupten Nettigkeit die Diagnose einer Verrohung des öffentlichen Diskurses parallel läuft. Das Internet hat uns gleichermaßen zu schnurrenden Kätzchen gemacht, die nichts Hartes mehr über ein ästhetisches Artefakt sagen wollen, weil sie Angst haben, die Autor:in zu vergrätzen, und gleichzeitig zu rasenden Aficionados des Shitstorms, die über jedes neue Werk mit einer „Review Bomb“ herfallen.
Diese Medienkritik ist allerdings nicht nur verwirrt, sondern auch unhistorisch. Was Silvermann hier mit erhobenem Zeigefinger vorträgt, ist ein Problem, das weit in die modernen Literaturgeschichte hineinreicht: Literarischer Erfolg beruht eben auch auf nicht-literarischen Formen der Kommunikation. Literarische Korruption hat es immer gegeben. Wer sich darüber informieren möchte, was für hemmungslose Selbstvermarkter, Networker, Intriganten, Diplomaten in eigener Sache Autor:innen sein können, der sollte eine beliebige Biographie aufschlagen. Ich muss in diesem Zusammenhang an die erste Zeile eines Textes über Philipp Roth denken: „Mehr noch als der Realismus oder seine Konkurrenten ist der Karrierismus der dominierende literarische Stil in Amerika.“ Christian Lorentzen, der Autor des Textes, schreibt:
„Es ist eine einfache Tatsache, dass Romanautor:innen, Erzähler:innen und sogar Lyriker:innen sich dem Management ihrer Karrieren genauso widmen mussten wie dem Schreiben ihrer Bücher. Der Umgang mit Institutionen, das Auftreten in Porträts oder bei Fragerunden nach Lesungen, die Pflege der Leserschaft vor Ort, das Werben um Fans in den sozialen Medien, das Auftreten als guter literarischer Bürger unter Gleichgesinnten - ein gewisses Gleichgewicht dieser Elemente gehört heute zum Leben einer jeden jungen Autor:in.“
Die Digitalisierung macht nur einen Mechanismus extrem transparent, der schon immer existiert hat: Aufmerksamkeitsökonomie und Literatur stehen in einem gequälten Verhältnis, das immer den Verdacht offen lässt, dass jemand gar nicht gut schreiben kann, sondern nur ein Virtuose im Sichverkaufen ist. Wenn Silverman schreibt, die Sozialen Medien seien ein Ort, wo "jeder sich verkaufen muss”, dann beschreibt das im wesentlichen jede gesellschaftliche und kulturelle Institution. Kulturkritik, die diesen Umstand auf einen bestimmten Medienwandel schieben möchte, erzeugt eigentlich immer die nostalgische (und reaktionäre) Fiktion einer Zeit oder eines Ortes, wo das nicht möglich oder nötig gewesen ist. Hilfreich wäre aber eher ein gewisser kultursoziologischer Realismus.
Vergiftetes kulturelles Kapital
Um den Klaus-Michael-Kühne Preis, der seit 2010 für das beste Romandebüt vergeben wird, gibt es schon länger eine Diskussion. Dem Namensgeber des Preises (der Milliardär Klaus Michael Kühne) wird vorgeworfen, sich nicht ausreichend mit der Rolle seines Unternehmens zur Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat. Eine eingehende Analyse des Falles findet man hier.
Inzwischen haben zwei der dieses Jahr nominierten Autor:innen öffentlich bekannt gegeben, dass sie für den Preis nicht mehr infrage kommen. Die anschließende Debatte zwang das Unternehmen zu einer verschnupften Stellungnahme und hat dazu geführt, dass das Harbour Front Festival in Hamburg nun den Gönner gewechselt hat (was offenbar dann doch sehr schnell geht? Vielleicht wird kulturelles Kapital in Deutschland zu schnell und billig verkauft?) .
Was an der Geschichte besonders interessant erscheint, ist zunächst, wie ein Milliardär einen Preis von läppischen 10.000 Euro stiften kann und dafür mit viel kulturellem Kapital belohnt wird, wie dann aber dieses kulturelle Kapital ihm plötzlich in der Hand explodieren kann. Man muss davon ausgehen, dass über die schreckliche Vergangenheit des Unternehmens Kühne + Nagel aktuell weniger stark berichtet werden würde, wenn nicht das Prestige des Literarischen auf dem Spiel stehen würde. Man mag das unangemessen finden (Was es auch ist), aber offenbar besitzt das kulturelle Kapital, das an das Konzept des “Debütromans” gebunden ist, immer noch genug Wert, um Kühne jetzt eine schlanke Investition von ökonomischem Kapital teuer zu stehen zu bekommen.
Wie die Tauschbörse kultureller und ökonomischer Kapitalien für ihre Nutznießer zum Problem werden kann, zeigt übrigens auch der Fall der Sackler Familie und ihrem tödlichen Mäzenatentum.
Menschen werden immer noch angeschrien
Und noch ein weiterer Skandal erschüttert den Literaturbetrieb. In der taz wird darüber berichtet, dass der langjährige Leiter des internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) Ulrich Schreiber in der Kritik steht, weil er seine Mitarbeiter:innen aufs Übelste tyrannisiert haben soll:
“‘Machtmissbrauch in Form von direktem Anschreien, lautem, aggressivem, drohendem Umgangston’, ‘Abwerten, Bloßstellen und Ignorieren von Mitarbeiter*innen’ sowie ein ‘dauerhaft deutlich zu hohes, meist bis zum äußersten ausgereiztes Arbeitspensum in viel zu wenigen Arbeitsstunden“, lauten unter anderem die Vorwürfe.’”
Das klingt nun ziemlich übel und es ist gut, dass deswegen eine Debatte geführt wird. Es handelt sich um ein Thema, das gerade auch in anderen Bereichen verhandelt wird: Der Führungsstil innerhalb kultureller Institutionen, und wie dieser Führungsstil von bestimmten “(Genie-)Mythen der Kreativität legitimiert wird. Eine Diskussion um Claus Peymann etwa fand gerade vor kurzem statt. Und der Fall erinnert auch an den Skandal um einen Text von Bernd Stegemann aus dem letzten Jahr.
Zwangsdiskurs
Im Frühling wurde die Dokumentation “Der Fall Tellkamp - Streit um die Meinungsfreiheit” ausgestrahlt, die dem umstrittenen Autor und seinem Umfeld ein üppiges Porträt widmete. Jetzt berichtet Julia Encke in der FAS, dass einige der Protagonist:innen in diesem Film - wie Jana Hensel oder Ingo Schulze - gar nicht gewusst hatten, dass es sich um eine Tellkamp-Doku handelt. Sie waren davon ausgegangen, es handele sich um einen Film über “Dresden als Spiegel Ostdeutschlands”. Der Regisseur behauptet, das sei ursprünglich auch so geplant gewesen, allerdings habe sich die Ausrichtung des Films im Verlauf der Dreharbeiten verschoben. Selbst wenn das stimmt, muss man die narrative Dreistigkeit bewundern, mit der hier Menschen des öffentlichen Lebens zu Statisten in einer Geschichte gemacht wurden, von der sie absolut kein Teil sein wollten. Aber es scheint mir auch # für eine Zeit zu sein, in der man sich Diskurs nicht entziehen kann, ob man will oder nicht. Wer auf ein öffentliches Ereignis keine Lust hat, oder sich dazu bedeckt halten möchte, wird am Ende trotzdem hineingezogen.
Die guten Texte
TED-Talks als Propaganda einer Tech-Ideologie? Dieser Text aus dem Magazin Drift ist schon etwas älter, aber immer noch sehr gut.
Einen langen, faszinierenden Text über die Geschichte der “Chose your own adventure” Bücher? Findet man im aktuellen New Yorker.
Über einen Streit darüber, wer die koloniale Raubkunst bekommen soll, wenn sie zurückgegeben wird, kann man hier einen spannenden Essay lesen.
Und: ein Song.
Die guten Tweets
Tim X. Price
I liked Blade Runner, but it would have been better if Edward James Olmos had turned to the screen at the end and said, “In a way, the replicants were more human than the people who made and hunted them. Much to consider.”
Jonas Lübkert
Es ist nur ne Debatte, wenn es aus der französischen Debaté-Region kommt. Sonst ist es nur Hickhack
Tamoor Hussain
White people always fucking up any non-Caucasian names but the moment they start talking about Lord of the Rings they’re rolling their Rs and nailing names with accents, umlauts, and hyphens in them like their lives depended on it.
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Literaturwissenschaft, Themen: Skandal, Konflikt, Fiktion, Ethik. @taz @zeitonline @faznet, @54blog. #kulturundkontroverse

Kontakt: jfranzen@uni-bonn.de

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