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Aufmerksamkeitsökonomie des offenen Briefs

Kultur & Kontroverse
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Kultur & Kontroverse ist ein Newsletter, in dem ich über kulturelle Konflikte der Gegenwart schreiben möchte. Die spannendsten Konflikte finden heute im medienübergreifenden, oft digitalen Getümmel statt.
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Unterzeichneritis
Seit einiger Zeit fliegen wieder die offenen Briefe hin und her, dass es eine wahre Freude ist. Für besonderes Aufsehen sorgte gerade ein Brief, der in der “Emma” veröffentlicht wurde, und in dem eine Reihe von Personen des öffentlichen Lebens sich dagegen aussprachen, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Der Brief hat viel Kritik auf sich gezogen, aber vor allem dafür gesorgt, dass die Unterzeichnenden seit Tagen durch alle Medien des Landes tingeln. Höchste Zeit also, sich einmal mit der eigentümlichen Ökonomie des offenen Briefes zu beschäftigen.
Moritz Hürtgen
Erst wenn alle Erstunterzeichner in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow waren, darf man einen offenen Brief zu den Akten legen
Irritierend an öffentlichen Briefen erscheint zunächst die Sorglosigkeit, mit der offenbar manche Intellektuelle zum Füller greifen - eine Sorglosigkeit, die teilweise in Wahllosigkeit auszuarten scheint. Zu den Unterzeichner*innen des “Emma”-Briefes gehört auch Alexander Kluge, bei dem ich zumindest vermutet hätte, dass er vorerst keinen offenen Brief mehr unterzeichnen würde, nachdem ihm vor knapp zwei Jahren etwas ziemlich Peinliches passiert ist. Damals kursierte ein wirklich auf den ersten Blick ziemlich windiger anmutender “Appell für freie Debattenräume”, den dann pflichtschuldig auch sofort das Who-is-Who der Menschen, die momentan auf allen Kanälen beklagen, dass sie nichts mehr sagen dürfen, unterzeichnet (etwa Dieter Nuhr, Boris Palmer, Harald Martenstein etc.).
Auch Alexander Kluge fand sich auf der Liste, zog aber seine Unterschrift nach einem Anruf der “Süddeutschen Zeitung” wieder zurück. Er hatte den Brief offenbar mit einem anderen offenen Brief amerikanischer Intellektueller verwechselt (Letter on Justice and Open Debate), der kurz zuvor in Harper’s Magazine erschienen war, und den unter anderem Margaret Atwood unterschrieben hatte. In der SZ heißt es dazu:
“Etwas eigenwillig ist der Fall des Filmemachers und Autors Alexander Kluge. Er sagt am Telefon, ihm sei der Appell von einer Mitarbeiterin vorgelegt worden, mit der Bemerkung, es handele sich um eine gute Sache. Als er gehört habe, dass Margaret Atwood unter den Erstunterzeichnern sei, habe er seine Zustimmung gegeben. Margaret Atwood aber hat den Appell gar nicht unterschrieben, sondern den Brief des Harper’s Magazine, der diesem Appell als Vorbild diente - weshalb Kluge ankündigt, seine Unterschrift zurückzuziehen.”
Das macht nun nicht den Eindruck, als hätte Kluge die Geste der moralischen Investition, die das Hergeben des eigenen Namens bedeutet, wirklich reflektiert. Stattdessen wird eine Mitarbeiterin vorgeschoben, die den offenen Brief “vorgelegt” habe wie eine Spesenrechung oder ein Reisekostenformular. Diese seltsame Beiläufigkeit verzichtet darauf, mit zwei Klicks in Erfahrung zu bringen, wer überhaupt die Initiatoren dieses Briefs sind (SZ: “bekannte Köpfe der rechtskonservativen Infosphäre”) und in welche Gesellschaft man sich gebracht hat.
Der Fall Kluge ist in dieser Hinsicht vor allem deshalb interessant, weil er ausnahmsweise zugegeben hat, sich nicht richtig informiert zu haben. Das scheint aber auch - obwohl man es nie zugeben würde - für viele andere zu gelten. Die wahllose Unterzeichneritis ist eines der Grundmerkmale des Intellektuellenhabitus der Gegenwart. Das liegt vor allem daran, dass offene Briefe eine wichtige aufmerksamkeitsökonomische Funktion erfüllen. Wer auf der Liste steht, gehört zum Kanon derjenigen, die im Diskurs ihre Stimme erheben können. Er bringt sich in die Gesellschaft anderer wichtiger Menschen (z.B. Margaret Atwood) und partizipiert so an deren kulturellem Kapital. Zudem wird die eigene Sichtbarkeit erhöht, der eigene Name erklingt und wird dadurch einprägsamer. Das ist für eine Kultur, in der die “Name Economy” vorherrscht, ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Gleichzeitig ist ein bereits bekannter Name auch ein Anreiz für andere, zu unterschreiben, und so setzt sich die Selbstbestätigung des Prestiges fort.
Das heißt nicht, dass jeder offene Brief sich auf diese aufmerksamkeitsökonomischen Aspekte beschränken lässt. Es gibt auch Fälle, in denen die Unterzeichner*innen angegriffen und beschimpft werden, in denen die Unterschrift getätigt wird, obwohl die Unterzeichner*innen wissen, dass diese Entscheidung mit dem Verlust sozialen Kapitals verbunden ist. Der offene Brief steht in dieser Hinsicht in einer ruhmreichen Tradition, die von Emile Zolas “J'accuse” bis zur Resolution, mit der Autor*innen in der DDR gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierten. Diese Tradition stellt allerdings auch ein Problem dar, da sie einen einfachen Bezugspunkt bietet, auf den sich jeder Mensch, der wegen einer Unterschrift ein paar gemeine Tweets abbekommt, berufen kann.
Aus dieser Perspektive etwa lässt sich erklären, dass der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel in seinem obligatorischen Interview zu seiner Unterschrift des “Emma”-Briefes über den “Aufstand der antipluralistischen Moralisten” klagen kann: “Die erste Reaktionswelle auf Twitter war Hass, Verzerrung, Beleidigungen und vor allem Falschzitate, die dann viral gingen.” Es ist ein seltsamer performativer Widerspruch, wenn die Protagonist*innen eines offenen Briefes, der tausendfach in den etablierten Medien multipliziert wird und dessen Unterzeichner*innen sich danach in Dutzenden Medien äußern dürfen, über Anti-Pluralismus klagen, weil ihnen Menschen auf Twitter widersprechen.
Die Klage über die Reaktion gehört aber zur festen Choreographie des offenen Briefes. Hier versichern sich die Unterzeichnenden einerseits ihres Mutes, andererseits ihrer Relevanz. Gleichzeitig wird die Bühne bereitet für Essays, die die Meinungsfreiheit angesichts einer immer verrohteren Debattenkultur etc. In diesem Fall war es Hilmar Klute, der in der SZ mit strengen Worten der digitalen Öffentlichkeit eine Strafpredigt hielt.
“Man muss ihren Appell und dessen Begründung nicht gutheißen, jeder kann Argumente dagegen liefern, selbst jemand, der gegen Waffenlieferungen ist, kann dies tun. In vernunftgeprägten Zeiten wäre das auch geschehen. Man hätte Kritik geübt, auch heftig, aber man hätte die Kritisierten, über die im Netz und nicht nur da seit einigen Tagen Jauche ausgegossen wird, leben lassen. Jetzt wird der Begriff ‘Intellektueller’ so lange gegen das Licht gehalten, bis es wie ein Schmähwort aussieht.”
Das grundsätzliche Problem an solchen Einlassungen ist, dass sie komplett seltsam erscheint. Die “vernunftgeprägten Zeiten”, von denen hier die Rede ist, hat es nie gegeben. Und wer sich mit der Konfliktgeschichte des Begriffs “Intellektuelle” wirklich auseinandersetzen möchte, der sollte Dietz Berings “Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfworts” lesen. Die Zeit Heinrich Bölls, die von Klute als gute, weil vordigitale Debattenkultur genannt wird, war im Übrigen von einer diskursiven Brutalität geprägt, die heute schwer vorstellbar ist. Gegen Springer, rechte Politiker und den Meinungsmob hätten Böll heute wahrscheinlich vor allem Menschen auf Twitter verteidigt, aber who knows.
Offene Briefe dieser Art führen jedenfalls dazu, dass man mit recht wenig Aufwand als Stimme in einem Diskurs wahrgenommen und diskutiert wird. Man ist öffentlicher Intellektueller, ohne diese Identität grundsätzlich abstützen zu müssen (etwa durch einen Essay). Gleichzeitig fungiert die Unterschrift als Angebot, zu Interviews und Medienauftritten eingeladen zu werden. Für die Medien selbst bieten offene Briefe nämlich eine willkommene narrative Struktur, die über ein paar Tage oder Wochen aufmerksamkeitsökonomisch wertvollen Content liefert. Debatten sind in dieser Hinsicht spannende Geschichten, die sich wie von selbst erzählen und die sich darauf verlassen können, interessierte Rezipient*innen zu finden. Das führt bei den Unterzeichner*innen, die meistens im Aufmerksamkeitsbusiness tätig sind, zu einem äußerst lukrativen Mechanismus, den Samira El Ouassil in ihrem “Offenen Brief an den offenen Brief” eindrücklich zusammengefasst hat:
“Alice Schwarzer erklärte eine Stunde lange bei „Bild“-TV und (in weniger Zeit) beim Deutschlandfunk, außerdem im „Morgenmagazin“, wie du gemeint gewesen seist; Lars Eidinger erklärte auf drei Insta-Kacheln, was er persönlich ausgedrückt haben wollte, als er dich im Kollektiv unterzeichnete; Dieter Nuhr schrieb ein drei Normseiten langes Facebookposting darüber, was er nicht gemeint hat, als er dich unterschrieb; Harald Welzer erklärte im NDR-Hörfunk und bei Bayern 2, was deine eigentliche Intention gewesen sei, nämlich die Debatte revitalisieren und der Diskussion-Verengung etwas entgegen zu setzen; und Juli Zeh erklärt, du wurdest geschrieben, um zu äußerster Vorsicht zu mahnen.”
Die Königsklasse dieser Form der wundersamen Vermehrung von Aufmerksamkeit durch eine einfache Unterschrift, ist aber vielleicht ihr öffentliches Zurückziehen. Katja Lange-Müller durfte wenige Tage, nachdem sie den Emma-Brief unterschrieben hatte, in der SZ unter dem Titel “Es war ein Fehler” noch einmal ausgiebig darüber schreiben, wie es ihr mit all dem gehen würde: “Die Haltung, die in dieser Wortwahl, genauer in diesem Stil zum Ausdruck kommt, erschreckt und verstört mich heute.” Dieser Aussage wirkt irritierend, wenn das ‘damals’, auf das sich das ‘heute’ bezieht, kaum eine Woche zurückliegt. Sollte man einen solchen Akt nicht doch so stark überdenken, dass man ihn nicht direkt wieder zurücknehmen muss? Aber immerhin kann man so gleich einen weiteren Artikel hinterherschieben, in dem man die Entscheidung zur Unterschrift erklärt oder zurücknimmt, was natürlich wieder Interviewanfragen zur Folge hat.
Die Autorin hat übrigens 2019 auch die Petition “Schluss mit dem Gender-Unfug” des Vereins Deutsche Sprache unterschrieben (neben Kai Diekmann, Peter Hahne, Judith Hermann, Sibylle Lewitscharoff, Hans-Georg Maaßen, Monika Maron, Rüdiger Safranski oder Judith Hermann). Dessen Gründer Walter Krämer hat 2005 z.B. diese Verlautbarung veröffentlicht und auch ansonsten kann man eigentlich inzwischen wissen, um was für einen Verein es sich handelt. In diesem Fall wurde die Unterschrift allerdings nicht zurückgezogen, aber ein Artikel nachgeschoben, in dem gleich vorweg kritisiert wurde, “dass wir Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner befürchten mussten, von diversen medialen ‘Spaltpilzzüchtern’ sogleich abgeschoben zu werden in die eine finstere Ecke, wo wir uns dann gefälligst zu schämen hätten.”
Es handelte sich also um ein in jeder Hinsicht repräsentativen Vorgang. Ein offener Brief lädt dazu ein, die Gruppe der Unterzeichnenden mit einem medialen Forum in der Mitte des etablierten Diskurses auszustatten, wo sie sich dann darüber beklagen dürfen, dass sie in eine Ecke gestellt werden.
Ein gutes Webcomic
Cancel Culture schlägt wieder hart zu
Vielleicht erinnern sich ein paar Leser*innen, aber vor ein paar Wochen habe ich sachte die Hoffnung geäußert, dass man das Medienspektakel zum neuen Roman von Uwe Tellkamp vielleicht ausfallen lassen könnte. Jetzt erfahre ich, dass auf 3sat eine 5teilige (je 18 Minuten) Dokumentation über Tellkamp erscheinen wird, pünktlich zum neuen Buch. In der Ankündigung heißt es:
“Uwe Tellkamp und Susanne Dagen sind zu polarisierenden Figuren geworden. Nach vielen Streitgesprächen und offenen Briefen, gibt es nun kaum noch direkte Auseinandersetzung, stattdessen Schweigen, verhärtete Fronten. Wie konnte es passieren, dass ein einst diskussionsfreudiger Kreis Intellektueller die Streitkultur aufgegeben hat und nun nicht mehr miteinander debattieren kann?”
Dazu fällt mir jetzt auch nichts mehr ein.
Die guten Texte
Eine neue Serie über First Ladies scheitert an ihrer narrativen Struktur. Annika Brockschmidt schreibt auf 54books über die neue Dokumentation des rechtsradikalen Moderators Tucker Carlson, die wegen einer Szene, in der es um Testikelbräunung geht, für viel Spott gesorgt hatte. Um Tucker Carlson geht es auch in diesem Porträt in den “New York Times”, wo es unter anderem heißt: “In the years since, Mr. Carlson has constructed what may be the most racist show in the history of cable news — and also, by some measures, the most successful.” 
Und: ein Song.
Die guten Tweets
Gregor Weichbrodt
Was würde wohl die Nachtigall sagen, wenn ich die halbe Nacht vor ihrem Fenster „Scatman“ von Scatman John singen würde?😡
Valentin Ihssen
🥚 Der politische #Eierwurf: Eine kurze Protest-Geschichte in Bildern [1/9] 🧵 https://t.co/DCMrd5SvAm
Titus Blome
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