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Angst und Angstlust - Twitter brennt

Kultur & Kontroverse
Kultur & Kontroverse
Kultur & Kontroverse ist ein Newsletter, in dem ich über kulturelle Konflikte der Gegenwart schreiben möchte. Die spannendsten Konflikte finden heute im medienübergreifenden, oft digitalen Getümmel statt.
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Die besten Plätze auf der Titanic
Auf Twitter herrscht gerade eine Weltuntergangsstimmung, die sicher auch noch einmal den Gipfel dessen hervorbringt, wozu die Plattform fähig ist. Angst und Angstlust haben hier schon immer nah beieinander gelegen. Man fürchtet den Untergang einer geliebten Institution, und kann doch nicht aufhören, diesen Untergang begeistert zu beobachten. Man konsumiert die Art und Weise, wie Elon Musk die Plattform ruiniert, mit einer Mischung aus Entsetzen und der libidinösen Schadenfreude, die nur Twitter wirklich erzeugen kann. Es ist kein Wunder, dass es in den letzten Wochen viele Titanic-Memes gab.
Ben Crew
For those keeping track, Twitter is currently in the stage of the Titanic sinking where the band is continuing to play and Billy Zane is running around the ship with a gun https://t.co/ls2VvJ7IPb
Es wird die Aufgabe zukünftiger Medienhistoriker:innen sein, zu erklären, wie es soweit kommen konnte, dass ein obszön reicher Clown aus einer Laune heraus einfach einen wichtigen Teil der Öffentlichkeit kaufen konnte, um ihn jetzt - allem Anschein nach - in den Abgrund zu führen. Dieser Vorgang ist natürlich nicht ohne Vorläufer, wie die Geschichte mächtiger Zeitungsmagnaten oder Medienmogule zeigt. Aber in diesem Fall wurde nicht einfach nur ein Medium verkauft, sondern eine ganze Infrastruktur der Kommunikation, keine Zeitung, die im Kaffeehaus gelesen wird, sondern das ganze Kaffeehaus.
Die Art und Weise, wie dieser unglaubliche Vorgang auf Twitter kommentiert wird, bleibt in der Sprache digitaler Ironie verhaftet. Es gehört zum Habitus der Vieluser (Ich gehöre dazu), zwar ständig auf Twitter zu sein, darunter aber auch lautstark zu leiden. Die Rede ist oft von ‘unserer Höllenplattform’. Gemeint ist ein Ort, wo der unendliche Quatsch herrscht, die unnachgiebige Self-Promotion, die gnadenlosen Callouts. Kurzum, es handelt sich um Öffentlichkeit in ihrer reinsten Form. Und viele sind süchtig danach und kommen dort einfach nicht weg. Eine beliebte Aufforderung an Menschen, die es mit dem Blödsinn vielleicht übertrieben haben, ist dann auch, dass sie “das Fenster auf Kipp” stellen oder nach draußen gehen und “das Gras anfassen” sollen.
Dieses Sprachspiel des dauerhaften Leidens verschleiert die Tatsache, dass Twitter für die Menschen, die sich dort aufhalten, oft massive Vorteile hat. Politische Stimmen, die sonst nicht gehört werden, verschaffen sich dort Gehör. Communities, die sich nicht gefunden hätten, finden dort zusammen. Ein Tweet, in dem ich dazu aufgefordert hatte, wenigstens eine gute Sache über Twitter zu sagen, hatte fast 300 Antworten, darunter auch ehrlich emotionale Geschichten darüber, dass die Plattform ein Ort ist, wo man gute Freunde oder gar Partner:innen kennengelernt oder professionelle Durchbrüche erlebt hat. Oft wurde angedeutet, dass die Kommunikationsmöglichkeiten der Plattform auch durch die dunkleren Phasen der Pandemie geholfen hätten. (Hier gibt es ein fast nostalgisches Gespräch über Twitter im Kulturpodcast “Lakonisch Elegant” (Deutschlandfunk Kultur), wo ich auch mitsprechen durfte.)
Zwischenzeitlich hatte ich den Eindruck, dass die Selbsterzählung des Leidens an der Plattform bei manchen dazu geführt hat, etwas überhastet die Zelte abzubrechen. Das muss man natürlich respektieren, aber ich habe mich gefragt, ob wir nicht Gefahr laufen, auf das ironische Spiel mit dem Leid an der Plattform und der internalisierten Medienkritik hereinzufallen - und ob so nicht übereilig kommunikative Strukturen zerstört werden, die über Jahre aufgebaut wurden und viel Gutes gebracht haben. Das sollte zunächst einmal dazu führen, dass man noch stärker darüber nachdenkt, auf welche fragilen Fundamente in der Digitalisierung viele Communities und ganze kulturelle Archive aufgebaut wurden. Ich würde den Untergang Twitters jedenfalls als ziemliche Katastrophe empfinden - und das nicht nur, weil dadurch ein Teil meiner Forschung plötzlich seltsam anachronistisch erscheinen würde…
Johannes Franzen
Muss zur Zeit öfters an diese Stelle aus einem Aufsatz von mir denken, der wirklich gerade erst veröffentlicht wurde. https://t.co/wgzWowxpJ9
Währenddessen wandern immer mehr Menschen ab auf eine der Mastodon-Instanzen, so auch ich. Zu Mastodon, was es mit Twitter verbindet, was es von Twitter unterscheidet, ist in den letzten Wochen viel geschrieben worden. Kluge Texte gibt es etwa von Robert Heinze (hier) und Berit Glanz (hier). Mein persönlicher erster Eindruck ist bisher, dass ich noch nicht genug erlebt habe, um eine Meinung haben zu können. Aber ich schaue mir, was dort passiert, mit einem gewissen Optimismus an.
Gleichzeitig bemerke ich, zumindest vage atmosphärisch, auch einen gewissen Mastodon-Kitsch - eine Art der Indie-Selbstgerechtigkeit, die das böse Twitter, wo nur Hass, Häme und Konflikt herrschten gegen das liebe Mastodon ausspielt, wo man sich endlich wieder ordentlich unterhalten kann, ohne dass es nur um Distinktionsunterschiede geht.
Für jemanden wie mich, der von Anfang an auch für die Häme und Schadenfreude auf Twitter war, für den Reiz der Schaulust, den der tägliche Freakout und Meltdown erzeugt, die schiere Messyness und das lautstarke Handgemenge, die jede Öffentlichkeit eigentlich zu 90 Prozent ausmachen, klingt eine beruhigte WG-Küche als Plattform nicht sonderlich attraktiv. Gleichzeitig war es ein Exzess all dieser Dinge, der Twitter zuletzt oft auch unerträglich und existentiell bedrohlich gemacht hat.
Es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt. Messyness scheint sich auch auf Mastodon an allen Ecken aufzutun, etwa im Konflikt zwischen den Alten und den Neuen. Ob es gelingt, das Unmaß an Negativität, das die “Höllenplattform” Twitter oft zurecht bedrohlich wirken ließ, einzuhegen, darf man mit Spannung beobachten.
Auch dieser Newsletter unter den Opfern
Die Umbrüche in der digitale Welt ereilen übrigens auch diesen Newsletter. Gerade wurde bekannt gegeben, dass Twitter zum Jahresende seinen Newsletter-Dienst Revue, wo “Kultur & Kontroverse” erscheint, einstellt lol. Konkret bedeutet das, dass ich auf eine andere Plattform umziehen muss und nur hoffen kann, dass dabei nicht viele Abonennt:innen und mein Archiv verloren gehen. Ich würde die Leser:innen jedenfalls bitte, die Augen offen zu halten, ob der der Newsletter weiter kommt.
Prinzipiell muss man sagen, dass ich selber schuld bin, weil ich mich für ein lustloses Knock-off Produkt eines Großkonzerns entschieden habe, das allein die Funktion hatte, einen Aufsteiger (“Substack”) in seine Schranken zu verweisen. Dass diese Features hastig entworfen, inkompetent betreut und ohne Integrität verwaltet werden, konnte man schon an dem Fleets-Debakel beobachten. Ich habe Revue jedenfalls durchgehen auch als ärgerliche Plattform erlebt (die es etwa zu Beginn nicht geschafft hat, Mails an t-online Adressen zu senden). Insofern ist der erzwungene Neuanfang auf einer anderen Plattform vielleicht auch ein blessing in disguise.
Ein gutes Webcomic
Kriminalerzählungen der Gegenwart
Die zeitgenössische Kultur zeichnet sich durch einen großen Hunger nach Erzählungen von fiktiven und realen Verbrechen aus. So groß scheint dieser Hunger, so allgegenwärtig die multimediale Verbreitung und Rezeption dieser Narrative, dass man die Kriminalerzählung als eine, wenn nicht die Leitgattung der Gegenwart bezeichnen kann. Nicht nur die literarische Öffentlichkeit, auch eine namentlich an kulturwissenschaftlichen Forschungsperspektiven interessierte Literaturwissenschaft richtet seit längerem ihre Aufmerksamkeit auf dieses Genre.
So beginnt die Einleitung, die Sandra Beck und ich zu dem Sammelband geschrieben haben, der sich mit dem Thema “Kriminalerzählungen der Gegenwart” beschäftigt. In den spannenden Beiträgen geht es unter anderem um die Verantwortung der Krimi-Autor:in, um die Ethik von True Crime, um die Faszination mit einer Figur wie Fritz Honka, um historische Kriminalromane oder um makabre Kartenspiele. Der Band ist im Rombach-Verlag erschienen und kann hier komplett im Open Access heruntergeladen und gelesen werden.
Die guten Texte
Plötzlich schreiben die großen Regisseure (Tarantino, Herzog etc.) Romane. Was es damit auf sich hat, nimmt dieser Essay aus “The Drift” aufs Korn.
Diese lange Geschichte über einen Mord in der Gravel-Bike-Szene ist ein perfektes Beispiel für einen Text über etwas, das mich inhaltlich wirklich gar nicht interessiert, das aber so gut erzählt und so interessant kontextualisiert ist, dass ich es mit großer Spannung gelesen habe.
Dieser Text über den Showrunner der Serie “Yellowstone”, der vorgeworfen wurde, eine Red-State-Serie zu sein, gibt vor allem Einblicke in die Zeitgenössische Kreativ-Industrie und wie narrative Universen entstehen können.
Die guten Tweets
Moritz Hürtgen Parodie
Schriftsteller/innen küssen wie andere Wein trinken:

„Wir küssten uns. Er schmeckte nach überreifem Apfel, Haselnuss, dem Holz eines Stegs am zugefrorenen See, einem Hauch Zimt und und dem Sand der Sahara, den der Wind in diesem Winter zu uns nach Osnabrück getragen hatte.“
Chris Bakke
The layoff email from Twitter is the first email in history that should have been a meeting.
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Literaturwissenschaft, Themen: Skandal, Konflikt, Fiktion, Ethik. @taz @zeitonline @faznet, @54blog. #kulturundkontroverse

Kontakt: jfranzen@uni-bonn.de

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