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ESG report #23 I DIN-Norm für ESG I Ignorante Manager

ESG report
Was ist 210 x 297?
Liebe Leserinnen und Leser,
bevor Sie an diesem trüben Donnerstagmorgen (schlimmstenfalls noch vor dem zweiten Kaffee!) mit dem Kopfrechnen beginnen, kommt schon die Auflösung: Genau, es handelt sich um die Millimeter-Maße eines DIN-A-4-Papiers. Und was hat ein solches Blatt, was dem ESG-Bereich fehlt? Richtig, ein standardisiertes Format. Das macht im Fall von Papier zum Beispiel das Drucken und Buchbinden erheblich einfacher und erspart dem Einzelnen mühsames Nachmessen, ob der Briefbogen am Ende auch wirklich in den Umschlag passt.
DIN-Normen sind eine deutsche Spezialität. Und gleich zwei davon werden nun für den ESG-Bereich entwickelt. Eine soll pünktlich zum Stichtag am 2. August als Leitfaden für die Präferenzabfrage zur Verfügung stehen. Mit dem Obmann des zuständigen DIN-Ausschusses, Dr. Klaus Möller, haben wir darüber gesprochen, wie es so läuft – und wo es aktuell holpert.
Wie immer freuen uns über Ihr Feedback an redaktion@esg-report.de – und natürlich über Ihre Weiterempfehlung.
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Ihre ESG-Redaktion

Thema der Woche
Thema der Woche
Was bringt die DIN-Norm für die Präferenzabfrage?
Liebe Finanzberaterinnen, Sie können es wahrscheinlich schon nicht mehr hören, aber hier noch einmal der Reminder: Ab dem 2. August müssen Sie Ihre Kunden aktiv auf das Thema Nachhaltigkeit ansprechen. Aber wie soll so eine Präferenzabfrage dann konkret ablaufen? „Frau Meier, liegt Ihnen etwas an ESG?“ – „Was ist das denn genau?“ – „ähm, naja… vergessen Sie’s!“ So schon mal nicht. Angesichts verbreiteter Unsicherheit, wie die Gespräche zu führen sind, wurde beim Deutschen Institut für Normung (DIN) im vergangenen Jahr ein Projekt auf den Weg gebracht.
Der Arbeitsausschuss „Finanzdienstleistungen für den Privathaushalt“ des DIN erarbeitet seit dem 15. Januar dieses Jahres das Modul „Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen“, mit dem die bestehende DIN-Norm 77230 ergänzt wird – die beschäftigt sich mit der Finanzanalyse von Privathaushalten. Das Gremium, das über die Ausgestaltung des Bogens entscheidet, setzt sich zusammen aus Banken, Fondshäusern, Versicherungen, Maklern, Verbänden, Nachhaltigkeitsexperten, Verbraucherschützern und Wissenschaftlern. Details und Genaues dazu, wer mit am Tisch sitzt, finden Sie hier.
Am morgigen Freitag wird die Runde zum zweiten Mal diskutieren, wie der Leitfaden für die standardisierte Nachhaltigkeitsabfrage aussehen soll. Da sich unter anderem Vertreter von Fondshäusern mit Verbraucherschützern einig werden müssen, wird die Debatte sicherlich kontrovers. Nach mehreren dieser Gesprächsrunden soll Mitte April ein Entwurf stehen. Geplant ist, dass die Norm pünktlich vor dem Stichtag im August zur Verfügung steht.
Etwas verzögert dazu bringt das Gremium eine zweite Normbildung in Gang, bei der es um die Etikettierung nachhaltiger Finanz- und Versicherungsprodukte geht. Aber – Moment mal, wären transparente ESG-Etiketten nicht eigentlich eine Voraussetzung, um Präferenzen solide und produktorientiert abfragen zu können? Auch das haben wir Dr. Klaus Möller, Obmann des zuständigen DIN-Ausschusses, gefragt.
Dr. Klaus Möller (c) privat
Dr. Klaus Möller (c) privat
Herr Möller, die Norm-Erweiterung zur Nachhaltigkeitspräferenz soll laut Pressemitteilung „Verbrauchern Schutz vor manipulativer Abfrage gewähren“. Was ist damit gemeint?
Dr. Klaus Möller: Naja, stellen Sie sich vor, ich möchte Ihnen ein ESG-Produkt verkaufen. Das Gespräch leite ich ein mit den Worten: „Wie ich Sie kenne, legen Sie großen Wert auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit – richtig?“ Eine solche Suggestivfrage ist manipulativ, weil die wenigsten ihr widersprechen werden. Wie die Präferenzabfrage korrekt ablaufen soll, wird dem Leitfaden aus dem DIN-Modul zu entnehmen sein.
Das Modul für Nachhaltigkeitspräferenzen ist angedockt an die bestehende Norm für die Finanzanalyse für Privathaushalte und nicht an die gesonderte Norm, die es für Privatanleger gibt. Warum?
Weil das Thema weit über die Geldanlage hinausgeht. In der Finanzanalyse geht es darum, Risiken und Notwendigkeiten aus dem Privatleben der Menschen zu identifizieren, um ihren Bedarf nach Finanz- und Versicherungsprodukten zu ermitteln. Welche Nachhaltigkeitspräferenzen jemand hat, welches Mindset zum Thema ESG – das gehört auch in die ganzheitliche Analyse. Es wird wahrscheinlich nicht lange dauern, bis Kunden genau diese Erwartung an ihren Vermittler stellen: „Das sind meine ESG-Präferenzen, bitte wählen Sie auch für meine neue Haftpflichtversicherung einen Anbieter aus, der meine Wünsche bestmöglich bedient.“ Zum Beispiel ein Bankberater wird das Modul aber auch aus der Gesamtanalyse herauslösen und isoliert verwenden können.
Sie haben die Normung der Präferenzabfrage der DIN-Norm für die Etikettierung von nachhaltigen Produkten zeitlich vorgezogen. Wäre es nicht logischer gewesen, zuerst die Etiketten zu klären? Denn wenn ein Kunde seinem Vermittler nun in der Abfrage sagt: „Mein Verständnis von ESG schließt Atomkraft aus“ – dann weiß der Vermittler ja immer noch nicht, zu welchen Produkten er ihm nun raten kann.
Sie haben grundsätzlich Recht: Es wäre vorteilhaft, wenn wir bereits eine klare Produktetikettierung hätten. Hier gibt es allerdings einige Herausforderungen dadurch, dass längst nicht alle Regularien geklärt sind. Wir müssen natürlich trotzdem vermeiden, dass Kunden Präferenzen formulieren, für die es am Ende gar kein Produkt gibt. Das muss bei der Erarbeitung der Abfragelogik berücksichtigt werden. Mit der DWS und Amundi sind auch namhafte Produzenten in unserem Gremium vertreten, die darauf ein Auge haben. Laut Offenlegungsverordnung müssen die Berater ab dem 2. August Nachhaltigkeits-Präferenzen bei ihren Kunden abfragen. Deshalb eilt dieses Thema und musste in der Normungsarbeit den Vorrang bekommen.
Also ist zuerst der Abfrage-Standard dran. Gab es dafür eine große Nachfrage von Vermittlerseite?
Absolut. Die Unsicherheit ist groß, die Vermittlerverbände sind daher ebenfalls an der Normbildung beteiligt. Eine klare Lösung, wie Präferenzen abgefragt werden, wünschen sich alle. Auch um Haftungsfallen auszuschließen. Eine Norm ist zwar nicht verpflichtend – aber sie schafft denen, die sich an sie halten, Sicherheit. Wird ein Vermittler wegen Fehlberatung verklagt, werden Gerichte auch prüfen, ob er sich an der Norm orientiert hat. Wenn ja, hilft das auf jeden Fall. Die Norm sollte zudem auch möglichst einfach zu handhaben sein. Denn bei aller Wichtigkeit von ESG: Berater haben auch noch andere Themen.
Zahl der Woche
Zahl der Woche
40 Prozent
Die Big Player des Asset Managements halten anscheinend nicht so viel von ESG. Nicht nur, dass BlackRock, Vanguard, Fidelity Investments, State Street Global Advisors, Capital Group und J.P. Morgan AM weniger als 40 Prozent der ESG-Resolutionen von Aktionären unterstützen. Sie blockieren diese sogar, indem die Milliardenverwalter aktiv gegen deren Implementierung stimmen. Das zeigt eine neue Studie der NGO ShareAction.
ShareAction nennt als ein Beispiel den US-Rüstungskonzern Lockheed Martin, der Waffen unter anderem an Saudi Arabien liefert – ein autoritärer Staat, der grundlegende Menschenrechte nicht beachtet. Der NGO zufolge stimmten BlackRock, Vanguard und J.P. Morgen gegen eine Resolution, die einen Bericht über die Sorgfaltspflicht vonseiten des Unternehmens forderte.
Auf einen Blick
Auf einen Blick
Was uns diese Woche noch auffiel
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Fünf "sehr gute" ESG-Fondspolicen
Ein letzter Schluck
Ein letzter Schluck
Den Schuss nicht gehört
Laut einer aktuellen Umfrage der Personalberatung Russell Reynolds bewerten viele deutsche Manager Klima- und Umweltschutz als wichtigen Imagefaktor. Konkrete Konsequenzen für ihr Geschäftsmodell wollen aber die wenigsten ziehen. 46 Prozent der Befragten gaben an, Nachhaltigkeitsmaßnahmen vornehmlich aus Marketingerwägungen heraus getroffen zu haben. Wohlmeinend könnte man nun sagen: Wenigstens sind sie ehrlich. Aber das reicht leider nicht. Und wer verstanden hat, dass es schon lange nicht mehr um die – zwinker, zwinker – frischgrüne Außenwirkung geht, der ist ganz klar im Vorteil.
Bei den Unternehmen ist der Groschen gefallen. Als Vorreiter stehen die Branchen mit jungen Zielgruppen da. Siehe Adidas: CEO Kasper Rorsted hat dem Unternehmen in einer neue Mittelfriststrategie verordnet, bis zum Jahr 2025 neun von zehn Artikeln aus nachhaltigen Materialien herzustellen. Aktuell sind es 60 Prozent. Das ist ein konkretes Ziel, an dem sich das Unternehmen wird messen lassen müssen. Konkurrent Puma zieht mit, beide Hersteller sind inzwischen eifrig dabei, neue Materialien zu entwickeln – zum Beispiel (kein Witz) Turnschuhe aus “Pilzleder”. Das Handelsblatt zitiert dazu in einem Beitrag den Adidas-Nachhaltigkeitsstrategen Marwin Hoffmann:
„Unser Hauptkunde gehört zur Generation Z.“ Der Klimawandel sei für diese 11- bis 26-Jährigen ein zentrales Thema. Für mehr als 90 Prozent sei Nachhaltigkeit ein entscheidendes Kaufkriterium, jeden Zehnten könne man als Aktivisten bezeichnen. „Die sind extrem gut informiert, denen kann man nichts vormachen.“ Eines der meistgesuchten Wörter auf den Adidas-Onlineseiten ist „vegan”.
Der Druck der Verbraucherinnen und Verbraucher wächst, die Sensibilität fürs bloße Greenwashing ebenfalls. So beginnt er: Der neue grüne Wettbewerb.
Diese Ausgabe kommt von: Anne Hünninghaus + Udo Trichtl
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